1710: Einführung des preußischen Exerzierschrittes Leopold I. von Anhalt-Dessau (der Alte Dessauer)

(1676-1747)

Als Sohn des Fürsten Johann Georg II. von Anhalt-Dessau und der oranischen Prinzessin Henriette Catharina am 3. Juli 1676 geboren, übernahm Leopold am 13. Mai 1698 die Regierung des Kleinstaates, den er in seiner fast fünfzig Jahre währenden Amtszeit wesentlich prägen und gestalten sollte.

Zur großen Volkstümlichkeit des Regenten trug die unstandesgemäße Heirat mit seiner bürgerlichen Jugendliebe, der Apothekertochter Anna Luise Föhse, nicht unwesentlich bei. Gegen den Widerstand seiner Mutter, die ihn mit einer mehrjährigen Kavalierstour durch Italien ablenken wollte, heiratete er sie im September 1698. Da es ihm gelungen war, die Zustimmung der fürstlichen Verwandten für diese Verbindung zu erlangen, konnte er sich seine Regierungsfähigkeit erhalten. Drei Jahre nach der Hochzeit erhob der Kaiser die junge Anna Luise in den Stand einer Reichsfürstin, wozu Geldgeschenke ihres Gatten nicht unerheblich beigetragen haben sollen.

In den ersten Regierungsjahren verfolgte Leopold die Politik seiner Eltern weiter. Sie richtete sich auf die Erschließung neuer Finanzquellen durch eine Steuerreform und förderte die Ansiedlung von Manufakturen. Verdienste um Dessau erwarb er sich mit landesherrlichen Fürsorgemaßnahmen in der Landwirtschaft sowie durch rege Bautätigkeit. Unter dem "Alten Dessauer" wurde die Residenzstadt ab 1711 nach absolutistischer Stadtplanung mit sternförmigen Straßenkreuzungen und schnurgeraden Straßen ausgebaut. Man errichtete feste Brücken über Elbe und Saale und befestigte die Elbdeiche.

Allerdings galt Leopolds eigentliche Begeisterung dem Militär. Seiner Neigung ging er bald außerhalb des kleinen Fürstentums nach und trat 1693 in den Dienst des brandenburgischen Kurfürsten. Unter der ständigen Abwesenheit des Fürsten sollte die Landespolitik leiden. Sein erstes Kommando hatte er bereits als Jugendlicher erhalten und bei seinem letzten und bedeutenden Sieg, der Schlacht von Kesselsdorf im Dezember 1745, die den Österreichischen Erbfolgekrieg beendete, war er 69 Jahre alt. Die fremden Kriegsdienste entsprachen nicht nur Leopolds militärischen Ambitionen, denen sein eigenes kleines Fürstentum nicht genügend Raum bot, sondern hatten auch den angenehmen ökonomischen Nebeneffekt, Geld in die Landeskassen zu bringen. Zudem konnte Leopold auf diese Weise seine Interessen zugleich am Berliner wie am Wiener Hof vertreten.

Drei preußischen Königen diente er in der Phase des Aufstiegs Brandenburg-Preußens zur militärischen Großmacht: Er bewährte sich zunächst im Spanischen Erbfolgekrieg unter dem "großen Kurfürsten" Friedrich III. von Brandenburg.

Auf Betreiben des Kronprinzen ernannte Friedrich I. Leopold Ende 1712 zum Generalfeldmarschall und Geheimen Kriegsrat. Jenem, dem späteren König Friedrich Wilhelm I., war Leopold zugleich politischer Ratgeber und persönlicher Vertrauter. Die Freundschaft zwischen dem "Soldatenkönig" und seinem Kriegsfürsten dokumentiert ein lebenslanger Briefwechsel. 1709 hatten sie sich bei der Schlacht von Malplaquet in Flandern kennen gelernt. Im sog. "Tabakskollegium" des Königs pflegten sie gesellige Kontakte - selbst wenn der Nichtraucher Leopold in diesem Kreis nur zum Schein an der Pfeife zog. Mit dem Sohn des Soldatenkönigs Friedrich II. deutete sich jedoch ein Generationskonflikt an. Leopold, der sich bald in wichtigen Feldzügen ohne Kommando sah, erwog den Wechsel in kursächsische oder habsburgische Dienste.

Bis heute steht Fürst Leopold I. für zahlreiche militärische Neuerungen zur Verbesserung der Infanterie, Disziplin und Geschwindigkeit. Unter ihm bildete sich der typisch preußische Exerzierschritt aus. Außerdem führte er den eisernen Ladestock an Stelle des häufig zerbrechenden hölzernen ein.

Allerdings waren diese Anregungen bereits unter Zeitgenossen umstritten, wie auch seine bis an die Grenzen militärischer Verantwortung reichende Rücksichtslosigkeit in der Kriegstaktik, die außerordentlich hohe Verluste nach sich zog und den Verdacht weckte, dass Leopold "im Kriege stets nur den Sieg an sich, aber nie den Preis, um welchen er erkauft werden musste, in Betrachtung zog". Auch die rüde Praxis der Massenrekrutierungen in dem Zwergstaat des "militärischen Genies" und den Drill selbst kritisierten schon die Zeitgenossen scharf.

In seiner späteren Regierungszeit bemühte Leopold sich um die Stärkung seiner Hausmacht, indem er ab 1730 systematisch die letzten Rittergüter in Anhalt-Dessau aufkaufte. Sein Grunderwerb ging jedoch auf Kosten der Stadt Dessau und einzelner Bürger, die oft weit unter dem privaten Bodenpreis zum Verkauf bewogen wurden. Auch um die Zahlungsmoral des Landesfürsten war es übel bestellt. Unter den Schulden, die er bei seinem Tod hinterließ, waren zahlreiche Forderungen einfacher Leute. Hatte er doch die Freigüter seiner 10 Kinder aus Bürger- und Bauernland zusammengefügt. Diese Ausweitung des Domänenbesitzes bildete eine starke finanzielle Grundlage für die kulturellen Leistungen der Nachfolger Leopolds, besonders seines Enkels Friedrich Franz, hatte jedoch die Verelendung großer Teile der bäuerlichen Bevölkerung zum Preis.

Am 9. April 1747 ist der „Alte Dessauer“ in seiner Geburts- und Residenzstadt gestorben.

Zuletzt aktualisiert: 08. September 2010, 09:47 Uhr