1895 Intendant des Hoftheaters Meiningen Paul Lindau

(1839-1919)

Am 3. Juni 1839 in Magdeburg geboren, wuchs Paul Lindau in einer typisch bürgerlichen Familie auf. Sein Vater Carl Ferdinand Leopold Lindau, Sohn eines zum Protestantismus konvertierten jüdischen Arztes, war Jurist. Er hatte mit seiner Frau, der Pfarrerstochter Henriette Bernadine Müller, sieben Kinder.

Der älteste Sohn, Pauls Bruder Rudolf, war ein einflussreicher Politiker, der sich schriftstellerisch betätigte. Der Jüngere profitierte sein Leben lang von den Kontakten und Beziehungen des Bruders, durch den er die Bekanntschaft namhafter Persönlichkeiten des künstlerischen als auch des politischen Lebens machte.

Nachdem die Familie Lindau 1847 nach Berlin umgezogen war, besuchte Paul zunächst das dortige Dorotheenstädtische Realgymnasium. Danach studierte er zwischen 1857 und 1859 Philosophie und Literaturgeschichte in Halle, Leipzig und Berlin.

Ein Aufenthalt in Paris in den Jahren 1859 bis 1862 prägte sein weiteres Leben und Werk stark. In der französischen Metropole, die sich in den 1860er Jahren auf einem kulturellen Höhepunkt befand, führte er seine Studien fort und arbeitete an einer Promotion über Molière. Lindau pflegte hier Kontakte zu zahlreichen Schriftstellern wie Alexandre Dumas (dem Jüngeren), Augier und Sardou. Auch schrieb er journalistische Beiträge für verschiedene Zeitungen. Aus Paris zurückgekehrt, arbeitete Lindau bis 1869 für verschiedene lokale Zeitungen in Düsseldorf, Berlin und Elberfeld.

Bereits in dieser Zeit genoss der 30jährige große Popularität. 1869 erhielt Lindau das Angebot, in Leipzig das "Neue Blatt" herauszugeben. Daraufhin verbrachte er drei Jahre in Sachsen, fühlte sich dort aber nie richtig wohl, weil er Leipzig zu provinziell empfand. Er verließ die Stadt, um nach Berlin zu gehen, wo nach der Reichsgründung das gestärkte Nationalgefühl und der Fortschrittsoptimismus verbunden waren mit einem neuen Lebensstil, der sich ganz nach Gesellschaftlichkeit, Luxus und äußerem Glanz richtete. Hier fühlte sich Lindau - aufgeschlossen für Neues, geistreich und gesellschaftlich gewandt – wohler.

Am 19. Januar 1872 erschien in der Hauptstadt die erste Ausgabe der Zeitschrift "Die Gegenwart", die Lindau fortan zehn Jahre lang herausgeben sollte. In literarischen Kreisen verhalf sie ihm zu weiterem Renommé. Ihre größte Popularität erlangte die Zeitschrift unter der liberalen bürgerlichen Leserschaft. Seit 1878 gab Lindau weiterhin die Zeitschrift "Nord und Süd" heraus, die zwar ebenfalls erfolgreich war, aber dennoch im Schatten der "Gegenwart" stand.

Einen großen Teil seiner Beliebtheit und seines Erfolges verdankte Lindau seiner Arbeit als Dramenautor. Große Publikumserfolge feierte er vor allem mit seinem zweiten Stück „Maria und Magdalena“. In den 70er und 80er Jahren avancierte Lindau zu einem der meistgespielten modernen Dramatiker des neu gegründeten Reiches. Seine Texte enthielten eine sanfte Gesellschaftskritik mit aktuellem Bezug und er vermochte es, das Publikum über seine eigenen Schwächen zum Lachen zu bringen. Bis 1910 war er als Dramenautor tätig, allerdings ebbte der Erfolg schnell ab, und seine Glanzzeit war nach dem Ende der 80er Jahre vorbei. Verstärkt widmete er sich nun der Theaterkritik und wurde binnen kurzer Zeit zum "Kritikpapst" Berlins.

Diese Popularität in der Öffentlichkeit forderte massive Kritik heraus. Zeitgenossen kritisierten vor allem die Respektlosigkeit, Oberflächlichkeit und mangelnde Objektivität seiner Rezensionen. Doch Lindau traf anscheinend mit seinen Beobachtungen die Vorstellungen seines Publikums. Gerade die sehr persönliche Art seiner Betrachtungen erleichterte dem Leser oder Zuschauer die Identifikation und trug zum Erfolg Lindaus bei. Paul Lindau wurde zur "Mode": umschwärmt, doch ebenso schnell wieder vergessen. So ist sein Erfolg nur vor dem kulturhistorischen Hintergrund der Gründerzeit zu erklären.

1890 trug der Skandal um die Schauspielerin Elsa Schabelsky erheblich zur Beendigung seiner Glanzzeit in Berlin bei. Lindau unterhielt ein Verhältnis zu der jungen Bühnendarstellerin, die 1890 die Verbindung löste. Lindau versuchte daraufhin, Elsa Schabelsky aus Berlin zu verdrängen. Der Sozialist Franz Mehring veröffentlichte Privatbriefe Lindaus und deckte damit auf, wie Lindau seine gesellschaftliche Macht gegen die wehrlose Schauspielerin wendete. Paul Lindau versuchte, dem Skandal entgegenzuwirken und verließ schließlich Berlin für mehrere Jahre. Der immense Verlust an gesellschaftlicher Stellung veranlasste Theodor Fontane zu der Bemerkung: "Es ist schade, daß er (Lindau) so ganz abgewirtschaftet hat."

Der Schriftsteller machte eine ausgedehnte Reise in die USA und hielt sich von 1891 bis 1894 in Dresden auf. Ab 1895 war er als Intendant am Herzoglichen Hoftheater in Meiningen tätig. Vier Jahre darauf ging er nach Berlin zurück und leitete bis 1904 das dortige "Berliner Theater", bevor er für eine Spielzeit die Leitung des "Deutschen Theaters" übernahm. Zwischen 1909 und 1917 war Lindau schließlich Dramaturg des Königlichen Schauspielhauses.

Neben der Theatertätigkeit verfasste er weiterhin Romane, Kriminalstudien, Reisebeschreibungen und Schauspiele. 1913 experimentierte er mit dem brandneuen Genre des Films. Er sah diese technische Innovation im Gegensatz zu seinen Zeitgenossen als Gewinn für die künstlerische Umsetzung.

In den letzten Lebensjahren war Lindau in seinen Berliner Kreisen mehr oder weniger vergessen. Seine Gesundheit und auch finanzielle Nöte machten ihm zu schaffen. Im Alter von 70 Jahren wurde Paul Lindau von Viktor Klemperer als "mager, zierlich, quecksilbern" beschrieben, "das gelichtete graue Haar kunstvoll gelockt, einen großen Kneifer vor den Augen, in sehr hellem Anzug, sehr hellen Seidenstrümpfchen, sehr hellen weichledernen Hausschuhen, glich das Männchen halb einem Tanzlehrer, halb einem auf Damenpublikum abgestellten französischen Professor".

Paul Lindau starb am 31. Januar 1919 in Berlin-Grunewald und wurde in Eisenach beigesetzt.

Mit seiner "durch und durch journalistischen und ein klein wenig anrüchigen Persönlichkeit" (Klemperer) war Lindau ein Repräsentant des Zeitgeistes der 1870er und 80er Jahre, mit deren Ende er und sein Werk in Vergessenheit gerieten.

Zuletzt aktualisiert: 05. Dezember 2005, 15:27 Uhr