15. Oktober 1850: Gründung der Neinstedter Anstalten für psychisch und physisch behinderte Menschen Philipp Engelhard Nathusius

(1815-1872)

Philipp Engelhardt von Nathusius kam am 5. November 1815 als Sohn eines erfolgreichen Kaufmanns in Neuhaldensleben bei Magdeburg zur Welt. Nachdem er im Alter von 16 Jahren seine schulische Ausbildung beendet hatte, trat er in das väterliche Geschäft ein. Als der Vater 1835 starb, übernahm der 20jährige das Unternehmen und führte es erfolgreich weiter.

Im Winter 1837/38 zog es den jungen Nathusius zu Studien nach Berlin, nach deren Beendigung er eine zwei Jahre dauernde Reise durch Deutschland, Italien, Frankreich, Griechenland und die Türkei antrat.

Von der Reise zurückgekehrt, verlobte sich Philipp von Nathusius 1840 mit Marie Scheele, die einer Pfarrersfamilie aus Magdeburg entstammte. Zusammen zogen sie nach Althaldensleben, einer kleinen Stadt, die alle von der beginnenden Industrialisierung verursachten sozialen Probleme aufwies.

Die Kinder der Arbeiterfamilien wuchsen häufig allein auf, da die Erwachsenen nicht mehr in der häuslichen Umgebung, sondern in entfernten Fabriken arbeiteten. Dadurch fehlte den Kindern häufig Geborgenheit, Zuwendung und Erziehung, so dass sie zum Teil verrohten und von ihren überforderten Eltern hinausgeworfen wurden.

Auf die soziale Frage antwortete die katholische Kirche des 19. Jahrhunderts mit der Katholischen Soziallehre. Diese und die tiefe Gläubigkeit von Marie und Philipp Nathusius bildeten den Hintergrund des karitativen Schaffens der beiden. Durch das soziale Elend berührt, gründete das Ehepaar Nathusius zunächst eine Kinderbewahranstalt, später einen Verein für die Ortsarmenpflege, Rettungshäuser für Knaben und Mädchen und eine Mädchenarbeitsschule.

Aus dem Geschäftsleben zog sich Philipp von Nathusius 1849 vollständig zurück und übernahm die Redaktion des konservativen und streng kirchlichen "Volksblattes für Stadt und Land". Marie Nathusius, die gelegentlich Beiträge für diese Zeitung schrieb, entdeckte über diese Tätigkeit ihr schriftstellerisches Talent: In den folgenden Jahren schrieb sie zahlreiche belletristische Geschichten über die Lebensphase der Kindheit, verfasste poetische Schriften über die Jugend, schrieb eine Autobiographie ihrer eigenen Jugend und brachte zwei Frauenromane heraus.

1849/50 reisten Philipp und Marie von Nathusius für ein Jahr nach Frankreich und England, um sich über die dortige Kinder- und Jugendfürsorge zu informieren. Von der Reise zurückgekehrt, zogen sie auf das Gut Neinstedt nach Thale am Harz, wo sie in den folgenden Jahren eine weitere Erziehungs- und Ausbildungsstätte für vernachlässigte Kinder und Jugendliche aufbauten, die heutigen Neinstedter Anstalten für psychisch und physisch behinderte Menschen. Mit dieser Einrichtung erreichte ihr pädagogisches und soziales Lebenswerk seinen Höhepunkt.

Marie Nathusius verstarb 1857 auf dem Gipfel ihres sozialen Schaffens und ihres künstlerischen Engagements. Philipp Nathusius setzte ihr gemeinsames Lebenswerk auch nach dem Tod seiner Frau fort. Er weitete die Fürsorge auch auf geistig behinderte Menschen aus. Zu diesem Zweck initiierte Nathusius zusammen mit seiner Schwester die Errichtung eines kleinen Heimes für zunächst 15 geistig behinderte Kinder, das Elisabethstift in Neinstedt.

Für sein Engagement erhob man Philipp Nathusius 1861 in den Adelsstand. Er starb am 16. August 1872 in Luzern in der Schweiz.

"Heldenfiguren" die sich ihr soziales Engagement zum Schmuck oder zur Selbstbestätigung leisteten, waren Philipp und Marie von Nathusius nicht gewesen; vielmehr mögen idealistische, bisweilen vielleicht romantische Gefühle hinter ihrem Schaffen gestanden haben. Not und Elend mindern, helfen und retten, dies waren Motive für ihr engagiertes Tun, das bis heute nachwirkt: Die so genannten Neinstedter Anstalten sind mit zur Zeit über 600 betreuten Menschen eine der größten und ältesten diakonischen Einrichtungen in Sachsen-Anhalt.

Zuletzt aktualisiert: 05. Dezember 2005, 15:51 Uhr