1883: "Also sprach Zarathustra" Friedrich Nietzsche

(1844-1900)

Friedrich Nietzsche kam am 15. Oktober 1844 in Röcken bei Lützen zur Welt. Sein Vater war der protestantischer Pfarrer des Heimatdorfes, das 1844 zum preußischen Teil Sachsens gehörte. Das Umfeld, in dem der junge Friedrich die ersten Jahre seines Lebens verbrachte, war geprägt von lutherischer Gottesfurcht und Rechtschaffenheit.

Sicher nicht mit großen Reichtümern ausgestattet, verfügte die Familie dennoch über solide materielle Grundlagen, so dass es dem jungen Friedrich an nichts fehlt. Vierjährig verlor Friedrich Nietzsche seinen Vater, der 1849 einer Gehirnerweichung erlag. Die Familie, bestehend aus der Mutter, der Großmutter und der Schwester Elisabeth, die 1846 geboren war, siedelte nach Naumburg an der Saale über. Hier wuchs der vaterlose Friedrich in einem reinen Frauen-Haushalt auf, zumal sich die Tanten Rosalie und Auguste in der Naumburger Stadtwohnung am Weingarten dazugesellen.

Während seiner Gymnasialzeit in Schulpforta zeigten sich, Anpassungsschwierigkeiten des jungen Friedrich, der nur selten den Kontakt zu seinen Mitschülern suchte. Ob dieser Wesenszug unwillkürlich zu Tage trat oder der Versuch war, den geheimnisvollen Nimbus des introvertierten Sonderlings zu verstärken, ist schwer zu belegen. Sein Interesse gehörte dem literarisch-künstlerischen Verein, der "Germania", den er zusammen mit seinen Freunden Krug und Pinder ins Leben gerufen hatte und deren einzige Mitglieder eben diese drei waren.

Seit 1864 studierte der Heranwachsende klassische Philologie und Theologie in Bonn. Mit der Berufung seines Lehrers und Förderers Friedrich Wilhelm Ritschl an die Universität nach Leipzig, wandte auch Nietzsche der Bonner Universität den Rücken und kam nach Sachsen. Bald publizierte er erste wissenschaftliche Beiträge und erlangte schnell den Ruf, ein begabter Nachwuchs-Wissenschaftler zu sein. Noch vor Abschluss seines Studiums trug die Universität Basel ihm eine außerordentliche Professur an.

Wagner, den Nietzsche 1868 im Hause des Leipziger Orientalisten Hermann Brockhaus kennen gelernt hatte, lebte zu dieser Zeit in einem großzügigen Haus in Tribschen in der Nähe von Luzern. Zu dem Komponisten und seiner zukünftigen Frau entwickelte sich eine enge Beziehung in deren Verlauf Nietzsche dauerhaft zwei Zimmer im Wagnerschen Hause zur Verfügung gestellt bekam. Erst viel später sollte er sich von dem einst hochgeschätzten Meister abwenden.

Die Kernpunkte seiner Philosophie umriss Nietzsche bereits in den frühen Basler Jahren. In „Die Geburt der Tragödie“ unternahm er den Versuch, ausgehend von der griechischen Tragödie zu einer sich am Hellenentum angelehnten Daseinsauffassung zu gelangen. Schlüsselkonstrukt war dabei die Beziehung der Musik als Ursprung des tragischen Mythos zum tragischen Spiel. In der Auffassung Nietzsches, zumindest des frühen, war die Musik berufen und einzig imstande dazu, den Mythos mit neuem Leben zu erwecken. Mit dieser Auffassung traf Nietzsche nicht nur auf Begeisterung, vor allem natürlich aus Tribschen, sondern auch auf tiefe Ablehnung.

Nach einem öffentlichen Gelehrtenstreit büßte er seine akademische Reputation ein, trat aber nicht von seinem Lehramt zurück. Im Gegenteil. Er beschäftigte sich weiter mit den großen Philosophen und Wissenschaftlern der Griechen, mit Thales, Empedokles, mit Heraklit und Demokrit. Für ihn stellte sich die Historie, insbesondere in der Alten Welt, als Geschichte von Eliten dar, die ihrer Zeit nicht nur ungleich mehr den Stempel aufprägten, sondern in ihren visionären Gedanken weit mehr über das Potential einer Epoche offenbarten, als Tausende von Zeitzeugen.

Später änderte sich zwar sein Elite-Denken nicht, aber er zweifelt zunehmend an der Bedeutung von Wissenschaft, an der von Erkenntnis überhaupt. Aus dem Parade-Philologen war ein schwermütiger Kritiker seiner Zeit geworden. Die logische Konsequenz war der Nihilismus, der das Versagen der bisherigen Kultur und Gesellschaftlichkeit beschreibt und so den Schein der Zivilisation entlarvt.

Wie in seiner Jungend trafen auch in dieser Situation Veranlagung und äußere Faktoren zusammen. Die innere Verdunklung war sicher nicht zufällig an die äußere Isolation als Professor und Freund gebunden. Ein wichtiger Faktor dürften ebenfalls die seit der Kindheit vorhandenen gesundheitlichen Gebrechen sein. Nietzsche, der das Starke und Schöne zeitlebens ersehnte, war selbst ein von der Natur unselig heimgesuchter Mann. Schon als Gymnasiast fiel er wegen ständiger Kopf- und Augenschmerzen auf. Seinen Militärdienst musste er wegen einer Sturzverletzung und Infektionserkrankungen abbrechen. Das Befinden Nietzsches erreichte um 1880 seinen Tiefpunkt. Der 36jährige sah sich nach chronischen Kopfschmerz- und Schwindelanfällen dazu genötigt, sein Amt in Basel aufzugeben und sich vornehmlich im Süden Europas aufzuhalten. Diese Zeit der äußeren Bewegung war eine literarisch ungewöhnlich produktive Zeit. In den achtziger Jahren entstand das Spätwerk, vom Zarathustra bis zur Wagnerkritik.

Es ist vielfach der Versuch unternommen worden, Nietzsches Krankheitsbild und die einsetzende geistige Umnachtung pathologisch genauer zu bestimmen. Als wahrscheinlich gilt jene Theorie, nach der Nietzsches Zusammenbruch Symptom einer Paralyse war. In diesem Fall wäre die Infizierung mit Syphilis möglicherweise in die Studentenzeit zu datieren. Die bereits vorher vorhandenen Krankheitsbilder würde diese Theorie allerdings nicht erklären.

Nietzsche, der 1897 nach dem Tod der Mutter nach Weimar übergesiedelt war, starb dort am 25. August 1900. Seine Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche, erhielt die Vormundschaft über seinen Nachlass. Inzwischen gilt als gesichert, dass sie, die nicht zuletzt über ihren Mann frühzeitig Kontakt zu antisemitischen Kreisen unterhalten hatte und ständig bemüht war, ihren Bruder diesbezüglich zu indoktrinieren, für die tendenzielle Ausschlachtung des Nietzsche-Werkes verantwortlich ist.

Nietzsche war elitär im Sinne der Kunst, er wollte der Seher einer künftigen kleinen Elite sein. Schon das allein widerspricht seiner völkischen Auslegung grundlegend.

Zuletzt aktualisiert: 05. Dezember 2005, 15:53 Uhr