1854 Die dritte Auflage des Pierschen Universallexikons erscheint Eugen Pierer

(1823-1890)

Eugen Pierer, geboren am 23. Dezember 1823 in Altenburg, hatte von seinem Vater Heinrich August Pierer 1850 nach einer Lehre beim Leipziger Verlag Teubner die Pierersche Hofbuchdruckerei in Altenburg geerbt. Schon einige Jahre vorher war er Geschäftsführer geworden.
Begründet wurde "Pierer’s Universallexikon", die bis heute bekannteste Hinterlassenschaft der Familie, von Johann Friedrich Pierer und dessen Sohn Heinrich August in den 1820er Jahren. Letzterer hatte sich 1813 als erster Altenburger der neuen nationalen "Befreiungsbewegung" im Lützowschen Freikorps angeschlossen, um gegen die napoleonischen Truppen zu kämpfen. Über dieses Engagement war Heinrich August Pierer dem Leipziger Buchhändler und Verleger Friedrich Arnold Brockhaus näher gekommen, der ebenfalls die Sache der neuen Nationalbewegung unterstützte und bereits mit Heinrich Augusts Vater befreundet war. Über Brockhaus, dessen Enzyklopädie Pierer bald druckte, kam er auf die Idee, selber ein umfangreiches Nachschlagewerk herauszugeben. Allerdings sahen Pierer und Brockhaus ihre Lexika als so verschieden an, dass sie keine allzu große Konkurrenz befürchteten.

"Pierer’s Universal-Lexikon der Vergangenheit und Gegenwart oder neuestes enzyklopädisches Wörterbuch der Wissenschaften, Künste und Gewerbe" ist zwar heute nicht mehr so bekannt wie die Lexika von Brockhaus und Meyer, galt aber im 19. Jahrhundert als durchaus ebenbürtig. Gegenüber dem eher essayistischen "Brockhaus" legte "Pierer’s Universallexikon" mehr Wert auf Knappheit und Sachlichkeit und versuchte, so umfassend wie möglich das gesamte damalige Wissen zu erfassen. Statt der ursprünglich geplanten vier bestand die erste Auflage 1824 aus nicht weniger als 26 Bänden. Mitgearbeitet haben an diesem monumentalen Werk allein 28 Altenburger, wohl fast alle "Studierten" und Beamten der damals ca. 11.000 Einwohner zählenden Residenzstadt.

Unter Eugen Pierers Regie erschien zwischen 1847 und 1865 die vierte Auflage des Lexikons, die Gert Zischka in seinem "Gelehrtenlexikon" als wissenschaftlich wertvollste und zuverlässigste deutsche Enzyklopädie des 19. Jahrhunderts bezeichnete. Nicht zuletzt diese meistbeachtete Auflage des Lexikons brachte Eugen Pierer den Titel eines "herzoglich-sächsischen Commissionsraths" ein.

Altenburg, das heute als "Skat-Stadt" und durch seine Spielkarten-Fabrik berühmt ist, erhielt im vorigen Jahrhundert Bekanntheit durch Enzyklopädien. Als Standort für Verlage und Druckereien war Altenburg nämlich wegen der gegenüber dem Königreich Sachsen sehr viel milderen Zensur interessant. So konnte Friedrich August Brockhaus seine national-liberalen Schriften bei Pierer weitgehend unzensiert drucken lassen. Auch sprachen die gegenüber Berlin und Leipzig deutlich niedrigeren Löhne für Altenburg, dennoch profitierte es von der Nähe zur Bücherstadt Leipzig und war durch die 1842 eingeweihte Eisenbahnlinie Leipzig-Altenburg schnell zu erreichen. Durch seine lange Druckereitradition gab es in Altenburg auch eine große Zahl von Fachkräften.

Obwohl strikt patriarchalisch organisiert besaß die Pierersche Hofbuchdruckerei Unterstützungskassen für Invaliden, Witwen und Waisen. Trotz seiner eher konservativen Gesinnung unterstützte Eugen Pierer die Liberalen und Demokraten während der 1848er Revolution. Die von diesen geforderte Pressefreiheit war auch für seine Geschäfte als Druckereibesitzer entscheidend.

Bis Ende der 1860er Jahre hatten sich viele Altenburger Drucker der 1866 gegründeten Gewerkschaft "Verband deutscher Buchdrucker" angeschlossen. Dies und seine zunehmende Kränklichkeit veranlasste Eugen Pierer die Druckerei zu verkaufen. Mit der erstarkenden Arbeiterbewegung wollte er sich nicht mehr auseinandersetzen.

Neuer Eigentümer wurde ein Konsortium der Leipziger Verlage Duncker & Humblot, F. Fues’s und F. Volckmar unter Leitung von Stephan Geibel, der Druckerei und Verlag unter dem Namen "Pierersche Hofbuchdruckerei, Stephan Geibel & Co." weiterführte. Eugen Pierer und sein Bruder Alfred setzten sich jedoch noch nicht vollständig zur Ruhe, sondern verlegten in den nächsten fünf Jahren weiterhin Schul- und Fachbücher. Und auch eine Heirat zwischen Stephan Geibel und Wanda von Rothkirch-Trach, einer Enkelin von Heinrich August Pierer, ließ die Verbindung zwischen der Familie Pierer und der Altenburger Druckerei weiter bestehen.

Am 19. Januar 1890 ist Eugen Pierer in seiner Heimatstadt Altenburg gestorben.

Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs führte Stephan Geibels Sohn Hans die Hofbuchdruckerei weiter. Gleich nach der Kapitulation nahm sie die Arbeit wieder auf und druckte z.B. die Wochenzeitung des 304. US-amerikanischen Infanterie-Regiments, das in Altenburg stationiert war. Auch nachdem Thüringen im Juli 1945 sowjetische Besatzungszone geworden war, bestand die Druckerei - die eng mit dem Verlag der sowjetischen Militäradministration kooperierte - bis 1950 als Privatunternehmen weiter. In diesem Jahr begann ein Prozess gegen die Geibels wegen angeblicher Material-Veruntreuung. Es folgte die Enteignung, nach der die Druckerei zunächst als landeseigener Betrieb, später bis 1990 als VEB Druckhaus "Maxim Gorki" weiter existierte. 1992 kaufte ein bayerischer Investor den Betrieb von der Treuhandanstalt und führt ihn seitdem als "Druckerei zu Altenburg GmbH".

Zuletzt aktualisiert: 05. Dezember 2005, 16:04 Uhr