1880 Zum Thomaskantor ernannt Wilhelm Rust

(1822-1892)

Wilhelm Rust, am 15. August 1822 in Dessau geboren, stammte aus einer Familie, die schon mehrere bedeutende und fähige Musiker hervorgebracht hatte: Sein Großvater, Friedrich Wilhelm Rust, ein Schüler der Söhne Johann Sebastian Bachs, war seit 1775 fürstlicher Musikdirektor in Dessau und führte dort das Musikleben zu nachhaltiger Blüte, wenngleich seine eigenen Kompositionen kaum die Zeit überlebten. Dessen jüngster Sohn, Wilhelm Carl Rust, der Onkel Wilhelm Rusts, galt als hervorragender Organist und Klavierspieler. Von ihm und seinem Vater, dem Stiftungsrat und Regierungsadvokat Carl Rust, der "nebenbei" Klavier und Geige spielte, bekam Wilhelm Rust seine erste musikalische Ausbildung. Schon frühzeitig musste er sich an den wöchentlichen Quartettübungen des Vaters beteiligen, bevor er als Quartaner des Dessauer Gymnasiums in die Dessauer Singakademie aufgenommen wurde und dort zwischen 1840 und 1843 studierte.

Anschließend war Rust einige Jahre in einer ungarischen Adelsfamilie als Musiklehrer tätig. In der Bibliothek des Schlosses, in dem er unterrichtete, fand er das Nachlassverzeichnis Philipp Emanuel Bachs, in dem dessen gesamter Besitz an Handschriften seines Vaters aufgeführt war. Angeregt durch diesen Fund wollte sich der junge Rust nun näher mit Bach beschäftigen.

1849 aus Ungarn nach Berlin zurückgekehrt, ließ er sich als Klavier-, Gesangs- und Kompositionslehrer nieder, wurde Mitglied der Singakademie und begann mit dem eingehenden Studium der Bach-Autographen, die inzwischen in die Berliner Königliche Bibliothek gelangt waren. Der Bach-Gesellschaft, die sich 1850 in Leipzig konstituierte, trat er noch in ihrem Gründungsjahr bei. Drei Jahre später begann er an der Herausgabe der Bach-Gesamtausgabe mitzuarbeiten, dessen Leitung er 1858 als "Hauptredakteur" übernahm. Die Redakteurstätigkeit war es auch, die ihm einige Ehrungen einbrachte und vor allem einen bedeutenden Platz in der Musikgeschichte sicherte.

Unter der Anleitung von Otto Jahn hat Rust als erster die philologischen Methoden der klassischen Altertumswissenschaft, also die Herstellung möglichst authentischer Texte durch Textkritik und der Befragung des Textes auf seine Echtheit, auf die Edition musikalischer Quellen übertragen. Auch seine jedem Band vorangestellten Vorworte, die durch berühmte Zeitgenossen wie Brahms, Moritz Hauptmann und andere außerordentlich gelobt wurden, enthalten zahlreiche bis heute gültige Abhandlungen.

Zu seiner Zeit galt Rust als der größte Kenner des Bachschen Werkes neben dem Musikforscher Philipp Spitta. Allerdings neigte Rust im Vollbewusstsein seiner Kennerschaft auch zunehmend zu editorischen Absonderlichkeiten und war nicht mehr bereit, sich mit den Bach-Forschungen Spittas ernsthaft auseinanderzusetzen, was ihm den Unmut einiger Zeitgenossen einbrachte und dazu führte, dass er 1882 seine editorische Tätigkeit für die Bachausgabe niederlegte und 1888 auch aus ihrem Redaktionsausschuss schied.

Neben seiner Editionstätigkeit widmete er sich weiterhin als Lehrer für Gesang, Klavierspiel und Komposition nun vor allem der praktischen Pflege der Werke Bachs, was ihm besonders durch seine Tätigkeit als Organist an der Lukaskirche in Berlin 1861, seit 1862 als Leiter des Chors des Berliner Bachvereins, sowie seit 1870 als Lehrer am Sternschen Konservatorium ermöglicht wurde. Sein Ruf reichte auch auf diesem Gebiet weit über Berlin hinaus, weshalb er 1878 als Organist an die Leipziger Thomaskirche berufen wurde. Gleichzeitig unterrichtete er am Leipziger Königlichen Konservatorium.

Auch in Leipzig verschaffte er in seinen Aufführungen in erster Linie den Werken Bachs Geltung. Es versteht sich beinahe von selbst, dass Rust sich an der einstigen Wirkungsstätte Bachs mit Nachdruck für die Pflege seines Schaffens einsetzte. Allerdings widmete er sich auch den Werken der "neueren Meister" wie Liszt und Brahms. Anlässlich des 200. Bach-Geburtstages 1885 wurde Rust der Titel eines "Königlich-sächsischen Professors" verliehen.

Am 2. Mai 1892 starb der Musikwissenschaftler, Thomaskantor und Organist im Alter von 69 Jahren in Leipzig. Seine eigenen Kompositionen haben die Zeit nicht überdauert.

Zuletzt aktualisiert: 05. Dezember 2005, 16:51 Uhr