04. März 1784: Gründung der Erziehungsanstalt "Philantropin Schnepfenthal" Christian Gotthilf Salzmann

(1744-1811)

Seine eigene Kindheit war glücklich und wohlbehütet - Mitte des 18. Jahrhunderts durchaus keine Selbstverständlichkeit. Und sicher ist diese Kindheit der Schlüssel für Christian Gotthilf Salzmann gewesen, um zu einem der wichtigsten Pädagogen und Volksaufklärer seiner Zeit zu werden, dessen Erkenntnisse bis heute richtungweisend geblieben sind. Am 1. Juni 1744 - zur Zeit der Schlesischen Kriege - kam Christian Gotthilf Salzmann in Sömmerda an der Unstrut als Sohn des dortigen Pfarrers Johann Christian Salzmann zur Welt.

Die Liebe und die Zuwendung, die Christian Gotthilf Salzmann von seinen Eltern erfuhr, die behutsame Heranführung durch den Vater zu einem liebevollen Gott, die Unterrichtung und Anleitung durch die Mutter, all dies ließ Christian Gotthilf zu einem problemlosen und leistungsstarken Schüler werden. Doch der Widerspruch zwischen familiärer Geborgenheit einerseits und schulischer Enge andererseits setzte sich fest und hinterließ bei Salzmann, wie er sich später erinnerte, vor allem eines: die prägende lebenslängliche "Abneigung gegen den gewöhnlichen Religionsunterricht". So blieb ihm auch nach dem Wechsel an die Lateinschule in Langensalza 1756 sein Vater der wichtigste Lehrmeister, der ihn schließlich auf das Studium der Theologie in Jena vorbereitete. Doch mehr noch als das Studium war es vielmehr die pfarramtliche Praxis - zunächst 1768 in dem ärmlichen Rohrborn, einem kleinem Dorf bei Erfurt, später von 1772 bis 1881 an der Erfurter Andreaskirche -, die in Salzmann das Streben nach einer alltagstauglichen Theologie festigte, die den Menschen dienen sollte.

Als Pfarrer kam Salzmann mit dem ganzen Ausmaß des Elends der Menschen unmittelbar in Berührung. Die Begegnung mit dem Leid am Ende des Siebenjährigen Krieges muss ein Schock für den jungen Mann gewesen sein. Der brillante und populäre Prediger war nicht nur Seelsorger für die von Hungersnot und Seuchen heimgesuchten Menschen am Rande der Gesellschaft, sondern leistete seinen pastoralen Dienst auch in den Krankenhäusern und Gefängnissen der Stadt. Mehr und mehr wurde die Bekämpfung der Not zu seinem zentralen Thema. Seine neu gewonnene Überzeugung, wonach "die vorzüglichste Ursache von dem vielen Jammer und Elend in der Welt (...) in der fehlerhaften Erziehung des Menschen zu suchen" sei, bestimmte den weiteren Lebensweg.

Salzmanns Vorgesetzte in den Gremien der Kirche beobachteten sein Tun mit Argwohn. Als er seine Schrift "Ueber die wirksamsten Mittel Kindern Religion beyzubringen" veröffentlichte, kam es zum Eklat. Zwar war unter Experten der Beifall für Salzmanns Thesen groß und sein Rang als Religionspädagoge bestätigt, die Kirchenoberen aber schäumten. Seine Arbeit wurde gerade auch von den Erfurter Geistlichen als "ketzerisch, als ein Buch (...), das die Grundfeste der Religion umzustürzen suche", diffamiert - ein Diktum, das Salzmann zutiefst verletzte. Damit war für den 37jährigen das Band zu seinen Amtsbrüdern durchschnitten. In dieser Situation erschien ihm der Ruf an das berühmte, von J.B. Basedow 1774 gegründete "Dessauer Philantropin" als "gnädiger Wink Gottes nach einer Freistatt gegen alle Verfolgungen". Der Wechsel nach Dessau war für Salzmann die Befreiung von kirchlich lehrhafter Gebundenheit und orthodoxer Bevormundung.

Doch schon bald stellte sich heraus, dass trotz aller Freiheit auch die Dessauer Erziehungsmethodik in vielem nicht dem entsprach, was Salzmann schon so lange beschäftigt hatte. Er wollte die "erlebte Pädagogik": Tun und Gelingen, Versuch und Misserfolg, Beobachten und Überdenken, Erfahrung und Einsicht - ausgerichtet darauf sollte Erziehung angelegt sein. Mit dem Plan, eine "Gesellschaft" zu gründen, deren Hauptgeschäft die Erziehung sei, wandte sich Salzmann an Herzog Ernst II. von Gotha. Er bat diesen um Unterstützung für den Kauf des Landguts Schnepfenthal in den Vorbergen des Thüringer Waldes bei Gotha, das ihm wegen seiner Ferne zur Stadt für seine pädagogischen Zwecke geeignet erschien. Der Fürst ließ sich von der Idee begeistern, und mit einem ordentlichen fürstlichen Grundkapital versehen, verließ Salzmann Dessau.

Nach einem beschwerlichen Anfang kamen 1885 die ersten Schüler, Carl Ritter, später Geograph zu Berlin, und dessen Bruder nach Schnepfenthal - das Unternehmen kam in Gang. Die Gebrüder Ritter brachten ihren Hauslehrer Johann Christoph Friedrich GutsMuths mit, den Salzmann "zum großen Vorteil der Erziehungsanstalt" überreden konnte, in Schnepfenthal zu bleiben. GutsMuths entwickelte in hier die Schulgymnastik und wurde Wegbereiter der neuzeitlichen deutschen Körperkultur. 1790 beherbergte das Philantropin 29 Schüler, zehn Jahre später hatte sich deren Zahl bereits verdoppelt.

Um die Jahrhundertwende war Schnepfenthal in ganz Europa längst ein Begriff unter Aufklärern und Pädagogen geworden. Gelehrte aus Amsterdam und Aragon, der Bürgermeister von Rotterdam, Klopstock, Wieland, Jean Paul, Goethe und Fichte - sie alle wollten sich ihr eigenes Bild von Salzmanns neuer Erziehung machen. Die Schüler kamen aus aller Herren Länder und auch der Adel schätzte die Schnepfenthaler Anstalt für die Erziehung des eigenen Nachwuchses.

Was also erklärt die grenzüberschreitende und dauerhafte Attraktion des Schnepfenthaler Philantropin? Bestimmt von der Hochschätzung des Kindes und seiner Rechte und geleitet von dem Wunsch, den Menschen schon zu Lebzeiten vom Elend zu erlösen, gestaltete Salzmann den Unterricht. Religiöse Gesinnungsbildung, moralische Besserung, Pflege des Gemüts und Schulung des Verstandes gehörten ebenso unverzichtbar dazu wie das Kennen lernen und Beobachten der Heimat und der Natur, wie turnerische Übungen und handwerkliche Arbeit in den schuleigenen Werkstätten oder im Garten. Wochentags gab es regelmäßigen Unterricht im Schulhaus wie in der Natur; man gestaltete Feste und Feiern. Die Schnepfenthaler waren eine Schulfamilie. Das Reisen und Wandern wurde auch für Kinder zum Lernmittel; zu Fuß und mit dem Planwagen unterwegs machte Salzmann aus der Wissensvermittlung eine sinnliche Erfahrung.

Bis zuletzt kümmerte sich Salzmann persönlich um die täglichen Morgenandachten und die Gottesverehrung am Sonntag im Schnepfenthaler Beetsaal. Seinen "Privatgottesdienst" mit eigener Liturgie konnte Salzmann zwar abhalten, die vollkommene Freiheit wurde ihm allerdings vom Gothaer Oberkonsistorium nicht eingeräumt. Taufen, Trauungen, Begräbnisse, Konfirmationen und dergleichen verweigerte man dem Pfarrer Salzmann. Der sah sich erneut darin bestärkt, eine Kirche abzulehnen, die keinen Dienst am Menschen leisten wollte, sondern nur auf autoritäre Rechtgläubigkeit bedacht und über jeden Zweifel erhaben war. Konsequenterweise erhob Salzmann in seinem letzten größeren Werk, "Ameisenbüchlein oder Anweisung zu einer vernünftigen Erziehung der Erzieher" von 1806, die Fähigkeit zur Selbstkritik zu einer der zentralen Anforderungen an die Lehrer. Im "edelsten aller Berufe" könne echte Autorität nur der erlangen, der bei Fehlern seiner Zöglinge zuerst bei sich selbst die Ursache für die Fehlleistung sucht.

Das geplante "Scorpionbüchlein oder Anweisung zu einer unvernünftigen Regierung der Völker" und das "Spinnenbüchlein oder Anweisung zu einer unvernünftigen Führung der Ehe" konnte Christian Gotthilf Salzmann nicht mehr schreiben. Am 18. Oktober 1811 starb er, knapp ein Jahr nach dem Tod seiner Frau Sophie Magdalene, mit der er in mehr als 40jähriger Ehe 15 Kinder hatte, 67jährig in Schnepfenthal. Seinem letzten Willen entsprechend pflanzte ihm seine Schulfamilie einen Holunderbusch aufs Grab.

Die Salzmannschule in Schnepfenthal (Waltershausen) - heute ein staatliches Gymnasium mit mehr als 700 Schülern - versucht, das Werk und Wirken Christian Gotthilf Salzmanns und dessen Vorstellungen von Bildung und Erziehung fortzuschreiben. Die Schulgedenkstätte dokumentiert neben der Geschichte der Lehranstalt auch Leben und Wirken des Schulgründers Christian Gotthilf Salzmann sowie des Begründers der deutschen Körperkultur Johann Christoph Friedrich GutsMuths.

Zuletzt aktualisiert: 05. Dezember 2005, 16:13 Uhr