Grab der Dunkelgräfin auf dem Schulersberg in Hildburghausen
Das Grab der Dunkelgräfin auf dem Schulersberg in Hildburghausen. Bildrechte: MDR/Mathias Heerwagen

7. Februar 1807: Ankunft in Hildburghausen Die Dunkelgräfin von Hildburghausen

Sie ist sagenumwoben, die Dunkelgräfin von Hildburghausen. Am 27. November 1837 stirbt sie auf Schloss Eishausen. Inzwischen steht dank eines Wissenschaftsprojektes von MDR Thüringen fest: Sie war keine Königstochter.Trotzdem ist sie eine mysteriöse Gestalt, deren Schicksal bis heute die Gemüter bewegt.

Grab der Dunkelgräfin auf dem Schulersberg in Hildburghausen
Das Grab der Dunkelgräfin auf dem Schulersberg in Hildburghausen. Bildrechte: MDR/Mathias Heerwagen

Die geheimnisvolle Ankunft

In der Nacht vom 7. auf den 8. Februar 1807 passiert eine Kutsche das Röhmhilder Stadttor von Hildburghausen. Mit dieser Kutsche kommt ein merkwürdiges Paar in dem thüringischen Residenzstädtchen an: ein vornehmer Herr und eine verschleierte Dame. Ohne Kontrolle passieren die Reisenden die Wachen am Stadttor, was für damalige Verhältnisse ungewöhnlich ist. Offenbar stehen sie unter dem besonderen Schutz von Herzog Friedrich und Herzogin Charlotte von Sachsen-Hildburghausen.

Szene aus
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Ein herzoglicher Schutzbrief, der allerdings erst vom 12. März 1824 datiert, bestätigt diese Vermutung. Er garantiert dem mysteriösen Paar Immunität und eine Behandlung entsprechend seiner Wünsche im Herzogtum Sachsen-Hildburghausen. In der thüringischen Residenz endet für die Reisenden vorerst ein knapp 10-jähriges Wanderleben quer durch Europa. Erstmals erwähnt werden sie um 1800 in Gotha und Jena, später auch in Schweinfurt und Heidelberg. 1803 verweilt das Paar im württembergischen Ingelfingen. Weitere Aufenthalte sind 1805 für Wien und 1806 für Schloss Keukenhof bei Leyden in den Niederlanden überliefert.

Ein seltsames Paar

Nach der Ankunft des Paares brodelt in Hildburghausen die Gerüchteküche. Wer könnte die verschleierte Dame sein? Da niemand herausbekommt, wie sie und ihr Begleiter heißen, werden die beiden im Volksmund Dunkelgräfin und Dunkelgraf genannt. Bei dem herrschaftlichen Lebensstil, den die zwei in den folgenden Jahren pflegen, wird angenommen, dass es sich mindestens um ein Grafenpaar handelt. Es wird von gut gefüllten Weinkellern berichtet, von kostbaren Kleidern der Dame, die stets der neuesten französischen Mode entsprechen und von französischem Porzellan, von dem sie und ihr Begleiter speisen.

Vor allem der Dunkelgraf ist stets auf das Wohl der verschleierten Dame an seiner Seite bedacht. Aufopferungsvoll sorgt er sich um sie und achtet mit Argusaugen darauf, dass niemand sie unverschleiert zu Gesicht bekommt. Der Dunkelgraf wechselt angeblich immer dann den Wohnort, wenn er die Sicherheit der Dunkelgräfin gefährdet sieht – vor allem, wenn die Identität der Verschleierten bekannt zu werden droht. Das geschieht allein in Hildburghausen dreimal: Vom "Gasthaus zum Englischen Hof" zieht das Paar in das nahe gelegene herzogliche Gästehaus und einige Zeit später ins Haus der Witwe Radefeld.

Stets erhalten die anonymen Gäste bei der Suche nach einem sicheren Aufenthaltsort die Unterstützung des Herzogspaares. Mit Sicherheit ist Herzog Friedrich und seiner Gemahlin Charlotte bekannt, wer sich hinter dem Dunkelgrafenpaar verbirgt, denn ohne dieses Wissen wären die Gäste wohl kaum unter herzoglichen Schutz gestellt worden.

Der Dunkelgraf: Leonardus Cornelius van der Valck

Da sein Nachlass erhalten ist, kann der Dunkelgraf heute eindeutig identifiziert werden. Es handelt sich um den 1769 geborenen Sohn einer holländischen Patrizierfamilie, Leonardus Cornelius van der Valck. Zu erfahren ist, dass er von Juli 1798 bis April 1799 Sekretär der holländischen Botschaft in Paris war. Bereits 1793 tritt er, begeistert von den Zielen der Revolution, in die Armee Frankreichs ein. Bei der Teilnahme am Holland-Feldzug 1797 gerät van der Valck zeitweilig in englische Gefangenschaft. Während seines Aufenthaltes in Hildburghausen und Umgebung legt er sich den Decknamen Vavel de Versay zu. Die Gunst und wohl auch die Verschwiegenheit des stets in Geldnot befindlichen Herzogs von Sachsen-Hildburghausen erkauft sich der Dunkelgraf mit barer Münze. Van der Valck kann es sich leisten, denn in Holland hatte er reich geerbt.

Verborgen auf Schloss Eishausen

Im Jahr 1810 überlässt Herzog Friedrich dem Paar das Jagdschloss Eishausen, sieben Kilometer von Hildburghausen gelegen. Da es der Dunkelgraf stets vermeidet, selbst als Geschäftspartner aufzutreten, wird das Schloss offiziell von einer Vertrauensperson angemietet, die es wiederum an den Holländer weitervermietet. Der einzige, mit dem der Dunkelgraf eine Korrespondenz unterhält, ist Heinrich Kühner, der Pfarrer von Eishausen. Doch auch diese steht immer unter dem Siegel der Geheimhaltung. Beschriebene Zettel müssen entweder sofort vernichtet oder doppelseitig beschrieben der Botin des edlen Herrn, einer Dienerin im Schloss, zurückgegeben werden. Der Austausch reicht von Themen aus der Politik und Wissenschaft bis hin zur Kunst.

In einer späteren Buchveröffentlichung über "Die Geheimnisvollen im Schlosse von Eishausen" stellt Karl Kühner, der Sohn des Eishäuser Pfarrers, im Jahr 1852 erstmals öffentlich die These auf, dass die Dunkelgräfin in Wirklichkeit Prinzessin Marie Thérèse Charlotte von Frankreich sei - die Tochter von Ludwig XVI. und Marie Antoinette.

Die Theorie von der vertauschten Prinzessin

Karl Kühner und andere Forschern gingen davon aus, dass die Prinzessin Marie Thérèse im Jahr 1795 auf einer Fahrt von Paris nach Wien ausgetauscht wurde. Während die Königstochter einen Begleiter an die Seite bekommen habe – eben jenen van der Valck – und inkognito weiterreist sei, habe eine andere an ihrer Stelle die Fahrt in Richtung Wien fortgesetzt. Im Jahr 1807 sei demzufolge die Bourbonenprinzessin Marie Thérèse im thüringischen Hildburghausen angekommen, wo sie die nächsten Jahre unter dem Schutz von Herzog Friedrich und Herzogin Charlotte von Sachsen-Hildburghausen gelebt habe.

Die Therorie wurde inzwischen wiederlegt. Die Dunkelgräfin von Hildburghausen ist nicht Marie Thérèse Charlotte de Bourbon, Tochter von Marie Antoinette und Frankreichs König Ludwig XVI. Das interdisziplinäre Wissenschaftsprojekt von MDR THÜRINGEN hat ein zweifelsfreies Ergebnis gebracht: Die DNA-Proben aus dem Grab in Hildburghausen stimmen nicht mit der weiblichen Linie Maria Theresias, der Mutter von Marie Antoinette, überein.

Ausstellungstipp: "Das geheimnisvolle Leben der Dunkelgräfin" - Historische Fakten und neue Erkenntnisse

Sonderausstellung im Stadtmuseum Hildburghausen
19.10.2014-01.03.2015
Täglich außer montags von 10:00-17:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. September 2015, 11:37 Uhr