1778: Samuel Heinicke und die erste deutsche Gehörlosenschule

(1727-1790)

Am 10. April 1727 kam Samuel Heinicke in Nautschütz bei Weißenfels als Sohn eines wohlhabenden Bauern zur Welt. Für den Vater war es eine Selbstverständlichkeit, dass Samuel später den traditionsreichen Hof übernehmen sollte. Doch in der Dorfschule fiel der junge Heinicke bereits durch eine außergewöhnliche Intelligenz auf. Schulmeister und Pastor empfahlen dem Vater daher, seinen Sohn auf eine höhere Schule zu schicken, vielleicht sogar auf die Universität. Doch der winkte ab. Selbst den Musikunterricht, den Samuel von seinem Großvater erhielt, duldete er nur widerwillig. Mit seinen Bemühungen, den Sohn zu seinem Nachfolger zu machen, schien der Vater Erfolg zu haben: Samuel besuchte keine höhere Schule und nahm kein Studium auf, sondern blieb auf dem elterlichen Hof - bis zu seinem 24. Lebensjahr.

Dann kam es zum Streit zwischen Vater und Sohn, weil dieser eine reiche Bauerntochter heiraten sollte, die er nicht liebte. Erstmals beugte Samuel sich nicht. Er verzichtete auf das gesicherte Auskommen, das ihm die Verbindung geboten hätte, verließ den Hof der Eltern und verdingte sich als Soldat der kurfürstlichen Leibgarde in Dresden. Während seine Kameraden ihre Freizeit bei Karten, Würfelspiel und Alkohol verbrachten, bildete sich Samuel Heinicke fort in Musik, Fremdsprachen und Wissenschaften.

27jährig heiratete Heinicke Johanna Maria Elisabeth Kracht und wurde schon wenig später Vater. Seinen Sold besserte er sich als Privatlehrer und durch Musikunterricht auf. Wahrscheinlich hatte Heinicke schon hier den ersten gehörlosen Schüler, den er jedoch nach der traditionellen Methode nur Lesen und Schreiben sowie die Gebärdensprache lehrte und damit ganz im Trend der Zeit blieb.

Heinicke schien mit seinem Leben gerade recht zufrieden gewesen zu sein, als mitten in das junge Familienglück der Siebenjährige Krieg platzte: Preußens Friedrich II. besetzte Sachsen, das sächsische Heer wurde bei Pirna eingeschlossen und nach Dresden überführt, die Offiziere freigelassen, die Mannschaften hingegen, zu denen Heinicke zählte, in die preußische Armee eingegliedert. Heinicke, der das Soldatendasein satt hatte, verkleidete sich als Musikant, verklebte ein Auge mit einem Pflaster, nahm sich eine Fidel und floh aus Dresden.

Sein Weg führte ihn zunächst zu seinen Eltern, mit denen er sich bereits ausgesöhnt hatte, nachdem seine Schwester und ihr Mann das elterliche Gut übernommen hatten. Er ließ sich sein Erbteil auszahlen, holte Frau und Kind nach und ging mit ihnen nach Jena, wo er sich 1757 als Student einschrieb. Zu dem Zeitpunkt war er bereits 30 Jahre alt. Seinen Lebensunterhalt verdiente er, indem er nachts zum Tanzen aufspielte. Aus Angst als ehemaliger preußischer Soldat wieder erkannt und als Deserteur bestraft zu werden, floh er mit seiner Familie nach Hamburg.

Nachdem das Erbe aufgebraucht war, schlug sich Heinicke als Musiker und Hauslehrer durch. Ostern 1763 fand er eine feste Anstellung im Hause des Grafen Schimmelmann als Privatsekretär und Hofmeister. Nach fünf Jahren erhielt er durch Vermittlung des Grafen eine Stelle als Organist, Küster und Schulhalter in Eppendorf, einem Alsterdorf in der Nähe von Hamburg. Seine Bemühungen, die Schüler modern zu unterrichten, stießen bei den Dorfbewohnern zwar auf Ablehnung. Doch der Erfolg gab Heinicke Recht: Die Schüler lernten bei ihm mehr und schneller als zuvor.

Wahrscheinlich wäre Heinicke ein Schulmeister wie viele andere auch geworden und nie zu Berühmtheit gelangt, wenn nicht im Jahr 1769 der 13-jährige Sohn des Dorfmüllers zu ihm in die Schule geschickt worden wäre. Dieser war von Geburt an gehörlos und damit taubstumm. Heinicke begann, dem Schüler das Fingeralphabet und das Schreiben und Lesen beizubringen. Als selbst Zeitungen aus Hamburg und Altona von dem Erfolg des Dorfschullehrers Notiz nahmen, waren auch die zuvor skeptischen Bauern und Schiffer stolz auf ihren Lehrer.

Aber Heinicke selbst war nicht zufrieden: Er stellte fest, dass sein Schüler trotz der Lernerfolge seiner Umwelt fremd gegenüberstand. Das Fingeralphabet verstanden nur eigens Geschulte, und das Schreiben blieb ein erhebliches Hindernis in der alltäglichen Kommunikation. In älteren Schriften las er von Versuchen, Taubstumme das Sprechen zu lehren. Nach ersten Erfolgen wurden immer mehr taubstumme Kinder zu ihm in den Unterricht geschickt, die sprechen lernten, indem sie die Sprechbewegungen sahen, unterschieden und dann nachahmten. Tatsächlich lernten immer mehr gehörlose Schüler in Heinickes Dorfschule das Sprechen - "zwar nicht schön", wie ein zeitgenössischer Kommentar meinte, "aber verständlich". Damit sorgte Heinicke bald für Aufsehen.

Doch der Pastor des Dorfes leistete in seinen Predigten erbitterten Widerstand. Seiner Meinung nach war Heinickes Methode ein Eingriff in die Pläne Gottes: Dieser habe die Taubstummen eben ohne die Fähigkeit zu sprechen geschaffen, argumentierte der Geistliche. Davon völlig unbeeindruckt zogen immer vornehmere Gehörlose in das bescheidene Eppendorfer Schulhaus ein. Schließlich kam sogar eine Baronesse, Dorothea von Bietinghoff aus Kurland - ebenfalls von Geburt an gehörlos -, zu Heinicke in den Unterricht. Als sie ihre Ausbildung mit einer glänzenden mündlichen Prüfung abschloss, war Heinickes Ruhm gesichert. Er begann, Aufsätze zu verfassen, und schrieb Schulbücher für Gehörlose, darunter die bekannt gewordene "Biblische Geschichte".

Allerdings folgte ein schwerer privater Schicksalsschlag: Bereits 1758 hatte Heinicke seinen ersten Sohn Karl verloren, im November 1775 starb nun seine geliebte Frau. Wenig später traf Heinicke einen kursächsischen Offizier, der in ihm die Sehnsucht nach der Heimat weckte. Deshalb richtete er im Sommer 1777 ein Gesuch an Kurfürst Friedrich August mit der Bitte, sein "Institut", das aus der kleinen Dorfschule hervorgegangen war, nach Leipzig verlegen zu dürfen. Dazu bat er um die Bewilligung von 400 Talern als Jahresgehalt, was in etwa dem Salär seiner Küster-Stelle entsprach. Noch im Herbst gab er sein Amt in Eppendorf auf. Bevor er im Frühjahr 1778 nach Leipzig zog, verbrachte er den Winter in Hamburg. Dort heiratete er die junge Witwe Anna Catherina Elisabeth Morin, die selbst zwei gehörlose Brüder hatte.

Als Heinicke nach Leipzig übersiedelte, nahm er neun Schüler aus Eppendorf mit. Am 14. April 1778 eröffnete er sein "Königlich-Sächsisches Institut für Stumme und andere mit Sprachgebrechen behaftete Personen" in Leipzig. Der Neuanfang war schwieriger als zunächst gedacht: Im Gegensatz zu Hamburg war Sachsen ein verarmtes Land - Kinder vermögender Eltern blieben aus. Zur Aufbesserung der finanziellen Lage wollte Heinicke eine Sammlung für die Verpflegung der ärmeren Schüler durchführen - Schulgeld wollte und durfte er von ihnen nicht verlangen. Das Spendensammeln wurde ihm jedoch untersagt. Ebenso bewilligte man ihm nicht eine organisierte Lehrerausbildung gegen Entgelt zu betreiben. Und auch ein öffentliches Gebäude wurde ihm nicht zur Verfügung gestellt. Neid und Missgunst von den Professoren der Alma mater lipsiensis schlugen ihm entgegen.

Endlich erkannte der Kurfürst den Gehörlosen-Unterricht als öffentliche Aufgabe an und stellte das Verpflegungsgeld für die ärmeren Schüler aus der Staatskasse zur Verfügung. Erst 1822 erhielt das Institut ein öffentliches Gebäude.

Obwohl er mit seiner Methode die Bildung der Gehörlosen weltweit revolutionierte, blieb Samuel Heinicke materielle Anerkennung versagt. Als er in der Nacht zum 30. April 1790 plötzlich und unerwartet durch einen Schlaganfall im Alter von 63 Jahren starb, hinterließ er seine Familie unversorgt und die Taubstummen-Anstalt in wirtschaftlich schwieriger Situation. Seine wichtigste Hinterlassenschaft war ein versiegelter Umschlag mit der Aufschrift "Arkanum", was soviel heißt wie "das Geheimgehaltene" oder auch "der Stein der Weisen". Darin fand sich eine Beschreibung seiner Methode, sie war sein wertvollster Besitz.

Nach seinem Tod führten seine Frau und ein Lehrer, den er in seiner Methode unterrichtet hatte, die Leipziger Gehörlosen-Schule weiter. Zwischen 1913 und 1915 errichtete man ein neues Schulgebäude in der heutigen Karl-Siegismund-Straße. Dort befindet sich die inzwischen nach ihm benannte Schule noch heute. Derzeit werden etwa 220 Schüler unterrichtet. Seit 1995 ist die Schule wieder in der Trägerschaft des Freistaates Sachsen.

Zuletzt aktualisiert: 17. September 2010, 14:43 Uhr