Die erste Frau mit Promotion Dorothea Christiana Erxleben: Die erste Frau mit Promotion

(1715-1762)

17. September 2010, 13:00 Uhr

Dorothea Christiana Erxleben kam am 13. November 1715 in Quedlinburg zur Welt. Sie war das vierte Kind des Arztes Christian Polykarp Leporin. Gemeinsam mit ihrem ältesten Bruder Christian erhielt sie bereits mit acht Jahren durch den Vater Unterricht in den Elementarfächern und in den Anfängen der Naturwissenschaften. Später entschloss sich der Vater, seine wissensdurstige Tochter durch fremde Lehrer weiterbilden zu lassen.

Für Mädchen Schulbesuch unmöglich

Da ein weiterführender Schulbesuch für Mädchen nicht möglich war, mussten andere Möglichkeiten des Unterrichts für Dorothea gefunden werden. Der Rektor der Quedlinburger Ratsschule, Tobias Eckhard, fand schnell Interesse an dem begabten Mädchen. Er übersandte ihr täglich Aufgaben und Übungen seiner Schüler und korrigierte sie anschließend persönlich. Durch ihn hörte sie auch von der gelehrten Laura Bassi, die 1732 in Bologna zum Doktor der Philosophie promoviert worden war, und er ermunterte sie, dem Beispiel dieser Frau zu folgen und ihre Studien fortzusetzen.

Vater lehrt Geschwister privat

Neben ihrem Unterricht in Latein, Französisch, Mathematik und den Naturwissenschaften nahm sie außerdem an den Studien ihres Bruders teil, der vom Vater für das Medizinstudium vorbereitet wurde. Anhand von Werken bedeutender Ärzte der damaligen Zeit unterrichtete Dr. Leporin die Geschwister in der medizinischen Theorie und erläuterte diese an Beispielen aus seiner praktischen Tätigkeit. Neben diesen Studien bestand die Mutter allerdings auch auf der üblichen Ausbildung der Tochter im Haushalt.

Erste Einsätze als Arzt-Vertretung

Ihr Bruder wurde zum Militärdienst einberufen. Nun ersetzte die junge Dorothea seine Stelle in der Praxis des Vaters und begleitete diesen zu Krankenbesuchen und vertrat ihn, wenn er selbst krank war oder sich außerhalb der Stadt befand. Durch diese praktische Tätigkeit erwarb sie sich bald großes Wissen, das nicht nur vom Vater, sondern auch von den Patienten geschätzt wurde. Doch nach der preußischen Medizinalordnung durfte sie als nicht approbierte Ärztin keine inneren Krankheiten behandeln, sondern nur beraten, Heilmethoden empfehlen, Wunden versorgen und Gliedmaßen richten.

Dorthea wendet sich an König Friedrich II.

Als ihr Bruder mit seinem Medizinstudium in Halle begann, verfasste sie ein Gesuch an den preußischen König Friedrich II., in dem sie um ihre Zulassung zum Studium und zur Promotion an der Universität Halle bat. Ihr mutiges Vorgehen führte zum Erfolg. Am 20. März 1741 erteilte ihr der junge König die Erlaubnis, an der Universität Halle zu studieren und zu promovieren.


Ehe beendet Studienpläne, aber nicht die ärztliche Tätigkeit

Doch zum Studium in Halle sollte es nie kommen, und die Promotion erfolgte erst zwölf Jahre später, da Dorothea 1742 den mehrere Jahre älteren Witwer Johann Christian Erxleben geheiratet hatte. Mit dieser Eheschließung übernahm sie auch die Sorge für dessen fünf Kinder. Neben ihrer Tätigkeit als Hausfrau und Mutter, den Stiefkindern folgten in den nächsten Jahren noch vier eigene, arbeitete sie aber weiterhin in der Praxis ihres Vaters mit und bildete sich durch das Selbststudium medizinischer Fachliteratur fort. Nach dem Tod ihres Vaters 1747 übernahm sie dessen Praxis und behandelte die Patienten soweit ihr dies gesetzlich erlaubt war.

Klage wegen "Kurpfuscherei" - dann Lizenz zur "Ausübung der Heilkunst"

Wahrscheinlich hätte sie von ihrer Promotionserlaubnis gar nicht mehr Gebrauch gemacht, wenn nicht sechs Jahre nach dem Tod ihres Vaters von drei Quedlinburger Ärzten eine Klage gegen sie eingereicht worden wäre, in der sie der Kurpfuscherei bezichtigt wurde. Im Vertrauen auf ihr Können reichte sie am 6. Januar 1754 ihre Dissertation an der Universität Halle ein, und am 6. Mai desselben Jahres fand die mündliche Prüfung an der Medizinischen Fakultät der Universität statt, die sie mit Bravour bestand. Der Dekan lobte sie anschließend öffentlich und sagte: "Unsere verehrte Doktorandin hat zwei volle Stunden hindurch die an sie gerichteten Fragen mit bewunderungswürdiger Bescheidenheit, aber vor allem Fertigkeit entgegengenommen, gründlich und deutlich beantwortet und eingeworfene Zweifel mit größter Überzeugungskraft ausgeräumt. Hierbei bediente sie sich eines so schönen und wohlgesetzten Lateins, daß wir glaubten, eine alte Römerin in ihrer Muttersprache zu hören." Trotz des glänzenden Prüfungsergebnisses wurde ihr wegen des bis dahin einmaligen Falles der Promotion einer Frau in der Medizin der Doktortitel erst einen Monat später verliehen, nachdem der preußische König seine Zustimmung gegeben hatte.

Erste Promotion einer Frau in Deutschland

Mit der Promotion zum Doktor hatte Dorothea Erxleben als erste Frau Deutschlands die Lizenz zur "Ausübung der Heilkunst in ihrem gesamten Umfange" erworben und durfte ihre Praxis nun ohne Einschränkungen fortführen. Wegen einer schweren Erkrankung blieben ihr jedoch nur noch wenige Jahre des Praktizierens. Am 13. Juni 1762 starb sie im Alter von nur 46 Jahren in Quedlinburg. Vergessen ist sie nicht - 1987 wurde sie auf einer Briefmarke verewigt. Außerdem sind in in vielen Städten, zum Beispiel Dresden, Lübeck, Elmshorn Straßen, nach der ersten Medizinerin Deutschlands benannt.

Ihr Kampf um die Gleichberechtigung der Frauen und deren Zulassung zum medizinischen Studium sollte noch bis Ende des 19. Jahrhunderts ein Einzelfall bleiben. Erst 1908 wurden in Preußen Medizinstudentinnen offiziell an den Landesuniversitäten zugelassen.