1949: Als Gerichtsreporter gegen die Nazi-Vebrecher Gerhart Herrmann Mostar (eigentlich Gerhart Herrmann)

(1901-1973)

Am 8. September 1901 kam Gerhart Herrmann in Gerbitz bei Bernburg an der Saale zur Welt. Wegen Aufsässigkeit von den Realgymnasien in Bernburg und Hamburg verwiesen, erreichte er nur den Mittelschulabschluss. Seine Ausbildung zum Volksschullehrer schloss er 1921 mit dem Besuch des Lehrerseminars in Barby und Quedlinburg ab. Parallel zu seiner anschließenden kurzfristigen Lehrtätigkeit studierte er in Halle Philosophie und vergleichende Sprachwissenschaft.

Bereits nach zwei Jahren hängte er jedoch Studium und Beruf an den Nagel, um sein eigentliches Ziel, den Journalismus, konsequent zu verfolgen. Erste mühsame Schritte in diese Richtung unternahm er in Redaktionen von Lokalzeitungen. Fasziniert vom Medium Radio gründete Mostar ein Witzblatt mit dem Titel „Radiofimmel", noch bevor der Hörfunk 1923 in Deutschland auf Sendung ging. Über die Herausgabe dieser Zeitschrift, von der insgesamt nur vier Nummern erschienen, gelangte der Journalist nach München, wo er seine Brötchen als Redakteur der „Meggendorfer Blätter" verdiente.

Als kurze Zeit später die Kündigung erfolgte, begann Mostars Wanderjahr: als Schafhirte, Dorflehrer, Straßensänger und Korrespondent für das „Berliner Tageblatt" und die sozialdemokratische Zeitung „Vorwärts" vagabundierte er auf dem Balkan. In dieser Zeit begann er seine Arbeiten mit dem Pseudonym Mostar zu zeichnen, das er später seinem Nachnamen angliederte. In den Fahndungsblättern der Nationalsozialisten erschien das Pseudonym, nicht sein richtiger Name: ein Umstand der ihm in der Zeit der Verfolgung das Leben rettete.

1932/33 publizierte er eine Karl-Marx-Biographie unter dem Tarntitel „Der schwarze Ritter", die jedoch kurz nach ihrem Erscheinen von den Nationalsozialisten verboten wurde. Mostar sah sich gezwungen Deutschland zu verlassen und emigrierte nach Österreich. Weitere Stationen seiner Flucht vor der nach Osten vorstoßenden Wehrmacht waren Rumänien und Bulgarien. 1945 in Bulgarien verhaftet, zog man ihn in ein Strafbataillon ein. Wegen einer schlecht ausgeheilten Tuberkulose erfolgte jedoch bald seine Entlassung aus dem Militärdienst.

Wieder in Deutschland rief er nach dem Krieg gemeinsam mit Heinz Hartwig in München das Kabarett „Die Hinterbliebenen" ins Leben, das sich aber Ende der vierziger Jahre auflöste. Erfahrungen der Nachkriegszeit verarbeitete er in humoristisch-satirischen Texten, die in der Zeitschrift „Ulenspiegel" erschienen. Gleichzeitig versuchte er sich mit geringem Erfolg als Verfasser von Theaterstücken. Zusätzlich sprach er als Laienprediger jeden Samstagabend über Radio Stuttgart „Worte zum Sonntag". Diese Aktivität gab er allerdings auf, als die Flut der Hörerbriefe nicht mehr zu bewältigen war.

Nun erst widmete er seine gesamte Aufmerksamkeit dem Genre, das ihn berühmt und beliebt machen sollte: die Gerichtsreportage. In einer Zeit, die geprägt war von Schuldzuweisungen, von Verunsicherung, von dem Gefühl des Versagens und der Scham, stellte sich Mostar die schwere Aufgabe, die tiefe Kluft zwischen Justiz und Bürger zu überbrücken. So sprach er jeden Freitagabend bei Radio Stuttgart über einen laufenden Prozess, dessen Ursachen er recherchierte und dessen Hintergründe er erhellte. Für den gleichen Zweck stellte ihm die Süddeutsche Zeitung die Hälfte der wichtigen Seite drei zur Verfügung.

Nebenbei betätigte er sich als Historiker, indem er Beispiele von Justizirrtümern der letzten 150 Jahren recherchierte und aufarbeitete. Zahlreiche Fälle kamen in Buchform zur Veröffentlichung.

Zum schwäbischen Volksheld wurde der Anhalter durch den Fall Grafeneck im Jahr 1949: Während des nationalsozialistischen Regimes war das ehemalige Jagdschloss Grafeneck der Herzöge von Württemberg zu einem Vernichtungsort für Geisteskranke umgebaut worden, in dem die Kranken auf grausame Weise ermordet wurden. Da die wahren Befehlshaber und Schuldigen der Verbrechen nicht mehr zu belangen waren, hatte die Staatsanwaltschaft nun einen Teil der Schreibtischmörder, Ärzte und Pfleger aus Grafeneck auf der Anklagebank versammelt und verlangte für alle hohe Strafen.

Es mutete grotesk an, wenn der Staatsanwalt in seinem Plädoyer behauptete, die Täter hätten wissen müssen, dass der Führerbefehl illegal war. Den Angeklagten sei vor allem anzulasten, dass sie nicht den Mut gehabt hätten, sich den erteilten Befehlen zu widersetzen. Radio Stuttgart räumte Mostar eine Sondersendung vor der Urteilsverkündung ein: der Journalist fungierte als Ankläger der Staatsanwaltschaft. Mostar warf die Frage auf, wie ein Staatsanwalt, der im Dritten Reich amtiert hatte, den Mut zum Widerstand, den er selbst nicht gezeigt hatte, von den kleinen Leuten fordern konnte.

Das Urteil fiel nach Mostars Plädoyer verhältnismäßig milde aus, aber der Fall wirkte in einem ganz anderen Bereich des staatlichen und öffentlichen Lebens nach: dem konfliktreichen Verhältnis zwischen freier Presse und Justiz. Das Gericht fühlte sich nach eigenem Bekunden durch das Eingreifen Mostars terrorisiert, und CDU und FDP sahen sich zu einer großen Anfrage zum Fall Mostar vor dem Bundestag veranlasst.

Damit war die Sphäre des Individuellen verlassen, man forderte ein Lex Mostar: dies sollte der Presse bei schwerster Strafe verbieten, die Schuldfrage in einem schwebenden Gerichtsverfahren zu erörtern. Man beschuldigte die Presse, die öffentliche Meinung unkontrollierbar zu beeinflussen und in der jungen Demokratie wurden Forderungen nach Zensur laut. Radio Stuttgart unterstützte seinen Gerichtsreporter, indem es das Publikum zu einem öffentlichen Forum nach Stuttgart lud. Die Veranstaltung war ein triumphaler Erfolg und betonte überzeugend, dass gerade der Presse die Aufgabe der richterlichen Kontrolle zufiel.

Wir verdanken Mostar einen wichtigen Beitrag in der Debatte über Meinungsfreiheit, aber auch, dass das Wort Rechtspflege wieder seine wörtliche, tiefere Bedeutung zurückgewann.

Nach 1954 lebte Mostar als freier Journalist und Schriftsteller mit seiner fünften Frau Katinka, einer erfolgreichen Kochbuchautorin, in München und der Schweiz. Er widmete sich nun der leichten Form des Feuilletons und der historischen Anekdote. In spritzigen Versen, in wortgewandter und spielerischer Prosa erzählt er amüsiert und mit einem Lächeln Geschichten aus einer Welt, die sich häufig viel zu ernst nimmt. Die beiden literarischen Schwerpunkte verdeutlichen auch die Ambivalenz in Mostars Charakter: Gerichtsreporter und literarischer Clown, Ernst und Heiterkeit nehmen einen gleichwertigen Platz in seinem Auftreten in der Öffentlichkeit ein.

Trotz der Vielseitigkeit seiner Arbeit war es in seinen letzten Lebensjahren ruhig um ihn geworden. Am Tag seines 72. Geburtstages starb Gerhart Herrmann Mostar in München.

Zuletzt aktualisiert: 05. Dezember 2005, 15:44 Uhr