1947 Eine Einschulung im Nachkriegsdeutschland Meine Geschichte: Schulanfang 1947

1947 wird Dorit Seeber im thüringischen Allmenhausen eingeschult. Bilder von diesem Tag gibt es nicht, doch Dorit Seeber erinnert sich auch noch heute an viele Details ihrer ersten Schultage - die Freude über die Zuckertüte, die nur geliehen war, das Einschulungskleid aus Stoffresten, Lesen lernen mit der Vorkriegsfibel ...

Dorit Seeber erinnert sich an ihren Schulanfang.
Dorit Seeber heute Bildrechte: Dorit Seeber

Bis Januar 1945 lebt Dorits Familie im polnischen Łódź. Die Eltern haben ein Kindermädchen und 30 Angestellte.

Doch als die Rote Armee einmarschiert, muss die Familie Richtung Westen fliehen. Der Vater ist noch im Krieg, die Mutter landet mit den Kindern in einem kleinen Dorf in Thüringen.

Anfangs hausen sie in einer Scheune, und die Nachkriegsjahre bleiben karg für die einst wohlhabende Familie. In dieser Zeit kommt Dorit Seeber in die Schule. Mit fünf – weil es die Mutter so wollte.

Da sagt meine Mutti: 'Übrigens, Frau Richter, ich hätte gern, dass Sie die Dorit einschulen.' Und da sagt sie: 'Nein, Frau Stenzke, das geht nicht. Dorit ist ja noch keine sechs Jahre.' Meine Mutti darauf:'Schulen Sie doch das Mädchen ein. Wenn sie sitzen bleibt, das macht doch gar nichts. Da wiederholt sie das Schuljahr noch einmal. Hauptsache sie ist von der Straße.'

Dorit Seeber

Die Einschulung ist ein großer Tag im Leben eines jeden Kindes – auch kurz nach dem Krieg, auch für Dorit Seeber. Weil es an allem fehlt, ist die Zuckertüte geliehen und das Einschulungskleid aus Stoffresten zusammengenäht.

Es war ein kratziger Stoff und er war richtig zartbitter-schokoladenbraun. Der Ärmel war aus neun Stückchen. Das war mein Einschulungskleid. Es kratzte, ich habe aber nichts gesagt. Ich habe es ausgehalten.

Dorit Seeber

An die große Zuckertüte erinnert sich Dorit Seeber noch heute genau. Was aber konnte da drin sein? Denn sie weiß schon, Spielzeug und Süßigkeiten gibt es nicht zu kaufen.

Da stand ich nun unten vor der Bühne, heulte wie verrückt vor Freude. Und dann kam die große Tüte. Also, da waren mindestens 30 Zentimeter, die ganze Spitze, Zeitungspapier geknüllt 'reingesteckt. Aber ich erinnere mich ganz doll an die Tüte mit den Waffeln. Richtige weiße Waffeln. Und die klebten zusammen mit einer schwarzen Masse. Das wurde aus Rübensirup gekocht ...

Dorit Seeber

Lernen mit der Vorkriegsfibel

Bevor die Schule richtig losgeht, muss Dorit die geliehene Zuckertüte zurückgeben. Die 15 Kinder in ihrer Klasse sind fast alle Umsiedler. Auch in der Schule herrscht Mangel und so werden die Erstklässler zusammen mit der dritten Klasse unterrichtet.

Das ABC lernt Dorit mit einer Vorkriegsfibel. Vor allem aber an Essen fehlt es. Während die Kinder in den Städten der sowjetischen Besatzungszone schon seit 1946 kostenlos frische Milch und ein warmes Essen erhalten, müssen die Menschen auf dem Land selber sehen, wie sie ihre Kinder satt bekommen.

Es gab nichts. Die Mutti hat die Schnitten gemacht. Manche Kinder hatten die Schnitten sogar in Zeitungspapier gewickelt am Anfang. Wir kamen irgendwie zu einem Butterbrotpapier – das wurde bis zu 14 Tage benutzt. Gedreht, gewendet, feucht abgewischt und wieder genommen.

Dorit Seeber

Butterbrötchen bei den Pionieren

Weil es dort etwas zu essen gibt, geht Dorit schließlich zu den Pionieren. Denn ab 1952 – sie ist jetzt in der fünften Klasse – organisiert die Kinderorganisation der DDR in Allmenhausen Ferienspiele.

Für eine Mark findet endlich etwas statt im Dorf und zweimal in der Woche gibt es für alle eine helle Semmel mit Butter und Wurst.

Ich weiß noch, dass ich diese Semmel immer aufklappte. Mit den Zähnen fuhr ich erstmal durch die Butter. Denn so dick haben wir nicht die Butter geschmiert. Und ich guckte dann hinterher nach dem Muster der Schneidezähne. Ich habe diese Semmeln geliebt. Schon wegen der Semmeln wäre ich in die Ferienspiele gegangen.

Dorit Seeber

Von der Schülerin zur Lehrerin

In der neuen Heimat bleibt Dorits Familie arm. Die Tochter versorgt nach der Schule Hühner und Gänse. Aber weil sie so gut in der Schule ist und es im Arbeiterstaat DDR nichts kostet, erlauben die Eltern ihr schließlich ein Studium. So wird Dorit Seeber 1959 selbst Grundschullehrerin. Über 40 Jahre lang hat sie Generationen von Schülern das ABC gelehrt.

Zuletzt aktualisiert: 07. September 2009, 11:29 Uhr