07. Juni 1905: Gründung der Künstlergemeinde "Die Brücke" Karl Schmidt-Rottluff

(1884-1976)

Am 1. Dezember 1884 kam Karl Schmidt in Rottluff bei Chemnitz zur Welt. Bereits während seiner Schulzeit entwickelte sich neben einem starken Interesse an Philosophie auch seine Begeisterung für die Kunst. Gemeinsam mit dem nur wenig älteren Erich Heckel besuchte er Ausstellungen im örtlichen Kunstverein. Die aus dieser Zeit stammenden Werke orientierten sich noch an dem vorherrschenden realistischen Stilideal. Als Motive interessierten ihn vor allem Landschaften. Die direkte Auseinandersetzung mit der Natur blieb auch für sein späteres Werk ein zentrales Thema.

1905 begann Schmidt-Rottluff ein Architekturstudium in Dresden, das er aber bereits nach wenigen Monaten wieder abbrach, um sich ganz der Malerei zu widmen. Im gleichen Jahr lernte er durch seinen Schulfreund Erich Heckel zwei weitere kunstbegeisterte Architekturstudenten kennen, Ernst Ludwig Kirchner und Fritz Bleyl. Gemeinsam gründeten die vier Studenten die Künstlergemeinschaft "Brücke". Neben den gemeinsamen künstlerischen Ansichten und Neigungen war der entscheidende Grund für den Zusammenschluss die Notwendigkeit einer festen Organisation, um auf diese Weise in gemeinsamen Ausstellungen an die Öffentlichkeit treten zu können. Ein Grundanliegen der „Brücke", das sie mit vielen anderen Künstlergemeinschaften jener Zeit teilte, war der Wunsch, die ursprüngliche Suggestionskraft der Kunst zu erneuern. Um das zu erreichen, wollten die Künstler sich von der rationalen Sehweise des gebildeten Europas loslösen und setzten sich stattdessen mit außereuropäischen Kulturformen und Primitivismus auseinander.

Viele Zeitgenossen empfanden Bilder wie die Schmidt-Rottluffs als roh und ungehobelt. Man kritisierte, machte sich lustig und sah in den Werken häufig nur Ausgeburten subjektiver Willkür und hemmungsloser Sensationsmache, während die Künstler selbst ihre rigorose Formverknappung als etwas entwicklungsgeschichtlich Notwendiges begriffen. Während seiner Zeit bei der "Brücke" entdeckte Schmidt-Rottluff seine Begeisterung für das Meer.

Fasziniert von der klaren Landschaft und der Kraft des Wassers, sah er sich zusammen mit Heckel nach einer dauerhaften Bleibe am Meer um. Sie fanden sie in Dangast, einem winzigen Nordseebad am Jadebusen. Von 1907 bis 1912 hielt sich Schmidt-Rottluff dort jährlich mehrere Monate auf. Während seiner Aufenthalte gelangte Schmidt-Rottluff nach intensiven, einsamen Auseinandersetzungen mit seiner Umgebung zu dem farbigen Flächenstil, der für die "Brücke" charakteristisch wurde.

Mit dem Unzug der "Brücke" nach Berlin 1911 lockerte sich der Zusammenhalt der Künstler, die nun begannen eigene Wege zu gehen. Als sich die "Brücke" 1913 auflöste, traf das Schmidt-Rottluff sehr. Zwar war ihm nie an einer allzu großen Vertrautheit gelegen, doch der Rückhalt der Gruppe hatte ihm viel bedeutet. Die wachsende Vereinsamung empfand er als belastend. Um ihr entgegenzuwirken, verbrachte Schmidt-Rottluff den Sommer 1914 mit seiner Schwester und ihrer Freundin im Holsteinischen Hohwacht. Der Ausbruch des Krieges zwang sie jedoch, nach Berlin zurückzukehren, und 1915 wurde Schmidt-Rottluff eingezogen, so dass er für Jahre nicht mehr malen konnte.

Mit dem Ende des Krieges 1918 begann das Publikum, die Künstler des Expressionismus anzuerkennen. Obwohl Schmidt-Rottluff das Interesse der Öffentlichkeit zu schätzen wusste, wollte er doch weitab vom Großstadtbetrieb neuen Boden für sein Schaffen finden. Immer noch stand das Zwiegespräch zwischen dem Künstler und der intensiv erlebten Natur im Vordergrund. Im Sommer 1920 fand Schmidt-Rottluff in Jershöft, einem kleinen Fischerdorf in Hinterpommern an der Ostsee, den Ort, an dem er die untrennbare Einheit von Mensch und Natur in ihrer Ursprünglichkeit spüren konnte.

Mit den dreißiger Jahren begann für Karl Schmidt-Rottluff eine schwere Zeit. 1937 bereits als "entarteter" Künstler gebrandmarkt, erhielt er 1941 Malverbot. Schockiert vom politischen Geschehen in Deutschland zog Schmidt-Rottluff sich immer weiter in die Einsamkeit, in das Fischerdorf Rumbke am Lebasee, zurück. Es kamen die Jahre der "ungemalten Bilder", in denen sich Schmidt-Rottluff in kleine Formate von farbigen Blättern flüchtete. 1943 wurde das Atelier, in dem er die Bilder aufbewahrte, zerbombt und die Bilder vernichtet.

Nach Kriegsende erfuhr Schmidt-Rottluff wieder mehr Anerkennung durch die Öffentlichkeit. Seine Geburtsstadt Chemnitz trug ihm 1946 die Ehrenbürgerschaft an und im folgenden Jahr erhielt er einen Ruf nach Berlin an die Hochschule der Bildenden Künste. Dennoch war Schmidt-Rottluffs Neuanfang in Berlin nicht leicht. Zwar wurde seine Kunst jetzt offiziell anerkannt, doch es bestanden keine Reisemöglichkeiten, um neue Eindrücke zu sammeln, und das neue Atelier war noch fremd. Die Erlebnisse der arbeitslosen Kriegsjahre machten einen schnellen Neubeginn sicherlich auch nicht leicht. Im Herbst 1949 reiste er nach Ascona. Der Einfluss der verschiedenen Landschaften ließ neue Bilder in ihm wachsen. Von nun an konnte er wieder ausgedehnte Reisen, besonders an die Ostsee unternehmen, die für sein künstlerisches Schaffen so wichtig waren.

1964 gab Schmidt-Rottluff das Malen auf großen Leinwänden auf, da dem 70jährigen dafür die Kraft fehlte und wandte sich stattdessen der Aquarellmalerei zu. Am 10. August 1976 starb Schmidt-Rottluff in Berlin im Alter von 91 Jahren. Sein künstlerischer Nachlass ging an das 1967 gegründete "Brücke"-Museum in Berlin, wo auch heute noch viele seiner Werke zu sehen sind.

Zuletzt aktualisiert: 05. Dezember 2005, 16:16 Uhr