Spezial zur Doku "Nazis in der DDR?" | 29.11.2016 | 22:05 Karrieren vor 45 - Karrieren nach 45

Nazi-Karrieren in der DDR - gab es die überhaupt? Wie war das mit der Entnazifizierung in der DDR und in der Bundesrepublik? Die spannende Geschichte vom Umgang mit der NS-Vergangenheit in beiden deutschen Staaten.

Nazi-Karrieren in der DDR - gab es die überhaupt? Einem wohlgepflegten Mythos zufolge waren "alle Nazis in den Westen gegangen", vertrieben oder bestraft worden. In der DDR war der Antifaschismus staatstragende Ideologie. So umging das Land elegant eine öffentliche Debatte um das eigene Erbe der Vergangenheit. Die NS-Zeit, die Täter und der Umgang mit ihnen wurde hinter den "antifaschistischen Schutzwall" gekehrt: Auf dass sich der Westen damit auseinandersetze, denn der Osten war befreit von denen, die das NS-Regime gestützt hatten.

Politisches Dynamit im geheimen DDR-Archiv

Unter der Oberfläche dieser Legende sah es ganz anders aus. In einem ehemaligen Wohn-und Fabrikgebäude in Berlin Hohenschönhausen hütete das Ministerium für Staatssicherheit eine brisante Sammlung: elf Kilometer Original-Schriftgut aus der NS-Zeit und Millionen von abfotografierten Mikrofilmaufnahmen aus den Ostblockstaaten. In diesem geheimen Archiv durchleuchtete die DDR die Vergangenheit der eigenen Bürger. Informationen über Bundesbürger nutzte die DDR als Propagandamaterial, um dem Westen einen "sorglosen Umgang" mit der NS-Vergangenheit vorzuwerfen.   

Wie war das eigentlich mit der Entnazifizierung in der DDR?

Offiziell wurde in der sowjetisch besetzten Zone die Entnazifizierung schnell und konsequent betrieben. Der Elitenaustausch an strategisch wichtigen Punkten sollte der kommunistischen Führung wichtige Machtbereiche sichern. In Justiz, Polizei, innerer Verwaltung, öffentlichem Dienst und Schule sollte niemand mit NS-Vergangenheit sitzen. Keiner sollte dem jungen Staat, der sich als das antifaschistische Land schlechthin darstellte, wegen ehemaliger NS-Funktionäre an staatstragenden Stellen am Zaune flicken können. In Schau- und Schnellprozessen verurteilten die Sowjets im Jahr 1950 Gefangene wegen angeblicher oder tatsächlicher NS-Verbrechen. Mit den Waldheimer Prozessen hatte sich die DDR des Faschismus und seiner Täter öffentlichkeitswirksam entledigt.

Otto Grothewohl sagte anlässlich der Eröffnung der KZ-Gedenkstätte Buchenwald im Jahr 1958:  

Der Hitlerfaschismus wurde 1945 militärisch zerschlagen. Aber er wurde nur in einem Teil Deutschlands, in der Deutschen Demokratischen Republik, mit der Wurzel ausgerottet.

Otto Grothewohl

Wenige Jahre später, 1964, konstatierte auch Justizministerin Hilde Benjamin:

Auf dem Gebiet der Deutschen demokratischen Republik wurden alle Nazi- und Kriegsverbrecher, derer wir habhaft werden konnte, ihrer gerechten Strafe zugeführt. Aber was in der Deutschen Demokratischen Republik schon Geschichte ist, ist in der Westdeutschen Bundesrepublik noch aktuelle Aufgabe.

Hilde Benjamin

Und die Entnazifizierung in der Bundesrepublik?

In den Westzonen konzentrierte sich das Entnazifizierungsprogramm unter Federführung der Amerikaner zunächst auf die breite Masse der Hitler-Anhänger. Sie wurden mittels eines sechs Seiten langen Fragebogens mit 131 Fragen schließlich in fünf Kategorien eingestuft: "Hauptschuldige", "Belastete","Minderbelastete", "Mitläufer" und "Entlastete". Die meisten wurden von sogenannten Spruchkammern als Mitläufer - und damit als entlastet - eingestuft. Ende der 1940er-Jahre kippte zudem die Stimmung gegenüber Strafverfolgung und Entnazifizierung. Der Kalte Krieg lief zu Hochtouren auf.

Viele hochbelastete Nazis wurden freigesprochen und bauten sich ein normales Leben und neue berufliche Karrieren als unbescholtene Bürger auf. Wie war das möglich? Nach den Pariser Verträgen von 1954 konnte die deutsche Justiz niemanden verfolgen, den die Alliierten schon anderswo verurteilt hatten. Artikel 16 des Grundgesetzes schützte die im Ausland Verurteilten vor der Auslieferung. Das wurde erst 1971 geändert.