Außenansicht Spezialager Sachsenhausen mit Plakat, Aufschrift:
Bildrechte: Spur der Ahnen

Zum Schweigen verurteilt Das große Tabu in der DDR: Sowjetische Speziallager  

Außenansicht Spezialager Sachsenhausen mit Plakat, Aufschrift:
Bildrechte: Spur der Ahnen

Alles, was mit den Speziallagern der Sowjets in den frühen Nachkriegsjahren zu tun hatte, war in der DDR in einen großen Mantel des Schweigens gehüllt. Wer warum, für wie lange in einem solchen Lager verschwand, darüber wurde nicht gesprochen. Viele Familien wussten jahrelang nicht, wohin Väter, Söhne oder Töchter verschwunden waren. Über Todesfälle in den Lagern informierten nur diejenigen, die entlassen wurden. Wer das Speziallager überlebte, wurde vor der Entlassung unter Strafandrohung zum Schweigen verpflichtet.

Warum Speziallager und für wen?

Hintergrund für diese Lager war das im Februar 1945 gemeinsam formulierte Ziel der alliierten Kriegsmächte: "Der deutsche Militarismus und Nazismus sollte vernichtet werden“. Das "Volkskommissariat für innere Angelegenheiten der jungen UdSSR", kurz NKDW, beschrieb die Umsetzung dieses Ziels im Befehl Nr. 00315 einigermaßen schwammig: "Zu internieren sind Mitglieder und Funktionsträger aller NS-Organisationen bis hin zu Verwaltungsbeamten, "Zeitungs- und Zeitschriftenredakteure und Autoren antisowjetischer Veröffentlichungen." Das hatte zur Folge, dass zum Beispiel im Speziallager Buchenwald im Januar 1946 eine ziemlich homogene Gruppe Verdächtigter einsaß - von den 5.601 Häftlingen waren 4.632 aktive NSDAP-Mitglieder gewesen. Außerdem waren 309 Angehörige der SS, SA und anderer militärischen Organe, 189 Polizisten und 104 Personen aus der Hitlerjugend inhaftiert. Die Feststellung der individuellen Schuld gab es dabei nicht. Wie auch bei den Internierten in anderen Spezialagern waren selten hohe Funktionsträger des NS-Systems.

Sowjetische Speziallager

Schematische Karte der ehemaligen Internierungslager der sowjetischen Besatzungsmacht auf dem Territorium der DDR, aufgenommen am 30.03.1990.
DDR-Karte der ehemaligen Internierungslager der sowjetischen Besatzungsmacht in der DDR. Bildrechte: dpa
Schematische Karte der ehemaligen Internierungslager der sowjetischen Besatzungsmacht auf dem Territorium der DDR, aufgenommen am 30.03.1990.
DDR-Karte der ehemaligen Internierungslager der sowjetischen Besatzungsmacht in der DDR. Bildrechte: dpa
Speziallager Fünfeichen
Die Nazis hatten das ehemalige Gut Fünfeichen in Neubrandenburg zu einer Kasernenanlage umgebaut und erweiterten es ab 1939 als Kriegsgefangenenlager. Von April 1945 - bis Oktober 1948 diente es dem sowjetischen Geheimdienst NKWD als Speziallager. Etwa 15.400 Menschen - darunter 20 Prozent Jugendliche - werden interniert, bis zur Auflösung 1949 starben mehr als 4900 Inhaftierte. Anders als in den übrigen Lagern arbeiteten die Gefangenen in der Landwirtschaft. Seit April 1993 erinnert eine Mahn- und Gedenkstätte auch an die Opfer der sowjetischen Speziallagers. Bildrechte: dpa
Die Gedenkkapelle auf dem Gräberfeld am Karnickelberg in Bautzen (Sachsen), aufgenommen am 19.11.2013.
Die sowjetische Besatzungsmacht nutzt das Gefängnis Bautzen von Mai 1945 - Februar 1950 als Speziallager. Von den insgesamt über 27.000 Insassen starben mindestens 3.000 durch Hunger und Krankheit. Die meisten von ihnen wurden auf dem benachbarten "Karnickelberg" verscharrt. Nachdem die sowjetische Besatzungsmacht 1950 das Lager auflöste und an die Behörden der DDR weitergab, wechselte für die mehr als 6.000 Eingesperrten nur der Bewacher. 330 wurden später ins Zuchthaus Waldheim überführt und mit mehr als 3000 anderen Häftlingen aus anderen Speziallgern in den Waldheimer Prozessen der DDR abgeurteilt. Bildrechte: dpa
Eine Gedenkstätte für die Stalin-Opfer, die als Internierte nach 1945 im Speziallager des ehemaligen KZ Sachsenhausen umgekommen sind, im Wald bei Schmachtenhagen.
Gedenkstätte auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Sachsenhausen. Der sowjetische Geheimdienst NKWD nutzte das ehemalige Konzentrationslagers als "Speziallager Nr. 7", bzw als 1948 als Lager Nr. 1. Bis zur Auflösung im März 1950 waren im Speziallager Sachsenhausen mehr als 60.000 Personen inhaftiert. Mindestens 12.000 starben in der Zeit an Krankheiten, Hunger, Hunger, psychische und physische Entkräftung. Bildrechte: dpa
Holzkreuze stehen auf dem Areal des ehemaligen sowjetischen Speziallagers Nr. 2 in Buchenwald
Nach offiziellen sowjetischen Angaben waren im Speziallager Buchenwald 28.455 Menschen zwischen 1945 und Februar 1950 eingesperrt, darunter auch etwa 1.000 Frauen. Welcher Schuld der einzelne trug, wurde nicht gesondert festgestellt. Die DDR errichtete bei den Massengräbern des KZ am Südhang des Ettersberges 1958 ein weithin sichtbares KZ-Denkmal. Die Geschichte des sowjetischen Speziallagers wurde nicht erwähnt. Bildrechte: dpa
Torgau (Sachsen): Auf einer Tafel in der Justizvollzugsanstalt Torgau steht <Zur Erinnerung an die Opfer der Gewaltherrschaft im Fort - Zinna>.
Errichtet auf dem Gelände und den Baracken des ehemaligen NS-Konzentrationslagers Lieberose, einem Außenlager des KZ Sachsenhausen, nördlich von Cottbus. Es bestand bis April 1947 und hatte etwa 3400 Insassen. Bildrechte: dpa
Gedenkstätte Speziallager Mühlberg
6.766 Namen stehen auf 32 Bronzeplatten. Sie erinnern an die Toten des sowjetischen Speziallagers Nr. 1 bei Mühlberg, einem kleinen Städtchen an der Elbe 80 Kilometer nordwestlich von Dresden. Von 1945 bis 1948 waren dort etwa 21.800 Personen inhaftiert.
Das ehemalige Kriegsgefangenenlager der Nazis von hatten im Krieg etwa 300.000 Kriegsgefangene durchlaufen.
Bildrechte: dpa
Eine trauernde Frau bringt ein Blumengebinde zur neuen Gedenkstätte für die Opfer des NKWD, des sowjetischen Geheimdienstes vor Gründung des KGB, in Berlin-Hohenschönhausen.
Das sowjetische Speziallager Nr.3 war das einzige Lager seiner Art in Berlin. Zwischen Mai 1945 und Oktober 1946 waren dort schätzungsweise 20.000 Häftlinge inhaftiert, etwa 1000 starben in der Zeit im Lager. Bildrechte: dpa
Gedenkstein für die Opfer der Kriegsgefangenenlager in Ketschendorf.
Etwa 10.000 Zivilisten, Männer, Frauen, Kinder und Jugendliche sind im Speziallager Ketschendorf eingesperrt und 4.620 sterben dort an Hunger und Krankheiten. Sie werden hinter dem Lager in Massengräbern verscharrt. Erst 1952, als dort ein neues Wohngebiet erschlossen werden soll, werden die Toten entdeckt und klammheimlich in einen nahegelegenen Kriegstotenfriedhof umgebettet. Ironie der Geschichte: An den ursprünglichen Besitzer des Geländes, der Berliner Industrielle Siegfried Hirschmann, der wegen seines jüdischen Glaubens seinen Besitz auch in Ketschendorf aufgeben musste, erinnert auf dem Gelände heute nichts mehr. Bildrechte: imago stock&people
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Verdächtigungen und Beschuldigungen

Spätere Verhaftungen betrafen vielfach Personen, die der Spionage beschuldigt wurden oder der Besatzungsmacht  als gefährlich erschienen. Auch Fälle von Denunziation wurden bekannt - begünstigt dadurch, dass die sowjetischen Ortskommandanturen Einheimische mit Orts- oder Personenkenntnissen als Informationsquelle nutzten.

Die Lager und ihre Insassen

Insgesamt gab es anfangs zehn solcher Lager in der sowjetisch besetzten Zone - zum Teil wurden ehemalige Konzentrationslager der Nazis umgenutzt, oder wie in Ketschenberg bereits vorhandene Gebäude umgenutzt: Mühlberg, Buchenwald, Berlin-Hohenschönhausen, Bautzen, Ketschendorf, Frankfurt Oder/Jamlitz, Werneuchen/Wessow in Sachsenhausen, Fort Zinna in Torgau und Fünfeichen. Einer NKDW-Statistik vom November 1949 zufolge waren 122.671 Deutsche in sowjetischen Speziallagern interniert. Demnach wurden bis 1950 gut 45.000 entlassen - 37 Prozent. Mehr als 42.000 waren in den Lagern gestorben und wurden namenlos, oftmals in Massengräbern unweit der Lager verscharrt. 756 der Insassen wurden zum Tode verurteilt. Weitere knapp 20.000 wurden deportiert; nach Auflösung der Lager wurden noch 14.202 Insassen in DDR-Gefängnisse überstellt. Viele Häftlinge wurden auch in Zwangsarbeits- bzw. Kriegsgefangenenlager in der Sowjetunion verschleppt, um dort schwerste Arbeiten zu leisten.

  Das Leben im Speziallager

Ein handgeschriebener Brief
Dieser Brief einer jungen Frau wurde in einem Kassiber aus dem Speziallager 7 geschmuggelt: Leonore Bellotti war mit ihrer Mutter wegen "antisowjetischer Propaganda und Agitation" und "Verleumdung der Roten Armee" zu 5 Jahren Haft verurteilt worden. Bildrechte: dpa

Im Gegensatz zu den Konzentrationslagern der Nazis zielten die sowjetischen Lager nicht auf die Vernichtung der Insassen, sondern auf deren Isolierung. Der Alltag in den Lagern war geprägt von Hunger, Krankheiten und Zeit, die es totzuschlagen galt. Inhaftierte ohne spezielle Funktion im Lager widmeten sich in kleinen Gruppen Gedichten, Sprachen, Filmnacherzählungen, Theaterstücken und so genannten "Kochkursen", die darin bestanden, dass man Kochrezepte austauschte. Briefeschreiben war genau wie Bücherbesitz verboten. Trotz Beschlagnahmungen kursierten Restbestände der alten Lagerbücherei und auch eingeschmuggelte Bücher. Sie waren mehr als nur als Lesestoff begehrt – ein Buchverleih besserte dem Besitzer die karge Essensration auf - ein Ausleihtag war eine Portion Zucker oder 50 g Brot wert. Kontakt nach außen, zumBeispiel über Briefe, war zwar strengstens verboten, konnte aber nicht immer verhindert werden.

Das lange Schweigen nach dem Lager

Details über die Verhaftungen, Verhörmethoden und das Leben in den Speziallagern wurden erst nach 1990 bekannt: Zeitzeugen schildern Einschüchterungen durch Scheinexekutionen, Schläge sowie Essens- oder Schlafentzug und dadurch erzwungene Unterschriften unter auf Russisch verfassten Vernehmungsprotokollen. Wer aus einem Speziallager entlassen wurde, stand vor einem doppelten Dilemma. Einerseits durfte er nicht erzählen, wo er war und was er erlebt hatte, weil das unter Strafe stand. Wer geredet hätte, hätte sich selbst stigmatisiert: Ein Aufenthalt im Speziallager deutete auf eine zweifelhafte Vergangenheit im SS-Staat – was einen denkbar schlechten Start für das Leben nach dem Lager bedeutet hätte. So waren ehemalige Speziallager-Häftlinge gleich doppelt zum Schweigen gezwungen. - Heute werden in den Gedenkstätten der ehemaligen Konzentrationslager auch deren spätere Nutzung als sowjetische Speziallager sowie deren Insassen thematisiert.

Zuletzt aktualisiert: 14. Juni 2017, 17:05 Uhr