Das undatierte Archivbild zeigt Königin Elizabeth (M) während des Zweiten Weltkrieges in London. Umringt von Frauen des Women's Voluntary Service schaut sie in einen Topf mit dampfender Suppe, die an Bedürftige ausgegeben werden soll.
Queen Elizabeth, die Mutter der späteren Königin Elizabeth II., besucht während des Zweiten Weltkriegs eine öffentliche Suppenausgabe Bildrechte: dpa

Essen & Geschichte Von der Armenküche zur Suppenbar

Das undatierte Archivbild zeigt Königin Elizabeth (M) während des Zweiten Weltkrieges in London. Umringt von Frauen des Women's Voluntary Service schaut sie in einen Topf mit dampfender Suppe, die an Bedürftige ausgegeben werden soll.
Queen Elizabeth, die Mutter der späteren Königin Elizabeth II., besucht während des Zweiten Weltkriegs eine öffentliche Suppenausgabe Bildrechte: dpa

Früher war die Suppe ein Essen für arme Leute: Ein wässriges Etwas, angereichert mit dem, was Feld, Wald, Fluss, Meer oder See gerade hergaben. Im Laufe der Jahrhunderte haben sich die Suppenküchen der Katastrophen- oder Kriegszeiten zu Lifestyle-Lokalen gemausert.

Für den Ernährungsexperten Christoph Klotter ist die ganze Menschheitsgeschichte bestimmt von der Erfahrung des Hungers und dem Versuch zu überleben:

Wir leben im Schlaraffenland heute, das schätzen wir gar nicht, erkennen es gar nicht an. Aber alle Generationen vor uns kannten Hunger, Hungersnöte. Und ganz viele Menschen sind gestorben am Hunger. Und wenn wir zurückschauen bis ins 19. Jahrhundert, war der Kindsmord das Übliche, weil die Familien nicht genug zu essen hatten. Und der Kindsmord wurde auch nicht geahndet.

Christoph Klotter

Das dem Hunger Kinder geopfert werden, wurde auch damals schon von Generation zu Generation weitergegeben - im Märchen "Hänsel und Gretel" der Gebrüder Grimm. Das Geschwisterpaar wird zwar nicht direkt getötet, sondern im Wald ausgesetzt, "bevor wir alle Hungers sterben", wie es in der Geschichte heißt. Ihr Tod wird in Kauf genommen, damit nicht die ganze Familie stirbt.

Die Kirche nährt die Armen, bis die Fabriken sie als Arbeiter brauchen

Historisches Bild: Viele Menschen drängen sich um einen Hauseingang aus dem es dampft
Suppenausgabe in einem französischen Dorf, etwa 1917 Bildrechte: IMAGO

Lange Zeit ist die Kirche der einzige Almosengeber für Bedürftige. Die erste unabhängige deutsche Suppenküche entsteht 1849 in Leipzig, während der deutschen Revolution, nach einer katastrophalen Missernte. Die Industriegesellschaft steckt in den Kinderschuhen und der moderne Staat und seine Arbeitgeber brauchen eine leistungsstarke Bevölkerung. Menschen, die vom Hunger ausgezehrt sind, können schlecht arbeiten. Das sollen nun die Suppenküchen richten. Nicht nur in Deutschland gibt es öffentliche Suppenküchen, auch in anderen Ländern Europas.

Hunger an allen Fronten

Zwei Soldaten schleppen einen Kessel
Britische Soldaten tragen im Ersten Weltkrieg Suppe durch einen Schützengraben Bildrechte: IMAGO

Auch während des ersten Weltkrieges sind Suppenküchen an der Front und daheim permanente Einrichtungen. Krieg und Wirtschaftsblockaden gegen Deutschland und strenge Winter verknappen die Nahrungsmittelversorgung. Eines eint die Soldaten an allen Fronten - der Hunger und die Suppen, die sich aus den vorhandenen Nahrungsmitteln kochen lassen.

Suppenküchen zu Kriegszeiten

Kriegszeiten waren immer Hoch-Zeiten für die Suppenküche - an der Front und zu Hause für die darbende Bevölkerung. Die praktische Zubereitung und der unkomplizierte Verzehr machten den Kessel zur ständigen Einrichtung.

Feldküche im Ersten Weltkrieg
Alles in einem großen Kessel gekocht - auch die praktische Zubereitung und der Verzehr mit nur einem Besteckteil lässt Suppe aus der Feldküche zum Soldatengericht Nr. 1 werden - wie hier bei diesen Soldaten im Ersten Welkrieg in Flandern. Bildrechte: IMAGO
Feldküche im Ersten Weltkrieg
Alles in einem großen Kessel gekocht - auch die praktische Zubereitung und der Verzehr mit nur einem Besteckteil lässt Suppe aus der Feldküche zum Soldatengericht Nr. 1 werden - wie hier bei diesen Soldaten im Ersten Welkrieg in Flandern. Bildrechte: IMAGO
Britische Soldaten tragen im Ersten Weltkrieg Suppe durch einen Schützengraben
Ein Suppenkessel kann auch durch Schützengräben getragen werden - wie von diesen britischen Soldaten im Ersten Weltkrieg. Bildrechte: IMAGO
englische fahrbare Suppenküche
Weiter weg von der Front ist mehr möglich: Das britische Rote Kreuz besitzt auch Suppenküchen-Autos. (Zeichnung von 1916) Bildrechte: IMAGO
belgische öffentliche Suppenküche
Wie den Soldaten, so dem Volk: Im Ersten Weltkrieg wird in Belgien die Bevölkerung mit der sogenannten "Volkssuppe" versorgt - es gibt sie in der Gemeinde billig zu kaufen und Schulkinder erhalten sie gratis. Bildrechte: IMAGO
Suppenausgabe an die französische Bevölkerung
Wie sich die Szenen ähneln: Während des Ersten Weltkrieges wird auch in Frankreich Suppe an die Bevölkerung ausgegeben. Bildrechte: IMAGO
Das undatierte Archivbild zeigt Königin Elizabeth (M) während des Zweiten Weltkrieges in London. Umringt von Frauen des Women's Voluntary Service schaut sie in einen Topf mit dampfender Suppe, die an Bedürftige ausgegeben werden soll.
Neuer Weltkrieg - die Suppenküche bleibt. Hier besucht Queen Elizabeth - später als Queen Mum legendär geworden - in den Jahren des Zweiten Weltkriegs eine Essensausgabe für Bedürftige in London. Bildrechte: dpa
Alle (6) Bilder anzeigen

Die Situation verschärft sich während der Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er-Jahre: Firmen brechen zusammen und Banken schließen. Zwischen September 1929 und Anfang 1933 sind in Deutschland mehr als sechs Millionen Menschen arbeitslos und haben kein Geld, um sich Essen zu kaufen. Plötztlich gewinnt die warme Suppe an der Ecke politisches Gewicht. Historiker Klotter sagt:

Diese Suppenküche ist ein Teil von Propaganda. Da schreibe ich auf meinen Suppentopf: Ich bin die und die Partei, bitte wählt mich! Es war ganz klar ein politisches Instrument, um die Massen zu gewinnen. Gerade in der Zeit der Weimarer Republik war das extrem populär.

Christoph Klotter

Ob KPD oder Nationalsozialisten - alle Parteien versprechen, die Menschen vom Hunger zu befreien, und versuchen, die Wähler mit kostenlosen Suppenrationen für sich zu gewinnen.

Jahrzehnte später, als die mageren Nachkriegsjahre Geschichte sind und es wieder genug gibt, verliert die Suppe ihr Image als Mangelspeise oder Essen der Armen. Allerdings gibt es bis heute beides – hippe Suppenküchen, für diejenigen, die nicht aufs Geld gucken müssen, aber eben auch Suppenküchen für solche, denen es an allem fehlt – und zwar nicht nur in Kriegsgebieten, sondern auch in Deutschland.

Über dieses Thema berichtet der MDR auch im TV: MDR Zeitreise | 27.06.2017 | 21:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 29. September 2017, 08:59 Uhr

Mehr zum Stichwort Suppe

Die Suppe im deutschen Wortschatz

"Es zieht wie Hechtsuppe" oder man hat "jemandem die Suppe versalzen" - woher kommen solche Redensarten und was steckt geschichtlich dahinter? PS: Wer hier ein Haar in der Suppe findet, darf es behalten.

Der Struwwelpeter von Heinrich Hoffmann. Hier  in der bereits 400. Ausgabe von 1917.
"Nein, meine Suppe ess ich nicht!" Seit dem Kinderbuchklassiker "Der Struwwelpeter" werden kindliche Suppen-Verweigerer "Suppenkasper" getauft. Bildrechte: Rütten & Loening
Der Struwwelpeter von Heinrich Hoffmann. Hier  in der bereits 400. Ausgabe von 1917.
"Nein, meine Suppe ess ich nicht!" Seit dem Kinderbuchklassiker "Der Struwwelpeter" werden kindliche Suppen-Verweigerer "Suppenkasper" getauft. Bildrechte: Rütten & Loening
Ein Hecht in einem Aquarium im Natur- und Landschaftsmuseum Müritzeum in Waren an der Müritz.
"Hier zieht es wie Hechtsuppe" Diese Redensart hat nichts mit dem Hecht und einer Suppe zu tun. Vielmehr kommt sie aus dem Hebräischen "hech supha" – das bedeutet "Sturmwind". Bildrechte: dpa
Soldaten der französischen Armee im Ersten Weltkrieg (1914-1918). Ausgelöst durch die tödlichen Schüsse auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand durch serbische Nationalisten am 28.06.1914 in Sarajevo brach im August 1914 der Große Krieg (später als 1. Weltkrieg bezeichnet) aus. Es kämpften die Mittelmächte, bestehend aus Deutschland, Österreich-Ungarn sowie später auch das Osmanische Reich (Türkei) und Bulgarien gegen die Tripelentente, bestehend aus Großbritannien, Frankreich und Russland sowie zahlreichen Bündnispartnern. Die traurige Bilanz des mit der Niederlage der Mittelmächte 1918 beendeten Weltkriegs: Rund 8,5 Millionen Gefallene, über 21 Millionen Verwundete und fast 8 Millionen Kriegsgefangene und Vermißte.
"Du musst die Suppe auslöffeln, die du dir eingebrockt hast!" Französische Soldaten beim Suppelöffeln im Ersten Weltkrieg: Sie mussten die Suppe auslöffeln, die ihnen andere eingebrockt hatten. - Die Redensart an sich stammt aus einer römischen Komödie: "Tute hoc intristi, tibi omne est exedendum“ – so dichtete ein römischer Komödienschreiber. Er ahnte wohl kaum, dass sein Vers einmal zum geflügelten Wort werden würde. Bildrechte: dpa
Eine Hand hält einen Salzstreuer.
"Das Salz in der Suppe sein“ Erst durch Salz wird eine Suppe schmackhaft. Die Redewendung deutet an, wie sich der Salzwert gewandelt hat. Heute für wenige Cent zu haben, war Salz einst "weißes Gold" und machte Städte wie Halle an der Saale reich. Im Märchen "Der Salzkönig" muss ein König lernen, ohne Salz zu leben, weil er seine jüngste Tochter verstoßen hat, die ihn mehr liebt als das Salz, und er sich geringgeschätzt fühlt. - Denkbar ist auch ein Zusammenhang mit der Bergpredigt in der Bibel, in dem es über die Christen heißt: "Ihr seid das Salz der Erde". Bildrechte: Colourbox.de
Das Foto zeigt eine
"Der ist echt 'ne arme Suppe" – umgangssprachliche Bezeichnung für einen Menschen, den man bedauert. Die Redensart deutet den Imagewandel der Suppen an – Suppen, einst ein wässriger Sattmacher für Arme oder die ganze Bevölkerung zu Katastrophen- und Kriegszeiten. So wie die originale französische Fischsuppe "Bouillabaisse",  einst ein Arme-Leute-Essen in Frankreich, heute als Delikatesse von Feinschmeckern geschlürft. Bildrechte: dpa
Alle (5) Bilder anzeigen