Ferien in der DDR Als Westkind im Ostferienlager

Ferienlager bedeutete für Kinder einen unbeschwerten Sommer mit Lagerfreuer, Natur und ersten Romanzen. In vielen Ferienlagern an der Ostsee, im Harz oder im Thüringer Wald waren auch Kinder aus dem Westen dabei. Heidi Zeidler fuhr 1955 als 12-Jährige das erste Mal von Nordrhein-Westfalen aus in die DDR ins Ferienlager. Später traf sie eine Entscheidung, die ihr Leben ändern sollte. 

Als Westkind im Ostferienlager

Wandern in den Wäldern von Brandenburg, baden in der Ostsee am Darß: Bis heute gibt es für Heidi Zeidler nichts Schöneres als Ferien in der DDR. Die Rentnerin blättert in ihrem Fotoalbum und erinnert sich: 1955, da ist sie 12 Jahre alt, fährt sie zum ersten Mal von West nach Ost, nach Bad Saarow ins Ferienlager. Zuhause ist sie zu der Zeit eigentlich im westfälischen Höxter. Vater und Mutter sind sind hochrangige Funktionäre der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) und haben wenig Zeit für Urlaub mit der Tochter.

Für mich war es ein riesengroßes Abenteuer, muss ich sagen. Es war für die Kinder alles da. Zu trinken gab es die schöne Brause, die ich heute noch mag. Wir hatten keine Berührungsängste.

Heidi Zeidler, fährt mit 12 Jahren das erste Mal in ein DDR-Ferienlager

Für Heidi Zeidler ist die Zeit in der DDR ein sorgenfreies Zusammensein mit anderen Kindern in der DDR, mit denen sie sich "ganz normal" anfreundet. Zuhause im Westen ist das Mädchen bereits in die KPD-Arbeit einbezogen, hilft dabei, Flugblätter und Wahlplakate herzustellen und ist als Kurier unterwegs und trägt Zeitungen aus. Doch nicht nur die Kinder von Kommunisten fahren in die DDR. Die Ferienlager-Aktion "Frohe Ferien für alle Kinder", organisiert von einem Verein, kommt allgemein im Westen gut an.

Die Aktion "Frohe Ferien für alle Kinder"

Historiker Jens Niederhut
Historiker Jens Niederhut ordnet die Ferienaktion in den zeitlichen Kontext der 1950-er Jahre ein. Bildrechte: MDR/Thomm TV

Kostenlose Ferien jenseits des Eisernen Vorhangs - dieses Angebot war in den 1950er Jahren für viele westdeutsche Familien attraktiv, erklärt Historiker Jens Niederhut. Die Luft im Ruhrgebiet ist schlecht, die Ernährungslage noch schwierig. Ferien, in denen sich Kinder erholen können, ist demnach ein wichtiger Aspekt sozialer Arbeit. Am 6. Mai 1954 veröffentlichten die Tageszeitungen in der DDR einen Aufruf an alle westdeutschen Eltern, Lehrer und Kinder, mit dem die Kinder der Bundesrepublik zu Ferienaufenthalten in der DDR eingeladen werden. Die Kosten sind gering, wer bedürftig ist, muss nichts bezahlen. Zwischen 1954 bis 1960 rollen so Jahr für Jahr Sonderzüge von West- nach Ostdeutschland. 1954 sind über 20.000 Kinder an Bord. 1955 reisen fast 50.000 Kinder mit dem Sonderzug gen Osten.

Für die DDR ist das ein gelungener Propagandacoup im Wettstreit der Systeme. Dabei geht es um die Frage, welches Land ist das sozialere? Welches tut mehr für seine Kinder? Die sozialen Errungenschaften der DDR sehen dabei gut aus im Vergleich zu den Mängeln der westdeutschen Gesellschaft in den 1950-er Jahren. Doch das kostet die DDR auch etwas: 1,6 Millionen DM werden allein für Transport, Unterbringung und Verpflegung der westdeutschen Kinder in die DDR-Ferienlager ausgegeben. Entsprechend gut sind Unterbringung, Betreuung und Verpflegung.

Im Visier des Verfassungsschutzes

Die Verschickung der Kinder ist nicht illegal, aber den westdeutschen Regierungen in Bund und Ländern ein Dorn im Auge. Antikommunismus ist damals Hauptstoßrichtung der bundesdeutschen Politik. So werden die Ferienaktion und ihre Mitarbeiter ausgegrenzt und kriminalisiert, Politiker warnen vor "kommunistischen Erziehungseinflüssen" und beschreiben die Ferienaktion als "Gift für die Kinderseelen". Heidi Zeidler erinnert sich an die täglichen Fahnenappelle - darüber hinaus seinen die Ferienlager aber eher unpolitisch gewesen. Zwar kamen viele Kinder mit dem Sportabzeichen der FDJ oder auch dem Pionierhalstuch in die Bundesrepublik zurück - die Sport- und Freizeitsangebote hinterließen aber größeren bleibenden Eindruck.

Da wurden weder Gespräche über politische Dinge gesprochen, noch ist da ein Russe vorbeigekommen oder ein Politoffizier hat da was erzählt.

Heidi Zeidler, Tochter von KPD-Funktionären aus der Bundesrepublik

Ende der 1950-er Jahre gilt die Ferienaktion als kommunistische Unterwanderung der Bundesrepublik durch die Ost-SED. Einzelne Ferien-Aktivisten werden als Staatsfeinde verfolgt und auch verurteilt. Die wirksamste westdeutsche Reaktion auf die ostdeutschen Ferienlager ist, in ein eigenes Programm zu investieren. Staatliche Mittel für Ferienprorgramme von Kommunen, Wohlfahrtsverbänden und Kirchen werden massiv erhöht. Am 7. Juli 1961 wird die Ferienaktion dann durch die Innenminister des Bundes und der Länder verboten.

Eine folgenschwere Entscheidung

Heidi Zeidler hat zu dieser Zeit schon längst eine Entscheidung getroffen, die ihr Leben verändert: Sie will in die DDR ziehen und dort leben. Ausgelöst wird dies durch den 17. August 1956, als die KPD als verfassungsfeindlich eingestuft und verboten wird.

Ich habe dann die Lagerleitung gesprochen, ob ich denn nicht in die DDR kommen kann in so ein Internat mit Schule. – Frage: Sie meinen für immer? – Für immer, für immer, nicht nur für ein paar Wochen. Das wollte ich. Ich wollte unter Kindern sein, nicht mehr so vereinzelt und nicht immer aufpassen müssen, was ich sage.

Heidi Zeidler, das Ferienlager überzeugt sie von der DDR

Im Sommer 1957, ein Jahr später, siedelt die 15-jährige Heidi mit Erlaubnis ihrer Eltern direkt vom Ferienlager über in die DDR. Kurz danach werden Vater und Mutter wegen ihrer KPD-Mitgliedschaft im Westen verhaftet, ihnen wird der Prozess gemacht. Heidis Mutter muss neun Monate in Haft. Heidi Zeidler bleibt in der DDR, macht eine Ausbildung im Agrarbereich, bekleidet später einen Funktionsärsposten bei der FDJ, bekommt fünf Kinder. Bis zur Rente arbeitet sie als Zugbegleiterin. An ihre Zeit in den DDR-Ferienlagern denkt sie noch heute.

"Frohe Ferien für alle Kinder" Zwischen 1954 und 1961 lud die DDR zehntausende westdeutsche Kinder ins Ferienlager ein. Die "Zentrale Arbeitsgemeinschaft (ZAG) - Frohe Ferien für alle Kinder", die 1955 in Düsseldorf gegründet wurde, bot Kindern und Jugendlichen die Plätze an, kostenlos oder gegen ein geringes Entgelt. Die Ferienfahrten wurden in der Hochphase des Kalten Krieges jedoch zu einer hochpolitischen Angelegenheit.

Zuletzt aktualisiert: 15. September 2015, 13:27 Uhr