Zwei Mädchen im Holocaust-Mahnmal in Berlin.
Die Töchter unseres Autors im Holocaust-Mahnmal in Berlin. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Holocaust-Gedenken: Im Labyrinth

Der Großteil seiner Familie wurde von den Nazis ermordet, sein Vater überlebte das KZ Buchenwald. Regelmäßig reist unser Autor heute mit ihm zu Gedenkveranstaltungen nach Deutschland – etwa zum Jahrestag der Buchenwald-Befreiung. Ihre Leitfragen dabei: Wie gehen wir heute mit dem Holocaust um? Wie soll man die Nazi-Verbrechen Jugendlichen nahe bringen? Sollen sie den Holocaust als quasi "eigenes Urverbrechen" verstehen? Und führt nicht genau das zu politischen Trotzreaktionen?

von Andrej Ivanji

Zwei Mädchen im Holocaust-Mahnmal in Berlin.
Die Töchter unseres Autors im Holocaust-Mahnmal in Berlin. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ich war neulich mit meinen zwölfjährigen Zwillingstöchtern in Berlin. Es war ihr erster Besuch in Deutschland. Wir hatten ein dichtes Programm. Ich wollte, dass sie in drei Tagen so viel wie möglich von Berlin mitbekommen. Sie waren begeistert von der Größe, von der Energie, von der Architektur der Stadt.

Sie wussten schon, dass "die Deutschen" vor langer Zeit verantwortlich waren für die Tragödie eines Teils ihrer Familie. Sie haben Filme darüber gesehen und Geschichten gehört. Doch mit dem Berlin von heute konnten sie das nicht verbinden. Das Brandenburger Tor war obligatorisch für ein Selfie. Auch den Alexanderplatz, "Unter den Linden" und den Kudamm wollten sie sehen. Untergebracht waren wir mitten in Kreuzberg.

Andrej Ivanji
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Andrej Ivanji "In Belgrad geboren und als Jugoslawe aufgewachsen. Ich beobachtete die Wiedervereinigung Deutschlands und berichtete als Journalist über den Zerfall Jugoslawiens": So stellt sich Andrej Ivanji auf den MDR-"Heute im Osten"-Seiten vor, für die er als Ostblogger über die Westbalkan-Region berichtet. Dass er sich aber auch als Journalist auch immer wieder mit Deutschland befasst, hat eine sehr persönliche Dimension: Der Großteil seiner Familie väterlicherseits wurde von den Nazis in Bergen-Belsen ermordet, sein Vater überlebte als Teenager das KZ Buchenwald. Regelmäßig reisen beide zu Gedenkveranstaltungen, Diskussionen und Vorträgen nach Deutschland – etwa zu den Jahrestagen der Buchenwald-Befreiung.

Vom Starbucks zum Holocaust-Denkmal

Irgendwann zwischen heißer Schokolade im Starbucks und Madame Tussauds führte ich sie zum Holocaust-Mahnmal, dem Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Ich hatte ihnen bewusst nur flüchtig erzählt, was diese riesige Fläche mit grauen Beton-Stelen darstellen soll. Auch der Himmel war grau an diesem trüben regnerischen Tag: wie geschaffen, um seinen Kindern etwas über Massenmord und Völkervernichtung beizubringen.

Als wir zum Mahnmal kamen, verspürte eine meiner Töchter sofort die Lust, von einem Klotz auf den anderen zu springen und forderte ihre Schwester auf, sie dabei zu fotografieren. Gut, dachte ich, das ist in Ordnung. Auf diesem gedanklichen Todesplatz findet so wirkliches Leben statt. Und dieses Gelände - das Labyrinth - sieht tatsächlich wie ein futuristischer Spielplatz aus.

Gedenken nach festen Regeln

Es ist wie geschaffen zum Verstecken spielen oder um eben auf den Klötzen zu hüpfen. Ich fand nichts verhöhnendes dabei. Der Vortrag über die Bedeutung dieses Mahnmals sollte folgen, wenn sie sich ausgetobt hatten. Doch kaum hatte meine Tochter einige waghalsige Sprünge gemacht, kam ein wütender Wachmann angelaufen.

Der Holocaust-Überlebende Ivan Ivanji, 2016
Ivan Ivanji, der Vater unseres Autors, war selbst im KZ Buchenwald inhaftiert. Bildrechte: IMAGO

Der begann mir gleichzeitig auf Deutsch, Englisch und mit den Händen zu erklären, ich solle meinen Kindern sofort befehlen, runterzukommen und sich angemessen zu benehmen. Hauptsächlich schrie er: "Verboten! Verboten!" Mein erster Impuls war es, dem erzürnten Wachmann zu erklären, dass diese 2711 Beton-Stelen auch für meine Familie stünden und es ihn nichts angehe, wie ich und meine Kinder unserer Toten gedenken.

Doch das habe ich natürlich gelassen und meinen Töchtern erklärt, dass Springen, Hüpfen, Spielen, Lachen - wohl alles außer Anteilnahme, Andacht, Pietät, ehrlicher oder vorgespielter Inbrunst, oder wenigstens ernsthafter Neugier – an diesem Ort strengstens untersagt sei. Nörgelnd gehorchten sie.

Verantwortung für den Holocaust?

Als der Wachmann weg war, erklärte ich ihnen, während der Regen auf dem Regenschirm trommelte, dass dieses eigenartige Denkmal auch für ihre umgebrachten jüdischen Urgroßeltern errichtet worden sei. Auch für ihren noch lebenden Großvater, der in ihrem Alter seine Eltern verlor und selbst in einem KZ war.

"Papa, was ist nochmal ein KZ?" - "Ein Lager, in dem vorwiegend Juden, aber auch Sinti und Roma, Zeugen Jehovas, Homosexuelle oder Gegner des Nazi-Regimes eingesperrt worden waren, um umgebracht zu werden", erklärte ich vereinfacht.

"Und das haben die Deutschen getan?" - "Nein, nicht die Deutschen", sagte ich, "sondern die Nazis. Und die Deutschen von heute", setzte ich fort, "vor allem die jungen Deutschen oder deutsche Kinder in eurem Alter haben nichts damit zu tun. Sie tragen dafür gar keine Verantwortung."

Verloren im Labyrinth der Geschichte

"Ich möchte jetzt allein darüber nachdenken", sagte meine Tochter, die davor aufs Springen aus war, und ging ins Labyrinth. Die andere folgte ihrem Beispiel, ging allerdings in die andere Richtung. Ich dachte daran, wie sich manche Menschen und manche Völker im Labyrinth der Geschichte verirrt und Massenverbrechen als etwas Selbstverständliches begangen und befürwortet hatten.

Ich weiß nicht, worüber meine Töchter im Holocaust-Labyrinth in Berlin nachgedacht haben. Vielleicht gar nicht über den jüdischen Teil ihrer Familie, der ziemlich gründlich vernichtet worden war. Oder ihren Großvater, der nur durch Zufall dem Tod entkommen konnte. Oder warum Menschen Menschen umbringen.

Vielleicht haben sie einfach darüber nachgedacht, was wir noch in Berlin tun können, was sie ihren Freunden über die Reise nach Deutschland erzählen oder was sie auf Instagram posten werden. Vielleicht haben sie über gar nichts nachgedacht. Ich habe sie nicht gefragt. Ich glaube, sie werden auf mich zukommen wenn sie bereit sind, sich mit dem Holocaust auseinanderzusetzen.

In den Schuhen der Anderen

Später überlegte ich, was denn ein deutscher Vater seinen deutschen Kindern an meiner Stelle an diesem Ort des Gedenkens erzählt hätte. Ein deutscher Vater, dessen Eltern oder Großeltern Nazis waren und der nicht gerade Mitglied oder Sympathisant der AfD ist.

Er hätte nicht so locker zuschauen können, wie seine Kinder auf "den Seelen" der ermordeten Juden herumhüpfen. Er hätte seinen Kindern wahrscheinlich vorab erklärt, wie sie sich zu benehmen hätten. Deutsche Kinder im Alter meiner Kinder haben sicherlich im deutschen Bildungssystem auch mehr über den Holocaust gelernt, als meine Kinder.

Die Holocaust-Überlebenden Günter Pappenheim, Kurt Pappenheim, Ivan Ivanji und Eva Pusztaj und Bertrand Herz bei einer Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus 2016 im Thüringer Landtag
Opfer und beim Gedenken der Täter-Nachfahren: Die Holocaust-Überlebenden Günter Pappenheim, Kurt Pappenheim, Ivan Ivanji und Eva Pusztaj und Bertrand Herz bei einer Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus am 27.01.2016 im Thüringer Landtag in Erfurt. Bildrechte: IMAGO

Opfer, Täter und ihre Nachfahren

Die Ausgangsposition für die Nachfahren von Opfern und Tätern ist unterschiedlich. Es ist einfacher das Kind eines Opfers zu sein, als das Kind eines Täters. Viele meiner deutschen Freunde hatten und haben Schuldgefühle wegen der NS-Vergangenheit ihrer Familien.

Doch was ist mit den Enkelkindern oder mittlerweile schon den Urenkeln der Nazis? Sollen die Schuldgefühle von einer Generation der Deutschen auf die andere immer weiter gegeben werden? Und wenn ja, wie lange? Sind Schuldgefühle wegen des Holocaust und anderer nazistischer Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Deutschland Teil der politischen Korrektheit geworden?

Ursünde und Gegenreaktion

Sollen deutsche Kinder mit dem Gefühl großwerden, dass der Holocaust das eigene Urverbrechen ist, so wie die Ursünde im Alten Testament? Führt das nicht irgendwann zu einer Trotzreaktion, zu einer Partei wie der AfD im Deutschen Bundestag?

Die ist zwar durch die Flüchtlingsfrage groß geworden, aber ihre Vertreter sehen in dem Berliner Mahnmal ein "Denkmal der Schande", das nicht in die Hauptstadt gehört und fordern eine "erinnerungspolitische Wende um 180 Grad". Dabei sollen zuerst "die großartigen Leistungen der Altvorderen" gewürdigt werden, was auf eine Relativierung von Nazismus und dem Holocaust hinausläuft.

Leeres Pathos

Das Erinnern an nazistische Verbrechen, das Gedenken an den Zweiten Weltkrieg an sich, Gedenktage die Reichskristallnacht“: sie alle laufen aus meiner Sicht tatsächlich Gefahr, in Deutschland zur Pflichtübung zu werden. Sie laufen Gefahr, nicht mehr zu überzeugen, kein wahres Gefühl zu vermitteln. Das gelernte Pathos wirkt im Zeitalter der Selfies oft weltfremd.

Ich habe manchmal den Eindruck, dass die noch lebenden NS-Opfer wie weiße Bären als Attraktion herumgeführt werden. Mein Vater ist einer von ihnen, ein KZ-Überlebender. Und er hat es satt, in Deutschland als KZ-Überlebender identifiziert zu werden, trotz allem anderen, was er im Leben geschafft hat. Bei allem, was er als Schriftsteller, Übersetzer, Dramaturg, Journalist, Theaterintendant oder Diplomat geleistet hat.

Doch weil er es als seine Pflicht empfindet, tut er es immer und immer wieder. Solange er reden kann, will er die Wahrheit über die KZs und den Holocaust erzählen. Und solange es noch lebende Zeitzeugen gibt, werden sie nach Deutschland eingeladen, um sich auch mit Schülern über die finsteren Zeiten zu unterhalten.

Das ferne Böse ist für alle gleich

Natürlich soll man nicht verallgemeinern. Doch Täter sind Täter, Opfer sind Opfer und Kinder sind Kinder. Ich glaube, dass ein zwölfjähriges deutsches Kind die gleiche Lust verspürt auf Beton-Klötzen des Holocaust-Mahnmals in Berlin zu springen wie meine Kinder. Und ja, es gehört sich nicht.

Aber muss sich ein deutsches Kind in diesem Fall gleich eine Nazi-Holocaust-Tirade anhören? Einen Vortrag mit erhobenem Zeigefinger über die Verantwortung der Deutschen? Aus der Sicht eines Kindes hatten vor geraumer Zeit irgendwelche böse Menschen schlimme Verbrechen begangen. Auf eine Identifizierung der Kinder mit dem Bösen zu bestehen ist falsch.

Auf der Seite der Täter

Während des Jugoslawienkrieges begingen serbische Truppen im Juli 1995 im bosnischen Städtchen Srebrenica das schlimmste Verbrechen nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa. In wenigen Tagen brachten sie damals systematisch über 7.000 gefangene muslimische Männer und Jungen um.

Wenn ich einmal mit meinen Töchtern die Srebrenica-Potočari Gedenkstätte und den dortigen "Friedhof" besuche, wie es offiziell heiß, werde ich einen anderen Zugang haben als in Berlin: Dort wären wir quasi als Mitglieder des Täter-Volkes, des serbischen Volkes, um der Opfer eines anderen Volkes zu gedenken.

Freispruch qua Geburtsdatum

Ich hätte dort jedoch die gleiche unmögliche Aufgabe, meinen Kindern zu erklären, warum Menschen Menschen umbringen, nur weil sie einer anderen Nation, Religion oder Rasse angehören. In diesem Fall, warum "die Serben" "die Muslime" töteten.

Doch von eventuellen Schuldgefühlen würde ich sie sofort befreien. Sie waren damals gar nicht geboren. Dort würde ich ihnen erklären, dass nicht "die Serben" dieses schrechkliche Verbrechen begangen haben, sondern einige Serben, einzelne Verbrecher.

Problematische Vergangenheitsbewältigung

In Serbien, aber auch in Kroatien, Bosnien und dem Kosovo ist Vergangenheitsbewältigung nicht einmal in Ansätzen zu erkennen. Die im Namen des eigenen Volkes begangenen Verbrechen werden systematisch verschwiegen, die der Anderen hervorgehoben.

Das Ausmaß dieser Verbrechen kann man natürlich nicht mit den nazistischen Untaten vergleichen, weder quantitativ noch qualitativ. Doch auf dem kleinen ehemals jugoslawischen Gebiet forderte der Krieg über 100.000 Tote und Millionen Menschen wurden vertrieben, gepeinigt und ins Unglück getrieben. Die Brutalität dieses Krieges war erschreckend.

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Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Licht am Ende des Labyrinths?

Geschichte muss aufgearbeitet werden, weil sie uns sonst einholen könnte. Kinder sollen über Verbrechen aufgeklärt werden. Doch mit Begriffen wie "Verantwortung" oder "Schuld" im Kontext der nationalen Geschichte sollte man bei Kindern im Schulalter vorsichtig sein.

Der jüdische Lyriker Paul Celan schrieb einst: "Der Tod ist ein Meister aus Deutschland." Das mag sein, die Nazis waren Weltmeister im Morden. Aber schon die Heilige Schrift kennt Massenmord. Der Literaturnobelpreisträger Elias Canetti zählt in "Masse und Macht" Völkermorde auf, die viele Kapitel der Weltgeschichte füllen.

Wir beschwören heute, dass sich so etwas nie wiederholen dürfen. Doch es wiederholt sich auch in meinem Heimatland, dem ehemaligen Jugoslawien. Es wiederholt sich auch in Ruanda, Afghanistan, Irak, Jemen, Libien und Syrien. Das Labyrinth als Holocaust-Mahnmal ist eine gute Metapher. Wir sind jedoch immer noch auf der Suche nach einem Ausweg.

Über dieses Thema berichtet MDR Aktuell auch im: TV | 10.11.2017 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. November 2017, 12:03 Uhr

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