Geboren im Zuchthaus - Meine Eltern Spione? Meine Reise auf der "Spur der Ahnen"

Helgas Start ins Leben ist alles andere als glücklich. Sie wird 1951 im Zuchthaus Waldheim geboren und lernt ihre leiblichen Eltern nie kennen. Mit "Die Spur der Ahnen" will sie die schmerzhafte Lücke in ihrer Biografie endlich schließen. Wie sie die Spurensuche erlebt hat, schildert sie hier.

von Helga Klinik

Alles begann damit, dass die Initiativgruppe Mahnmal in Großenhain in der Marienkirche eine Wanderausstellung "Kinder hinter Stacheldraht" zeigte. Das war vor einem halben Jahr. Dort wurde auch mein Schicksal veröffentlicht. Helga Klinik, geboren 1951 im Zuchthaus Waldheim. Kind von Eltern, die wegen Spionage gegen die Sowjets hinter Gittern saßen.

Schwarze Flecken in der Biografie

Damals sprach mich eine Zeitungsjournalistin an und publizierte danach meine Familiengeschichte in der "Sächsischen Zeitung". Bald darauf meldete sich der MDR bei mir. Ob ich Interesse hätte, die Geschichte meiner Eltern weiter aufzuklären. Und ob ich das hatte! Seit 60 Jahren habe ich nur Vermutungen zu hören bekommen, was damals wohl passiert sein könnte, als meine Eltern verhaftet wurden.

So viele Fragen waren offen. Ich selbst wusste nicht, wo und wie ich weiter recherchieren sollte. Nun sah ich endlich eine Möglichkeit, durch die Reportage-Reihe "Die Spur der Ahnen" alles aufzuklären. Die Autorin Katja Herr erklärte mir, dass es noch viele Möglichkeiten gäbe, neue Quellen, neue Archive, Gefängnisakten und eventuell sogar russische Unterlagen zu besorgen.

Natürlich hatte ich zuerst Bedenken, vor die Kamera zu gehen mit meiner persönlichen Lebensgeschichte – aber dann war mein Wissensdurst viel zu groß, endlich die Wahrheit zu erfahren. Also begab ich mich mit dem Fernsehteam eine Woche auf Spurensuche. Total aufgeregt, was wohl alles herausgefunden wird.

Lampenfieber vor dem Dreh

Für mich als Protagonistin war ja alles vollkommen neu und interessant, vor laufender Kamera und verkabelt dabei zu sein. Das alles mitzuerleben, war jeden Tag aufs Neue spannend und aufregend zugleich, was auch dem Spitzenteam zu verdanken war, das mich gut aufgenommen und begleitet hat. Ich war in einem Leipziger Hotel untergebracht, wo ich jeden Tag vom Team abgeholt wurde und dann ging es los. Mir wurde auch immer erst einen Tag vorher gesagt, wohin die Reise am nächsten Tag gehen sollte. Und die Funde aus den Archiven habe ich das erste Mal vor laufender Kamera gesehen.

Besonders beeindruckend war für mich der Besuch der Justizvollzugsanstalt Waldheim, dem damaligen Zuchthaus, wo ich am 6. November 1951 geboren wurde. Als ich dann noch ein Foto von meiner Mutter bekam, welches zum Zeitpunkt ihrer Verhaftung im März 1951 gemacht worden war, war ich überglücklich. Ich hatte nur ein Foto aus der Stasiakte meiner Mutter, was ein Jahr nach der Verhaftung gemacht worden war. Der Vergleich dieser beiden Bilder spricht Bände.

Beim Besuch des Bundesarchivs in Berlin habe ich ein Bild von meinem Vater gesehen. Zum ersten Mal in meinem Leben, was mich zu Tränen gerührt hat. Mein ganzes Leben lang hatte ich ihn mir vorgestellt. Und als ich das Bild dann gesehen hatte, wusste ich sofort, das ist er. Das Gefühl, was ich dabei empfunden habe, ist mit Worten nicht zu beschreiben.

Wichtige Informationen in letzter Minute

Und dann trafen wirklich erst am letzten Drehtag die Prozessakten meiner Mutter aus Moskau ein. Das hatte ich nicht für möglich gehalten. Denn eigentlich, so hatte mir der Historiker von der Stiftung Sächsische Gedenkstätten erklärt, dauert das manchmal mehr als ein Jahr. Was ich da erfahren habe, war sehr aufschlussreich für mich.

Beim Besuch des Kreisarchivs in Meißen habe ich sogar meine alte Pflegeakte des damaligen Jugendamtes gefunden. Denn ich war ja nicht bei meinen Eltern aufgewachsen. Es hat mich nachdenklich gemacht, zu erfahren, an was ich mich erinnere und was ich verdrängt habe.

Es haben sich für mich in dieser Woche viele Fragen geklärt, womit ich nicht gerechnet hatte. Das werde ich nicht vergessen, denn es war sehr spannend, erlebnisreich und immer wieder überraschend. Am Ende hatte ich die Kamera, die immer dabei war, fast vergessen.

Helga Klinik, Mai 2018

Über dieses Thema berichtet der MDR in "Die Spur der Ahnen" im: TV | 05.09.2018 | 21:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. September 2018, 14:00 Uhr