Hintergrund Moskau 1937: Eine Nation zwischen Aufbruch und Gewalt

Stalins Herrschaft forderte Millionen Opfer. Kaum vorstellbar, dass diese Zeit auch eine Zeit großer Visionen war. Der deutsche Historiker Karl Schlögel hat diese Gegensätze in einem Buch dargestellt und erhielt dafür auch den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung.

Moskau 1937, eine Stadt im Aufbruch. Tagtäglich veränderte sie ihr Gesicht. Das alte Moskau verschwand, das neue wurde mit aller Kraft aus dem Boden gestampft.

Es war auf jeden Fall ein Ort äußerster Turbulenz, eine Stadt, (…) wo es drunter und drüber ging, eine Stadt, die ihre vier Millionen Einwohner nicht unterbringen konnte, in der die Versorgung fast immer am Rande des Zusammenbruchs war.

Karl Schlögel, Historiker

Mit aller Gewalt in die Moderne

Nicht nur in Moskau brodelte es 1937, sondern im ganzen Land. Sowjetrussland hatte zwei Jahrzehnte äußerster Anspannung hinter sich: Weltkrieg, Revolution, Bürgerkrieg. Hungersnöte und die Schrecken der Kollektivierung hatten das Land zerrüttet und die Bevölkerung dezimiert. Die Überlebenden sehnten sich nach Frieden. In dieser Zeit strömten Millionen Menschen, zumeist Bauern, nach Moskau und Tausende auf die riesigen Baustellen der Hauptstadt. Für die Paläste der Sowjetmacht wurden ganze Stadtviertel abgerissen, auch Klöster und Kirchen. Manche sahen darin einen Fluch, doch für andere war die Modernisierung Moskaus ein Erfordernis der Zeit.

Dass es dann diese monumentale Form aus einem Guss bekommen hat und dann auch diese totalitären Züge, das hat natürlich wieder etwas mit dieser politischen Herrschaft zu tun: Dass man sich nicht einfach darauf beschränkt, Wolkenkratzer zu bauen, sondern dass es die größten Wolkenkratzer der Welt sein mussten.

Karl Schlögel, Historiker

Das Zentralkomitee beriet über freie Wahlen

Im Kreml verkündete die Kommunistische Partei (KP) das Ende des Klassenkampfes. Das "befriedete" Land sollte eine neue Verfassung bekommen, freie und geheime Wahlen sollten stattfinden. 1937 berät das Zentralkomitee in Moskau über die Vorbereitung der Wahlen.

Im Frühjahr 1937 merkten vor allem die Provinzchefs, dass sich da etwas tat, dass sich Gruppen zusammenfanden, dass man Kandidaten nominieren konnte. Und sie wurden offensichtlich von Panik erfasst, was passieren würde, wenn - wie es in der Verfassung stand - allgemeine, freie, geheime Wahlen stattfinden würden.

Karl Schlögel, Historiker

Der Terror kam über Nacht

Aus Angst, bei den Wahlen ihre Macht zu verlieren, beschlossen Josef Stalin und seine Genossen, sogenannte "Risikogruppen" auszuschalten. Quasi über Nacht wurden Moskau und der Rest des Landes Orte des Terrors. Massenhaft holte die Geheimpolizei zu Staatsfeinde erklärte Menschen aus ihren Wohnungen, steckte sie ins Gefängnis oder ermordete sie an Ort und Stelle. Auch Parteigrößen wurden nun in Schauprozessen angeklagt, unter ihnen alte Helden der Oktoberrevolution. Jetzt nannte man sie "Agenten des Faschismus".

Es gibt keinen Bereich, der von der Gewalt verschont gewesen ist. Und es gibt keinen Bereich oder es gibt keinen Terrorismus, der nicht gleichzeitig eingebettet war in eine Atmosphäre des Aufbruchs.

Karl Schlögel, Historiker

Traum und Terror

Am Tage wurden auf dem Roten Platz in Moskau großartige Paraden und traumhafte Spektakel abgehalten. In der Nacht jedoch hetzte auf demselben Platz eine aufgeputschte Menge gegen vermeintliche Staatsfeinde und huldigte dem obersten Terroristen.

Es hätte keinen Stalinismus gegeben ohne Stalin. Aber es hätte auch keinen Stalinismus gegeben ohne die Hoffnungen von Hunderttausenden von Leuten, die ihn getragen haben, die mit ihm nach vorne gekommen sind.

Karl Schlögel, Historiker

Auf das Leid des Stalinschen Terrors folgte nur wenige Jahre später die nächste Katastrophe: Der aufgezwungene Krieg gegen Hitlerdeutschland, der über zwanzig Millionen Tote forderte. So verschwand eine Tragödie im Schatten der noch größeren. Erst mit der Perestroika setzte ab Mitte der 1980er-Jahre in der Sowjetunion ein Prozess ein, der den Verschwundenen, den Unbekannten, den Gesichtslosen von "Moskau 1937" ihre Namen, Gesichter und Biografien wiedergab. Ein Prozess, der bis heute andauert.

Der russische Schriftsteller Daniil Granin über Stalins Terror und den aufgezwungenen Krieg zwischen der Sowjetunion und Hitlerdeutschland

Angaben zum vorgestellen Buch: Karl Schlögel: Terror und Traum. Moskau 1937.
816 Seiten, Karton.
Carl Hanser Verlag, 3. Aufl.
ISBN 978-3-446-23081-1

Zuletzt aktualisiert: 12. Januar 2015, 22:36 Uhr