Die Spur der Ahnen Mein Vater, ein Kettenhund der Nazis?

Peter Zur ist noch ein Kind als sein Vater stirbt. Geblieben sind von ihm Fotoalben, Feldpostbriefe und ein ungutes Gefühl. Ein Familiengerücht behauptet, der Vater sei Deserteurjäger gewesen. Stimmt das?

Peter Zur ist noch ein Kind als sein Vater stirbt. Alles was er hat - sind Fotoalben, jede Menge Feldpostbriefe und ein ungutes Gefühl. Sein Vater Guido war im Zweiten Weltkrieg bei der  Wehrmacht und seine Mutter erzählte kurz vor ihrem Tod, was er dort gemacht haben soll. Die Spurensuche von Peter Zur beginnt in seiner Kanzlei in Dessau. Im Nachlass der Mutter fand der Anwalt rund 130 Feldpostbriefe aus dem Zweiten Weltkrieg, die sein Vater geschrieben hat. Gelesen hat er sie bis heute nicht – und das nicht nur, weil er die Schrift nicht entziffern kann. Er fürchtet das, was er erfahren könnte: Dass sein Vater ein Deserteurjäger war. Einer von denen, für deren Auftrag Hitlers Losung galt: "An der Front kann man sterben, als Deserteur muss man sterben". Wer als Soldat von der Front floh und den Deserteurjägern in die Hände geriet, der wurde von der NS-Militärjustiz verurteilt und oft an Ort und Stelle hingerichtet. War auch Guido Zur ein solcher Deserteurjäger?

Lebensweg des Vaters

Peter Zur weiß, dass der Vater ein lebensfroher Mensch und erfolgreicher Geschäftsmann war. Bis in die 30er-Jahre ist der Ingenieur Teilhaber einer kleinen Metallfabrik in Potsdam und fährt in seiner Freizeit leidenschaftlich gern Auto. Was aber macht Guido Zur zu dieser Zeit? Antworten auf diese Frage liefert das Bundesarchiv in Berlin . Zwei Karteikarten finden sich zu Guido Zur, die Mitgliedskartei aus der NSDAP vom 1. Mai 1933 und die Mitgliederkartei aus der SA. Ein Schock für Peter Zur - sein Vater war offenbar in einer Führungsfunktion der SA. Doch wie kam er dazu?

Ende der Zwanzigerjahre erreicht die Wirtschaftskrise auch Potsdam. Arbeitslosigkeit und soziale Not bestimmen das Leben vieler Menschen. Auch die Fabrik erleidet einen wirtschaftlichen Einbruch, von dem sie sich nicht erholt. Guido Zur muss sich neu orientieren - er wird Mitarbeiter der Stadtverwaltung und schließt sich der SA an – wahrscheinlich, weil er sich davon bessere berufliche Möglichkeiten verspricht: Im Potsdamer Adressbuch von 1934 ist Guido Zur als Magistratsangestellter eingetragen.

Das Kennzeichen der Deserteurjäger: Der Ringkragen

Militärhistoriker Jens Wehner im Militärhistorischen Museum in Dresden hilft Peter Zur dabei, die Briefe seines Vaters zu entziffern. Wehner ist spezialisiert auf den 2. Weltkrieg. Für das Treffen mit Peter Zur hat er ein paar Ausstellungsstücke aus dem Archiv geholt, darunter ein besonderes Accessoire der Uniform der Feldgendarmen: die Kette, die sie um den Hals trugen und die ihnen den Spitznamen "Kettenhunde" einbrachte. Offiziell heißt diese Kette "Ringkragen". Sie hat aber auch den Spitznamen "Greifer", da ihre Träger Fahnenflüchtige "aufgreifen" mussten. Zu Beginn des 2. Weltkriegs übernahmen sie vor allemOrdnungsdienste und führten Gefangene ab. Zu ihren schrecklichen Ruf aber kamen sie später, als die Zahl der Deserteure immer größer wurde und die gefürchteten Killerkommandos ihr Unwesen trieben.

Und Peter Zurs Vater?

Hinweise auf die Tätigkeiten des Vaters geben die Feldpostbriefe - deren Inhalt, aber auch die Kuverts. Sie enthalten wichtige Angaben zum Absender - verschiedenen Daten, Stempel, Feldpostnummer. Die Feldpostnummer gibt an, von welcher Dienststelle aus ein Brief abgeschickt wird. Dadurch um den Standort der Einheit des Briefeschreibers geheim zu halten – für den Fall, dass die Briefe vom Feind abgefangen wurden.

Was verraten die Feldpostbriefe?

Anhand der verschiedenen Feldpostnummern in den Jahren 1943/44 zeigt sich, dass Guido Zur von Berlin über Posen, Kutno nach Warschau kam. Die meisten Briefe aber schrieb er aus dem polnischen Ort Tarnow.

Was machte der Vater nun genau?

Die häufigste Feldpostnummer auf Guido Zurs Briefen ist die 27126 – sie gehört zu einer Heeresverpflegungsstelle der Wehrmacht. Daraus schließt Jens Wehner, dass Guido Zur als Zivilbeschäftigter bei der Wehrmacht für die Verpflegung der Truppe zuständig war – er arbeitete also bei einer Art "Beschaffungsamt" für Ernährung. Wie die Beschaffung der Lebensmittel vor sich ging, das beschreibt Guido Zur in seinen Briefen: Um die eigenen Truppen zu ernähren, plünderten die Mitarbeiter der Heeresverpflegungsstelle das Umland:

Wir schlachten hier täglich über 500 Hühner. Wenn ich dir in den beiden letzten Tagen nicht geschrieben habe, so hängt das damit zusammen, dass ich immer draußen war. Wir bringen alle Artikel vom Lande herein, um sie weiter an die Truppen auszugeben. Wir fahren täglich in die umliegenden Orte, um alles zu holen, was das Land hervorbringt. Es ist die reinste Lebensmittelgroßhandlung.“

Guido Zur in einem Brief

Guido Zurs letzte Briefe kommen schließlich aus Tarnow, einer polnischen Kleinstadt bei Krakau.  Bevor er dorthin kam, wurde in Tarnow die größte jüdische Gemeinde Polens ausgelöscht. Mehr als 40.000 Juden wurden deportiert und ermordet. Guido Zur erreicht das besetzte Polen im Frühsommer 1944. Ob Guido Zur davon wusste, ist nicht klar. In Tarnow gibt es keine Hinweise auf genaue Tätigkeiten von Guido Zur. Am 05. September 1944 enden hier die Feldpostbriefe. Die Wehrmacht erleidet im Osten ihre schwerste Niederlage, die rote Armee rückt immer weiter vor. "Bis auf 30 km an Tarnow heran", schreibt Guido Zur.

Buchhalter in der Geheimdienstler-Schule

Die Spur von Guido Zur verliert sich für mehrere Monate. Erst das Deutsche Rote Kreuz lieferte weitere Hinweise. Die Mutter hatte über den DRK-Suchdienst nach ihrem vermissten Mann gesucht. Ihr Nachlass enthält einen Beleg darüber, dass der Vater ab 1945 jahrelang im größten Speziallager der sowjetischen Besatzungszone in Sachsenhausen einsaß. In der heutigen Gedenkstätte zeigen Unterlagen mit dem Aufdruck "Streng geheim", dass Guido Zur am 08.09.45 von der Operativgruppe Belzig des sowjetischen Geheimdienstes NKWD verhaftet wurde. Er hatte als Buchhalter in der Belziger Schule für Agenten gearbeitet.

Der Vater war kein Deserteurjäger

Obwohl Peter Zur nicht alle Lücken im Lebenslauf seines Vaters schließen konnte, weiß er jetzt mit Sicherheit: Sein Vater war kein Kettenhund der Nazis.