Die Spur der Ahnen: Erschossen vom Vater
Bildrechte: MDR / Die Spur der Ahnen

Interview mit Barbara Böttger "Es war Mord"

Kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges wird die Villa Römer in Großenhain zum Schauplatz einer Familientragödie. Der Tuchfabrikant tötet in der Nacht zum 22. April 1945 - kurz vor dem Einmarsch der Roten Armee - seine Frau Herta und seine fünf Kinder. Hergang und Hintergründe der scheinbaren Wahnsinnstat recherchierte die Autorin Barbara Böttger und ging damit auf die Spur ihrer eigenen Ahnen.

Die Spur der Ahnen: Erschossen vom Vater
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Die Gründe für die Spurensuche

Sie rollen den Fall Römer auf - 70 Jahre nach dem Ereignis: Wie sind Sie darauf gestoßen?

Letztlich durch Briefe und Fotos aus dem Nachlass meiner Mutter Renate Böttger. Sie war die Schwester von Joachim Römer. Insofern erzähle ich auch ein Stück Familiengeschichte, wohl den dramatischsten Teil. Ich habe mich erst im reiferen Alter daran getraut - im Zusammenhang mit meinen Recherchen für ein Buch und einen längeren Dokumentarfilm über die Geschichte der Familie meines Vaters und meiner Mutter, die jeweils mehrere Textilfabriken in Sachsen und Böhmen gründeten. Sie reicht vom Beginn des 19. Jahrhunderts und über fünf Generationen, sie zeigt, wie aus einem Handwerk eine Industrie wurde, handelt von Politik, Liebe und Leichtsinn und liefert letztlich den Stoff für ein überaus facettenreiches Sittenbild einer deutschen bürgerlichen Familie.

Auch wenn es weh tut, wollten wir diesen Teil der Familiengeschichte endlich rückhaltlos aufklären.

Barbara Böttger

Wie schwer war es für Sie, auf Spurensuche zu gehen, mit dem Wissen, dass es beim Fall Römer um die Vergangenheit der eigenen Familie geht? Ihr Bruder Lutz hat seinen Onkel Joachim ja noch erlebt ...

Auch wenn es weh tut, wollten wir diesen Teil der Familiengeschichte endlich rückhaltlos aufklären. Es war mir wichtig, dass auch die Enkel- und Urenkel-Generation - also Christoph und Franziska Reichl, die mit mir auf Spurensuche gehen - ein klares Bild bekommt. Als Jugendliche, in der DDR aufgewachsen, stand ich faschistischem Gedankengut einfach nur ablehnend gegenüber. Dann habe ich gesehen, ohne den Versuch, einen Menschen in all seinen Facetten zu verstehen, komme ich nicht weiter.

Die Spur der Ahnen: Erschossen vom Vater
Pfarrer Christoph Reichl aus Crimmitschau ist ein Großneffe von Joachim Römer. Gemeinsam mit seiner Tochter Franziska geht er auf Spurensuche. Hinter der Kamera steht Autorin Barbara Böttger, ihre Mutter Renate war die Schwester von Joachim Römer. Bildrechte: MDR / Die Spur der Ahnen

Das heißt nicht, dass ich nun Verständnis habe für einen Mann, der sich angemaßt hat, über das Leben anderer zu entscheiden. Und das nicht etwa aus dem Affekt heraus, sondern ganz planvoll. Es gibt Briefe von Joachim Römer, in denen er schon Wochen vor der Tat von der Selbsttötung spricht.