Ein Geschenk-Papier von Lorenz Meyer Presseschau durch die Menschheitsgeschichte

20 Jahre Altpapier - Zeit zurückzublicken! Ich lade Sie zu einem kleinen Gedankenexperiment ein: Lassen Sie uns nicht nur zwei Jahrzehnte zurückschauen, sondern begeben Sie sich mit mir auf eine Zeitreise durch die Menschheitsgeschichte!

Porträt von Lorenz Meyer
Bildrechte: MDR MEDIEN360G | Lorenz Meyer

Wie hätten die Medien von heute auf Ereignisse von damals reagiert? Wie hätte Das Altpapier darüber berichtet, und welche Quellen hätte die Altpapier-Redaktion herangezogen?

Vorbemerkung: Wir werden oft gefragt, was Medienkritik ist. Die Medienwissenschaft hat darauf eine verblüffend einfache Antwort:

"Funktional betrachtet ist Medienkritik die diskursive und kompetitive Aushandlung der Angemessenheit medialer Realitätskonstruktionen unter Einbeziehung korpuslinguistischer und sequentieller Analysen rekontextualisierter Diskursdebatten in deregulierten Kommunikationsverhältnissen zwischen ideologischer Instrumentalisierung und kritischer Aufklärung im Lichte journalistischer Selbstermächtigung."

(Aus "Medienkritik: Kritik der Medien oder Medien der Kritik?)

Nachdem das nun geklärt ist, geht's auf in die erste Epoche!

DIE STEINZEIT

Vice hat herausgefunden, welche Steinzeit-Höhlen die unattraktivsten Wohnstätten in Deutschland sind - mit "Open Source Investigation": "Wir geben es direkt zu: Es war noch keiner von uns je in einer Höhle, wir haben noch nie eine Höhle von innen gesehen. Aber weil wirklich sehr viele Menschen sie zu hassen scheinen, haben wir uns entschlossen, die Höhlen einfach aus der Ferne, anhand von Fotos aus dem Internet, als hässlich zu beschreiben. Früher hätte man das 'niedrigsten Schreibtisch-Journalismus' genannt, mittlerweile heißt das aber 'Open Source Investigation' und gilt als richtig modern!"

Den gegenteiligen Ansatz verfolgt Buzzfeed mit seiner kommentierten Bilderstrecke: "Die zehn schönsten Glamrock-Wohnhöhlen - eingerichtet von Designern wie Harald Glööckler, Jeff Koons und dem Rapper Kanye West".

Patrick Bahners, in der FAZ zuständig für das Ressort Geisteswissenschaften, erinnert an die US-amerikanische Zeichentrickserie Familie Feuerstein, die Ähnlichkeiten mit dem Entenhausen-Kosmos aufweise. Eine (sprachliche) Differenz weiß er aber zu konstatieren: Beim "Yabba Dabba Doo!" von Steinzeitmann Fred Feuerstein handele es sich um keinen Inflektiv wie "seufz" oder "purzel" aus den Micky-Maus-Comics.

Nun denn, Bahners muss es wissen: Er ist Ehrenpräsident der Deutschen Organisation nichtkommerzieller Anhänger des lauteren Donaldismus (D.O.N.A.L.D.).

Über die Entdeckung des Feuers freut sich Bild-Kolumnist Franz Josef Wagner: "Feuer an sich ist weder gut noch böse. Wärmt es uns, so freuen wir uns an ihm, brennt es uns, so sind wir ihm gram. Ebenso verhält es sich mit der Liebe, Hustensaft, meinem Aschenbecher und..., ach, jetzt weiß ich nicht mehr, was ich sagen wollte. Egal!"

Not amused ist hingegen Wettermoderator Jörg Kachelmann, der das offene Feuer als fahrlässige oder bewusste Gesundheitsgefährdung durch Feinstaub verdammt: "It's the Holzverbrennung, stupid.” Und an die Politiker und Politikerinnen gerichtet: "Bitte verschonen Sie mich mit Dummfragen, ich habe keine Zeit für Sie, vielen Dank.”

Zu guter Letzt gedenkt Harald Martenstein im Tagespiegel dem "Mann vom Tisenjoch", dessen Leichnam 1991 in den Ötztaler Alpen gefunden wurde: "Es bleibt abzuwarten, wann die queeren Genderisten und die feministische Latte-Macchiato-Fraktion vom Prenzlauer Berg die Gletschermumie Ötzi als Ziel ihrer Angriffe entdecken. Laut Radiokohlenstoffdatierung soll er ja 5.300 Jahre alt sein. Ötzi ist also der Inbegriff eines alten weißen Mannes!"

DAS ALTE ÄGYPTEN

Der Architekturkritiker Niklas Maak fragt in der FAZ: "Wie kommt es, dass immer mehr ägyptische Gebäude an eine Schweizer Schokoladenmarke von Jakob Tobler erinnern - gestaltet von Architekten, die in ihrem künstlerischen Reifungsprozess bei der Unterstufen-Geometrie hängengeblieben sind?".

Maak sieht in der fensterlosen und weitgehend ornamentfreien Außenfassade der Pyramiden von Gizeh "eine Konstruktion mit dem tristen Charme eines Kalkstein-Tetraeders und eine Vorwegnahme des Kubismus, bei deren Anblick sich der Designer Luigi Colani im Grab umdrehen würde."

Maak beschließt seine Ausführungen zur ägyptischen Baukunst mit einem Zitat des französischen Philosophen Denis Diderot (1713-1784): "Du warst schon hier, bevor Du eintrittst und wenn Du hinaus trittst, wirst Du nicht wissen, dass Du bleibst".

Stärker auf das Innenleben der Pyramide konzentrieren sich die Einrichtungsprofis von Schöner Wohnen. In der neuesten Ausgabe geht es darum, "wie man sich die eigenen drei Wände auch mit begrenztem Budget gemütlich einrichten kann".

Die derzeit auflagenstärkste Lebensstil-Publikumszeitschrift Landlust hat der berühmten Bauform sogar ein 124-seitiges Sonderheft gewidmet. In "Wohnen mit Dachschrägen" gibt es zahlreiche Tipps, wie aus dem kalten Bau mit wenig Aufwand ein englisches Landhaus wird.

In ihrem Gastbeitrag schreibt die ehemalige Burda-Chefredakteurin Beate Wedekind: "Tapeten, Sofabezüge, Dekokissen und Lampenschirme in verspielter Floraloptik - dazu ein großer Ohrensessel, ein Bücherregal im Vintage-Style und ein klassisches Chesterfield-Sofa. Schon verwandelt sich der trostlose Wüstenbunker in ein liebliches Cottage!"

Im Interview merkt Wedekind begeistert an: "Jeder, der diese Wandlung miterlebt hat, wird in der Cosiness einer englischen Landhaus-Pyramide seinen Lebensabend verbringen wollen. Und die Zeit danach!"

DAS ANTIKE GRIECHENLAND

In der ZEIT fühlt sich ein Psychoanalytiker beim Fall des Corona-Leugners Wendler an die Sagengestalt "Wendlerios, den Gott des missratenen Schlagergesangs” erinnert und liefert dazu die passende mythologische Geschichte: 

"In seinem Streben um ewige Jugend und aus Angst vor dem Tod hatte Wendlerios (unwissentlich) seine jüngste Tochter geheiratet und sich als Hofnarr beim Herrscher Rex Theodorus Latissimus (RTL) verdungen.

Nach anfänglichen Verständigungsschwierigkeiten war das Paar beim König wohlgelitten und wurde vom Volk wegen seiner Darstellungskünste im Bereich der unfreiwilligen Komik auf Händen getragen. Tausende von Goldtalern regneten Monat für Monat auf das glückliche Paar hinab.

Das Glück sollte jedoch nicht lange währen: Eine Plage kam über das Land, und voller Angst floh Wendlerios mit seiner jungen Frau auf einen fernen Kontinent. Darauf verstieß der König seinen singenden Hofnarren und bedeutete ihm, er möge nie wieder an seinen Hof zurückkehren.

Verarmt und fern des Zuspruchs seiner vermeintlichen Bewunderer, nannte dieser sich fortan 'Wendlerios Telegrammos' und sprach in wirren Zungen zu einem Volk, das jedoch nur in seiner Einbildung existierte.

Als seiner Tochter und Frau gewahr wurde, dass ihr Mann und Vater dem Wahnsinn anheim gefallen war, floh sie in die Wälder von Instagrammos, um den Bäumen von den Vorzügen von Maskara, Lidschatten und Lipgloss zu berichten.”

In der taz äußert sich Luise Neubauer zur Irrfahrt des Odysseus. Sie respektiere dessen Abenteuergeist und Durchhaltewillen. Störend sei jedoch, dass Odysseus in den Interviews nach seiner Rückkehr verschwiegen habe, dass er für die letzte Reisestrecke ein Flugzeug benutzt habe.  

DAS RÖMISCHE REICH

Das Römische Reich war während seiner Hochblüte allen anderen Ländern Europas und Nordafrikas weit voraus - was die sozialen Strukturen und die Alltagsorganisation als auch Kunst und Kultur anbelangt.

Michael Hanfeld vergleicht in der FAZ Julius Cäsar mit Axel Cäsar Springer. Julius verfüge über das gleiche beeindruckende Pathos, wie es Axel zu eigen gewesen sei. Doch der eigentliche Cäsar sei der neue Springer-Imperator Döpfner und Friede seine Cleopatra.

Welche generellen Überlegungen aus dem römischen Kultur-Erbe folgen könnten oder müssten - damit befasst sich Ben Smith, der Medienkolumnist der New York Times in einem Artikel mit der Überschrift "Lorem ipsum, Lorem Ipsum or How german media-critics impress their german readers with complicated quotes in english language without need":

"Here is a quote that even people with good English language skills find difficult to translate because it is full of complicated expressions, phrases and foreign words. Any average reader will skip this quote because the translation work is too tiring for them.

The "waste paper" author knows this, of course, but he doesn't care. Anyway, he just wanted to show his readers and colleagues that he is a media expert and follows the international press."

Und dabei muss ich ihm ausdrücklich zustimmen.

Die Geburt von Jesus Christus von Nazareth ist für das medienkritische BILDblog ein Anlass, auf ein wichtiges rechtliches und moralisches Problem hinzuweisen. Seit Jahrtausenden würden verschiedenste Protagonisten, teilweise in kommerzieller Absicht, Bilder des Erlösers in Umlauf bringen und damit dessen Persönlichkeitsrechte missachten.

Bei den zahlreichen Kreuzigungsszenen hätte zumindest die Augenpartie verpixelt werden müssen, so die Forderung der Watchblogger. Das Gleiche treffe auf Gemälde und Skulpturen zu, bei denen seine nächsten Angehörigen Maria und Josef abgebildet seien.

DIE GERMANEN

Spiegel-TV beschäftigt sich in "Macht der Clans" mit den primitiven Stämmen der Germanen: "Die kulturlosen Axtschwinger sind mittlerweile zu einer Bedrohung für die deutsche Zivilgesellschaft geworden. Es haben sich Parallelgesellschaften etabliert, die nicht zu kontrollieren sind, in denen nicht mehr die Gesetze Gültigkeit haben, sondern nur noch das Recht des Stärkeren." 

Das Frauenmagazin Glamour (Condé Nast) freut sich über die Funde diverser Moorleichen in Norddeutschland, die Rückschlüsse über die Kleidung der Germanen zulassen: "Hässliches Mode-Comeback: Dieser Barbaren-Trend ist jetzt zurück – wirst du ihn auch tragen?”

Auf der Webseite wird es deutlich frivoler: "Heiß unter der Tunika: So masturbierten die alten Germanen”.

MITTELALTER

Markus Lanz (ZDF) hat eine Frau zu Gast, die den Dreißigjährigen Krieg von 1618 bis 1648 überlebte: "Freu mich sehr. Schön, dass Sie da sind! Dreißig Jahre Krieg. Was hat das mit Ihnen gemacht?”

Leider konnte Lanz wegen einer Live-Schalte zu einem Fußballspiel nicht auf ihre Antwort warten, sondern ging direkt zum Abschied über:

"Großartig und fantastisch, was Sie da vollbracht haben. Das hat uns alle hier sehr angefasst, und ich will ehrlich sein, auch mich zu Tränen gerührt.”

Eine originelle Idee, die zivilisatorische Dichte des Mittelalters visuell umzusetzen, hat das Katapult Magazin gefunden. Auf einer Weltkarte des Mittelalters haben die kreativen Magazinmacher lachende Gouda-Emoticons verteilt. Natürlich ist der Mittelalter-Käse - hahaha - "mittelalt”....

FRÜHE NEUZEIT

Die Entwicklung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg trifft nicht nur auf Zustimmung. Ein besonderer Streitpunkt ist die Vervielfältigung der Bibel, der das Leistungsschutzrecht der Mönche entgegenstehe, wie netzpolitik.org berichtet.

Auch Springer-Vorstandsvorsitzender Mathias Döpfner äußert sich bei horizont.net skeptisch, was Gutenbergs Erfindung anbelangt: "Dem Druck gehört nicht die Zukunft. Das haben wir bereits ausgiebig ausprobiert. Aber kein Problem, das holen wir alles auf mit Online.”

Der Mediendienst turi2.de "graturiliert” Johannes Gensfleisch zu seiner Erfindung, und wenn Sie nun so verwundert schauen, wie ich bei der ersten Lektüre, ist dies kein Wunder: Gensfleisch ist der Realname von Gutenberg.

Beim Branchendienst kress.de hat es Gutenberg sogar zur Auszeichnung "Kresskopf des Monats” geschafft. Bleibt abzuwarten, wann Karl-Theodor zu Guttenberg eine ähnliche Auszeichnung zuteil wird. Der hat sich ja auch zeitlebens um den Buchdruck bemüht, wenn auch vergeblich.

ABSOLUTISMUS

Mit dem Wort "Absolutismus” ist die Herrschaftsform der absoluten Monarchie gemeint. Das Zeitalter des Absolutismus war geprägt von monarchischen Alleinherrschern.

Die wohl bekannteste Figur des höfischen Absolutismus ist der "Sonnenkönig" Ludwig XIV, der alle Menschen als seine Untertanen betrachtete - und der sich mit dem Schloss von Versailles einen gewaltigen Palast vor den Toren von Paris gönnte.

Beim Versuch, die für diese Medienkolumne relevanten Aspekte der Berichterstattung zu identifizieren, sind mir zwei medienkritische Ansätze aufgefallen:

Stefan Niggemeier schreibt in seiner Kritik des Absolutismus auf Übermedien: "Man muss sich Ludwig XIV. als einen glücklichen Mann vorstellen." In seinem Beitrag entlarvt er die damalige Presse als das, was sie wohl tatsächlich war: "als eine Form von Hofberichterstattung".

Auch Sascha Lobo findet den Regenten in seiner Spiegel-Kolumne "nur so semi-optimal".

Lobo warnt jedoch davor, es sich in der Ablehnung des höfischen Absolutismus zu leicht zu machen:

"Eine große Zahl der Äußerungen dienen der Selbstvergewisserung, auf der richtigen Seite zu stehen und transportieren den Wunsch, seine Meinungstruppen hinter sich zu scharen. Daran ist nichts prinzipiell Schlechtes, so funktionieren Diskussionsprozesse bis zu einem gewissen Grad eben. Aber die Übertreibung, die Zuspitzung und eben der Entwederoderismus ist viel besser dazu geeignet, Unterstützer zu aktivieren. Es ist die Verlockung der Dichotomie, die Bequemlichkeit des Lagerdenkens - der man selbst dann erliegen kann, wenn man sie erkennt - ich weiß das selbst sehr gut."

Und ja, "Entwederoderismus” ist natürlich eine Wortschöpfung Lobos, der dem Vernehmen nach eine Liste von Worterfindungen besitzt, zu denen er Kolumnen verfasst.

Nachtrag: Ein Erbe des "Sonnenkönigs” Hans-Hermann Ludwig aus Clausthal-Zellerfeld hat in den vergangenen Jahren dutzende Personen aus Wissenschaft, Journalismus und Politik für Äußerungen zur Geschichte und Gegenwart der Königsdynastie abgemahnt und verklagt. Der Clausthal-Zellerfelder Dynastenspross besteht darüber hinaus auf der Rückgabe des Palastes von Versailles und hat einen Kaffeeröster wegen der Verwendung des Namens "Jacobs Krönung” belangt.

Für alle betroffenen Abmahn-Opfer hat das Portal für Informationsfreiheit "Frag den Staat” einen Rechtshilfefonds eingerichtet.

ENTSTEHUNG DER USA

Der Moderator des heute journals (ZDF), Claus Kleber, reagiert hocherfreut, nein, geradezu enthusiastisch auf die Entstehung der USA. Auf dem Kurznachrichtendienst Twitter meldet Kleber direkt aus den Staaten:

"Unterz. der Bill of Rights. To make it clear, this is real, no fake! Sooner or l8ter will change the way the world looks at this nation. Tränen in den Augen, Gänsehaut-Panther. CUl8ter!”

DIE FRANZÖSISCHE REVOLUTION

Die taz bespricht das weithin bekannte Gemälde "Die Freiheit führt das Volk” des Malers Eugène Delacroix. Im Zentrum des Bildes steht die Göttin der Freiheit, welche das Volk in den Barrikadenkämpfenin Paris am zweiten der drei Revolutionstage anführt. Die Göttin trägt die französische Tricolore in der erhobenen rechten Hand, ein Bajonett in der linken Hand. Ihr Kleid ist verrutscht und gibt den Blick auf den entblößten Oberkörper frei. 

"Gut, dass sich die Göttin von den Fesseln des BHs befreit hat. Weniger gut, dass dieses gepriesene Bild der Romantik letztendlich auch nur eine Onaniervorlage des wohlhabenden Bildungsbürgertums ist.”

ZEITALTER NAPOLEONS

Die Süddeutsche Zeitung lobt das Interview des MDR mit Napoleon Bonaparte, dem revolutionären Diktator und Kaiser der Franzosen:

"Der Moderator ist vorbereitet, kennt die Opfer-Zahlen des Feldzugs gegen Russland ebenso wie die Umstände seiner Verbannung auf Elba. In seiner Ruhe bietet er Napoleon kaum Anlass zur selbstgerechten Empörung, treibt ihn aber auch nicht in die Ecke. 'Wir nehmen das jetzt mal so hin', ist ein Satz, der in bissiger Ironie öfter fällt und verhindern soll, dass sich beide Gesprächspartner im verbalen Schlagabtausch hoffnungslos verhaken. Er führt aber auch dazu, dass Napoleon immer mal wieder das letzte Wort haben darf",

In einem Spiegel-Kommentar heißt es dazu: "So geht das über Minuten, und Napoleon entglitscht wie ein Stück Seife in der Wanne, wirkt dabei aber immer weniger entspannt als zu Anfang des Gesprächs".

Napoleon hatte neben seinen beiden Ehefrauen eine ganze Reihe von Mätressen und Affären. Daneben gibt es zahlreiche Frauen, die von unschönen Begegnungen mit dem Diktator berichten.

Der Freitag setzt sich mit Letzterem auseinander und wünscht sich statt der "Me-Too-Geschichtsklitterung" eine Aufarbeitung, die Täter und Opfer gerecht wird.

Dass man das Thema auch anders angehen kann, beweist die Gala mit ihrer Frage: "Was sich Napoleons Frau wohl bei dieser Schuhwahl gedacht hat?"

In einer Bilderstrecke sieht man Joséphine de Beauharnais, Tochter eines Marineoffiziers und spätere Frau Bonaparte, auf dem Weg zu ihrem Gefährt:

"Mit plüschbesetzten Pantoffeln in der Farbe Creme geht sie zurück in ihre Kutsche und verleiht ihrem sonst so stylishen Sport-Look einen Stilbruch, wie ihn wahrscheinlich nur Joséphine tragen kann." 

In der Berliner Zeitung preist das Verlegerehepaar Silke und Holger Friedrich die unternehmerische Schaffenskraft Napoleons. Unternehmertum könne auch von Nicht-Eigentümern praktiziert werden, wenn diese im Besitz der erforderlichen Kennzahlen seien und dem Wandel gegenüber aufgeschlossen seien.

In dem aus 150.000 Zeichen bestehenden Longread wünschen sie dem verschmähten Kaiser alles Gute für seine Verbannung auf Elba und geben ihm eine Liedzeile aus einem Fleetwood-Mac-Song auf den Weg:

"Open up

Everything's waiting for you

You can go your own way

Go your own way

Für den Spiegel hat es sich die ebenfalls verbannte Reporterlegende Claas Relotius nicht nehmen lassen, den Imperator in seiner Verbannung zu besuchen:

"Ich sitze mit Napoleon in einem kleinen Straßencafe auf einer Anhöhe über der Bucht von Elba. Die Sonne scheint, im Hintergrund segeln Luxus-Yachten vorbei. Schöne Aussichten für einen Schnappschuss. Wie gemacht für ein Bild auf Instagram.

Ich zücke die Kamera, aber Napoleon winkt ab. Erst mit Verzögerung begreife ich den Grund. Der Herrscher im Ruhestand macht sich Sorgen wegen der möglichen Außenwahrnehmung. Der kleinwüchsige Imperator und neben ihm ein blonder Recke aus dem Norden? Keine gute Idee! Ich huste verlegen und nehme einen Zug aus meiner Gitanes. Im Hintergrund schreien die Möwen und ein gequälter Lastenesel. Eine unwirkliche Szene, bei der es später heißen wird, sie klänge wie ausgedacht.”

DAS ZEITALTER BISMARCKS

Auf Übermedien ächzt und seufzt Boris Rosenkranz in einem unterhaltsamen Kurzvideo über die "Bismarckisierung” der Medienlandschaft:

"Bismarck-Denkmäler, Bismarck-Türme, Bismarck-Säulen, Bismarck-Schlösser, Bismarck-Museen, Bismarck-Plätze, Bismarck-Straßen, Bismarck-Büsten, Bismarck-Kasernen, Bismarck-Schulen, Bismarck-Briefmarken, Bismarck-Hotels, Bismarck-Gaststätten, Bismarck-Häuser, Bismarck-Apotheken, Bismarck-Getränke, Bismarck-Speisen, nach Bismarck benannte Orte und nun auch noch eine nach Bismarck benannte Inselgruppe, das Bismarck-Archipel…"

Nach einer kurzen Pause fügt er in einer Mischung aus ironischem Spott und Gleichgültigkeit an: "Es würde mich nicht wundern, wenn wir bald nicht mit der Reichsmark, sondern der Bismark zahlen!”

DER ERSTE WELTKRIEG

Zwischen 1918 und 1920 verbreitete sich eine besonders bösartige Influenza-Pandemie, die laut WHO zwischen 20 Millionen und 100 Millionen Tote forderte: "Die Spanische Grippe".

Passend dazu titelt der Focus im Jahr 1919 und in der Mitte der Pandemie: "Haben wir überreagiert? Deutschland und das Virus, eine Zwischenbilanz." 

Auf Twitter bezeichnet Lorenz Meyer die Focus-Redaktion als "Schrödingers Panikmacher: Panikmacher, die vor 'Grippe-Panik' Panik machen”.

Transparenzhinweis: Ich bin mit dem Autoren verwandt.

DER NATIONALSOZIALISMUS

Wie am Dienstag hier bereits vermutet, geht die Diskussion um den Rechts-Influencer Adolf Hitler weiter. Ist der sich selbst unter Tränen als "Postkartenmaler und Schäferhundfreund" ausgebende Mann, der als Fernsehliebling tagein, tagaus von Sendern wie Welt (vormals N24), n-tv, Phönix und ZDF Info gefeaturet wird, tatsächlich das, was er zu sein vorgibt?

Um es mit einem Beitrag aus Belltower News zu sagen: "Wie ernst kann man ihn nehmen? Kann man so naiv sein, dass man in der rechtsextremen Szene aktiv ist und nicht merkt, dass diese rassistisch ist?"

Der Spiegel ist einen Schritt weitergegangen und hat sich mit Hitler zum Waldspaziergang getroffen:

"Es war nicht leicht, den Chef der NSDAP und prominentesten Rechtsaußen seiner Partei zu einem Treffen zu bewegen. Hitler sieht sich als Verfolgten, als Opfer einer Hetzjagd der Medien und der politischen Gegner, die aus seiner Sicht eine Einheit bilden."

Die Zeit des Distanzierens sei vorbei, habe Hitler dem Spiegel gesagt, als er das Treffen mit der Journalistin zusagte. Seine einzige Bedingung: keine Fotos und kein Hausbesuch - stattdessen eine gemeinsame Wanderung durch den Wald.

Eindrucksvoll schildert die Reporterin die Eindrücke des nicht alltäglichen Waldspaziergangs:

"Kaum ein Geräusch dringt durch die Bäume, kein Vogelzwitschern, nur der Wind in den Wipfeln und das Knirschen der toten Blätter unter den Füßen. Hitler zeigt auf das Buchenlaub, das nach der Dürre dieses Sommers bereits gelb leuchtet.

"Der Anblick macht mich traurig."

Wir erreichen die Teufelskanzel, ein Felsplateau, von dem sich ein atemberaubender Blick auf das hessische Werratal bietet. Das Flussbett biegt sich hier wie ein Hufeisen – der Legende nach der Hufabdruck des Teufels.

"Der Teufel", sagt Hitler leise. "Ja, jetzt stehen Sie hier mit dem Teufel der NSDAP."

Kann er wirklich nicht verstehen, warum er so scharf kritisiert wird?

Hitler denkt demonstrativ nach, den Blick in die Ferne gerichtet. "Vielleicht spüren die Leute, dass es mir ernst ist. So etwas sind sie wohl nicht mehr gewöhnt bei Politikern."

Auf Twitter beschreibt ein Nutzer seine Eindrücke von Leni Riefenstahls neuem Film "Triumph des Willens", der den sechsten Reichsparteitag der NSDAP 1934 in Nürnberg zum Inhalt hat: "Die Doku bot zur besten Sendezeit einen guten Überblick über die rechtsextreme Szene Deutschlands. Es bleibt aber problematisch, Neonazis so viel Raum für ihre Argumentation einzuräumen und sie noch in ästhetischen Slow-Mo-Einstellungen zu portraitieren."

In einem Feature für den Deutschlandfunk kommentiert ein Sprachwissenschaftler die Behauptung des Kabarettisten Dieter Nuhr, einem Pogrom zum Opfer gefallen zu sein:

"Ein Nuhr​​grom bezeichnet die falsch empfundene Wahrnehmung von begründeter Kritik als gesinnungsgetriebener Verfolgung, oft begleitet von Sinnestäuschungen wie Fackeln und Mistgabeln. Es ist verwandt mit dem Mimimi-Syndrom und Sprechverbots-Halluzinationen.”

DER ZWEITE WELTKRIEG

Auf Youtube kritisiert Rezo den Beginn des Zweiten Weltkriegs auf gewohnt direkte Art:

"Ey, ich bin gerade sau-wütend. Ist jetzt nur ein Front an die Loide, die es betrifft. Also die Creeps da oben in der Regierung, die sich das mit dem Weltkrieg ausgedacht haben. Ich meine, mir kanns egal sein, aber Euer Ruf leidet gerade derbe darunter.

Wie wäre es, wenn Ihr Dudes Euch einfach mal zusammensetzt und überlegt, wie unlogisch Ihr unterwegs seid, wenn Ihr ganz Europa in Klump und Asche haut. Ich erwarte ja nicht mal, dass ihr Brudis einen mega guten Job macht, aber auch ihr müsstet doch ein paar Standards haben. Ich höre schon, wie ihr jetzt hart rumpimmelt über ein 'Volk ohne Raum' und so. Lol…  Alter …

Ey, es ist null funny zu sehen, wenn sich jemand ständig in neue Scheiße reitet, bis die größten Peinlichkeiten entstehen, die kaum auszuhalten sind. So viele whacke Leute mit so vielen falschen Vorurteilen! Alter …

Was geht mit diesen moralisch degenerierten Unmenschen? Wie kann man sowas tun? Wie kann man seinen Job immer und immer wieder so sehr verkacken? Was für ne shit show! Ihr seid echt so krass inkompetent.

Peace!”

Nachtrag 12.33 Uhr: Leider hat Youtube das Video aus dem Netz genommen. Rezo habe in einer Szene des Videos urheberrechtlich geschütztes Material verwendet.

Eine Bilderstrecke der besonderen Art gibt es bei  BILD-Online. Sonderberichterstatter und Selfie-Kriegsreporter Paul Ronzheimer öffnet nicht nur sein Herz, sondern auch seine Vitrine mit den vielen blank polierten Stahlhelmen von verschiedenen Einsätzen.

DIE NACHKRIEGS-ÄRA (NACH 1945)

Die Bild-Zeitung freut sich über ihre Existenzsicherung und jubelt "Regierung gibt Deutschen Klopapier-Garantie”. Das bringt Peter Breuer auf Twitter zu der Frage: "Ist Bild-Chef Julian Reichelt der moderne Citizen Kane, der einsam auf seinem Schloss Xanadu dahinsiecht, während er in eine gläserne Schneekugel starrt?”

Bei Maischberger ging es diesmal um das Thema "Das wird man ja wohl noch sagen dürfen”. Gäste waren Björn Höcke, Tilo Sarrazin, Roland Tichy und Martin Sellner.

Die Diskussion wurde mit einem Einspieler einer Straßenumfrage eröffnet. Ein Passant berichtete von beruflichen Nachteilen, die er befürchten müsse, wenn er von seinem Grundrecht auf Meinungsfreiheit Gebrauch mache:

"Der Meinungskorridor ist derart verengt beim Thema Flüchtlinge, dass man gesellschaftlich regelrecht geächtet wird, nur weil man mal ein Flüchtlingsheim angezündet hat. Das sind Dinge, wo viele das Gefühl haben, man darf überhaupt nichts mehr machen."

Correctiv weist in einem Kommentar darauf hin, dass es sich bei dem Mann um Friedhelm von Hasslingen gehandelt habe, den Sprecher der Burschenschaft Thuringia - einer schlagenden Verbindung aus dem sächsischen Hetzlitz.

Hasslingen hatte bundesweit für Aufsehen gesorgt, als er gefordert hatte, im Mittelmeer manipulierte Schwimmwesten zu verteilen, die nach wenigen Minuten ihre Luft verlieren.

Die Maischberger-Redaktion schreibt in einer Stellungnahme auf Twitter, diese Tatsache sei ihr beim Dreh nicht bekannt gewesen, man nehme die Kritik jedoch Ernst. Deswegen wolle man von Hasslingen in eine der nächsten Sendungen einladen und "sich seine Argumente anhören”.


Altpapierkorb (TikTok, ZDF-Fernsehrat, [Platzhalter für eine beliebige uninteressante und wenig qualifizierte Person], Presserat und irgendwas wieder mit Bild, Laudatio den Altpapier-Autoren und Autorinnen)

+++ TikTok wollte sich zunächst TikTak nennen, bekam es dann jedoch mit dem italienischen Lutschdragée-Hersteller Ferrero zu tun, der eine Verwechslungsgefahr mit einem Produkt befürchtete ("TicTac"). Ähnlich argumentierte der Verband der Schweizerischen Uhrenindustrie FH (franz.: Fédération de l'industrie horlogère suisse, engl.: Federation of the Swiss Watch Industry).

+++ Mehr Transparenz in Mainz: Der ZDF-Fernsehrat hat beschlossen, einmal im Monat die Fenster zu putzen. Die Ständige Publikumskonferenz zeigt sich begeistert, erinnert jedoch erneut an ihre Forderung: "Raus mit Markus Lanz aus meinem Rundfunkbeitrag!"

+++ [Platzhalter für eine beliebige uninteressante und wenig qualifizierte Person”] ist jetzt Intendant/Intendantin des [Platzhalter für irgendeinen öffentlich-rechtlichen Sender]. Er/Sie/Es betont, dass ihre/seine Mitgliedschaft in der [Platzhalter für irgendeine Partei] keinerlei Auswirkungen auf ihre/seine Arbeit haben werde. Die [Platzhalter für die vorher bezeichnete Partei] stimmte dem ausdrücklich zu.

+++ Und wo wir gerade bei Platzhaltern sind: "Der Deutsche Presserat zieht die Prüfung der [Platzhalter für irgendeine Falsch-Berichterstattung / Hass und Hetze / Diskriminierung] der Bild-Zeitung in Betracht.”

+++ Wussten Sie schon, dass Das Altpapier schon deshalb nicht in den Altpapiercontainer gehört, weil es digital ist? Falls nicht, wird Sie vielleicht auch interessieren, dass die meisten Buchstaben dieser Ausgabe aus dem Recycling von Tippfehlern folgender Altpapier-Autoren und Autorinnen stammt: Christian Bartels, René Martens, Klaus Raab, Jenni Zylka, Ralf Heimann und Nora Frerichmann. Ohne sie wäre all das hier nicht möglich: Danke!

+++ ENDE

Diese Version des Altpapiers gibt es wieder am Dienstag in 20 Jahren.


Unser Gastautor: Lorenz Meyer ist einer der Köpfe des medienkritischen Watchblogs "BILDblog". Dort schaut er regelmäßig in die Abgründe des Boulevard-Wahnsinns und verfasst die vielgelesene tägliche Medienkolumne "6 vor 9". Neben dem Journalismus gehört sein Herz der Satire. So hat er das "Bullshit-Bingo" in Deutschland bekannt gemacht, hat u.a. bei "Spiegel Online" und "Meyers Berufs-Phrasomat" bei der FAZ bespielt. Wenn Meyer nicht gerade namhafte Comedians mit Inhalten für ihre Bühnenprogramme versorgt, verfasst er satirische Bücher und Parodien.

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