Teasergrafik Altpapier vom 19. Juni 2019: Demonstranten im Sudan, darauf #BlueForSudan
Bildrechte: dpa / Panthermedia / MEDIEN360G

Das Altpapier am 19. Juni 2019 Küchenweisheiten reloaded

Berichten deutsche Medien zu wenig über den Sudan oder kommt die Berichterstattung einfach nicht an? Kann die neue Facebook-Währung auch für Medienhäuser interessant sein? Und leidet Österreich unter einer kollektiven Strache-Amnesie? Ein Altpapier von Nora Frerichmann.

Teasergrafik Altpapier vom 19. Juni 2019: Demonstranten im Sudan, darauf #BlueForSudan
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Drüben bei Instagram sind sie alle blau, schon gemerkt? Böser Einstieg für ein eigentlich ernstes Thema: Dabei geht’s aber nicht um Werbung für irgendeine neue fancy Gin-Sorte oder so, sondern um Solidarität und zumindest im Nebenaspekt um Medienkritik. Mit einer blauen Kachel und dem #BlueForSudan machen diverse Influencer und auch das Social-Media-Fußvolk seit mehreren Tagen auf die Situation im Sudan aufmerksam.

Demos gegen die Militärregierung nach dem Sturz des Diktators Omar al-Bashir im April, gewaltsame Auflösung des Protestcamps, mehr als 100 Tote – Sie werden es mitbekommen haben. Bei #BlueForSudan schwingt auch ein gewisser Vorwurf an ”die Medien“ mit, nicht genug über die Ereignisse zu informieren. Ein Twitter-User kritisiert,

”dass deutsche Medien das Thema gerade gefühlt verschlafen bzw. nicht so intensiv bespielen wie es Leser interessiert.“

”Auf Instagram und Twitter kommt man schon nicht mehr daran vorbei, bei euch gibt es noch keine Erwähnung“,

mokiert eine andere Userin gegenüber n-tv, ARD und ZDF.

Dabei stellen sich zwei Fragen: Wurde wirklich so wenig über die Proteste und die Militärgewalt in dem nord-ost-afrikanischen Land berichtet? Und wer genau ist mit ”die Medien“ bzw. ”deutsche Medien“ gemeint?

Suchmaske sei Dank lassen sich die Sudan-Meldungen auf den meisten Nachrichtenseiten flugs finden. Im Juni gab es (Stand Dienstagabend)

bei der ”Tagesschau“: 21 Meldungen, Videos und Audios im Juni und 14 Sendungen,

bei Süddeutsche.de: 31 Texte und Videos,

bei T-Online: 10 Texte, bei denen die Proteste im Sudan im Mittelpunkt stehen,

bei Spiegel Online (inklusive Spiegel+): 13 Texte,

bei ”ZDF Heute“: 18 Meldungen und eine Sendung,

bei der Deutschen Welle: 18 Meldungen,

und bei der deutschen Version von Vice: 3 Texte.

Es wurde also bei einigen Medien im Schnitt mindestens einmal am Tag über die Situation im Sudan berichtet. Einen Peak gab es natürlich vor allem am 3. Juni, als die Sitzblockade der Demonstranten in Khartum gewaltsam vom Militär aufgelöst wurde und dabei mindestens 100 Menschen getötet wurden.

Der Weg ist das Ziel, echt jetzt

Nun ist die Kritik, man möge in Deutschland gerne etwas mehr über Geschehnisse in anderen Ländern erfahren ja grundsätzlich nicht unberechtigt. Man denke an all die gestrichenen Auslandskorrespondent:innen-Stellen, vor allem auf dem afrikanischen Kontinent. Auch die Konzentration der Berichterstattung auf bad news, super bad news und Eliten und die Kritik am Parachute Journalism sind olle Kamellen.

Angesichts der hohen Zahlen und der kontinuierlichen Berichterstattung bei ”Tagesschau“, ”Heute“ und der Süddeutschen lässt sich aber konstatieren, dass die Nachrichten scheinbar nicht bei den Nutzer:innen ankommen. Die Beschwerden illustrierten also nebenbei auch eindrücklich ein Mediennutzungsverhalten á la ”if the news is important it will find me“.

Dass die Algorithmen von Facebook, Twitter und Instagram Auslandsberichterstattung in der Regel nicht ganz oben in den Feed pushen, dürfte klar sein. Durch die Änderungen von 2018, mit denen das Netzwerk darauf abzielte ”Menschen näher zusammenzubringen“, Beiträge von Freunden und Familie priorisierte und die Position von Beiträgen im Feed stärker davon abhängig machte, inwiefern Nutzer:innen sich darüber austauschen werden, dürften die Chancen für eine prominente Platzierung klassischer Auslandsmeldungen gesunken sein.

Und da beißt sich die Katze in den Schwanz, denn der Facebook-Algorithmus basiert ja zumindest teilweise auch auf den eigenen Vorlieben und der Wahrscheinlichkeit, auf einen Post zu reagieren. Die Quote liegt bei den privat geposteten Videos von den Menschen, die bei den Demos dabei waren, Tumulte und blutüberströmte Menschen filmten, wohl deutlich höher als bei der nüchternen Nachricht aus der Süddeutschen oder der ”Tagesschau“.

Vielleicht entsteht dadurch der Eindruck, ”die Medien“ würden nicht berichten. Medienhäusern das Verschweigen von Informationen vorzuwerfen ist ja ohnehin zum Reflex geworden, teilweise natürlich auch berechtig und diskutabel. In diesem Fall verdient aber auch die Frage gestellt zu werden, warum die Berichterstattung scheinbar so versickert, dass sie bei vielen Nutzer:innen gar nicht ankommt.

Das sollte Nutzer:innen und Redaktionen gleichermaßen zu denken geben. Da bekommt der Küchenkalender-Aphorismus ”Der Weg ist das Ziel“ doch mal eine neue, sehr konkrete Bedeutung.

Willkommen in Facebookistan

Bleiben wir mal bei Facebook und wenden den Blick von seinen Mechanismen, die die Weltsicht der Nutzer:innen formen, zu etwas pragmatischeren Dingen: Geld. Gestern hat der Tech-Konzern seine Pläne für eine eigene Währung vorgestellt, die überall im Netz aber auch in Geschäften via Smartphone einsetzbar gemacht werden soll. Libra sollen die digitalen Moneten heißen. Zeit Online hat einige wichtige Informationen zusammengestellt.

“Warum macht Facebook so etwas?”, fragt Jürgen Geuter in einer Analyse bei SpOn. Als Spekulationsobjekt wie Bitcoins würde die neue Kryptowährung nicht taugen, weil sie an mehrere andere Währungen gebunden sei. Facebook beteuert dabei auch, nicht die Finger hinter dem Rücken zu kreuzen, wenn es verspricht, die Transaktionsdaten von den Werbeprofilen der Nutzer zu trennen. Es gehe den Tech-Konzern also um mehr:

”Das Unternehmen übernimmt im Internet zunehmend eine quasi-staatliche Rolle: Der Facebook-Account kann zum Login oder zur Überprüfung der eigenen Identität genutzt werden, ähnlich wie ein Personalausweis. Die Regeln, die Facebook für Inhalte auf seiner Plattform definiert, setzen sich mitunter über nationale Gesetze und Normen hinweg und legen fest, welche Texte, Fotos oder Videos akzeptabel sind. Die Tausenden Moderatoren, die Facebook überall auf dem Planeten bezahlt, kommen Polizisten und Richtern gleich, wenn es um die Standards auf Facebooks Seiten geht. Facebooks Management um CEO Mark Zuckerberg verhandelt und kommuniziert mit Staaten und internationalen Organisationen auf einer Ebene“,

schreibt Geuter. Finanzdienstleister, die die neue Währung aus den Landen von Facebookistan führen wollen, sind z.B. Visa, Mastercard und Paypal. Andere Firmen wie Vodafone und Ebay, Booking.com, Spotify und Uber sind ebenfalls mit im Boot. Auch für Medienhäuser könnte die Währung mit Blick auf Finanzierungsmodelle interessant werdenwenn sie dabei weitere Abhängigkeit von der Plattform in Kauf nehmen möchten.

An warnenden Stimmen mangelt es derzeit nämlich nicht. Das Handelsblatt hat einige zusammengefasst, z.B. von Markus Ferber, Europa-Abgeordneter der CSU. Es könne nicht angehen, dass ”multinationale Unternehmen in einem regulatorischen Nirwana operieren, wenn sie Kryptowährungen herausgeben“, warnt er und fordert von Regulierungsbehörden höchste Alarmbereitschaft.

Auch in den USA heult der Feueralarm: Maxine Waters, Vorsitzende des House Financial Services Committee und demokratische Abgeordnete des Repräsentantenhauses wolle ein Moratorium vereinbaren und Facebook von weiteren Schritte abhalten, bis US-Kongress und Regulierungsbehörden das Projekt untersuchen können.

Auch Geuter sieht das Ganze kritisch:

”Was Facebook mit dem Libra-Projekt aufbaut, ist aber keine rein technische Lösung, sondern ein alternatives und weitgehend unreguliertes Bankensystem. (…) Auf den ersten Blick schmieden Facebook und andere Tech-Unternehmen nur eine wirtschaftliche Allianz, am Ende könnte eine neue Währung stehen, die nicht durch politische, geschweige denn demokratische Prozesse, sondern durch die Interessen der beteiligten Unternehmen gesteuert wird.“

Österreichische Amnesie

Ach, wir haben diese Woche auch noch gar keinen Blick auf ein etwas weniger weltmachtiges Land geworfen: nach Österreich. Dort haben zwar schon Ende vergangener Woche (aber nichtsdestoweniger erwähnenswert) alle Chefredakteurinnen und Chefredakteure österreichischer Printmedien eine gemeinsame Stellungnahme veröffentlich. Hier z.B. bei ”Die Presse“ zu finden. Dabei geht es um die Nachwehen des Strache/Ibiza-Videos (Link zum Altpapier-Archiv):

”Dass Politik vom direkten Zugriff auf Medien träumt, ist in Österreich keine besondere Eigenschaft einer einzigen Partei. Wer Macht hat oder will, sucht auch nach Wegen, die Kontrollore dieser Macht zu kontrollieren. Wohin das führt, können wir in Ungarn beobachten, einem Land, das der damalige FPÖ-Chef in dem Video ausdrücklich als Vorbild nennt.“

Die Suche nach den Urhebern des Videos sei zwar wichtig, überdecke aktuell aber die ”demokratiegefährdenden Aussagen, die das Video dokumentiert“.

Strache selbst kündigte passender Weise am Montag an, das durch die Vorzugsstimmen bei der Europawahl errungene Mandat nicht anzunehmen. Dafür wolle er seine Frau Philippa Strache unterstützen, die laut Hasnain Kazim (SpOn) bei den Nationalratswahlen im Herbst auf Listenplatz 3 der FPÖ kandidieren wird. Strache selbst solle laut österreichischen Medien (z.B. oe24) einen Beratervertrag bei der FPÖ oder einem parteinahen Unternehmen bekommen und eventuell bei der Wien-Wahl kandidieren.

Ob das, so es denn dazu kommen sollte, auch nur im Entferntesten mit Medienpolitik oder der Kronen Zeitung zu tun hat, dürfte von den österreichischen Printmedien mit Argusaugen beobachtet werden. Denn die Chefredakteru:innen kritisieren eine österreichische Amnesie:

”vergessen scheinen seine Erklärungen, wie seine Partei dem Spender zu profitablen staatlichen Aufträgen verhelfen wollte; vergessen der Plan, eine große Zeitung mithilfe russischer Investoren in den Griff zu bekommen, auch, um unliebsame Journalistinnen und Journalisten zu entfernen.“


Altpapierkorb (Einigung beim Spiegel, Joyn, dpa-Streik, Deutschland-Kurier)

+++ Im September soll sie nun umgekrempelt werden, die Redaktion an der Ericusspitze. Die Betriebsräte der Online- und Printredaktion des Spiegels haben sich laut Horizont mit der Geschäftsführung auf Konditionen für die Zusammenlegung der beiden Bereiche geeinigt. Bei Meedia spricht Gregory Lipinsky von einem ”historischer Schritt“.

+++ Bei dpa streikten gestern 80 Prozent der Mitarbeiter:innen im Berliner Büro, ”um gegen die Hinhaltetaktik und die unzureichenden Angebote in den laufenden Tarifverhandlungen zu protestieren. Es war das erste Mal, dass es in der dpa einen Warnstreik gab“, berichtet Lilly Schlagnitweit bei der taz. In der Zeit-Redaktion hat man’s auch gemerkt.

+++ Gestern war es hier im Altpapier vorblickend schon Thema, mittlerweile ist die Videoplattform Joyn online. In einem Punkt ist die Medienbubble (z.B. Uwe Mantel bei dwdl, Robert Tusch bei Meedia und SpOn) sich einig: Das Live-Streaming dort ist das unkomplizierteste auf dem Markt. Quali und Anordnung der Mediatheken kriegen aber nur ein halbes Sternchen. Es warten noch einige Aufgaben, prophezeit Mantel: ”Einen ersten Schritt haben ProSiebenSat.1 und Discovery damit gemacht. Doch es warten noch große Herausforderungen, insbesondere wenn man die Inhalte weiterer Anbieter integrieren will. Denn die Frage, wessen Inhalte an welcher Stelle angeteasert werden, bleibt heikel. Die Integration der Bezahlangebote wird ebenfalls eine komplizierte Aufgabe, wenn man das derzeit größte Pfund - die Unkompliziertheit - nicht verlieren will. Und den ganzen Teil der Personalisierung ist Joyn in der aktuellen Form noch gar nicht angegangen.“

+++ ”Frontal 21“ und Correctiv haben mögliche Verbindungen zwischen dem für-Umme-Blatt Deutschland-Kurier und der AfD entdeckt. Damit in Verbindung stehen auch eventuell illegale Parteispenden: ”Wenn AfD-Mitglieder in Absprache mit der AfD den Deutschland-Kurier verteilt haben, dann wäre das eine geldwerte Spende, die die AfD im Rechenschaftsbericht für 2018 angeben müsste. Sonst drohen weitere Strafgelder“, wird Ulrich Müller von LobbyControl zitiert.

+++ In NRW wurde der Etat für Mitarbeiter der Parteien im Landesparlament 2018 so gut wie verdoppelt. 8.600 Euro stehen den Abgeordneten jetzt im Monat zur Verfügung. Das wurde auch mit mehr Arbeit in sozialen Netzwerken begründet, die mehr Personal erfordere. Das WDR-Magazin ”Westpol“ recherchiert, wohin das Geld so verschwindet. Spiler: In die Social-Media-Auftritte nur bedingt.

+++ Der ”Tatort“- und ”Pilcher“-Regisseur Rolf von Sydow ist mit 94 Jahren gestorben, berichtet die FAZ (via dpa). ”Rolf von Sydow beherrschte das ernste Fach ebenso wie die leichte Unterhaltung und schuf damit TV-Klassiker“, heißt es bei SpOn.

+++ Die amerikanisch-britische Serie ”Chernobyl“ sorgt in Russland für Furore, berichtet die FR: ”Anfangs lobte sogar der russische Kulturminister Wladimir Medinski den Film: Er sei mit großem Respekt vor den einfachen Leuten gedreht worden. Aber inzwischen ist die Stimmung gekippt. 'Mickey Mouse bringt Krieg nach Russland‘, schimpft das nationalistische Portal Regnum. Und die Partei Kommunisten Russlands hat bei der Zensurbehörde Roskomnadsor beantragt, die Serie zu blockieren. Roskomnadsor prüft...“.

Neues Altpapier gibt es wieder am Donnerstag.

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