Teasergrafik Altpapier vom 21. Juni 2019: Porträt Walter Lübcke
Bildrechte: dpa / MEDIEN360G

Das Altpapier am 21. Juni 2019 0,01 Prozent

So viel Platz in der Berichterstattung dürfte der mutmaßlich rechtsterroristische Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke einnehmen, wäre diese “vollkommen ausgewogen“. Schließlich stirbt man viel eher an Herzinfarkt als durch Terror. Über die Gewichtung in der Berichterstattung – und was Ganze mit dem Tatort zu tun hat. Ein Altpapier von Kathrin Hollmer.

Teasergrafik Altpapier vom 21. Juni 2019: Porträt Walter Lübcke
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Man kann das Thema Medienloch (siehe Altpapier gestern) natürlich nicht ewig ausbreiten, deshalb nur so viel: Gestern Abend war #gefragtgejagt unter den Top-Trends auf Twitter.

In dieser Woche wurde schon in zwei Altpapieren der immer wiederkehrende, oft berechtigte, Vorwurf thematisiert, die Medien würden zu wenig über bestimmte Ereignisse berichten: über die Proteste und die Militärgewalt im Sudan etwa (siehe Altpapier von Mittwoch) oder den Terror von rechts in Deutschland (Altpapier von Donnerstag), aktuell im Zusammenhang mit der Berichterstattung über den Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke.

Lenz Jacobsen greift auf Zeit Online einen Beitrag von Hannah Ritchie vom “Our World in Data“-Projekt an der Oxford University auf. Ritchie recherchierte, wie oft welche Todesart in den Medien thematisiert wird. Ritchie wertete Artikel in der New York Times und im Guardian sowie Google-Suchanfragen aus und glich sie mit der Statistik ab.

“Das Missverhältnis war eklatant“, schreibt Jacobsen. “Terrorismus beispielsweise, obwohl nur für wenige Tote verantwortlich (weniger als 0,01 Prozent), macht jeweils über ein Drittel der Berichterstattung über Todesfälle aus. Die vielen Herztoten hingegen (37,6 Prozent) bekamen nur gut zwei Prozent der medialen Aufmerksamkeit ab.“

Ritchie macht die Sensationsgier der Leser dafür verantwortlich. “Wenn wir unser Bedürfnis nach der neuesten, ungewöhnlichen Story nicht überwinden, können wir auch nicht erwarten, dass die Darstellung in den Medien vollkommen ausgewogen ist“, zitiert sie Zeit Online. Man möchte ihr gleich zustimmen. Ausgewogenheit, das klingt nach mehr Mut zum Einerseits/Andererseits statt teils unverhältnismäßiger Überspitzung zur großen Schlagzeile für Klicks und Käufer am Kiosk.

Einerseits.

Andererseits ist das mit der Ausgewogenheit vielleicht doch komplizierter. “Diese Woche zeigt gut, warum das falsch und schädlich wäre“, schreibt Lenz Jacobsen:

“Denn würden wir uns an die von Ritchie gewünschte Verhältnismäßigkeit halten, dürfte der vermutlich rechtsterroristische Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke nur eine Randnotiz sein, nicht mal 0,01 Prozent der Berichterstattung einnehmen. Dann würden Sie sich sicher sehr wundern, warum Sie bei ZEIT ONLINE fast nichts über den ersten rechtsradikalen Mord an einem Politiker seit dem Zweiten Weltkrieg finden, dafür aber Unmengen an Beiträgen zu Nierenkrankheiten und Diabetes.“

Das will natürlich niemand. Jacobsen weiter:

“Der Mord an Walter Lübcke ist ein politisches Drama und ein gesellschaftliches Problem. Wir alle sind gemeint, wenn ein Vertreter unseres Staates angegriffen wird. Und nur die Gesellschaft kann mit ihren Mitteln – politischer Diskurs einerseits, Staatsgewalt andererseits – solche Taten verhindern. Das macht den Mord an Lübcke und das Gespräch darüber zu einer res publica, zu einer öffentlichen Sache. Deshalb nehmen Terrortote zu Recht mehr Raum in der Berichterstattung ein als Opfer von Krankheiten. Anders gesagt: Wenn mein Onkel an einem Herzinfarkt stirbt, muss ich darüber nichts in der Zeitung lesen. Wenn mein Onkel von einem Nazi erschossen wird, sehr wohl.“

Dass Lübcke und die Hintergründe der Tat mehr als 0,01 Prozent (oder 0,07, bei Mord allgemein) und die vom medialen Todesartenkuchen abbekommen ist also nicht das Gegenteil von Ausgewogen, sondern einfach: Journalismus.

Zu viel ferngesehen?

Wir bleiben beim Thema Mord. Auch im – in Deutschland über die Maßen beliebten – Krimigenre entspricht das Gezeigte – zum Glück – nicht der Wirklichkeit, in diesem Fall der polizeilichen Kriminalstatistik. Christian Endt hat bereits am Mittwoch in der Feiertagsausgabe der Süddeutschen Zeitung und in Zusammenarbeit mit tatort-blog.de die aktuelle, eben zu Ende gegangene Tatort-Saison ausgewertet und mit den offiziellen Zahlen verglichen, darunter auch generell die Gefahr, durch Mord zu sterben. Endt schreibt:

“Im deutschen Fernsehen wird viel mehr gemordet als in der Realität. Im Jahr 2018 gab es demnach in Deutschland 386 Mordopfer. Allein im ‚Tatort‘ starben in nur einer Spielzeit 76 Menschen, zählt man alle Krimiserien, True Crime- und Reality-Formate im deutschen Fernsehen zusammen, dürften es Hunderte Ermordete sein.“

Auch Geschlecht, Alter von Opfern und TäterInnen im Film weichen von der Wirklichkeit ab, schlüsselt Christian Endt auf. Dass sich Täter und Opfer meistens kennen, ist sowohl im Tatort als auch in wahren Leben so – nur bei den Motiven ist der Film kreativer. Warum, verrät der WDR-Redakteur Frank Tönsmann, der für den Dortmunder Tatort verantwortlich ist und im Artikel zitiert wird:

“Dass der Tatort nicht exakt der Kriminalstatistik entspricht, liegt auch daran, dass in der Realität die meisten Tötungsdelikte Beziehungstaten sind. (...) Aber die Leute wollen nicht jede Woche eine Beziehungstat sehen. Wir versuchen stattdessen, auch häufiger gesellschaftliche Themen aufzugreifen.“

Auch hier gibt es eine Gewichtung: Ausgewogen nach Ritchie wäre es, die Tatort- und sonstigen Fernseh-Ermittler würden sich meistens mit Eifersucht und anderen Beziehungsdramen befassen. Das Krimigenre, das, Lieblingsrechtfertigung der Sender für die Krimiflut, will aber die Gesellschaft abbilden, gesellschaftliches, vielleicht politisches Statement sein. Und genau da kann man sich fragen, ob die bloße Zahl an Morden im Fernsehen das falsche Statement ist und Angst schürt.

Bereits Anfang des Jahres schrieb der Drehbuchautor Frank Zeller in einem Gastbeitrag in der Süddeutschen Zeitung gegen das Morden im Fernsehen an. “Die Tote hinter den Dünen, der Tote im Watt, Tod am Nachmittag oder am Abend. Kein Zweifel, wir sind beim ZDF“, schrieb er und zitiert eine Rechnung des Journalisten Glenn Riedmeier, nach der 2015 allein im Programm von ZDF und ZDFneo mehr als viereinhalbtausend Morde verübt worden sind. Zeller erinnert an die Studie “Von Caligari zu Hitler“ von Siegfried Kracauer aus dem Jahr 1947, der in der deutschen Filmlandschaft zwischen den Weltkriegen schon den “Schatten Hitlers“, in Figuren wie Dr. Caligari, Nosferatu oder Dr. Mabuse sah.

“Zwar kann niemand ernsthaft behaupten, dass die Gewaltkriminalität in Deutschland besorgniserregend zunimmt. Eher das Gegenteil trifft zu. Was offensichtlich ansteigt, sind die Ängste, Opfer von Verbrechen zu werden, und sie scheinen Grund genug zu sein, entweder die AfD zu wählen oder zumindest Restriktionen gegen Flüchtlinge und Migranten zu verlangen. Woher kommen diese Ängste? Reale Wahrnehmungen kommen als Auslöser eher nicht infrage. Haben die Leute also vielleicht zu viel ferngesehen?“

Altpapierkorb (Zeitreisen, Kebekus, Angela Merkel und Weinstein auf der Bühne):

+++ Lars Weisbrod fragt sich in der Zeit (), warum in Serien Zeitreisen so beliebt sind. Stichwort Dark, unter anderem. Er schreibt: “So wie auf der Oberfläche einer Kugel die Winkelsumme im Dreieck nicht mehr 180 Grad ergibt und die euklidische Schulgeometrie ausfällt, so gelten im Zeitreise-Genre die Regeln des linearen Erzählens nicht mehr. Stattdessen üben wir hier ein neues Denken ein. Wir werden es noch brauchen.“ Oder gebraucht haben werden.

+++ Die Taz hat Carolin Kebekus interviewt, über Hasskommentare, neuen Feminismus und ihre teils derbe Sprache. Darüber sagt sie: “Sobald ich aber in der Sprache etwa deutlicher war, habe ich eine andere Aufmerksamkeit bekommen. Ich habe gemerkt, dass die Leute dann anders zugehört haben. Ich musste wohl dann mal kurz auf den Tisch scheißen.“

+++ Lukas Latz, ein Berliner Student, schrieb in St. Petersburg für die Wochenzeitung Jungle World über einen Protest von Umweltaktivisten vor Ort und kritisch über die Pläne eines Oligarchen, der ein Kupferbergwerk eröffnen will. Dann sei die Polizei vor seiner Tür gestanden, schreibt Philipp Fritz in der Welt, und Latz wurde ausgewiesen, weil er ohne Arbeitsvisum journalistisch tätig war.

+++ Herausgeberin Miriam Meckel hat für das Handelsblatt Angela Merkel interviewt. Rezo attestiert die Kanzlerin richtige Punkte beim Klimaschutz, im Gespräch geht es auch um Neuland (immer noch?): “Wissensvermittlung findet heute eben nicht mehr ausschließlich durch das Lesen von Texten statt, sondern auch durch das Hören von Podcasts und Anschauen von Videos.“

+++ David Mamet hat “einen fiesen Filmmogul“ auf die Bühne des Londoner Garrick Theatre gebracht. Sein Name: Barney Fein. Man muss wohl nicht dazusagen, dass er “an Harvey Weinstein angelehnt“ ist. Gespielt wird er von John Malkovich. Gina Thomas war in der FAZ (Blendle) nicht so begeistert vom Ergebnis.

+++ Wie der Brexit der BBC zu schaffen macht, schreibt Markus M. Haefliger in der NZZ.

+++ In der FAZ (Blendle) portraitiert Michael Martens Murat Yetkin, einen der bekanntesten Journalisten der Türkei, der zuletzt die englische Ausgabe der Zeitung Hürriyetleitete. Nach mehr als 35 Jahren hat er sich entschieden, Bloggerzu werden. Er habe den Druck seit dem Verkauf der Zeitung an die Erdogan-zugewandte Demirören-Holding nicht mehr ertragen.

+++ New-York-Times-Herausgeber Arthur Sulzberger wehrt sich gegen Trumps Vorwurf, was die Zeitung, Trumps Lieblings-Medienfeind, über mutmaßliche Eingriffe der USA in das russische Stromnetz publiziert habe, sei “geradezu Hochverrrat“, schreibt Der Standard.

+++ Bereits am Montag nahm Philipp Walulis in seiner Sendung Promi-Magazine wie Barbara, Guido und Boa – auseinander. O-Ton: “Wie verzweifelt ist die Print-Welt eigentlich gerade?“ Er hat auch Vorschläge, wer noch sein eigenes Magazin bräuchte.

+++ Am Dienstag räumte Leidmedien mit fünf Mythen über SchauspielerInnen mit Behinderung auf, zum Beispiel: “Am Set ist es zu gefährlich und nicht barrierefrei.“

+++ Vergangene Woche gings an der Stelle um Bürger-Talks, der Stern hat gestern ein neues Debattenformat mit dem Namen DISKUTHEK angekündigt. Jede Woche will man Menschen mit unterschiedlichen Meinungen zusammenbringen, die über Themen wie “Wohnungsnot, Klimaschutz, Abtreibung oder Drogen“ diskutieren.

Neues Altpapier gibt es wieder am Montag. Ein schönes sommerliches Wochenende!

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