Teasergrafik Altpapier vom 24. Juni 2019: FAZ mit Schachfiguren
Bildrechte: Panthermedia / MEDIEN360G

Das Altpapier am 24. Juni 2019 Früher waren Zeitungen dick wie Päckchen

Fast wie in der guten alten Zeit ärgert der Spiegel gründlich die FAZ. Fernsehfußball-Freunde können sich freuen (falls sie nicht zu teuer finden, was die ARD für den DFB-Pokal bezahlt). Die KEF sollte in "Rundfunkrechnungshof" umbenannt werden. Und dem Landtag in Hannover (!) gelang eine medienpolitische Überraschung. Ein Altpapier von Christian Bartels.

Teasergrafik Altpapier vom 24. Juni 2019: FAZ mit Schachfiguren
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Ui, das gab's lange nicht mehr: Gleich zwei Medien-Meldungen des Spiegels, also des freitagsabends erscheinenden Magazins, die am Montag weiterverbreitet werden. "Steltzner-Rauswurf geklärt?" lautet die eine in der Fassung der Süddeutschen. Es geht um die für FAZ-Verhältnisse brachiale Verabschiedung des Co-Herausgebers Holger Steltzner im März (Altpapier).

Irre spektakulär ist die News selbst nicht. Dahinter habe "eine versuchte Intrige" Steltzners gegen Jürgen Kaube, den fürs Feuilleton zuständigen und weiter aktiven Co-Herausgeber, gesteckt. Es lohnt sich aber, den Artikel, für den im offiziellen Inhaltsverzeichnis sogar mal wieder das Ressort "Medien" reaktiviert wurde, zu lesen (€) – nicht nur, weil Formulierungen wie "Arglist oder Dämlichkeit" oder "Steltzner fiel rasch, tief und allein" ihn vor der Bezahlschranke geschickt anteasern.

Das Sittengemälde gemalt haben Ulrike Simon und Markus Brauck, die beide ja schon lange im Geschäft sind, letzterer einst als Medienredakteur der Frankfurter Rundschau, als diese noch ein überregionaler und weltanschaulicher Lokalrivale des anderen Frankfurter Blatts war (und solcher Wettbewerb echt die Geschäfte belebte). Auch in diese vergangene Ära führt der Bericht:

"Es waren herrliche Zeiten für die 'FAZ',  ... ... die Jahre, in denen das Blatt samstags 200 Seiten mit Stellenanzeigen füllte. Und man nur deshalb nicht noch mehr von ihnen druckte, weil die Post gedroht hatte, die 'FAZ' nicht mehr als Zeitung auszuliefern, sondern als Päckchen."

Ausführlicher geht's natürlich um die Gegenwart und im Vergleich noch finsterere Zukunftsaussichten:

"Die Auflage der 'FAZ' rutscht seit Jahren dem Punkt entgegen, an dem sich das Drucken und Ausliefern nicht mehr lohnt. Sie liegt heute bei 230.000 Exemplaren. Unwirtschaftlich wird das Ganze bei 100.000, hat der Verlag intern ausgerechnet. Wenn der Leserschwund im selben Tempo weitergeht, ist der Punkt in 15 Jahren erreicht."

Was ja eine im Mediengeschäft vergleichsweise langfristige Perspektive ist. Doch können die Herausgeber, die bei der FAZ ja zugleich den Chefredakteurs-Posten wuppen, damit umgehen? Nein!, meint der Spiegel und weist gerne darauf hin, dass das vierköpfige Herausgebergremium "gerade selbst das perfekte Bild ..., das die Krise des Blattes illustriert und personifiziert", liefere. Und da braucht auch, wer kein generisches Maskulinum nutzt, keine feminine Form hinzufügen.  Eine Herausgeberin gab es noch nie bei der FAZ. Und der Spiegel erinnert an die potenzielle Herausgeberin, die vor fünf Jahren bloß im Gespräch war (welche noch mal? Siehe Simon 2014, via Altpapier).

Weil Läster-Zitaten namentlich nicht genannter Insider und hübsch formulierte Ressentiments alleine keinen großen Artikel tragen, zitieren Simon und Brauck auch aus einem der sehr selten oder gar nie zu habenden Interviews mit den FAZ-Herausgebern, das sie bekamen. Bloß der jüngstberufene, biologisch freilich nicht mehr sehr junge Herausgeber (der ja wieder keine Frau ist, sondern Gerald Braunberger) fehlte. Auf recht bohrende Fragen ("Finden Sie nicht, dass das Herausgebergremium vielfältiger besetzt sein könnte?") gibt Kaube die Antwort: "Diese Vorstellung von Diversivität ist mir zu simpel. Als ob sich Unterschiedlichkeit nur nach biologischen Kriterien wie Alter und Geschlecht bemessen würde", die in weniger grundaufgeregten Zeiten für ein kleines Shitstörmchen gut sein könnte.

Und so schwierig Steltzner menschlich gewesen sein mag ("ging Streit eher nicht aus dem Weg") – dummerweise für die FAZ, passenderweise fürs Spiegel-Narrativ sei er unter den Herausgebern noch der vergleichsweise digitalaffinste ("Unter den digital Blinden sei er immerhin der Einäugige gewesen, sagt ein junger 'FAZ'-ler") gewesen. Am Ende entsteht ein solch finsteres Bild, dass der Spiegel fast schon wieder Mitleid mit der FAZ empfindet:

"Die 'FAZ' wird gebraucht. Deutschland wäre ärmer ohne die intelligenten Schwurbeleien im Feuilleton. Ohne die ebenso klugen wie lustvoll ungerechten Kommentare in der Politik. Ohne die schnörkellosen, tiefgründigen Analysen der Wirtschaft. Und ohne jenen Schuss von Anarchie, den man gerade bei der 'FAZ' am wenigsten vermutet, der sie aber auszeichnet."

Ohne den Spiegel mit seinen gedruckt oft ein bisschen länglichen Artikeln wäre das Land aber auch ärmer, muss man von der Metaebene aus ausrufen. Schön aber, wenn solche Medienressort-Artikel wieder erscheinen. Früher, als Samstagszeitungen noch ungeheuer dick waren, gab es so was öfter – bis erste, noch harmlose Krisensymptome die Chefredaktionen veranlassten, Artikel, in denen Blätter gegenseitig ihre Nester beschmutzten, lieber aufzugeben – und zum Teil (bei der Zeit, beim Spiegel dann auch) gleich die ganzen Medienressorts .

Ob der Spiegel diesen Artikel nun aus einer echten Position der Sicherheit heraus veröffentlichte, nachdem Haupt-Chefredakteur Steffen Klusmann vorige Woche in Hamburg (als er den Relotius-Skandal mit der Einschätzung, das Magazin sei "nochmal mit einem blauen Auge davongekommen", für abgeschlossen erklärte) auch den Satz "Wir arbeiten in einer sterbenden Branche, machen wir uns nichts vor" sagte, oder auch im Walde pfeift?

Zwar enthält die vier- bis siebenköpfige Spiegel-Chefetage des Magazins immerhin eine Frau. Doch was derselbe horizont.net-Artikel (der sich, angemeldet, gratis lesen lässt) an Zukunftsideen so zusammenfasst – "härter, nachrichtenstärker und exklusiver" werden, "in einer moderneren Form ... auch jüngere Leser und mehr Frauen" ansprechen, und außerdem "nutzwertige 'Smarter Living-Themen' à la New York Times" – klingt nicht unbedingt so, als könnte ältere Herren von der FAZ nicht auf dieselben Ideen verfallen ...

Was die ARD für den DFB-Pokal bezahlt

Die andere Spiegel-Medien-Neuigkeit (ebenfalls knapp auf der SZ-Medienseite) ist exklusiv "laut einem vertraulichen Papier, das dem Spiegel vorliegt" und nachrichtlich so hart, dass SPON sie früh online stellte. Eigentlich hätte die ARD selbst es auch vermelden können. Sei es, weil sie Pressemedien Exklusivmeldungen gönnt, sei es, weil Fernsehfußball-Freunde dank der Frauen und der jungen Männer (die bei Turnieren nicht so schnell ausscheiden wie die älteren deutschen Männer zuletzt), derzeit noch bestens versorgt sind, tat sie es nicht.

Jedenfalls: Fernsehfußball-Freunde können auch in den kommenden drei Spielzeiten im frei empfangbaren Fernsehen und in der erschöpfenden Ausführlichkeit, für die die ARD steht, verfolgen, ob Bayern München wieder den DFB-Pokal gewinnt. Für weithin dasselbe Fernsehrechte-Paket wie in den vergangenen Saisonen, das neben kurzen Berichten über sehr viele Spiele auch "neun Live-Spiele, inklusive der beiden Halbfinalspiele sowie des Endspiels" umfasst, müsse die ARD bloß gut 9,4 Millionen Euro (pro Saison) mehr bezahlen als zuletzt.

Ist das ein angemessener Preis? Das müsste idealerweise der "Rundfunkrechnungshof" beurteilen, in den die KEF ("Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten") umzubenennen Leonhard Dobusch sozusagen empfiehlt.

Gremien müssten staatsferner und senderferner werden

ZDF-Fernsehratsmitglied Dobusch, dessen netzpolitik.org-Blog "Neues aus dem Fernsehrat" vergangene Woche den Grimme Online Award (für den er nominiert war) nicht gewann, hat sich nun zum "vielleicht meistdiskutierten Thema rund um öffentlich-rechtlichen Rundfunk" erstmals richtig geäußert: zur Indexierung des Rundfunkbeitrags, also seine Anpassung an die Inflationsrate. Was übrigens auch dann, wenn alle von "Beitragsstabilität" sprechen, sowohl eine Erhöhung als auch eine Senkung des aktuellen Beitrags bedeuten könne. Das hänge von den Frames ab. "An irgendeiner Form der Indexierung" werde "kein Weg vorbeiführen", glaubt Dobusch.

Sie sei auch sinnvoll, doch wüchsen dann die Gefahren "einer Parteipolitisierung (z.B. Blockaden einzelner Länder) oder einer Rechnungshofisierung (z.B. Ausdehnung des inhaltlichen Einflusses der KEF)". Was dagegen hülfe: dass Rundfunkanstalten-Aufsichtsgremien wie etwa der ZDF-Fernsehrat "sowohl staatsferner(z.B. durch Einführung von per Los ausgewählten Rundfunkschöffen) als auch senderferner (z.B. durch klare Trennung von Gremienarbeit und Sendermarketing)" würden.

Ob sich die Ministerpräsidenten der Bundesländer, die dummerweise all das zu entscheiden haben, wenn sie sich endlich zu irgendeiner Form von Indexierung entscheiden, dann gleich noch dazu durchringen können, auf die uralte Praxis zu verzichten, so viele Rundfunkrats-Plätze wie möglich mit politischen Freunden zu besetzen? Hmpf.

Niedersachsen vs. Digitalradio

Immerhin, in der in deutschen rundfunk-/ medien-/ digitalpolitischen Landschaft, in der immer sehr viele Institutionen beratschlagen und verlautbaren, tatsächliche Entscheidungen aber in breitem Konsens erst so spät getroffen werden, dass sie mit laufenden Entwicklungen kaum noch was zu tun haben, zeigt sich inzwischen öfter Dissens. Etwa vergangene Woche rund um die Landesmedienanstalten (Altpapier).

Und jetzt hat sie zu besonders wenig beachteten, dabei nicht unwichtigen Thema ausgerechnet der niedersächische Landtag "bundesweit einen 'wichtigen medienpolitischen Impuls'" gesetzt, wie es ausgerechnet die FDP anstrebte (und mit Mehrheit durchsetzte). Das Parlament stimmte gegen den Digitalradio-Standard DAB+, der eines Tages die analoge Ultrakurzwelle ablösen soll. Wann genau, ist weit entfernt davon, auch nur bestimmt zu werden –  aber in genau dieser Unbestimmtheit der breite Konsens, den eigentlich alle Seiten trugen. Über die Abstimmung berichtete als erster Jörn Krieger bei infosat.de und radioszene.de, dann auch der Tagesspiegel:

"In den Redebeiträgen, die der Abstimmung vorausgingen, wurde unter anderem argumentiert, DAB+ habe sich nicht durchgesetzt, sei 'Geldverschwendung' und lediglich eine 'Übergangslösung'".

Der Privatsender-Verband Vaunet hat Niedersachsen beigepflichtet ("Anders als die ARD-Anstalten, die für ihren Umstieg auf DAB+ 2017 bis 2025 rund 600 Millionen Euro aus dem Rundfunkbeitrag erhalten, müssen die Privaten ihre Investitionen hier komplett aus ihren Werbeerlösen aus der UKW-Verbreitung finanzieren. Das ist de facto nicht zu stemmen."). Und das unmittelbar, nachdem sich der DAB+-Unterstützerkreis wieder vor Euphorie überschlug (dabplus.de: "Digitales Radio DAB+ ist so beliebt wie nie").

Welche Position eher zutrifft, ob es ökonomisch und ökologisch, datenschutzrechtlich und gesamtgesellschaftlich sinnvoll wäre, wenn alle Radio bzw. Audio-Inhalte via Internet gestreamt bekommen (besonders über sog. "Smart Speaker" wie Amazons "Alexa", die der niedersächsische Beschluss ausdrücklich erwähnt ...), ist verdammt schwer zu sagen und hängt davon ab, wohin die Übergängedenn führen.

Grundsätzlich aber ist mehr inhaltlicher Streit auch in der Medienpolitik eine bessere Entwicklung als einschläfernder Konsens. Und im (in Deutschland nur noch seltenen) Idealfall bedeutet Föderalismus ja sogar, dass unterschiedliche Wege ausprobiert werden.

Altpapierkorb (BGH zu MDR-Film, Kikas "Bushra"-Film aus Myanmar, Amazons Drohnen, Wibke Bruhns, Anführungszeichen in Tweets, deutsches Fernsehen "zu hetero"?)

+++ Ein höchstgerichtliches Urteil fiel zur Sendung "Provinz der Bosse – Mafia in Mitteldeutschland" des MDR Thüringen [bei dem das Altpapier erscheint]. Der Klagende verlangte "als Schadensersatz noch die Anwaltskosten für die Abmahnung von Dritten, die die MDR-Dokumentation über soziale Netzwerke weiterverbreitet hatten", und bekam vorm BGH, anders als zuvor, nun recht. Christian Rath berichtet in der taz. +++ In der Altpapier-Autor René Martens sich über den Hessischen Rundfunk ärgert, der Fernsehkritikern verwehrte, den Kika-Film "Bushra" (bei dessen Dreharbeiten in Myanmar die Autorin Stefanie Appel und ihr Team "beinahe getötet worden wären", wie René hier schrieb) vorab sehen zu können. Inzwischen ist der gestern linear ausgestrahlte Film auf kika.de zu sehen.

+++ Amazon-Lieferdrohnen können laut Amazon-Patent "Unmanned aerial vehicle based surveillance as a service" "auch zum Überwachen eingesetzt werden, wenn sie nicht gerade mit einer Zustellung beschäftigt sind" (Standard).

+++ Vergangene Woche starb Wibke Bruhns. "Am 12. Mai 1971 ereignete sich ausgerechnet beim biedersinnigen ZDF eine Revolution", leitete Willi Winkler seinen Nachruf in der SZ ein. +++ "Bruns wurde Opfer eines analogen Shitstorms", fährt Jenni Zylka in der taz fort.

+++ Wie "das Fehlen von Konjunktiv und Anführungszeichen" in einem Tweet dazu führte, dass Sprecherin und Direktor des Jüdischen Museums Berlin, "der weltweit angesehene Judaist Peter Schäfer, ihren Job verloren", schilderte Patrick Bahners in der FAS. Und da dieser Text als Beitrag zu einer komplexen Debatte nicht frei online erschien, Bahners aber ja auch digitalaffin ist, postete er ihn als Foto auf Twitter. "So wird die Zahl der Antisemiten ständig vermehrt, denn zum Unterstützer von BDS und damit zum Antisemiten wird auch gestempelt, wer an der Sprachpolizei Anstoß nimmt", lautet eine Kernthese.

+++ "Die Greta-Frage der Gegenwart, Frau Flaßpöhler: Haben wir es mit Identitätspolitik übertrieben?", stellen Peter Unfried und Harald Welzer in einem nun frei online verfügbaren taz-Futur zwei-Interview der Philosophie Magazin-Chefredakteurin Svenja Flaßpöhler, die dann u.a. sagt "Mich hat jedenfalls von Anfang an skeptisch gemacht, dass alle, wirklich alle #MeToo super fanden, von Alice Schwarzer und Angela Merkel über Giovanni di Lorenzo bis hin zur linken Feministin in Neukölln. Da wird eine Quasireligion aufgebaut und wer es wagt, die zu kritisieren, ist rechtsreaktionär" und "Scheiß auf den Shitstorm" sagt.

+++ "Der Deutsche Evangelische Kirchentag hat eine von netzpolitik.org vorgeschlagene Resolution mit dem Titel 'Sicherheit und Vertrauen in der digitalen Gesellschaft stärken' mit großer Mehrheit angenommen" (netzpolitik.org).

+++ Ist das deutsche Fernsehen zu hetero? Ja, sagte der Sprecher des Lesben- und Schwulenverbands Deutschland gerade, "die Lebensrealität von Lesben, Schwulen und Trans kommt so gut wie gar nicht vor" (dpa/ haz.de). Daher hat der Tagesspiegel eine große Umfrage bei Fernseh-Menschen angestellt. Drehbuchautor Christoph Darnstädt etwa verwies auf einen "Tatort" und "auf den 'Kroatien-Krimi – Tod einer Legende' über einen schwulen Fußballer ..."

+++ Neulich hier vergessen, dabei lesenswert: der Bericht zum 100-Jährigen der israelischen Tageszeitung Haaretz, die mit Deutschland sowohl über die Herkunft der in der Nazizeit ausgewanderten Verlegerfamilie Schocken als auch über den aktuellen 20-Prozent-Miteigentümer DuMont Schauberg verbunden ist (Süddeutsche).

Neues Altpapier gibt es wieder am Dienstag.

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