Das Altpapier am 4. Juli 2019 Wie Männer über Frauen schreiben

Die Vorberichterstattung zu Laura Karaseks Talkshow “Zart am Limit“ auf ZDF neo zeigt, wie unterschiedlich über Frauen und Männer geschrieben wird. Außerdem: Eigenlob bei der Bild-Zeitung, Spurensuche in Sachen Ibiza-Video und die “Bravo“, die vielleicht die deutsche “Teen Vogue“ werden könnte. Ein Altpapier von Kathrin Hollmer.

Teasergrafik Altpapier vom 4. Juli 2019: Moderatorin Laura Karasek
Bildrechte: MEDIEN360G / ZDF

“Das Gesicht mit dem Näschen, dem gepflegten Mund, den regelmäßigen Zügen hätte beinahe etwas Puppenhaftes, wären da nicht diese Augen: hellgrün und hellwach. Überhaupt scheint Laura Karasek viele Gegensätze in sich zu vereinigen. Sie sieht aus wie ein Mädchen, ist aber gerade 37 geworden und verheiratete Mutter vierjähriger Zwillinge. Sie wird manchmal für eine Spielerfrau oder Charity-Lady gehalten, schaute aber bis vor kurzem als Anwältin bei der Frankfurter Großkanzlei Clifford Chance aus dem 36. Stock auf die Frankfurter Skyline.“

Mit diesen Sätzen beginnt Peter Lückemeier sein Portrait in der FAS von vergangenem Sonntag. Dass der Shitstorm ausgeblieben ist, kann nur am guten Wetter am Wochenende liegen.

Zum Hintergrund: Heue Abend läuft Laura Karaseks TalkshowZart am Limit“ zum ersten Mal bei ZDFneo. Karasek ist Juristin, Buchautorin und Kolumnistin. Sie ist auch, man muss es ja doch erwähnen, Tochter des 2015 verstorbenen Literaturkritikers Hellmuth Karasek, der zusammen mit Marcel Reich-Ranicki einst das “Literarische Quartett“ geprägt hat.

Weil Laura Karasek aber eine Frau ist, wird zunächst ihr “Näschen“ und etwas “Puppenhaftes“ an ihr beschrieben, sie arbeitet auch nicht als Anwältin, nein, sie “schaute (...) bis vor kurzem als Anwältin bei der Frankfurter Großkanzlei Clifford Chance aus dem 36. Stock auf die Frankfurter Skyline“. “Was man bekanntlich so als Anwältin macht“, kommentiert @maske_katja treffend auf Twitter, in einem lesenswerten Thread, den @Julia_MUC mit diesem Tweet begonnenen hat:

“Im Jahr 2019. Die @faznet am Sonntag steigt tatsächlich so in einen Artikel über @LauraKarasek_ ein. Oh, sie ist hübsch. Aber doch - potzblitz! - auch noch Anwältin! Leute, geht’s noch?“

Die Frage “Geht’s noch?“ stellt sich beim Lesen an vielen Stellen. Kaum zu ertragen ist der Schluss, da mansplaint Lückemeier:

“Hoffentlich hat diese arglose, kommunikative, wahrscheinlich ziemlich verletzliche Frau Glück mit dieser Sendung. Hoffentlich stellt sie gute Fragen. Und redet nicht fortwährend.“

“Arglos“?

“Hoffentlich“ hat sie Glück?

“Hoffentlich“ stellt sie gute Fragen?

“Und redet nicht fortwährend“?

Über einen Mann wäre so ein Portrait unvorstellbar (wer mir den Gegenbeweis vorlegen kann, bekommt einen Preis).

Erst neulich gings im Altpapier um Tobias Haberls Portrait über Margarete Stokowski im SZ Magazin, das ebenfalls keine Auseinandersetzung auf Augenhöhe war, sondern konsequent von oben herab geschrieben.

Bei den Portraits von Laura Karasek kann man dieses Phänomen nun geballt zum Sendestart beobachten.

Bei Focus Online beispielsweise heißt es gönnerhaft in einer Meldung:

“Anders als ihr verstorbener Vater Hellmuth Karasek, der in der ZDF-Sendung 'Das literarische Quartett‘ jahrelang neben Marcel Reich-Ranicki zu sehen war, ist Laura Karasek noch kein bekanntes Fernsehgesicht. Aber sie hat schon einiges auf die Reihe bekommen.“

Auch wird immer betont, dass Karasek Jan Böhmermanns Vertretung während der Sommerpause des “Neo Magazin Royale“ – und natürlich Hellmuth Karaseks Tochter – ist. “Laura Karasek vertritt Jan Böhmermann“ titelt Focus Online und die Welt am Sonntag: “Die Frau, die diesen Sommer Jan Böhmermanns Platz einnimmt“, “Statt Böhmermann“ ist die Dachzeile bei der Bild. Und die Headline in der FAS: “Tochter, Anwältin und nun Talkmasterin“

Zum Glück geht es auch anders. “Laura Karasek ist ganz schön viel und wird immer mehr“, schreibt Jan Küveler in seinem Portrait in der Welt am Sonntag.

“Es sind immer die Fußstapfen. Ich bin entweder 'Tochter von‘ oder seit Neuestem 'Vertretung von‘. Es gibt offenbar immer irgendeinen Mann, den ich brauche, um eine Referenz zu haben.“

Immer Thema ist natürlich Karaseks (“atemberaubendes“, Welt am Sonntag) Aussehen. Man kennt das von Politikerinnen, deren Aussehen und Kleidung stets in den Medien kommentiert wird, während das bei männlichen Kollegen die absolute Ausnahme ist.

Im Kurier sagt Karasek dazu:

“Natürlich ist es noch immer schwer für Frauen, wenn sie auf ihre Optik reduziert werden und stets ihr Aussehen kommentiert wird. Sie dürfen bloß nicht zu hübsch sein, aber auch nicht zu hässlich, nicht zu dick, aber auch nicht zu dünn, nicht zu sehr Mutter, aber auch keine Rabenmutter. Es ist ja immer was auszusetzen, und das geht mir auf die Nerven! Aber das ist in den Medien genauso wie als Anwältin.“

Die Rezeption, mit der sie als Frau rechnen muss, hat auch die Vorbereitung auf die Sendung beeinflusst. In der SZ sagt sie, dass Ulla Kock am Brink sie zwei Tage gecoacht und ihr geraten hat, sich für die Show “nicht zu sexy zu kleiden“. Karasek dazu:

“Sie meinte, ich würde genug Anfeindungen bekommen, da solle ich mich besser so wenig angreifbar wie möglich machen. Wenn ich mich allerdings ständig anpasse an die Erwartungen anderer, dann spiele ich ihnen in die Hände. Resignation ist nicht mein Ding.“


Altpapierkorb (Eigenlob bei der Bild-Zeitung, Spurensuche in Sachen Ibiza-Video, Schleichwerbung bei “Stranger Things“ die deutsche “Teen Vogue“ werden könnte)

+++ Übermedien berichtet über einen “Hinweis“, den der Deutsche Presserat der Bild-Zeitung wegen eines Verstoßes gegen den Pressecodex aussprach. Das Springer-Blatt hatte Anfang des Jahres darüber berichtet, wie ausgewogen seine eigene Berichterstattung über die Flüchtlingskrise 2015 und 2016 war. Basis war eine Studie der Uni Mainz, wobei eine von drei Erkenntnissen daraus genau das Gegenteil festgestellt hatte: beim Thema “Zuwanderung als Chance oder Gefahr“, so die Studie, hatte die Bild “sehr einseitig“ berichtet (wie übrigens alle untersuchten Medien, auch SZ, FAZ, “Tagesschau“, “heute“ und “RTL aktuell“). “Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt sieht das Ganze etwas anders.

+++ In der Zeit spürt Holger Stark den Machern des Ibiza-Videos hinterher und rekonstruiert vorläufig dessen Entstehungsgeschichte.

+++ Frank Plasbergs Talksendung “hart aber fair“ war diese Woche bereits zwei Mal Thema im Altpapier (siehe hier und hier), wobei der Fokus auf den Talkgästen und den Umgang mit ihnen war. Die taz greift die (Online-)Reaktionen auf einen Zuschauer auf, der zwei Mal in die Kamera die Geste formte, die der rechte Christchurch-Attentäter vor Gericht machte.

+++ Die neue Staffel von “Stranger Things“ startet heute und geht natürlich nicht spurlos an den Medienressorts vorbei. Beliebtes Thema: “Die ungehemmte Schleichwerbung für Cerealien, coffeinhaltige Brause und eine Burger-Kette dürfte deutschen Medienwächtern mächtig gegen den Strich gehen. Dagegen unternehmen können sie wenig“, schreibt Kurt Sagatz im Tagesspiegel. “Laut 'New York Times‘ hat Netflix für die dritte Staffel von 'Stranger Things‘ mit 75 Marken Werbeverträge abgeschlossen“, weiß Axel Weidemann in der FAZ. “Das Ausmaß an Schleichwerbung ist atemberaubend“, kommentiert Oliver Kaever bei SPON. Und weiter: “Aber hey, ist doch alles nur Zitat!“

+++ Bereits am Wochenende fragte Lisa Andergassen, Medienwissenschaftlerin und Autorin, in einem Gastbeitrag auf Zeit Online, warum es im Fernsehen (und auch bei den Streaming-Anbietern) kaum realitätsnahe Vorbilder für Mütter gibt. Unbedingt auch die zweite Seite lesen, da geht es eigentlich erst um die fiktiven Mutterfiguren: “'Wo ist dein verdammtes Baby?‘, schreie ich Mrs. Maisel (aus 'The Marvelous Mrs. Maisel‘, Anm.), Rachel (aus 'Friends‘, Anm.) und Liberty Belle (aus 'Glow‘, Anm.) und all den anderen entgegen“, schreibt Andergassen da. Spoiler: Sie hat auch Serienmütter gefunden, in denen sie sich wiedererkennt.

+++ Ex-Piratenpartei-Politikerin Marina Weisband freut sich in ihrer Kolumne im Deutschlandfunk über das aktuelle Bravo-Cover mit Rezo, Youtuber Julien Bam und Greta Thunberg. “Der Unterschied dieser Bravo-Ausgabe zu denen meiner Jugend entspricht etwa dem Unterschied zwischen meiner Klassenstufe und den Schüler*Innen, mit denen ich heute arbeite. Die junge Generation ist politisiert, verantwortungsbewusst, umsichtiger, als wir es vor fünfzehn Jahren waren“, schreibt sie. Und: “Mit ein wenig redaktionellem Geschick könnte die ‚Bravo‘ sich zu einem deutschen Äquivalent der ‚Teen Vogue‘ entwickeln.“

+++ DWDL spricht zum 20. Geburtstag von ITV Studios Germany (u.a. “Ich bin ein Star - Holt mich hier raus“, “Das perfekte Dinner“) mit der Geschäftsführerin Christiane Ruff, die nach viel Werbung in eigener Sache auch zu den Suiziden von zwei ehemaligen “Love Island“-Teilnehmern in Großbritannien Stellung nehmen muss.

+++ Rainer Stephan, früher Feuilleton-Redakteur und Streiflicht-Autor bei der SZ, schreibt in der Wochenzeitung Kontext über den Status quo der alten Medien.

+++ Andreas Leusink ist Geschäftsführer beim Verlag Henschel Schauspiel in Berlin, der Nutzungsrechte dramatischer Werke an Theater, Sender und Plattformen wie Netflix vergibt. In einem Gastbeitrag im Tagesanzeiger schreibt er über die Befürchtung, “dass Netflix im Grunde eine Riesenblase ist, die jederzeit platzen könnte.“

Neues Altpapier kommt am Freitag.