Teasergrafik Altpapier vom 8. Juli 2019: Michael Jürgs gestorben
Bildrechte: MEDIEN360G / imago images / Müller-Stauffenberg

Das Altpapier am 8. Juli 2019 Lieber Schweigen als Unfug

Der Journalist Michael Jürgs ist gestorben – von ihm lernen heißt, ausgeruht schreiben zu lernen. Die US-Ausgabe der Satirezeitschrift Mad gibt es noch – allerdings wohl nicht mehr lange. Und der WDR-Rundfunkrat und Intendant Tom Buhrow scheinen über “hart aber fair“ aneinander vorbei zu diskutieren. Ein Altpapier von Klaus Raab.

Teasergrafik Altpapier vom 8. Juli 2019: Michael Jürgs gestorben
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Es gibt Zeitschriften, deren Bedeutung man vielleicht ein klein wenig unterschätzt hat, wenn man ein paar Jahre zu spät geboren ist. Die Satirezeitschrift Mad könnte so ein Fall sein:

“Wenn die Zeitschriften gemustert werden, die die Kulturgeschichte der vergangenen hundert Jahre besonders geprägt haben, dann wird man die 'Cahiers du cinéma‘ nennen, mit denen das Autorenkino erfunden wurde, den 'Playboy‘, der für die Entwicklung der Kurzgeschichte so bedeutsam war, die 'Fackel‘ von Karl Kraus, die bis heute jeder Sprachkritik voranleuchtet, und eben auch 'Mad’“, schreibt die Welt am Sonntag – habe man dort, also bei Mad, doch “jenen Satirestil“ geschaffen, “dessen Wirkung bis zu anderen prägenden komischen Phänomenen wie Monty Python, 'Saturday Night Live‘ oder den 'Simpsons‘ reicht. Der Humor in der westlichen Welt wäre ohne 'Mad‘ nicht derselbe.“

Aus, vorbei. Nachdem der Fernsehsender ABC von der bevorstehenden Abwicklung der US-Ausgabe berichtet hatte, folgten am Freitag (siehe Altpapierkorb), vor allem aber am Wochenende diverse rückschauende, ausgeruhte Einordnungen, deren Autoren weitgehend darauf verzichten, eine Kategorie wie “kultiges Satiremagazin“ zu bemühen, die die Nachrichtenagentur AFP vorgeschlagen hat.

Woran liegt es, dass Mad nur noch eingeschränkt als aus dem Archiv zusammengestellte Ausgabe erscheinen soll? Es gibt, natürlich, ökonomische Ursachen:

“1973 erreichte die US-Ausgabe noch 2,8 Millionen Abonnenten, 2017 waren es nur noch 140 000. Die deutsche Ausgabe kam am Schluss nur noch auf 12 000 verkaufte Exemplare. Der Verlag DC Comics, in dem die US-Version von Mad zuletzt erschien, hat bereits einige Autoren entlassen.“ Schreibt Titus Arnu in der Süddeutschen Zeitung vom Samstag.

Aber hinter den ökonomischen Ursachen stehen andere: “(W)as noch schlimmer wiegt“ als der Verlust der Auflage, “ist der Verlust an Relevanz“, schreibt der Tagesspiegel in einem interessanten Text. Viele Cover, “gerade in den 60er und 70er Jahren, sind brillante Karikaturen des American Way Of Life. (…) Zuletzt labte man sich aber immer häufiger an den immer gleichen Ikonen des Blödsinns, weil sie sich eben besser am Kiosk verkaufen. Und weil das Internet vollgestopft ist mit vermeintlicher Satire.“ Mad “wollte mit aller Kraft Ramsch sein“.

Vielleicht wäre die Nachricht also eher, dass Mad bis 2019 existiert hat?

Nachrufe auf Michael Jürgs

Die medienjournalistische Textgattung des Wochenendes ist der Nachruf gewesen. Nachrufe sind dem Filmproduzenten Artur Brauner gewidmet, der im Alter von 100 Jahren gestorben ist (Tagesspiegel, Frankfurter Rundschau via epd).

Zudem, oder vor allem, gibt es aber diverse Nachrufe auf Michael Jürgs. Jürgs, der das Feuilleton der Münchner Abendzeitung, den Stern und Tempo als Chefredakteur geleitet und vor kurzem in Abwesenheit den Theodor-Wolff-Preis für sein Lebenswerk erhalten hat (Altpapier), ist gestorben. Gewürdigt werden sein publizistisches Oeuvre, sein Wunsch nach ernsthafter Auseinandersetzung und seine Art, aus beispielhaften Begebenheiten “allgemeingültige Geschichten“ zu entwickeln (Nils Minkmar bei Spiegel Online):

“Jürgs hat seine Arbeit immer in Bezug zur geschichtlichen Entwicklung und zur politischen Lagegesehen, er war ein schreibender Bürger mit einer ausgeprägten linksliberalen Gesinnung. Was ihn aber nicht einengte – seine Neugier auf Menschen, die so ganz anders waren als er, wie der Verleger Axel Springer oder der Schriftsteller Günter Grass – war immer stärker als mögliche Vorbehalte.“

Zwei weitere Aspekte, die in den Nachrufen auftauchen, sind a) Jürgs E-Mails, die er als Leser verschickte – neben Minkmar berichtet auch Claudius Seidl in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung davon:

“(F)ast jeden Sonntag, wenn er nicht auf Reisen war oder eben zu krank, fast jeden Sonntag kamen bei den Autoren und Redakteuren die Mails von Michael Jürgs an, meist knapp formuliert, 'Gruß mj‘ unterzeichnet, und darüber standen Kritik, Hinweise auf Fehler, die man gemacht, Quellen, die man übersehen hatte. Und am liebsten, das merkte man, war es ihm, wenn er loben konnte: die Schärfe eines Gedankens, die Genauigkeit einer Formulierung“…

… und b) Jürgs Arbeitseifer, etwa bei Hans Leyendecker in der Süddeutschen Zeitung: 7500 Zeichen am Tag habe er geschrieben, “7500 Zeichen am Tag. Die alte Jürgs-Marke. Nicht mehr, nicht weniger. Das war sein Maß. Immer!“

Was auf den ersten Blick ein wenig starrköpfig wirkt, ist auf den zweiten ein recht vernünftiges Pensum. Der Schweizer Journalist Constantin Seibt hat in einer seiner Journalismuskolumnen vor einigen Jahren einmal geschriebene Zeichen in Arbeitszeit umgerechnet: “Wenn ich als Journalist die grundsätzlichen Fakten für einen Artikel zusammenhabe, rechne ich – also noch ohne Recherche – mit einem Schreibtempo von 1000 Zeichen die Stunde.“ 7500 Zeichen entsprechen also knapp einem Arbeitstag.

Wobei diese Art des Schreibens, das Seibt hier meint und das Michael Jürgs praktiziert hat, wenig mit tagesaktuellem Output-Journalismus zu tun hat. Jürgs hat 2018 in einem im Handelsblatt erschienenen Essay (der übrigens genauso hieß wie Seibts Kolumne, “Deadline“ und gerade wieder frei lesbar ist) diverse Strategien vorgestellt, “wie der Journalismus noch zu retten ist“. Schnellschreiben war keine davon. “Die richtige Strategie ist, im Zweifelsfall weniger und konzentrierter zu schreiben“, schrieb Seibt: Wer sich eine Stunde für 1000 Zeichen nehme, der habe auch Zeit “für gelegentliches Herumträumen, das Streichen von Dummheiten, das Feilen an Pointen“. Motto: “Lieber Schweigen als Unfug.“

Tja. Wie kann von hier nun bloß der Übergang zum Thema “hart aber fair“ gelingen?

“hart aber fair“ im Rundfunkrat

Unter Umständen ist am Wochenende der Komplex “Uwe Junge wird von Frank Plasberg befragt“ (zur “hart aber fair“-Sendung vom vergangenen Montag siehe Altpapier 1, 2, 3) vorerst abgeschlossen worden, bevor er in anderer Personenkonstellation gewiss irgendwann wiederkommt. Der ehemalige Altpapier-Autor Matthias Dell hat im Gespräch bei “Breitband“ vom Deutschlandfunk noch einmal das Konzept der Sendung analysiert:

“Da gibt es diese Einspielfilme, die dauernd die einzelnen Akte strukturieren. Das heißt, es gibt eigentlich gar keinen Raum für eine Diskussion, obwohl die Sendung permanent so tut, als wolle sie diskutieren. Aber eigentlich ist da alles ganz hermetisch.“

Bevor es heute Abend mit der nächsten Ausgabe weitergeht und dann alles wieder vorübergehend vergessen ist, hat sich aber auch der WDR-Rundfunkrat mit der “hart aber fair“-Ausgabe befasst und sei zum Schluss gekommen, man hätte sich durch die Sendung “ein höheres Maß an Aufklärung und Einordnung gewünscht“ (DWDL). Nicht die Einladung der AfD an sich habe im Fokus der Kritik gestanden, “sondern die als zu nachgiebig empfundene Moderation“ (etwa Tagesspiegel via dpa).

Etwas verwirrend ist angesichts dessen die Verteidigungslinie von WDR-Intendant Tom Buhrow, der in diversen Zitaten die Einladung Uwe Junges verteidigt: “'Man muss sich ja nur einmal vorstellen, man hätte eine Sendung gemacht über die Zusammenhänge zwischen rechtsextremem Gedankengut und kriminellen Taten ohne die Seite, die man zur Verantwortung zieht, einzuladen.‘ Das wäre journalistisch wertlos, sagte Buhrow.“

Der Rundfunkrat kritisiert weniger die Einladung als die “als zu nachgiebig empfundene Moderation“, und der Intendant gibt als Antwort das Statement zu Protokoll, die Einladung sei richtig gewesen? Das klingt beinahe nach einer Diskussion wie bei “hart aber fair“.

Altpapierkorb (Joachim Knuth, Thüringer Zeitungslandschaft, YouTube, Ruprecht Polenz,  faz.net in China, Beckmann, Krimis)

+++ Mehr Statements, die an der Diskussion vorbeigehen, die eigentlich geführt wird/werden müsste, gibt es beim NDR: Nachdem Joachim Knuth erwartungsgemäß zum Intendanten gewählt worden ist, werden Dr. Cornelia Nenz, die Vorsitzende des NDR Rundfunkrates, sowie der amtierende und der neue Intendant in eigener Sache mit warmen Worten zitiert. Dass es, obwohl es  ja nun dummerweise nur einen Kandidaten gab (siehe Altpapier, zuletzt vom Freitag), nicht nur Ja-Stimmen, sondern auch eine Nein-Stimme und sechs Enthaltung gab, veranlasst Boris Rosenkranz im Übermedien-Newsletter zur Einschätzung: “Sieht also so aus, als wären auch manche Rundfunkrats-Mitglieder nicht so ganz zufrieden mit dem Auswahlverfahren“. Michael Hanfeld schrieb in der Samstags-FAZ: “Nicht an dem Kandidaten Knuth, wohl aber an dem einzig und allein auf ihn zulaufenden Verfahren hatte es von Rundfunkräten zuvor Kritik gegeben, der sich auch der Redakteursausschuss des Senders angeschlossen hatte. Dabei hätte sich Knuth jeder Konkurrenz stellen können.“

+++ Die taz kümmert sich um die Thüringer Zeitungslandschaft: “Wenn die Funke-Zeitungen wegfallen oder zumindest viel weniger gelesen werden, weil sie nur noch digital zu haben sind, dann entsteht in weiten Teilen des Bundeslandes das, was sie in den USA 'Nachrichtenwüste’ nennen. Und das in dem Bundesland, wo der NSU seine Wurzeln hat. Wo die Höcke-AfD drei Monate vor der Landtagswahl in Umfragen mit gut 20 Prozent drittstärkste Partei ist.“

+++ Mehr vom NDR: Dort läuft heute eine Radiosendung, die sich mit medialen Vorgängen befasst, die nicht so eindeutig von vorgestern sind wie diese Intendantenkür: Es geht eine halbe Stunde lang um “Die Macht der YouTube-Kanäle“

+++ …Während Der Spiegel (€) über die Twitter-Performance von CDU-Politiker Ruprecht Polenz schreibt, der seiner Partei nach dem berühmten Rezo-YouTube-Video zeige, “wie man die sozialen Medien sinnvoll nutzen kann und wie man den Dialog sucht“.

+++ Noch mehr vom NDR: Die SZ bespricht wohlwollend Reinhold Beckmanns heute ausgestrahltes Gespräch mit Edmund Stoiber und Gerhard Schröder.

+++“Seit dieser Woche ist im chinesischen Internet das Nachrichtenportal FAZ.NET nicht mehr frei erreichbar.“ (FAZ, in Deutschland auch online.)

+++Krimis – die Tourismusbroschüre der ARD: “Im Sommerprogramm schließt das Erste weiße Flecken auf der Thriller-Landkarte“, schreibt der Tagesspiegel – wobei die Shetlands nicht zum ersten Mal vorkommen, wie Kurt Sagatz weiß. Auch die FAZ bespricht die Krimireihe.

+++ Hey, nach La Gomera könnte man aber auch mal fahren (ZDF-Film, Tagesspiegel).

Neues Altpapier gibt es am Dienstag.

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