Teasergrafik Altpapier vom 08. August 2019: Kai Gniffe und Clemes Tönnies mit Schriftzug "Rassismus?!"
Bildrechte: MEDIEN360G / dpa / ARD

Das Altpapier am 08. August 2019 Hochjazzen und herunterjazzen

Sascha Lobo hat Recht, wenn er sagt, dass “Journalisten Twitter mit der Gesellschaft verwechseln, wenn ausreichend viele Kollegen ausreichend aufgeregt sind“. Was aber auch stimmt: Auf Twitter findet oft substanziellere Medienkritik statt als in den Medienressorts der Verlagshäuser. Ein Altpapier von René Martens

Teasergrafik Altpapier vom 08. August 2019: Kai Gniffe und Clemes Tönnies mit Schriftzug "Rassismus?!"
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Wer in a nutshell ein Kernproblem des hiesigen Journalismus präsentiert bekommen möchte, der nehme sich eineinhalb Minuten Zeit für das “unfreiwillige Erklärvideo“ (Spiegel-Online-Kolumnistin Margarete Stokowski), das Kai Gniffke abgeliefert hat mit seinem “Tagesthemen“-Kommentar über die diversen “rassistischen Denkmuster“ (Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch) des Fußballfunktionärs und Fleischindustriellen Clemens Tönnies.

“Wenn wir nun alles in die Schublade Rassismus einsortieren, was man für gedankenlos, gestrig und Altherren-Gewäsch hält, dann erklärt man sehr viele Menschen in Deutschland zu Rassisten“,

sagte Gniffke am Dienstag in dem gestern im Altpapier bereits kurz verarzteten Kommentar. Dieser Satz steht für eine ungeschriebene Journalisten-Regel, die sich ungefähr so zusammen fassen lässt: Wir benutzen den Begriff Rassist lieber möglichst selten, denn sonst müssten wir viele, die unsere Zuschauer (bzw. Leser) sind (und uns also bezahlen), Rassisten nennen, und so viel Kundenunfreundlichkeit können wir uns derzeit echt nicht leisten, zumal viele unserer Zuschauer (bzw. Leser) nicht als das bezeichnet werden möchten, was sie sind, sondern sich dann beschweren, dass sie in “eine Ecke gestellt werden“.

Hat jemand noch nicht mitbekommen, worum es bei #Tönnies geht? Dann bitte in diesen eben schon verlinkten Thread von Anatol Stefanowitsch reinschauen.

Wer hat sich außer Stefanowitsch und Margarete Stokowski noch kritisch geäußert zu Gniffkes Kommentar? Zum Beispiel, ausnahmslos bei Twitter, die Historikerin Anna Delius - “Ist so symptomatisch für den Umgang mit Rassismus in (Deutschland), er sollte später als Quelle in die Geschichtsbücher eingehen“ -, der FAZ-Ressortleiter Patrick Bahners, die taz-Redakteurin Dinah Riese, der freie Journalist Adrian Schulz, die Freitag-Redakteurin Elsa Koester und natürlich auch Gniffkes “Tagesthemen“-Kommentatoren-Kollege Georg Restle.

Der Tagesspiegel bringt jedoch das Kunststück fertig, die Debatte unter der Überschrift “Ihr seid doch nicht mehr ganz dicht“ (zitiert aus einem an “ARD aktuell“ gerichteten Tweet einer namentlich nicht genannte Userin) zu einem “Shitstorm“ herabzuwürdigen - inclusive eines pseudo-überlegenen Schlenkers gegen das “für schnelle Meinungsbildung bekannte Internet“. Das Problem ist aber, dass bei Twitter bzw. in Twitter-Threads heute sehr oft substanziellere Medienkritik stattfindet als in den Medienressorts von Verlagshäusern, die für ihre “Meinungsbildung“ ein bisschen mehr Zeit haben (auch wenn mir bewusst ist, dass sie weniger Zeit haben als früher).

An Indiz für diese These bringt der Tagesspiegel dann auch noch ein Interview mit Gniffke, in dem dieser sagt “Ich bleibe dabei, dass ich Clemens Tönnies nicht für einen Rassisten halte“, eine inhaltliche Diskussion darüber aber komplett ausbleibt.

Um auf den Tagesspiegel-Text über den vermeintlichen “Shitstorm“ zurückzukommen: Wir haben, erstens, es grundsätzlich also nicht nur mit dem Problem zu tun, dass in etablierten Medien Halb-Mensch-halb-Bot-Wesen Nicht-Themen nach dem Motto “xy spaltet das Netz“ zu Debattenthemen hochjazzen. Unter anderem darauf spielt ja Sascha Lobo an, wenn er in einer aktualitäts- und auch sonst lebenswirklichkeitsnahen Satire für Spiegel Online die nicht-satirische Formulierung verwendet, dass “Journalisten Twitter mit der Gesellschaft verwechseln, wenn ausreichend viele Kollegen ausreichend aufgeregt sind.“ Wir haben, zweitens, auch mit dem Problem zu tun, dass diese Halb-Mensch-halb-Bot-Wesen relevante Debattenthemen zu Shitstorms quasi herunterjazzen.

Öffentliche Flügel-Wahrnehmung

Einen anderen Fall von eher unzureichender Medienkritik findet sich heute auf der Meinungsseite der SZ, es geht um die Werte-Union und die Union der Mitte. Robert Roßmann schreibt:

“(Sie werden) in der Öffentlichkeit bereits als die Flügel der CDU wahrgenommen (…) Dabei sind beide gar keine Vereinigungen der Partei. Dass sie in der öffentlichen Wahrnehmung trotzdem so präsent sind, mag auch an Journalisten liegen, die die Gruppen wegen ihrer gegensätzlichen Positionen gerne erwähnen.“

Puh, es “mag“ also “auch“ an Journalisten liegen, dass diese Kleingruppen als relevant gelten? Sagen wir es mal so: Man hätte das auch einen Zacken schärfer formulieren können. Die Werte-Union, zum Beispiel, gilt deshalb als relevant, weil Journalist*innen auf deren Posterboy Hansi Maaßen abfahren. Weil extreme Positionen geil klicken. Weil der Posterboy geilen Content liefert für die Zitatschleudermaschinen, als die sehr viele Redaktionen ihre Twitter-Accounts betrachten (also missverstehen und, um’s pathetischer zu sagen, missbrauchen). Da beißt die Maus keinen Faden ab.

Neues vom Aktivismus

Auf der eben schon erwähnten SZ-Meinungsseite findet sich heute im Übrigen außergewöhnlich viel altpapierner Stoff Hubert Wetzel porträtiert hier zum Beispiel den am Mittwoch aufgrund seiner Journalisten-Schelte im Altpapier recht ausführlich vorkommenden US-Demokraten Beto O’Rourke.

Die Ansicht, dass all jene Kritiker einer “ungeheuerlichen“ (Columbia Journalism Review) New-York-Times-Überschrift, die hier im eben verlinkten gestrigen Altpapier-Abschnitt zu kamen, falsch liegen, tut übrigens Michael Hanfeld in der FAZ kund. Das ist natürlich erst einmal erfrischend. Dass Hanfeld eben diesen Kritikern vorwirft, dass sie “Journalismus mit Aktivismus verwechseln“, ist allerdings ein bisschen drollig. Ausgerechnet Hanfeld, der größte Aktivist, den der deutsche Medienjournalismus hervorgebracht hat.

Was macht eigentlich der IS?

Politikjournalismuskritik (siehe etwa dieses Altpapier und auch das gestrige), nächstes Kapitel: Juliane Marie Schreiber kritisiert in einem Essay für Übermedien “die trügerische Stille um den 'Islamischen Staat‘“:

“Was es damals an Aufmerksamkeit zu viel gab, gibt es heute (…) viel zu wenig. 'ISIS is gone‘ – mit dieser zweifelhaften Aussage brüstet sich US-Präsident Trump seit dem Frühjahr immer wieder (…) Von einem ehemals stark gehypten Thema lange Zeit so gut wie gar nichts zu hören, ist irritierend (…) Aber natürlich ist nicht automatisch alles gut, wenn keiner mehr berichtet. Vor kurzem war zwar in vielen Medien von der Rückkehr deutscher IS-Kämpfer die Rede, aber das blieb immer im Modus des Abgesangs: Auch dort wird die Erfolgsstory erzählt, das Kalifat sei besiegt, und nun kümmere man sich um die Spätfolgen. Nur vereinzelt warnten deutsche Medien im Frühjahr, der IS sei 'noch lange nicht besiegt‘ (“Welt“), ein 'ÄKalifat ohne Land‘ (“Hannoversche Allgemeine Zeitung“) und 'weiterhin eine Bedrohung für die internationale Sicherheit‘ (“Die Zeit“). Ansonsten aber ist es eher still.“

Diese ungute Entwicklung hat natürlich auch mit generellen Berichterstattungsdynamiken zu tun. In diesem Fall konkreten Fall ist es, weil

“im ehemaligen Herrschaftsgebiet im Irak und Syrien noch immer Chaos (herrscht), vielleicht ein noch größeres als zuvor. (…) Es stimmt, dass der IS momentan kein offizielles Territorium mehr beherrscht (…) Ein aktueller Bericht des Institute for the Study of War (ISW) legt (aber) nahe, dass der IS noch immer höchst aktiv ist und lediglich Kräfte sammelt, um seine Rückkehr vorzubereiten.“

Zum Stichwort Syrien: Auch jenseits des Aspekts IS ist der Krieg in dem Land nicht mehr sonderlich präsent in der hiesigen Berichterstattung bzw. zu “einem mörderischen Konflikt (geworden), an den sich die Welt gewöhnt hat“ (SZ am Samstag im “Buch Zwei“).

Thema fast verschenkt

Politikjournalismuskritik, noch ein Kapitel: Die Redaktion von “Dunya Hayali“ demonstrierte gestern, wie man sich durch eine seltsame Schwerpunktsetzung eigener Stärken beraubt. Zu Gast war unter anderem Carola Rackete, die vorher noch in keiner Talkshow aufgetreten war, und obwohl man hier also in diesem formalen Sinne Exklusives zu bieten hatte, versteckte die Redaktion das Interview mit einer Frau, die einen wesentlichen Anteil daran hat, das die Debatte um das Thema Seenotrettung zumindest für kurze Zeit noch einmal eine Dimension gewonnen hat, ganz weit hinten. Erst um 23.25 Uhr, also fünf Minuten vor dem geplanten Ende der Sendung, ging es los. Altpapier-Kollege Klaus Raab dazu bei Spiegel Online:

“Rackete (…) wird am Ende in sieben Minuten abgefertigt (…) Das Gespräch zwischen einer Frau, die etwas zu sagen hat, und einer Journalistin, die eigentlich auch etwas zu sagen hat, wirkt am Ende wie ein etwas ausführlicheres Hin und Her in der Mixed Zone.“

Ein ähnliches Phänomen war am Dienstag bei “Report München“ zu beoachten. Der Bericht  zu auf internen Frontex-Dokumenten basierenden Recherchen, an denen auch der Guardian und Correctiv beteiligt waren, und in dem es darum geht, ob die sog. Grenzschutzagentur “die Grundrechte von Flüchtlingen achtet“ (Correctiv-Zitat) - er kam in der Sendung erst als vierter und letzter. Hinzu kommt, dass der Film mit 7:44 schlicht zu kurz war. Ja, die Redaktion hat nur eine halbe Stunde Zeit, aber wenn man etwas Besonderes zu bieten hat, kann man auch mal einen Beitrag weniger bringen.

“Report München“ scheint jedenfalls ein unseliges Talent dafür haben, große, TV-exklusive, Geschichten kleinzumachen, das war in diesem Jahr auch schon bei diesem (noch kürzeren) Film so.

Die Kollegen von “Panorama“ und “Kontraste“ handhaben das anders, machen, wenn es sich anbietet, auch mal 20 Minuten (Stichwort: Rackete), elf Minuten (siehe auch Altpapier) oder fast elf Minuten. Man kann mit Exklusivgeschichten also auch anders umgehen, als “Report München“ es tut.


Altpapierkorb (KKR, Bild-Kampagne “Für Euch“, der Fretterode-Komplex, Presseunfreiheit in der Türkei, #dichterdran, Peter-Boudgoust-Verabschiedungs-Interview, David Crosby)

+++ Um zum letzten Beitrag auf der heutigen SZ-Meinungsseite zu kommen, der für uns relevant ist: “Eine Beteiligungsgesellschaft, die Unternehmen aufkauft, aufmöbelt und nach ein paar Jahren wieder verkauft, kann eine gefährliche Wahl sein. Vor zehn Jahren übernahm der Brite David Montgomery den Berliner Verlag und damit als erster ausländischer Investor ein deutsches Zeitungshaus. Vier Jahre später stieß er die Blätter, desaströs und ohne verlegerische Vision zusammengespart, wieder ab. Schneller Profit ist das eine, Zukunftsfähigkeit und journalistische Qualität etwas völlig anderes.“ So äußert sich Medienressortleiterin Laura Hertreiter anlässlich des 27,8-Prozent-Einstiegs von KKR bei Springer (Altpapier). Angesichts dessen, dass sich “journalistische Qualität“ nur noch beim Rolling Stone, beim Musikexpress und beim Kunstmagazin Blau findet, gibt’s diesbezüglich aber leider nicht mehr viel weg- bzw. kaputtzusparen.

+++ Ein ganz anderer Blick auf den Springer-Kosmos gefällig? Stefan Gärtner befasst sich im ND unter der Überschrift “Deutsche Arbeitsfront“ mit der Bild-Kampagne “Für Euch“.

+++ Im thüringischen Fretterode - ein Ort, der in unterschiedlichen Zusammenhängen schon mehrmals im Altpapier vorkam, siehe den Einstieg hier und diesen Korb - haben Polizisten im vergangenen November Journalisten in eine bedrohliche Situation gebracht. “In Antworten auf zwei Kleine Anfragen der Linken im Erfurter Landtag hat sich das von Georg Maier (SPD) geführte Innenministerium (…) erstmals (dazu) geäußert“ - man ist dabei, logo, zu dem Schluss gekommen, dass die Polizisten keine Fehler gemacht haben. Julian Feldmann (“Zapp“) dröselt’s auf.

+++ Mehr Presseunfreiheit in Erdoganistan: “Aus einer vom Portal Bianet veröffentlichen Richteranordnung geht hervor, dass 136 Webadressen in der Türkei gesperrt werden sollen, darunter Social-Media-Konten von oppositionellen Politikern, Künstlern und linken Medien.“ Das berichtet die SZ.

+++ “Autorinnen werden oft auf Themen reduziert, die nichts mit ihrer Arbeit zu tun haben. Jetzt drehen sie den Spieß um.“ Wer diesen Teaser eines taz-Textes liest und am Mittwoch das Altpapier gelesen hat, ahnt: Es geht um #dichterdran.

+++ Mit einem rund 22-minütigen Verabschiedungsinterview für den scheidenden, am 1. September durch Kai Gniffke (siehe oben) ersetzten SWR-Intendanten Peter Boudgoust wartet die Kontext Wochenzeitung auf. Leider ist die Verschriftlichung des gefilmten Interviews in die Hose gegangen bzw. formal völlig missraten.

+++ “Wer je einen Song von Crosby, Stills, Nash und Young mitgesummt hat, sollte sich diesen TV-Abend freiräumen“, schreibt Thomas Klingenmaier in der Stuttgarter Zeitung zu einem “sehr sehenswerten“ Dokumentarfilm über David Crosby, der am Freitag bei Arte läuft. Derlei Nostalgie mir fremd, aber “Remember my name“ ist allemal eine herausragende Musikdokumentation - vor allem, weil David Crosby schonungslos über sich redet, über “zwei oder drei Herzinfarkte“, “acht Stents“ und andere gesundheitliche Imponderabilien. Der, tja, philosophische Höhepunkt ist folgender Satz Crosbys: “Man hasst sich, weil man ein Wichser ist, also nimmt man mehr Drogen, wird zu einem noch übleren Wichser, also nimmt man noch mehr Drogen.“

Neues Altpapier gibt es wieder am Freitag.

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