Teasergrafik zum Altpapier vom 16. August 2019: Laptop mit Medienseite
Bildrechte: Collage MEDIEN360G

Das Altpapier am 16. August 2019 Supermediatheken in Sicht

... natürlich nicht in Deutschland, aber in zwei Nachbarländern. Hierzulande erregt der neue Medienstaatsvertrag ähnlich wenig Aufsehen wie Begeisterung. Außerdem: "Einladungspolitik". Der MDR bleibt bei seiner Chemnitzer Diskussionsveranstaltung, bloß "stellt er sie neu auf". Ein Altpapier von Christian Bartels.

Teasergrafik zum Altpapier vom 16. August 2019: Laptop mit Medienseite
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Was macht eigentlich die schöne Idee der "gemeinsamen Medien- und Kulturplattform für Europa", die der ARD-Vorsitzende Ulrich Wilhelm im Herbst '18 recht vehement forderte?

Scheinbar nicht mehr sehr viel. Darauf deutet schon der Umstand, dass es noch immer gar keinen griffigen Namen für das Projekt gibt (wobei "Supermediathek", wie sie zuletzt im Altpapier genannt wurde, sich als Behelfslösung durchaus eignen könnte). Die privaten Sendergruppen drücken derzeit ihre eigenen Plattformen joyn.de und tvnow.de in den bereits dicht besetzten Markt. Und für die Öffentlich-Rechtlichen steht medienpolitisch ein heißer Herbst bevor, besonders was die Rundfunkbeitrags-Frage vor dem Hintergrund dreier Landtagswahlen sowie anschließender Regierungsbildungen betrifft. Und welche Ideen der neue ARD-Vorsitzende ab 2020, Tom Buhrow vom WDR, im Köcher hat, wird man sicher bald erfahren.

Wo ähnliche Projekte dagegen Namen und Formen annehmen: in zwei Nachbarländern. "Salto" heißt eine nun wettbewerbsbehördlich genehmigte französische Plattform, bei der das öffentlich-rechtliche France Télévisions und die Privatsender TF1 und M6 kooperieren. M6 ist übrigens fast zur Hälfte ein Bertelsmann-RTL-Sender.

"Auf der Plattform sollen das lineare Programm und die Catch-Up Dienste der Sender sowie weitere VoD-Dienste angeboten werden. Über ein Abonnementmodell soll hiermit ein breites Spektrum von Nachrichtensendungen über Sport, Unterhaltung, französische Fernsehfilme und US-Serien bis hin zu Dokumentar- und Kinofilmen bereitgestellt werden."

Wer das berichtet? Kein redaktionelles deutsches Medium. Die blicken, wenn medienmäßig ins Ausland, ja lieber in die USA. Vau.net, der lustig benamte Privatsender-Verband, ist es, der anschließend die kartellrechtlich erlassenen Bedingungen ausführlich ins Deutsche übersetzt. An denen immerhin könnten deutsche Sender sich orientieren, falls sie doch mal zur Tat schreiten sollten.

Ö-Tube oder Ö-Player?

Und dort, wo sich ohne weiteres "Gebührenfunk" sagen und schreiben lässt, in Österreich (schließlich heißt da der Beitragsservice "GIS Gebühren Info Service"), tut sich ebenfalls etwas. Die TVthek des öffentlich-rechtlichen ORF soll

"in einen Österreich-Player integriert werden, der allen österreichischen Medienunternehmen offen stehen und 'Ö-Tube' heißen soll",

wenn es nach der ÖVP, also der Partei des jungen Ex-Bundeskanzlers und in Umfragen beliebtesten Kanzlerkandidaten Kurz gehen soll, berichtete der Standard. Der Name "Ö-Player" sei aber auch in der Diskussion, meldete der Kurier mit für deutsche Nutzer attraktivem Rezo-Foto (wohl nicht, weil die Österreicher den Aachener mit den blauen Haaren gleich eingekauft haben, sondern bloß weil: "Die Jungen schauen vor allem online"). Jedenfalls sind mit ÖVP und der in Österreich gar nicht so schwachen SPÖ zwei Parteien dafür, die bei der Wahl Ende September durchaus genug Stimmen bekommen könnten, um gemeinsam zu regieren.

Medienpolitische Lethargie

Falls sich wer für österreichische Medienpolitik interessiert: Da gäbe es noch eine gründliche, mit über 30.000 Zeichen den Rahmen zweier Altpapiere sprengende Medienpolitiker-Umfrage des Standard ("Braucht es den ORF als eigenständige Organisation? So einig sind sich die Mediensprecher selten: 'Ja!'"). Sie zeigt zumindest, dass die Parteien des Nachbarlandes Medienpolitik auf Bundesebene – eine Bundesrepublik ist Österreich ja auch – für was halbwegs Wichtiges halten. Wovon hierzulande keine Rede sein kann.

Falls sich dennoch wer für die Mühsal der deutschen Medienpolitik, in der sich dummerweise immer eben alle Bundesländer-Regierungen zusammenraufen müssen, interessiert: Steffen Grimberg gibt in der taz einen Überblick über das, was im womöglich noch 2019 beschlossen werdenden Medienstaatsvertrag immerhin drin stehen ("Medien-" statt "Rundfunk-" in der Überschrift) und was leider komplett fehlen dürfte: eine Anpassung des aus der großen Zeit gedruckter Zeitungen stammenden Medienkonzentrationsrechts an die Digitalära.

Gestern stand auf der FAZ-Medienseite unter der Überschrift "Langsames Netz für immer" ein langer (bei teltarif.de frei online verfügbarer) Gastbeitrag des "Unternehmens- und Technologieplanung"-Professors Torsten J. Gerpott, der am Ende "langjährige netzpolitische Lethargie und Konzeptlosigkeit" der Bundesregierung beklagte. Medienpolitisch in die Breite der Bundesländer-Politik gezogen, gilt das leider, mindestens, genauso.

Meanwhile in den USA ...

Und das, während die globalen Konzerne immer schneller größer werden. Wie schon im Grimberg-Text erwähnt, gibt's in den USA nun einen neu größeren Anbieter "mit einem geschätzten Gesamtwert von rund 30 Mrd Dollar", der mit "mehr als 3600 Spielfilmen und über 140.000 TV-Episoden" schon eine kleine eigene Supermediathek mit Markennamen und Titeln von Comedy Central bis "Der Pate" aufmachen könnte.

Das kommt daher, dass sich "der heute 96-jährige Medienmogul Sumner Redstone und dessen 65 Jahre alte Tochter Shari" nun nicht mehr "in den Haaren" (die Sumner Redstone, scheint's, noch hat), liegen, sondern nach langem Streit die bereits zweite Fusion von CBS und Viacom beschlossen ist. Darüber berichtet Franz Everschor bei medienkorrespondenz.de.

Brauchen wir einladungspolitische Gesetze?

Jetzt endlich zu dem, was in Deutschland bewegt, also zu "einladungspolitischen Fragen" (Altpapier gestern). Dabei geht's einerseits um eine "Wahlarena"-Sendung des RBB zur Landtagswahl in Brandenburg am 1. September. Dazu bringt der Tagesspiegel ein kleines Update.

Und andererseits um die Chemnitzer Podiumsdiskussion des MDR – bei dem ja auch das Altpapier erscheint – zu seiner Doku über die Ereignisse in Chemnitz 2018. Den Sendetermin haben jetzt alle notiert: Am 26. August nach den "Tagesthemen" soll "Chemnitz – Ein Jahr danach" im ARD-Programm gesendet werden – also mehr oder weniger zur Landtagswahl in Sachsen ebenfalls am 1. September. (Und der zweite Sendungs-Untertitel "Wir sind nicht eins" könnte, auch vor dem Hintergrund der Framing-Geschichte des Ersten hintersinnige Bedeutung besitzen; jedenfalls trifft er fraglos zu). Die nicht zur Übertragung vorgesehene Chemnitzer Diskussionsveranstaltung hätte vier Tage davor stattfinden sollen – und soll es noch immer: Nach diversen Absagen eingeladener Teilnehmer wegen der Teilnahme von Arthur Oesterle, "bekennender Neonazi und AfD-Mitglied" (FAZ), hält der MDR "also an der Veranstaltung fest, aber eben anders" (Tagesspiegel). Bzw. hat der MDR zum populären, weil zupackend klingenden Power-Verb "neu aufstellen" (das etwa auch die Funkes gerne anwenden) gegriffen:

"Der MDR stellt seinen Publikumsdialog zur Preview der Doku 'Chemnitz – Ein Jahr danach' neu auf und bietet eine Gesprächsrunde mit Machern des Films sowie Programmverantwortlichen an."

Der Sender hätte "gern den breiten Dialog" geführt, lässt sich Programmdirektor Wolf-Dieter Jacobi darin zitieren. Angesichts der breiten Empörungswelle soll nun offenbar ganz ohne lokale Politiker diskutiert werden – mit wem und wie, werden vermutlich sehr zahlreiche Medienvertreter mindestens aus ganz Deutschland genauestens beobachten. Zu Matthias Meisner vom Tagesspiegel sagte Jacobi dann noch einen erklärenderen Satz: "Wenn man sich dem nicht stellt, macht man die Kräfte, die sich vor einem Jahr in Chemnitz formiert haben, nur noch stärker." Das scheint mir ein respektables Argument zu sein. Schließlich muss der MDR mit seinen Beitragszahlern (und auch denen, die sie in die Landtage wählen) ja umgehen.

Im Tagesspiegel-Artikel folgt dann viiiel Text, der sämtliche zum Thema aufgelaufenen Politiker-Aussagen Absatz für Absatz untereinanderstellt. Und ganz am Ende noch mal interessant wird:

"Sachsens SPD-Fraktionschef Dirk Panter, auch er Mitglied des MDR-Rundfunkrats, begrüßte, dass [die Chemnitzer Oberbürgermeisterin Barbara] Ludwig ihre Teilnahme an der Diskussion abgesagt habe, die letztlich dann auch zur Ausladung des Neonazis Österle führte. ... Wenn er sehe, wie der MDR seine 'Fehlentscheidung' verteidigt habe, 'braucht der Sender nicht nur Programmgrundsätze und -richtlinien, sondern auch Richtlinien für öffentliche Veranstaltungen'."

Wenn die Entwicklungen ähnlich weiter laufen, könnte es in der Tat so kommen, dass rundfunkstaatsvertragähnliche (und voraussichtlich bis vors Bundesverfassungsgericht umstrittene), sozusagen einladungspolitische Gesetze werden klären müssen, wer bei Veranstaltungen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks teilnehmen kann und wer nicht.


Altpapierkorb (Maaßen-Follower, Süddeutsche-"Richtungsstreit", Hessischer Radiowellen-Streit, Kurzfilme im Fernsehen)

+++ Ex-Verfassungsschutz-Chef Hans-Georg Maaßen sollte sich seine Twitter-Follower besser aussuchen. Das ungefähr gibt netzpolitik.org dem alten Gegner in einer "Datenanalyse" mit, die durch den nachgetragenen "Korrekturhinweis: Nicht alle Accounts, die in den Grafiken der Datenanalyse benannt sind, sind rechtsradikal. Diese Tatsache haben wir nun auch in der Überschrift durch das Wort 'oft' noch einmal hervorgehoben" nicht überzeugender wird. Diskussionen gibt's u.a. unter diesem Tweet.

+++ Niemand kümmert sich so rührig um Netflix wie die Süddeutsche Zeitung, nicht nur, aber ganz besonders auf ihrer Medienseite. Heute (€) geht's dort um die Frage, ob "die verurteilte Hochstaplerin Anna Sorokin" dank eines Netflix-Vertrags "reich aus dem Gefängnis" kommen wird. +++ Um DAZN bemüht sich die SZ aber auch! Und hat, wenn schon nicht Fritz von Thurn und Taxis, dann immerhin seinen Co-Moderator Uli Hebel vors Mikro bekommen.

+++ Spannender könnte sein, was hinter den Kulissen derselben Zeitung läuft. Über den SZ-"Richtungsstreit zwischen Print und Digital" berichtet ausführlich die Stuttgarter Kontext-Wochenzeitung: "Erstaunlich ist, dass das gedruckte Wort noch eine Mehrheit hat".

+++ "Being Mario Götze" von Produzent und Regisseur Aljoscha Pause lief noch bei DAZN, "Inside Borussia Dortmund" startet heute bei Amazon Prime (Tagesspiegel). Ein Indiz, dass dieser Datenkrake bald noch mehr Bundesliga übertragen möchte als ohnehin schon?

+++ "Seit es das Internet gibt, wo Einzelsendungen nach der Ausstrahlung noch abgerufen werden können und seit die Hörspiele und Features über Audiotheken leichter zugänglich sind, erfahren die Hörspiel- und Feature-Redaktionen, dass ihre langen Stücke für zahlreiche Nutzer durchaus attraktiv sind. In der ARD-Audiothek gehören sie zu den beliebtesten Angeboten und stehen in der 'Meistgehört'-Liste regelmäßig ganz oben. Daraus jedoch den Schluss abzuleiten, es würde reichen, Hörspiele und Features künftig nur noch online zu stellen und sie gar nicht mehr zu senden, wäre fatal. Erstens kannibalisiert man so eingeführte profilierte Wellen. Zweitens riskiert man, dass die teuer produzierten Stücke völlig vom Radar verschwinden." Schreibt Diemut Roether in der neuen epd medien-Ausgabe (derzeit nicht online) über die Radiowellen-Diskussion beim Hessischen Rundfunk (Altpapier).

+++ Und dann noch was in doppelt eigener Sache: In meiner neuen Medienkolumne auf evangelisch.de geht es um die kleine Rolle, die Kurzfilme im Fernsehen spielen, und zwar besonders anhand der Kurzfilm-Sendung "unicato", die ebenfalls vom MDR Thüringen verantwortet wird. (Und um die Lage des Kurzfilm-Genres Musikvideo, um die es mit ziemlich guten Beispielen in der aktuellen "unicato"-Ausgabe geht ...).

Neues Altpapier gibt's wieder am Montag. Schönes Wochenende!

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