Das Altpapier am 18. Oktober 2019 Liaison von Qualität und Quote

Diversifizierung light: Die Ausspielkanäle für redaktionelle Inhalte werden ganz langsam vielfältiger. Conrad Albert würde den Öffentlich-Rechtlichen gern mal mit Feuchttuch und Desinfektionsspray zu Leibe rücken. Und eine Regierung wird beim Dauerschwänzen von PKs erwischt. Ein Altpapier von Nora Frerichmann.

Teasergrafik Altpapier vom 18. Oktober 2019: Liaison von Qualität und Quote
Bildrechte: MDR/MEDIEN360G / Pixabay

Rankings sind für Journalist:innen ja immer was Feines, sie geben Stoff für Lob und Häme, für Analysen und Kolumnen, scheinen so schön eindeutig und klar in unserer komplizierten Welt. Eines dieser Rankings ist gestern wieder erschienen, die "Best Global Brands 2019" der Markenberatung Interbrands. Na, ist das Altpapier jetzt zur Marketing-Kolumne mutiert, mögen Sie sich fragen. Nein, aber das Ranking hat, zumindest indirekt, durchaus auch Verbindungen zur Medienbranche.

Facebook ist in diesem Jahr nämlich aus der Top 10 rausgeflogen, berichtet z.B. Horizont. Der Konzern habe 12 Prozent seines Markenwerts eingebüßt und stehe statt auf Rang 9 nun nur noch auf Platz 14. Der Zentral- und Osteuropa CEO Simon Thun sagte dem Branchenportal, er sehe dafür mehrere Gründe:

"Es gibt erste Anzeichen für eine Sättigung. Jüngere Zielgruppen melden sich nicht mehr automatisch bei Facebook an." Hinzu komme die öffentliche Debatte über die gesellschaftspolitische Rolle des Netzwerks. "Offenbar hinterfragen immer mehr Leute den Einfluss, den Facebook als Plattform auf aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen hat."

Sicherlich gibt es verschiedene Kritikpunkte an solchen Rankings, eine grundsätzliche Tendenz lässt sich in diesem Fall an der Rangliste und Facebooks Platz darauf allerdings schon ablesen. Vor fünf bis sechs Jahren sah es noch so aus, als ob das soziale Netzwerk mit Google künftig als Alleinherrscher über einen erheblichen Teil der Traffics redaktioneller Inhalte im Netz entscheiden und die Bedingungen diktieren könnte. Als 2015 die Instant Articles vorgestellt wurden, waren Aufschrei und Angst groß, dass nun kaum mehr Traffic auf den Seiten klassischer Medienhäuser landen würde. Mit den Instant Articles können Inhalte direkt in Facebook geladen werden.

Verschiedene große Medienhäuser stiegen nach einiger Zeit allerdings wieder aus, waren nicht zufrieden mit den Monetarisierungsmöglichkeiten des Angebots und konzentrierten sich lieber auf eigene Distributionswege. Mittlerweile hat sich die Landschaft der großen Plattformen, die für Nachrichtendistribution geeignet sind, außerdem deutlich erweitert. Google und Facebook nehmen noch immer eine große Rolle ein, aber mit Snapchat, Tiktok, Twitch (Amazon-Tochter), Instagram (gehört zu Facebook) oder Nachrichten-Apps wie Springers Flipboard oder dem recht neuen Nuzzera hat sich die Bandbreite der möglichen Aggregatoren etwas vergrößert.

Hinzu kommt der Trend, sich zunehmend auf eigene Ausspielkanäle zu stützen: TV-Anbieter setzen zunehmend auf eigene Angebote wie TVNOW (RTL) oder Joyn (ProSiebenSat.1), Audioanbieter auf die ARD Audiothek, der Zeit- oder SZ-App…

Damit sind zwar längst nicht alle Kämpfe ausgefochten (auf Platz 2 des Marken-Rankings steht z.B. Google, mit dem die Verleger in Deutschland und Europa beim Leistungsschutzrecht und der Funktion Google News auf Kriegsfuß stehen), aber das Horrorszenario von vor fünf Jahren hat sich zumindest erstmal etwas entzerrt.

What the Systemhygiene

Weniger entzerrt zeigt sich die Diskussion um das Verhältnis zwischen öffentlich-rechtlichem und privatem Rundfunk in Deutschland. Denn wenn ein Vize-Vorstandschef gern mal mit Desinfektionsspray und Feuchttüchern hantieren würde, ist das wohl ein Zeichen, dass er sich so richtig ärgert.

Ein ähnliches Ansinnen scheint Conrad Albert durch den Kopf zu gehen, wenn er an die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten denkt. Im medienpolitischen Rundumschlag-Interview von Michael Ridder bei epd Medien (leider bisher nicht online) scheint der ProSiebenSat.1-Vize einiges an Schmer und Staub in den Windungen des öffentlich-rechtlichen Apparats zu wittern. Zwar bezeichnet er sich selbst als "Verfechter des dualen Systems", also der Rundfunklandschaft mit privaten und öffentlich-rechtlichen Anbietern, aber, er sieht bei den beitragsfinanzierten Anstalten das Problem einer

"in weiten Teilen aufgegebene Systemhygiene. Das führt dann zu solchen Überlegungen, dass man die 'Sportschau' auf die beste Sendezeit am Sonntagabend um kurz vor acht packt, wo ein sehr wichtiger Bestandteil der klassischen Information bisher seinen Sendeplatz hatte."

Dabei geht es natürlich um die diskutierte Verlegung des "Weltspiegels" auf einen früheren Sendeplatz, wenn im kommenden Frühjahr die "Lindenstraße" ausgemustert wird. Damit schließt Albert sich der auch ARD-intern erhobenen Kritik an Überlegungen der Programmdirektion (siehe dieses und jenes Altpapier von September) an. Selten waren sich wohl Kritiker, Verfechter und Wettbewerber des öffentlich-rechtlichen Rundfunks bei einem Thema so einig.

Was nun mit dem Auslandsmagazin genau passieren soll, bzw. wann die Berichterstattung in Zukunft genau stattfinden soll, ist bisher noch nicht ganz klar – oder zumindest noch nicht nach außen gedrungen. Albert jedenfalls sieht die Öffis zunehmend im Revier der Privaten wildern:  

"Die Überlegung zur Vorverlegung zeigt, dass ARD und ZDF ihre Programmentscheidungen immer mehr nach Leistungskriterien treffen, die eine privatwirtschaftliche Prägung haben: Wo kriege ich die beste Quote, wo bekomme ich am meisten Refinanzierung für Sportinhalte durch Werbung und Sponsoring? Das ist ungesund."

Wobei man fairer Weise sagen muss, dass die weiter zunehmende Quotenfixierung der Öffentlich-Rechtlichen nicht nur von dem Gedanken an Werbeeinnahmen getrieben ist, sondern auch als eine Art Angstreflex in der Diskussion um die Legitimation der durch den Rundfunkbeitrag finanzierten Angebote (kurzer Reminder an dieser Stelle, dass das Altpapier auf den Seiten des MDR auch dazugehört) gesehen werden kann. Schließlich sind die Anstalten verpflichtet, eine Grundversorgung für die gesamte Breite der Bevölkerung zu bieten. Und mit Zahlen lässt sich dabei auf den ersten Blick sicher deutlich einfacher argumentieren als mit dem deutlich aufwändiger zu messenden und zu vermittelnden Argument, einen Beitrag zur individuellen und öffentlichen Meinungsbildung zu leisten.

Grundsätzlich muss das Paar Qualität und Quote im öffentlich-rechtlichen Kontext also eine Liaison eingehen. Wenn Letztere aber deutlich mehr kultiviert wird als Erstere, tut das dem gesamten Rundfunksystem nicht gut. Die Diskussion darum hat schon etwa 35 Jahre auf dem Buckel, ist aber aktuell wegen der sich langsam dahinschleppenden Änderungsprozesse, was Auftrag und Struktur der ÖR angeht, wieder frisch wie ein gebadeter Babypopo.

In dem Interview, das in den kommenden Tagen evtl. hier online gestellt werden dürfte, geht es daneben auch um den P7S1-Nachrichtensender Puls24 in Österreich, die Streamingplattform Joyn, den Einstieg der von der Berlusconi-Familie gehaltenen Gruppe Mediaset bei ProSiebenSat.1 und Veränderungen innerhalb des Konzerns.

PK-Schwänzer

Wenn Schüler schwänzen, kann es Arrest geben. Wenn Regierungen schwänzen, ja was dann eigentlich? In Sachsen-Anhalt scheint das bei der Landespressekonferenz ein Problem zu sein. In einem offenen Brief sprechen die Journalist:innen von "großem Befremden" gegenüber der Landesregierung (CDU, SPD, Grüne), die mehrfach nicht an der Kabinetts-PK teilgenommen habe, auch nicht nach dem Anschlag in Halle.

"Dies ist angesichts der Bedeutung der im Kabinett behandelten Themen inakzeptabel. Nach dem Anschlag in Halle hat die Welt auf Sachsen-Anhalt geschaut. Gerade in dieser Situation haben wir eine Positionierung der Landesregierung in der Landespressekonferenz erwartet. Leider hat die Landesregierung in den vergangenen Monaten immer wieder die Einladungen der Landespressekonferenz ausgeschlagen, ihr politisches Handeln transparent zu machen",

heißt es in dem Brief. Welche Gründe auch immer dahinter stehen sollten, das Schwänzen der Landesregierung reiht sich ein in eine besorgniserregende Entwicklung: Politiker:innen kommunizieren zunehmend gerne an Journalist:innen vorbei. Beispiele gibt’s in diversen Altpapieren, etwa von gestern, als Klaus Raab ein Merkel-Interview kritisierte, dass mit einem Parteifreund, statt kritischen Dritten geführt wurde. Ganz zu schweigen von AKKs Ankündigung, zu einigen Veranstaltungen keine Presse mehr zuzulassen und stattdessen Streams anzubieten und selbst "Herr über die Bilder" sein zu wollen.

Das kränkt Journalist:innen sicherlich etwas in ihrem teils doch sehr großen und empfindlichen Ego. Andererseits braucht er doch gerade in Zeiten, in denen eine Gesellschaft über Desinformationskampagnen und das vielkritisierte "Abgleiten des öffentlichen Diskurses" in Richtung Hass und Polarisierung diskutiert, eine handwerklich fundierte Berichterstattung und kritische, ausgewogene Nachfragen. Indem eine Regierung sich dem teilweise entzieht, begünstigt sie solche Entwicklungen. Die Landespressekonferenz mahnt deshalb, wie ein:e strenge:r Lehrer:in:

"Wir erinnern in diesem Zusammenhang daran, dass die Öffentlichkeit ein Recht auf Unterrichtung hat und gehen davon aus, dass dies weiterhin in der Landespressekonferenz geschieht. Daher erwarten wir die regelmäßige Teilnahme von Vertretern der Landesregierung an den wöchentlichen Kabinettspressekonferenzen."

Hinweis: Ich arbeite gelegentlich für epd Medien.

Altpapierkorb (200.000 Euro gegen Presseanfragen, sprachliche Verharmlosung von Krieg, Share-Online.biz ist down, rechte "Aula" kommt zurück):

+++ 200.000 Euro gaben Bundesbehörden in den vergangenen Jahren aus, um Presseanfragen abzuwehren, berichtet die SZ. Vor allem der Verfassungsschutz spiele dabei oben mit. Der DJV findet das – pardon – sch****.

+++ Medien sprechen von einem "Militäreinsatz" oder einer "Militäroffensive" der Türkei in Syrien, beobachtet Eric Wallis in der taz und kritisiert eine sprachliche Verharmlosung des Krieges.

+++ Der Filehoster Share-Online.biz ist down, berichtet Michael Hanfeld bei der FAZ: "Spektakulär ist der Schlag gegen Share-Online.biz aber nicht nur ob der Größenordnung, um die es bei ihm geht, und der Inhaftungnahme eines Datenanbieters für die Inhalte, die bei ihm hoch- und heruntergeladen werden. Bemerkenswert ist auch die geleistete Detektivarbeit."

+++ Im Bildblog geht Moritz Tschermak der Verbreitung falscher Infos rund um den Ort Ruinerwold nach, in dem mehrere Menschen offenbar seit Jahren isoliert auf einem abgelegenen Bauernhof gelebt haben sollen: "Nun ist es eine Sache, lediglich eine solch halbherzige Verpixelung zu wählen, wenn sich der Erkenntnisstand noch im 'soll'-Stadium befindet. Die andere Sache ist noch gravierender: Das ist ganz sicher nicht 'der Vater der Kinder'. Stattdessen handelt es sich um einen Mann, der für ein Stockfoto posiert und dabei versucht, ein Feuer zu entfachen".

+++ Über die Neuauflage der rechtsextremen Zeitschrift "Aula" in Österreich berichten ORF und der Standard.

+++ Bei den teilweise gewaltsamen Ausschreitungen in Katalonien geraten auch Journalist:innen zunehmend ins Visier der Separatisten, berichtet Korrespondent Hans-Günter Kellner bei "@mediasres". Laut Reporter ohne Grenzen hat es im vergangenen Jahr etwa 50 Angriffe auf Reporter gegeben, dazu kommen Drohungen bei Twitter.

Neues Altpapier gibt’s wieder am Montag.

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