Das Altpapier am 24. Oktober 2019 22 Punkte, aber es geht nicht um Zahlen

Claas Relotius geht juristisch gegen das Buch von Juan Moreno vor. Es geht um Korinthen. Aber letztlich auch um die Verführungskraft einer alles abrundenden, geschliffenen Dramaturgie. Zudem: die Münchner Medientage. Ein Altpapier von Klaus Raab.

Teasergrafik Altpapier vom 24. Oktober 2019: Porträts von Claas Relotius und Juan Moreno
Bildrechte: MDR/MEDIEN360G/dpa

Es drohte ein abwechslungsreicher Tag zu werden. Am Mittwoch wurden die Münchner Medientage eröffnet, laut Veranstaltungsblog eine “Konferenz mit den Themengebieten Künstliche Intelligenz, Streaming, TVoD, Audio, Podcast, Publishing, Big Data, Medienpolitik, Journalismus, Social Media, Virtual Reality, Blockchain, Afrika, Werbung & Marketing sowie Vertrauen“, bei der auch “News zu AI, Connected TV, Radio & Audio, Streaming oder VR, AR & 360°“ präsentiert würden. 

Die volle Breitseite Experten-Schnickschnack war also angekündigt, und so hielt der Medientage-Hashtag #mtm19 triumphierend Einzug in die deutschen Twittertrends. Wenn der Livestream von der Eröffnung nicht nur Bilder übertragen hätte, sondern auch Töne – kaum auszudenken, wie viele Zitatschnipsel noch geteilt worden wären.

Aber dann kam eine Vorabmeldung der Zeit, und die Medientage mit ihren Themengebieten aus dem printmedienfreien Morgen wurden abgehängt von einer Geschichte, die von Lüge, Spin und Wahrheit handelt – Themengebieten von vorgestern bis übermorgen. Die Hashtags lauteten #relotius und #moreno.

Die Fragen des Tages

“Mit Hilfe seines Anwalts, des bekannten Medienrechtlers Christian Schertz, geht der ehemalige Spiegel-Reporter Claas Relotius (33) gegen das Buch 'Tausend Zeilen Lüge. Das System Relotius und der deutsche Journalismus’ des Spiegel-Autors Juan Moreno (47) vor“, meldete Die Zeit, bevor sie bald den Text (Abo) aus dem Feuilleton der aktuellen Ausgabe nachlegte. “Man habe gefordert, eine Unterlassungserklärung abzugeben und werde Klage einreichen, sollte dies nicht geschehen“, wird Anwalt Schertz heute in der Süddeutschen Zeitung zitiert.

Die Nachricht, die da aufploppte, ist keine der Sorte Mann beißt Hund: “Mit diesem Angriff hatte der Rowohlt Verlag bereits vor Erscheinen des Bestsellers gerechnet“, schreibt Christian Meier in der Welt. Juan Moreno erwähnt in seinem Buch auch eine Mail von Relotius’ Anwalt (wobei es sich laut Meier seinerzeit noch um den Vertreter einer Hamburger Kanzlei handelte, nicht um die Berliner von Christian Schertz). Moreno schreibt, er habe Relotius vor allem um Antwort auf eine Frage gebeten, “die sich der gesamte Journalismus stellt. Die Frage lautet: Warum?“ Die Antwort sei eine Absage gewesen. “Sein Anwalt – Grüße an dieser Stelle – fügte der E-Mail an mich noch eine lange juristische Ausführung bei. Eine Auflistung, was ich zu unterlassen hätte, andernfalls, so verstand ich es, werde das Konsequenzen haben.“

Also, nein, die Nachricht, dass es ein juristisches Nachspiel gibt, haut einen nicht wirklich vor Überraschung aus den Latschen. Die Fragen, die recht breit diskutiert werden – auf Journalistentwitter und den klassischen Medienseiten gleichermaßen –, sind eher: Ist es schlimm? Wie schlimm ist es? Wie schlimm wirklich? Und was bleibt davon hängen?

Die Substanz der Vorwürfe

Gegenstand der Unterlassungsforderung “sind mehr als 20 Stellen aus Morenos Buch (…), die 'erhebliche Unwahrheiten und Falschdarstellungen’ beinhalten sollen“, schreibt Christof Siemes in der Zeit. 22 Stellen sind es laut Welt. Es riecht nach Manöver; natürlich ist klar, wem es nutzt, wenn Morenos Glaubwürdigkeit beschädigt würde. Die Schwierigkeit, die Schwere der Vorwürfe wirklich einschätzen zu können, besteht darin, dass nur ausgewählte der Öffentlichkeit bekannt sind. “Zu Relotius Vorwürfen im Einzelnen machte dessen Anwalt Christian Schertz auf Anfrage der F.A.Z. keine weiteren Angaben“, heißt es dort etwa. Was bedauerlich ist. 22 Punkte klingt nach einer großen Sache, aber die Frage ist ja die nach der Substanz.

Die Substanz der öffentlich bekannten Vorwürfe ist, sagen wir mal, schwankend.

Die einen sind Kleinigkeiten: Im Vergleich zu Relotius’ “teils komplett erfundenen Reportagen“ seien manche “allenfalls Petitessen“, so Die Zeit. “Wie die, ob Relotius 'jeden Tag‘ mit Kollegen zum Mittagessen ging oder eher seltener.“

Während Morenos Verlag Rowohlt in einer Stellungnahme, die am ausführlichsten Meedia zitiert, auf diese Kleinigkeiten abhebt und schreibt, “(u)nserer Meinung nach handelt es sich um den Versuch, mit Randfragen und Nebenschauplätzen den Reporter Moreno zu diskreditieren“, hat Relotius’ Anwalt natürlich eine andere Deutung parat. Er wird in der SZ im Zusammenhang mit diesem Beispiel zitiert, es gehe keineswegs “nur um Petitessen, sondern um erhebliche Falschbehauptungen“, was zumindest die Frage aufwirft, was wohl eine unerhebliche Falschbehauptung wäre. Unter anderem die Frage, ob Relotius mit den Kollegen jeden Tag Mittagessen gewesen sei, “vermittelt eine Authentizität des Berichts, die die Geschichte offenbar nicht hat“.

Hm. Hm?

In der betreffenden Buchpassage geht es um das unterschiedliche Standing von Moreno und Relotius in der Spiegel-Redaktion. Moreno geht es hier darum, dass er als relativ außenstehender Reporter einen in der Redaktion tief verwurzelten Redakteur angegangen habe. In diesem Zusammenhang fällt der Satz, Relotius sei “jeden Tag“ mit den Kollegen zum Mittagessen gegangen, er selbst dagegen, Moreno, habe nicht einmal die großen Konferenzen besucht. Das mag womöglich eine Übertreibung sein, aber eine, die man als Stilmittel erkennt.

Ein anderer Punkt, der beanstandet wird, ist die Zahl der an Relotius vergebenen Preise. Bei Moreno ist von vierzig die Rede, Die Zeit schreibt, es seien nur halb so viele gewesen. Die höhere Zahl hat allerdings nicht Moreno ursprünglich aufgebracht, sondern die Kommission, die für den Spiegel den Relotius-Betrug untersucht hat. “(I)nsgesamt wurde er circa 40-mal ausgezeichnet“, steht auf Seite 139 des pdf-Berichts. Das mag nicht korrekt sein, aber solche “Spitzfindigkeiten“ (Stefan Niggemeier bei Übermedien) machen Morenos Text nicht unglaubwürdig; er nennt eine Zahl, die auch die offiziellsten Aufklärer des Falls nennen.

Die meistdiskutierte Passage ist allerdings der Schluss des Buchs, “der nahelegt, dass der Fälscher nach seiner Entlarvung weiter gelogen habe“ (SZ): Relotius habe behauptet, er sei in einer Klinik in Süddeutschland. Einem Kollegen habe aber eine Sekretärin erzählt, sie habe ihn in Hamburg auf einem Fahrrad gesehen. Hier geht es “aus juristischer Sicht etwas mehr an die Substanz“ (Welt). Daniel Drepper, Chefredakteur von Buzzfeed, hat die Passage getwittert und kommentiert: “Puh.“

Ja, puh, denn die Frage ist, ob sich eine Geschichte aus dritter Hand in einem solchen Buch als “sensationelle, tragische Pointe“ (Übermedien) eignet. Und wenn sie nicht stimmt? “Darf man eine solche Anekdote, vor allem eine so mächtige und prominent platzierte, allein auf der Grundlage von Hörensagen veröffentlichen, ohne wenigstens selbst mit der Sekretärin gesprochen zu haben?“, fragt Stefan Niggemeier.

Der Fall, so Niggemeier, sei eigentlich aber kompliziert: “Die Fahrrad-Geschichte erzählten sich damals zwar viele Kollegen. Aber Moreno hörte sie offenbar nicht von irgendeinem. Er wollte sein Buch ursprünglich nicht alleine schreiben, sondern zusammen mit einem Co-Autor aus dem Gesellschaftsressort des 'Spiegel‘. Der recherchierte für ihn – und soll auch die Fahrrad-Geschichte von der Sekretärin erfahren haben.“

Trotzdem verleihe die Tatsache, dass Moreno die Geschichte nutzt, um seinen Text perfekt abzurunden, den Vorwürfen nun “eine besondere Wucht. Weil sie den Eindruck verstärkt, dass Journalisten gar nicht anders können, als dem Sog der traumhaften Pointe nachzugeben und nicht dem Zweifel nachzugehen. Selbst wenn sie keine Betrüger sind.“

Das ist der Punkt, um den es hier tatsächlich vorrangig geht, wenn auch nicht juristisch. Es geht nicht um eine falsche Zahl. Nicht um eine Hyperbel. Sondern um die alles abrundende geschliffene Dramaturgie und ihr verführerisches Potenzial.

“Vor der Ansteckungsgefahr, die offenbar vom Morbus Relotius ausgeht, scheint selbst Juan Moreno nicht ganz gefeit zu sein, jener Mann, der sich zutraute, die Diagnose zu stellen“, schließt Die Zeit, aber das ist ein harter Satz, der den Unterschied zwischen Morenos Text, dessen Rechercheergebnisse im Kern nicht bezweifelt werden, und Relotius’ großflächigem Betrug verwischt. Es sei “wichtig, den Maßstab nicht aus den Augen zu verlieren“, findet Stefan Niggemeier. “Moreno ist kein Relotius, in keiner Hinsicht.“

Wem es nutzen würde, wenn es so aussähe, ist klar.


Altpapierkorb (Medientage, Markus Söder, Rezo, europäische Plattform, Ulrich Wilhelm, Telekom, Axel Springer)

+++ Zurück zu den Medientagen: Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) sprach sich auf dem Branchenkongress für eine alternative europäische Internetplattform aus, schreibt die SZ: “'Entweder sind wir bereit, den Wettbewerb anzunehmen, oder wir werden am Ende nur Konsumenten sein von anderen Wettbewerbern.‘“ Und in der FAZ steht: “Söder warf deutschen Medienhäusern und besonders der Medienpolitik mangelndes Reformtempo vor. Vieles gehe zu langsam. Die deutsche Medienordnung sei 'anachronistisch‘ und 'altbacken‘. Söder bekannte sich ausdrücklich zu den öffentlich-rechtlichen Sendern. Er kritisierte eine 'unendliche Staatsvertrags-Mäanderei‘ und sprach sich für eine umfassende Reform der deutschen Medienordnung aus.“

+++ Bei Rezo, der nicht Youtuber genannt werden will, weil doof, klingt das so: “Den Plan für eine Europäische Super-Plattform als Alternative befürworte er: 'Ich finde das sau-cool, allein aus User-Sicht.‘“ Hat “Zapp“ herausgefunden.

+++ Bayerns Ministerpräsident Markus Söder ist aber auch jung. Er hat bei den Medientagen mitgeteilt: “Wenn man am Schulhof etwas langsam oder nicht sexy ist, heißt es: Du bist voll @ZDF“. Er hat die Pointe in einem Spiegel-Interview (Altpapier) allerdings schon einmal benutzt, und wir würden gerne darauf hinweisen, dass es, wann immer ein Witz zweimal gemacht wird, von heute an auf Schulhöfen heißen soll: “Du bist voll Söder.“ Kriegen wir das hin, Kids?

+++ Der ARD-Vorsitzende und BR-Intendant Ulrich Wilhelm kam auch zu Wort: “'Es ist unverzichtbar, dass sich Europa seine Souveränität auch im Digitalen bewahrt‘, zitiert welt.de via dpa. “Nahezu alle Plattformen sozialer Netzwerke über Cloud-Services werden demnach von Anbietern außerhalb Europas bestimmt. 'Damit werden auch die Relevanz und Sichtbarkeit von Inhalten von Algorithmen gesteuert, deren Funktionsweise allein in den Händen von privaten Unternehmen liegt und deren Geschäftsmodell vor allem auf die gezielte Platzierung von Werbung ausgerichtet ist‘, sagte Wilhelm.“

+++ Neues vom neuen Fernsehmarkt: Die Telekom sichert sich die Rechte an der Übertragung der Fußball-EM 2024. (DWDL)

+++ Der Deutsche Journalisten-Verband “bekräftigt seine Forderung an den Springer-Konzern, beim Unternehmensumbau auf Kündigungen zu verzichten“.

+++ Während Springer-Chef Mathias Döpfner andere Pläne hat und den Weg des ZDF-Rundfunkrats einschlägt: “Erstmalig im November soll die übliche Telefonkonferenz des Vorstands entfallen, um Journalisten die Quartalsergebnisse und die Entwicklung des Unternehmens zu erläutern.“ (Meedia)

Neues Altpapier gibt es wieder am Freitag.

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