Das Altpapier am 15. November 2019 #FreeDeniz reloaded

Ein bemerkenswert breites Bündnis solidarisiert sich mit drei von Neonazis terrorisierten Fachjournalisten. Zudem auf der Agenda: eine Polemik gegen “die verhängnisvolle Idee vom Hörspiel als Medium für Leute, die entweder sehbehindert oder zu faul zum Lesen sind“. Ein Altpapier von René Martens.

Teasergrafik Altpapier vom 15. November 2019: Demo-Plakat mit Aufschrift "#FreeDeniz reloaded"
Bildrechte: MDR/MEDIEN360G/Panthermedia

Am Mittwoch fand an dieser Stelle kurz (und am selben Tag auch im @mediasres-Magazin des Deutschlandfunks) eine für den 23. November in Hannover geplante Demonstration Erwähnung, die im unguten Sinne eine “neue Qualität“ aufweise - eine Demonstration nämlich, die sich gegen Fachjournalisten richtet, die seit Jahren über die Rechtsextremismus berichten. In einem Thread fragt nun Georg Diez angesichts dieses Vorgangs, den der Autor und Rechtsextremismus-Experte Andreas Speit im eben verlinkten DLF-Interview “bundesweit einmalig“ nennt:

“Wenn (…), wie es gerade geschieht, eine Demonstration (!) gegen kritische Journalisten organisiert wird, wenn kritische Journalisten die Wohnung wechseln müssen, weil sie massiv bedroht werden - warum ist das keine Coverstory wert?

Diez fragt das, weil er grundsätzlich den Eindruck hat, dass beim Reden und Schreiben über das Thema Meinungsfreiheit “so viel falsch läuft, symptomatisch falsch läuft“, zum Beispiel, “dass eben fast nur Einschränkungen gegen rechts oder rechtskonservativ als Gefahr gesehen werden, während Einschränkungen gegen links nie auf Coverhöhe kommen“.

Die Frage, die Diez stellt, ist natürlich berechtigt, denn dass die Neonazis mehrere Journalisten zum Zielobjekt ihres Aufmarschs erklärt haben, ist spätestens seit dem 18. Oktober bekannt, denn an jenem Tag hat einer der Betroffenen, der freie Journalist David Janzen aus Braunschweig, auf die Veranstaltung hingewiesen.  Spiegel, Zeit und wie sie alle heißen hätten sich mit der Sache also beschäftigen können, wenn sie denn gewollt hätten.

Um ein bisschen Optimismus zu verbreiten: Vielleicht kommen die Coverstorys ja noch. Heute ist nämlich ein von einem sehr breiten Bündnis getragener Aufruf online gegangen, der die Anti-Journalisten-Demo der NPD zum Anlass hat. Unter dem Titel “Schützt die Pressefreiheit!“ rufen neben Journalistengewerkschaften und anderen Journalistenorganisationen auch „Panorama“, "Frontal 21" sowie die Chefredaktionen von Spiegel, Die Zeit, Zeit Online, FR und taz dazu auf, “sich an den Protesten gegen die Demonstration zu beteiligen“. Mehr als 450 Einzelpersonen haben den Aufruf ebenfalls unterzeichnet (Disclosure: aus dem Altpapier-Team Ralf Heimann und ich).

Zum Hintergrund heißt es:

“Auch neurechte Kleinstgruppen organisieren Angriffe auf die freie Berichterstattung. In zahlreichen Texten werden Journalist*innen verächtlich gemacht und denunziert. Kritische Journalist*innen werden mit kostenintensiven Unterlassungserklärungen, Klagen und Anzeigen überzogen. Fotos von Kolleg*innen werden über Szene-Medien gezielt verbreitet und zur Markierung potentieller Angriffsziele benutzt.“

Zudem seien

“Angriffe auf Journalist*innen und Eingriffe in deren Privatleben (…) mittlerweile keine Seltenheit mehr. Der Hass auf die Kollegen geht so weit, dass sie regelmäßig Morddrohungen erhalten. Ein hochrangiger Neonazi-Kader sprach auf mehreren Veranstaltungen über Julian Feldmann und erwähnte dabei einen Revolver, der schon bereit liege.“

Wie stark Neonazis mit ihren Aktionen in den Alltag bzw. in das Privatleben von Journalisten eingreifen - das steht zum Beispiel in einem Watson-Porträt über David Janzen, das vor etwas weniger als einem Monat erschienen ist. Janzen arbeitet für den Blog Störungsmelder und das Magazin Der rechte Rand. Manchmal verwendet der NDR Fotos oder Videosequenzen von ihm. Er hat in diesem Jahr zwei Morddrohungen erhalten.

In dem Aufruf heißt es mit Bezug auf die Eingriffe ins Privatleben:

“Die NPD-Demonstration in Hannover ist der nächste Schritt, um Kollegen das Leben zur Hölle zu machen.“

Wer einen Einblick in die Arbeit des bereits erwähnten Kollegen Feldmann bekommen möchte: Er wirkte zum Beispiel an diesem, diesem und diesem NDR-Film als Autor oder Co-Autor mit. Ein Bild von André Aden - der dritte von den Demoveranstaltern namentlich genannte Kollege - kann man sich in der Anfang November linear ausgestrahlten ZDFinfo-Dokumentation “Rechtsrock in Deutschland - Das Netzwerk der Neo-Nazis“ machen; Aden ist hier ein wichtiger Gesprächspartner. Die Dokumentation ist informativ, aber filmisch leider ein Desaster (typisch ZDFinfo halt).

Doch zurück zum Aufruf: Einige Forderungen enthält er auch. Dazu gehören “vereinfachte Verfahren für Auskunftssperren beim Einwohnermeldeamt für Journalist*innen“.

Fürs erste ist “Schützt die Pressefreiheit!“ die größte hiesige brancheninterne Solidaritätserklärung seit den Aktionen für Deniz Yücel (der den Aufruf ebenfalls unterschrieben hat). #FreeDeniz reloaded könnte also das passende Schlagwort sein - obwohl die angefeindeten Feldmann, Janzen und Aden nicht im Knast sitzen.

Eine zum Aufruf passende Einordnung der aktuellen Lage der Rechtsextremismus-Fachleute unter den Journalisten liefert Andrea Röpke in der Wochenzeitung Kontext:

“Allzu oft wird über Angriffe und Verleumdungen von Medienvertretern hinweggeschaut – das ist nicht hinnehmbar. Markierungen von rechts gegen JournalistInnen und Fachleute als potenzielle Angriffsziele haben eine alarmierende Dimension erreicht. Mit Falschinformationen werden Rufmordkampagnen geführt; Redaktionen sollen von Rechten denunzierten KollegInnen keine Aufträge mehr erteilen, bis die ihre Arbeit und ihr Engagement aufgeben. Aber wir lassen das nicht zu.“

Verlegerwünsche

Das Thema staatliche Medienförderung kam im Altpapier zuletzt vor fünf Wochen vor, unter anderem ging es dabei um ein neues  Fördermodell in Brandenburg. Ein anderer Anlass ist nun die am Donnerstag vom Haushaltsausschuss des Bundestages beschlossene Förderung der Zeitungszustellung (dpa/Zeit Online).

Kurz vor der Entscheidung hatte Martin Rabanus, der kultur- und medienpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, gegenüber “Zapp“ zu dem Thema gesagt:

"Es dürfte zwar schwer werden, kurzfristig schon im nächsten Jahr alle Wünsche zu erfüllen, aber wir sollten 2020 unbedingt schon einen ersten Impuls setzen. Wenn es gut läuft, könnte das ein dreistelliger Millionenbetrag sein.“

Statt einer dreistelligen Millionensumme muss dieser sozialdemokratische Verlegerwunscherfüller nun mit 40 Millionen zufrieden sein (siehe auch Update unter dem “Zapp“-Text). Aber warum wird eigentlich in heutigen Texten mit so einer Summe der Transport von Papier subventioniert?

Nun könnte man natürlich argumentieren, dass eine eher strukturelle Förderung besser ist als eine nach inhaltlichen Kriterien erfolgende - von wegen Staatsferne und so. Aber bei allen grundsätzlichen Bedenken ist mir der oben erwähnte Ansatz aus Brandenburg - “1,5 Mio. Euro jährlich für (…) Modellprojekte, um Lokaljournalismus in allen Teilen des Landes zu erhalten“, siehe Kenia-Koalitionsvertrag, Seite 39 - sympathischer.

“Hitler, Krebs und DDR“

Zu Ulrich Bassenges brandredenartigem Hörspiel zur Lage des Hörspiels, das wir hier Anfang Oktober gewürdigt haben, gibt es jetzt auch ein geschriebenes Ergänzungsstück, es ist zuerst in der Neuen Rundschau erschienen und nun in der Medienkorrespondenz. Bassenge schreibt:

“Noch eingangs der sechziger Jahre musste Friedrich Knilli (Link von mir - RM) polemisch konstatieren: ‚Die Theaterhasen bauen wie anno 1924 ihre naturalistischen Hör- und Radiobühnen mit akustischen Kulissen, Hintergrundgeräuschen, Keysound und hetzen […] ihre Hörspieler oder deren Ton-Double, den Regieassistenten, über kostspielige Steinpflaster, Holzplanken, Sand- und Kieswege, teure Geräuschstiegen oder lassen sie recht oft groteske Quietschtüren öffnen und schließen.‘

Eine fast 60 Jahre alte Kritik, aber leider aktuell, findet Bassenge. Denn:

“Diese Form der Dramatisierung beherrscht noch bis ins 21. Jahrhundert das Gros der ARD- und BBC-Produktionen, bei internationalen Wettbewerben von den ewig Gleichen in ewigem Recycling ausgezeichnet; je preiswürdiger, desto mehr die Hörspiele einem der inhaltlichen Kriterien der von Dietmar Dath analysierten thematischen Trias “Hitler, Krebs und DDR“ gehorchen. Die Stelle der Bühne nimmt nun das episch-cineastische Ideal ein; statt Geräuscharmut kann es nun gar nicht genug sein, was da durchs Dolby-Panorama teufelt. Vollends offenbar wird dies in den “Kino-im-Kopf“-Adaptionen zumeist forensischer Belletristik, wie sie sich aus dem skandinavischen und angelsächsischen Raum über das Publikum internationaler Klangkunst- und Hörspielfestivals ergießen; gepimpt mit Subbässen, sechskanaligem Sounddesign und saugeil angefetteten Synchronprofi-Stimmen, nicht zu vergessen (…) das bewährte 'Herr der Ringe‘-Musikkonzentrat, für das gerne die öffentlich-rechtlichen Symphonieorchester bemüht werden.“

Durch “solcherart lärmende Beschwörung der Optik“ werde “ein tatsächlich reiches Hören“ verhindert. Um es kurz zu machen: Bassenge wendet sich hier gegen “die verhängnisvolle Idee vom Hörspiel als Medium für Leute, die entweder sehbehindert oder zu faul zum Lesen sind“ - und auch wer sich wenig mit Hörspielen beschäftigt, wird diese Polemik möglicherweise durchaus instruktiv finden.


Altpapierkorb (Pressefeindliche Bauern, hohenzollern.lol, Disneys Warnhinweise, geplante Journalisten-Handy-Beschlagnahmung in Österreich)

+++ Landwirte, die nicht allzu viel mit der Pressefreiheit am Hut zu haben scheinen, sind derzeit ein Thema in Braunschweig. “Am vergangenen Sonntag zogen etwa 20 Bauern vor das Haus eines Redakteurs der Braunschweiger Zeitung", berichtet die taz. Der privat belästigte Journalist hatte nach Meinung der Protestierer “polemisch und fachlich sehr mangelhaft“ über sie geschrieben.

+++ Ein bemerkenswertes Bildungs- und Geschichtsvermittlungsprojekt - Stichworte: Hohenzollern, Herero - hat Jan Böhmermann auf den Weg gebracht. Klingt interessant? Dann bei hohenzollern.lol reinschauen (seit Donnerstag online). Der Tagesspiegel berichtet.

+++ Neues von Disney, auch dieses Mal im Streaming-Kontext (siehe zuletzt Altpapier von Mittwoch). Das - grundsätzlich sehr empfehlenswerte! - britische Filmmagazin Little White Lies weist darauf hin, dass bei Disney+ einige Filme aus dem Repertoire des Konzerns mit dem Hinweis: “This program is presented as originally created. It may contain outdated cultural depictions” versehen sind. Autor Charles Bramesco kritisiert unter anderem: “The selection of titles to which Disney has attached this warning (…) seems a tad telling. While Dumbo’s ‚Jim Crow‘, Lady and the Tramp’s Siamese cats, and Peter Pan’s caricatured Native Americans all merited the disclaimer card, the recent Aladdin (pilloried by some Middle Eastern detractors for Agrabah’s stereotype-informed depiction of the region) does not. There’s an underlying implication that racism was something that happened before civil rights and then ended, leaving the ’90s a morally upstanding time, when in actuality there was still plenty of maturing to be done.“

+++ “Es klingt wie eine Nachricht aus einem anderen Land, wie aus einer anderen Republik, wie aus einer anderen Zeit. Oder einfacher: wie aus einem Regime“ - so beginnt ein Kommentar des Die-Presse-Chefredakteurs Rainer Nowak in seiner Zeitung. Worum geht es? Eine Episode aus Zeiten der schwarz-braunen Koalition in Österreich: Demnach wollte das Bundesamt für Korruptionsbekämpfung (BAK) das Handy der Presse-Redakteurin Anna Thalhammer beschlagnahmen. In einem anderen Bericht beschreibt Die Presse diese “Attacke auf die Pressefreiheit“ im Detail folgendermaßen: “Das BAK hatte am 10. Mai, also noch in der Amtszeit von FPÖ-Innenminister Herbert Kickl, den Antrag gestellt, das Handy zu beschlagnahmen. Die Staatsanwaltschaft lehnte dies Anfang Juli ab. Anna Thalhammer sagt, sie habe gerüchteweise bereits im Juli davon erfahren, dass das BAK geplant habe, ihr Handy zu konfiszieren. Dies wurde ihr gegenüber damals vom Bundesamt für Korruptionsbekämpfung jedoch dementiert. 'Ich wurde also angelogen‘, sagt Anna Thalhammer.“

+++ Gegen eine Urheberrechtsverletzung, etwa die unerlaubte Verwendung eines Fotos, gehen Journalisten normalerweise auf zivilrechtlichem Wege vor, aber im Fall des Frauenhass-Portals Wikimannia funktioniert das nicht. Das hat die freie Journalistin Kersten Artus, die nun Strafanzeige wegen eines unerlaubt verwendeten Fotos gestellt hat. Gegenüber der taz Nord erläutert ihr Anwalt das folgendermaßen: “Hier ist das Problem, dass sich die Seite hinter einem Fake-Impressum verbirgt und die Betreiber deshalb für normale Anspruchsgeltendmachung nicht erreichbar sind (…) Mit den Mitteln der Strafprozessordnung dürfte es eigentlich nicht so schwer sein, herauszufinden, wer die Seite betreibt.“

Neues Altpapier gibt es wieder am Montag. Schönes Wochenende!

Zuletzt aktualisiert: 15. November 2019, 11:18 Uhr

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