Teasergrafik Altpapier vom 26. November 2019: Wahlplakate mit Zeitungen.
Bildrechte: MDR/MEDIEN360G / Michaela Schenk / meedia

Das Altpapier am 26. November 2019 Die Medien ihrer Wahl

Bremens Bürgermeister will private Medien staatlich fördern, und die Bevölkerung soll entscheiden, welche – aber dass Medienhäuser in den Wahlkampf zögen, das fehlt gerade noch. Die nächste Musikzeitschrift verschwindet aus den Regalen. Und die Öffentlich-Rechtlichen argumentieren mit ihrer relativ alten Belegschaft. Ein Altpapier von Klaus Raab.

Teasergrafik Altpapier vom 26. November 2019: Wahlplakate mit Zeitungen.
Bildrechte: MDR/MEDIEN360G / Michaela Schenk / meedia

Die Welt ist ungerecht. Nach dem Bundesarbeitsminister hat nun auch Bremens Bürgermeister eine staatliche Förderung privater Medien befürwortet. Aber niemand hat je in den Jahrzehnten ihres Bestehens eine staatliche Subventionierung von privaten Musikzeitschriften erwogen. Dabei sind sie doch deutsches Kulturgut. Juice etwa: "Das Magazin prägte Begriffe und Karrieren, sogar das Wort 'Deutschrap' ist eine Schöpfung der Juice", schreibt die Süddeutsche Zeitung in einem kurzen Text. "Stars wie Cro, Haftbefehl oder Marteria wurden unterstützt, als sie noch kaum jemand kannte." Aber nun ist’s zu spät, nach Spex, Groove und Intro (Altpapier) erwischt es nun das Hip-Hop-Magazin. Die gedruckte Juice-Rezension von Haftbefehls neuem Album wird uns damit leider wohl nie von Hubertus Heil präsentiert werden.

Grund: "(A)m Kiosk gingen manchmal weniger als 5000 Exemplare über die Theke. Das hat auch damit zu tun, dass Rapfans längst andere Geschmacksinstanzen haben: Streamingdienste wie Soundcloud oder Spotify schlagen per Algorithmus die nächsten Lieblingssongs vor".

Zukunft: "Genau wie bei den Musikmagazinen Spex und Groove desselben Verlags, deren Printausgaben ebenfalls eingestellt wurden" (SZ), will man auch bei Juice laut eigener Mitteilung "ein neues Kapitel" aufschlagen, um, so zitiert Spiegel Online, "die Berichterstattung mit vollem Elan an die Anforderungen des WWW anzupassen".

Juice' Abschiedsworte: "In einer Zeit, in der auf Knopfdruck praktisch alles digital und kostenfrei verfügbar ist, finden sich nur schwer Kaufargumente für auf Papier gedruckte Worte." Und: "das Format Print ist tot."

Medienförderung nach Referendum

Nun meint Juice den Markt der unabhängig produzierten Musikmagazine, nicht den der Zeitungen. Aber dass es auch dort nicht rosig aussieht, ist zum einen nicht neu, zum anderen lassen das die jüngsten Diskussionen über eine staatliche Förderung der Zeitungszustellung erkennen (Altpapier vom 15. November).

Da wäre etwa der Beschluss von CDU/CSU und SPD im Haushaltsausschuss, die Zeitungszustellung von 2020 an mit 40 Millionen Euro zu bezuschussen (Altpapier), um die flächendeckende Versorgung mit Abo-Zeitungen und Anzeigenblättern zu unterstützen. Darüber will der Bundestag am Freitag beraten – wobei Förderbeginn und Konzept noch nicht geklärt zu sein scheinen (Süddeutsche Zeitung vom 15. November).

Und außerdem, neu auf dem Tisch, ist der Vorschlag von Bremens neuem Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) vom Montag: Über die Verteilung staatlicher Zuschüsse sollten die Bürger entscheiden. Im Interview mit Radio Bremen sagte er:

"Mein Vorschlag: Lasst uns doch einfach den Bürgerinnen und Bürgern die Möglichkeit geben zu entscheiden, mit einer Art Stimmabgabe, vielleicht parallel zu einer Landtagswahl, welche Medien eine Förderung bekommen und welche nicht. (…) Und dann wird ein bestimmtes Förderbudget entsprechend des Ergebnisses dieser Stimmabgabe verteilt."

Er halte das für einen geeigneten Weg, "die grundsätzlich in der Bevölkerung vorhandenen Präferenzen zum Ausdruck" zu bringen.

Der Vorschlag – "Ja", sagt er, "Medienwahl, Zeitungsreferendum" – ist unausgegoren, um es freundlich zu sagen. Schon deshalb, weil gar nicht deutlich wird, was Bovenschulte eigentlich meint. Meint er ein Referendum über eine allgemeine Medienförderung oder eine Förderung speziell der Zeitungszustellung? So liest es die dpa, die schreibt: "Über die Verteilung staatlicher Zuschüsse für die Zeitungszustellung sollen nach einem Vorschlag des Bremer Bürgermeisters Andreas Bovenschulte (SPD) die Bürger entscheiden." So steht es etwa auch, via dpa, auf der FAZ-Medienseite.

Das kann aber eigentlich nicht gemeint sein, denn Bovenschulte sagt auch: "(U)m so eine Förderung könnten sich natürlich auch Startups und neue Medien bewerben." Die ihren Kram aber nur in seltenen Fällen per Zeitungsboten zustellen. Bovenschulte scheint also tatsächlich eine Förderung jener privaten Medienlandschaft zu meinen, "die den Ethos hat, hauptamtlichen Journalismus zu betreiben". Es geht ihm nicht nur um Gedrucktes. Also demnach auch nicht nur um die Zustellung.

Das würde dann auch die bei Meedia zitierte harsche Ablehnung des Vorschlags durch den Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger erklären, der doch eigentlich für eine Förderung der Zeitungszustellung lobbyiert: "Der BDZV lehnt eine staatliche Förderung von redaktionellen Inhalten ab. Der Vorschlag von Andreas Bovenschulte ist daher nicht zielführend.”

Die BDZV-Position zu den seit zwei Wochen öffentlichen Plänen des Bundesarbeitsministeriums, die Zeitungszustellung zu fördern, klingt ganz anders: "Es ist gut, dass das Arbeitsministerium den Handlungsbedarf erkannt und sich entschlossen hat…" usw. Der Unterschied zwischen beiden Förderideen: Die Förderung für die Zustellung sei, anders als eine für die Zeitungsproduktion selbst, eine Förderung für den "nachgelagerten logistischen Bereich, nicht für den redaktionellen Bereich" (so zitierte horizont.de vom Freitag einen BDZV-Sprecher) – weshalb eine solche Subventionierung die Unabhängigkeit der Presse nicht untergrabe.

Bovenschultes Vorschlag dürfte so oder so nicht realisiert werden. Erstens ist er als bürgermeisterliche Reaktion auf Sparankündigungen beim Bremer Weser-Kurier deutbar, also wohl erstmal lokale Stell-dich-gut-mit-den-Medien-Politik. Zweitens sind die Nachteile zu offensichtlich. Meedia: "Was der Sozialdemokrat (…) nicht anspricht, ist die Gefahr, dass bei einer Abstimmung vor allem solche Medien profitieren dürften, die den Massengeschmack bedienen." Eben. Das fehlte wirklich gerade noch, dass Medienhäuser in einen Wahlkampf gegeneinander zögen, um mehr staatliche Fördergelder einzustreichen.

Die KEF und die Altersstruktur der Zuschauer

Die Öffentlich-Rechtlichen derweil haben ein anderes Finanzthema an der Backe – jenes, das die Medienkorrespondenz aufgebracht hat und das gestern schon kurz Thema hier war: Die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten hat "festgestellt, dass die Mitarbeiter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks überproportional gut verdienen" – zumindest bei einigen Sendern –, weshalb "die Gelder für den Personalaufwand" durch die betroffenen Rundfunkanstalten gekürzt werden sollen.

Michael Hanfeld nutzt das heute in der FAZ als Argument gegen eine automatische Anhebung der Rundfunkbeiträge: "Es fehlte eine transparente Bilanzprüfung der öffentlich-rechtlichen Sender, die deren Finanzwünsche und das dem Grundversorgungsauftrag gemäß Gebotene ins Verhältnis setzt."

Interessantes steckt aber auch in der Reaktion der Anstalten, die auf den "höhere(n) Altersdurchschnitt ihrer Mitarbeiterschaft und dessen Auswirkungen auf die Vergütungen" hinweisen würden, wie es in der Medienkorrespondenz heißt. Die FAZ konkretisiert die Altersfrage:

"(B)ei ihnen, so hieß es auf Anfrage dieser Zeitung bei der ARD, seien siebzig bis 75 Prozent der Mitarbeiter älter als 45 Jahre, wohingegen in der freien Wirtschaft 45 bis 50 Prozent einer Belegschaft zur Generation 45+ gehörten."

Was beim nächsten Mal, wenn es wieder einmal um die Frage geht, warum die Zuschauer der Öffentlich-Rechtlichen im Schnitt älteren Semesters sind, vielleicht bedacht werden sollte: Das könnte auch daran liegen, dass eine Belegschaft, die zu großen Teilen älter als 45 ist und im 20. Jahrhundert mediensozialisiert wurde, womöglich einfach kein Programm für 20-Jährige macht.

Eine der Folgefragen wäre, was weitere Personalaufwandseinsparungen für die Verjüngung des Programms bedeuten könnten. Im Zweifel treffen Personaleinsparungen erfahrungsgemäß zum einen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die noch nicht lange dabei sind – und zum anderen die, die gar nicht erst eingestellt werden. Vielleicht sollte einmal die Einrichtung einer Kommission zur Ermittlung des Nachwuchsbedarfs der Rundfunkanstalten angegangen werden.


Altpapierkorb (Frank Elstner, Karola Wille, Regulierung von Internetplattformen, Antiziganismus-Vorwurf, "Unser Sandmann")

+++ Wenn wir das richtig verstanden haben, hat sich Netflix für 2020 "Wetten, dass war's" von Frank Elstner geangelt – bislang ist YouTube. Diese jungen Leute…

+++ MDR-Intendantin Karola Wille schreibt für den Tagesspiegel: "Beim MDR, in dessen Sendegebiet die Polarisierung deutlich spürbar ist, ist die publizistische Linie, mehr denn je die Vielfalt der verfügbaren Informationen, vorhandenen Meinungen, Erfahrungen, Verhaltensmuster, Werthaltungen abzubilden (…). Mehr Diversität ist damit eine wichtige Antwort auf die große Herausforderung unserer Zeit. Vorbehaltlos und objektiv sich den Themen anzunähern, bleibt die Prämisse. Nicht moralisieren, aber Fakten und Zusammenhänge einordnen, weniger zuspitzen, aber Widersprüche offenlegen." Ihr Text ist ein stattlicher Longread von mehr als 12.000 Zeichen – beim Altpapier gelernt?

+++ netzpolitik.org hat einen Gastbeitrag von Mathias Vermeulen über eine intelligentere Regulierung von Internetplattformen, die auf eine "Schmälerung der unverhältnismäßigen Aufmerksamkeit" hinausläuft: "Wir sollten nicht versuchen, das Unmögliche zu regulieren, das heißt das Entfernen einzelner Inhalte, die illegal sind oder undefinierten Schaden anrichten. Stattdessen müssen wir uns auf die Regulierung des Verhaltens von plattformspezifischen Verstärkern solcher Inhalte konzentrieren: Empfehlungsalgorithmen, Suchfunktionen, Trends, Autocomplete-Funktionen und andere Mechanismen, die bestimmen, was wir als nächstes sehen."

+++ Der Deutschlandfunk hat beim Bundeskriminalamt nachgefragt, wie sich Hasskommentare, Hetze und Drohungen verteilen: Ein Großteil der Hasskommentare (77 Prozent) "lässt sich dem rechtsextremen Spektrum zuordnen, knapp 9 Prozent der Kommentare sind linksextrem, die verbleibenden 14 Prozent sind ausländischen oder religiösen Ideologien beziehungsweise keiner konkreten politischen Motivation zuzuordnen."

+++ Der Zentralrat der Sinti und Roma wirft Sat.1 Antiziganismus vor. Die taz hat ein den Vorwurf untermauerndes Gutachten auf dem Schirm. epd schreibt: "In dem Bericht werden unter anderem mutmaßliche Clan-Kriminelle in Deutschland, mit Ratten auf Müllhalden in Rumänien lebende Roma und von Kriminellen betrogene deutsche Rentner miteinander verknüpft." Sat.1 wird zitiert, es handle sich vielmehr um einen "ausgewogenen, journalistisch einwandfreien Bericht über mehrere Familien in Deutschland und Ost-Europa".

+++ Bei Übermedien schreibt "die trotz ihrer Faulheit überraschend erfolgreiche" Samira El-Ouassil, warum "wunderbar" ihr Hasswort sei und sie auch selbst lieber anders als "wunderbar" genannt werden möchte.

+++ Es gibt ein neues TikTok-Video der "Tagesschau", mit Linda Zervakis in der Hauptrolle.

+++ Witze von Dieter Nuhr auszuwerten, kann’s auf Dauer auch nicht sein. Aber er hat wieder "Greta" gesagt, und das Redaktionsnetzwerk Deutschland hat eine "Chronologie".

+++ Und "Unser Sandmann" wird 60. Was man über ihn wissen muss, steht bei epd Medien.

Neues Altpapier gibt es am Mittwoch.

Zuletzt aktualisiert: 27. November 2019, 09:34 Uhr

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