Das Altpapier am 8. Januar 2020 Kein Rücktritt, keine Annäherung

"Showdown im WDR": Die Mitarbeiter trafen Intendant Tom Buhrow, um über Umweltsau- und Debattenklimafragen zu reden. Offiziell wurde "offen, kritisch und konstruktiv" diskutiert. Inoffiziell nur kritisch. Ein Altpapier von Klaus Raab.

Teasergrafik Altpapier vom 8. Januar 2020: Tom Buhrow während einer Veranstaltung mit einem WDR-Mikrofon in der Hand. Im Hintergund sieht man das WDR Logo angeschnitten. Untertitel zum Bild: Es ist sehr schön hier.
Bildrechte: WDR/Claus Langer / Collage: MDR MEDIEN360G

Man muss sich als öffentlich-rechtlicher Sender auch mal entschuldigen dürfen, wenn jemand versehentlich etwas Lustiges gemacht hat. Der ORF hat es gerade getan, nachdem er in einer Sondersendung die – herrje, ist das ein gutes Wort – Angelobung der neuen österreichischen Bundesregierung übertragen hatte:

"Wer die Zeremonie via TVthek verfolgte, konnte in den Untertiteln der On-Demand-Fassung Formulierungen lesen wie 'Schade, dass Alisa den Job nicht bekam', 'Bon Appetito', 'Danke, Papa' oder die Frage 'Mama hat nichts dagegen?'",

fasst Der Standard die Angelobungsangelegenheit zusammen, die sich bislang allerdings nicht zu einer Causa ausgewachsen hat. Es war dem ORF zufolge nur ein Angelobungsangelegenheitsabwicklungsfehler, durch den versehentlich "die Untertitel der vorhergehenden Sendung nochmal wiederholt" worden seien.

ORF-Kommunikationschef Martin Biedermann, der sich bei Twitter @MartinBiederman mit einem "n" nennt und keinen blauen Haken hat, allerdings vom ORF retweetet wurde, schrieb, die falschen Untertitel seien "inzwischen ersetzt" worden. Bedauerlich. Aber wenn der Twitterdienst mal für etwas gut ist, dann doch wohl dafür, dass man sie dort in vielen Screenshots und Schnipseln noch findet.

Das Technologieportal Futurezone hat das Ganze wohl zuerst bemerkt und hatte noch ein paar Beispiele parat: "So sagte Sebastian Kurz zu Bundespräsident Alexander van der Bellen statt 'Ich gelobe' etwa 'Es ist sehr schön hier'." Man sah also die zwei hohen Herren bei einer offiziellen Zeremonie, und die Untertitel zeigten dem Vernehmen nach den Text der dritten Folge der Telenovela "Alisa – Folge deinem Herzen".

Kann es noch viel besser werden in diesem Jahr?

Und jetzt: auf nach Köln

Besser vielleicht nicht, es kann aber auf jeden Fall viel unlustiger werden. Und damit hallo, Deutschland! "Eine der dümmsten Diskussionen seit Langem", wie sie die Grimme-Online-Preisträger von Ultralativ in ihrem neuesten und ziemlich studierten YouTube-Video nennen, ist nämlich noch nicht beendet. Die sehr kleine, sehr große "Umweltsau"-Geschichte ist heute sogar wieder das einzige nahezu konsensfähige Tagesthema in den Medienmedien; das Thema, an dem kaum eine Medienredaktion vorbei kann oder will. Logisch, es war ja auch gerade "Showdown im WDR". So nannte es jedenfalls Thomas Lückerath von DWDL vorab in einem Kommentar.

Wobei die ganze "Umweltsau"-Nummer als lediglich "dumm" mittlerweile nicht mehr zutreffend beschrieben ist. Sonst würde sie in dieser nun fünften Altpapier-Kolumne des Jahres vielleicht dann doch nicht bereits zum fünften Mal auftauchen. Der Auslöser mag umweltsaudumm gewesen sein – aber die Folgen sind ja nun doch ziemlich handfest. Hinein ins Getümmel:

"Ein Medienmanager, dessen Umgang mit moderner rechter Propaganda von so viel Naivität und Ungeschicktheit zeugt und der nicht in der Lage ist, sich in einfachsten Fragen der Presse- und Meinungsfreiheit vor seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu stellen, gefährdet eben diese Freiheiten. Deshalb sollte Tom Buhrow zurücktreten."

Schrieb der freie WDR-Autor Stefan Stuckmann (der hier gestern auch schon erwähnt worden ist) am Dienstag in einem Gastbeitrag bei Zeit Online. Und machte damit nebenbei einen Mangel wett, den DWDL moniert hatte: dass in der schon zuvor kursierenden Forderung, WDR-Intendant Buhrow möge "die Konsequenzen ziehen" aus seiner von vielen Mitarbeitern als unnötig erachteten Entschuldigung für das Lied, keine konkreten Konsequenzen genannt worden waren.

Was war aber nun los am Dienstagnachmittag beim "Showdown" im Kleinen Sendesaal des WDR in Köln, wo Intendant und Mitarbeiter sich offen, kritisch und konstruktiv miteinander austauschten, wie eine WDR-Sprecherin anschließend von dpa zitiert wurde? Ist Tom Buhrow zurückgetreten? Wurde er zurückgetreten?

Nichts von beidem. "Diese Art der Konsequenz gab es nun nicht; das wäre aber auch eine große Überraschung gewesen. Wegen einer Entschuldigung für eine 'Umweltsau' möchte schließlich niemand in die Annalen der Rundfunkgeschichte eingehen." Schreibt Christian Meier in der Welt. Man liest noch nicht einmal etwas davon, dass er von Satireautoren eine Debattenklimasau geschimpft worden wäre. Buhrow habe das zweieinhalbstündige Treffen lediglich vorzeitig verlassen, wie wiederum Thomas Lückerath berichtet. Auch kein ganz uninteressantes Statement.

Es war "wenig Liebe im völlig überfüllten Saal", schreibt Lückerath, der seinen Ortsvorteil knallhart ausspielt und einige Details mehr aus WDR-Leuten herausholt als andere. So wenig Liebe, dass die Sprachregelung der Pressestelle von Teilnehmenden kurzerhand wieder kassiert wurde: "Kritisch sei es durchaus gewesen, aber von offen und konstruktiv könne keine Rede sein, berichten Teilnehmer der Veranstaltung, bei der es hoch her ging".

Spiegel Online fasst die wesentlichen Aussagen so zusammen:

"Ein Teilnehmer der Versammlung berichtete dem SPIEGEL, Buhrow habe im Prinzip gesagt, dass er noch mal genauso handeln würde. Rund 30 Redner seien bei der emotionalen Veranstaltung zu Wort gekommen. Mehrfach sei darauf hingewiesen worden, dass das ZDF in vergleichbaren Fällen deutlich souveräner agiere."

Was es DWDL zufolge zwischen Intendanz und Redaktion nicht gab: "eine Annäherung". Was es allerdings schon gegegen habe: "einen Minimalkonsens". Man kann das wohl so verstehen, dass man sich ohne Annäherung darauf verständigt hat, sich in nächster Zeit anzunähern. Das geht wohl auch aus der Ferne.

Wie nun weiter? Zum einen sollen, so wird Buhrow bei Spiegel Online zitiert, "alle unbedingt so weitermachen (…) wie bisher, es habe sich nichts geändert, und es dürfe und solle weiter experimentiert werden". Zum anderen nimmt die Sache zum Beispiel am Donnerstag im nordrhein-westfälischen Landtag ihren Fortgang, wie die FAZ berichtet:

"Auf Antrag der AfD-Opposition setzt der Kultur- und Medienausschuss das Thema unter dem Titel 'WDR-Kinderchor-Skandal' auf seine Tagesordnung. Die AfD verlangt von der Landesregierung einen Bericht zu ihrer Frage, was Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) 'gegen die Spaltung der Gesellschaft' unternehme."

Hübsch wäre, wenn Laschet antworten würde, dass er künftig einfach keine Gastbeiträge über Kinkerlitzchen, die zu Spaltungszwecken zum Skandal aufgeblasen werden, mehr in großen Wochenzeitungen zu schreiben gedenke (Altpapier vom vergangenen Freitag).

Noch hübscher wäre es, wenn der WDR die Sitzung in einer Sondersendung übertragen und versehentlich falsche Untertitel einspielen würde. Wenn der Zeitplan des Landtags stimmt, liefe um die Uhrzeit am Donnerstag planmäßig "Um Himmels Willen", Folge 129. Aber wer weiß, ob das nicht doch zu viel der Experimente wäre. Es bleibt knifflig.


Altpapierkorb (Spiegel Online, Richard Gutjahr, Horst Röper, FPÖ-Medienerlass)

+++ Spiegel Online heißt von heute an Der Spiegel. "In der Nacht zum Mittwoch wurde der Netzauftritt rundum erneuert", konnte man am Dienstagabend in der FAZ lesen. "Konkret hat die Webseite nun ein Layout, das die Ästhetik des gedruckten Hefts zitiert. Künftig können zudem mehrere Artikel zum gleichen Themenkomplex optisch besser gebündelt werden, Bezahltexte werden vom frei zugänglichen Angebot weniger separiert. Die größte Veränderung ist aber die neue Begeisterung für Lifestyle-Themen", weiß die Süddeutsche Zeitung.

+++ Zu den Vorwürfen des ehemaligen festen freien BR-Mitarbeiters Richard Gutjahr, der Sender habe ihn nicht zur Genüge gegen Angriffe und Bedrohungen unterstützt (zuletzt am Montag im Altpapier), hat sich der Vorsitzende des BR-Rundfunkrats, Lorenz Wolf, in der SZ geäußert. Er wisse, "dass der BR mehr getan hat, als rechtlich geboten war. Dass Herr Gutjahr sich etwas anderes gewünscht hätte", sei ihm "ebenfalls bewusst"

+++ Steffen Grimberg verabschiedet in der taz den Medienwissenschaftler Horst Röper, "das Gedächtnis der deutsche Zeitungslandschaft", in den Ruhestand. Dass der Name von Röpers Formatt-Institut für "Forschung Medien Aktuell Technologie Transfer" steht, erfährt man so auch mal.

+++ Nochmal Österreich: Der sogenannte Medienerlass des ehemaligen FPÖ-Innenministers Herbert Kickl ist aufgehoben worden. Er hatte von Polizeidienststellen verlangt, "grundsätzlich immer Herkunft oder Religion von Straftätern oder Verdächtigen" in Pressemitteilungen zu nennen. "Nun soll das nur noch erfolgen, wenn es 'für Zweck und Ziel der Kommunikation auch nötig ist'." (ORF.at)

+++ Und nochmal diese Omas. Jürn Kruse schreibt in seiner taz-Kolumne, dass seine Mutter, die Oma seiner Kinder, nichts mitbekommen habe von der "Umweltsau"-Geschichte…: "Frage meiner Mutter: 'Was für eine Umweltsau-Diskussion?' Ich fasse den Inhalt kurz zusammen. 'Ja, stimmt doch alles', sagt sie. – 'Ob das inhaltlich stimmt oder nicht, ist gar nicht das Thema', sage ich, 'es geht darum, dass der Intendant sich für das Lied entschuldigt hat.' 'Bei wem?' 'Na ja, den Omas. Und wohl auch den Opas.' 'Und warum?' 'Weil er wohl denkt, dass das Lied die Gefühle von Omas und Opas verletzt. Oder so.' – Reaktion meiner Mutter: Hahahahaha."

Neues Altpapier gibt es am Donnerstag.

Zuletzt aktualisiert: 08. Januar 2020, 13:30 Uhr

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