Das Altpapier am 27. März 2020 Durch Panoramafenster statt Bullaugen blicken

Corona-Berichterstattung konzentriert sich auf einen zu kleinen Bildausschnitt. Trotz aller Dringlichkeit der Krise müssen Journalist:innen Distanz und Vorsicht wahren, den Kreis der Experten vergrößern und verschiedenen Sichtweisen verhandelbar machen. Kritisch und sachlich zu berichten, heißt in diesen Zeiten keineswegs, unsolidarisch zu sein und dem Gemeinwohl den Mittelfinger herauszustrecken. Ein Altpapier von Nora Frerichmann.

Teasergrafik Altpapier vom 27. März 2020: Porträt Autorin Nora Frerichmann
Bildrechte: MDR / MEDIEN360G

Von der Rolle

Der Bildausschnitt, den viele journalistische Angebote dieser Tage abdecken, scheint manchmal etwas klein zu sein. Ob die Berichterstattung in der Corona-Krise kritisch genug ist, die Frage war in diesem Altpapier schon mal Thema. Vom Nerdportal Übermedien ist die Debatte nun weiter geschwappt. Zu Wachsamkeit und Distanz im Ausnahmezustand mahnt jetzt z.B. der Medienwissenschaftler Otfried Jarren im Fachdienst epd Medien (bisher nicht online):

"Die Exekutive dominiert in Zeiten der Pandemie. Diese Dominanz einer einzigen Gewalt des demokratischen Staates ist in Ausnahmezeiten wohl unvermeidlich. Das erfordert von den Medien und vom Journalismus ein Höchstmaß an Achtsamkeit, Vorsicht, Zurückhaltung - und Distanz. Es geht unter Ausnahmebedingungen einerseits um die Gewährleistung der Presse- und Medienfreiheit, worauf der Europarat hinweist. Andererseits müssen Medien und Journalismus nun besondere Qualitäten zeigen, um jetzt wie in Zukunft als zuverlässig, unabhängig und relevant gelten zu können."

Weitsicht, Analysen, Kritik und Kontrolle seien im Journalismus aktuell wichtiger denn je. In dem Debatten-Artikel geht es vor allem um‘s öffentlich-rechtliche Fernsehen. Das habe seine Rolle im coronaesken Medien- und Gesellschaftswandel noch nicht gefunden, kritisiert er.

"Derzeit ist der in den Medien auftretende Kreis der Experten arg klein. Das ist erklärlich, gilt es doch rasch zu handeln, Expertise aufzubauen, dann aber den Kreis rasch und systematisch zu erweitern."

Bisher ist das kaum passiert. In Talkshows beschränken sich die Gästelisten vor allem auf Virolog:innen wie z.B. Alexander Kekulé, Melanie Brinkmann, Christian Drosten oder Jonas Schmidt-Chanasit, Politiker wie Olaf Scholz, Markus Söder und Armin Laschet, Menschen aus dem Gesundheitswesen und der Wirtschaft. Soziologinnen, Pädagogen, Sozialarbeiterinnen sucht man meist vergebens. Mit etwas Glück taucht mal jemand aus dem Bereich der Psychologie auf. Talkshows, so scheint es, blicken bisher durch ein kleines Bullauge auf die aktuelle Situation, statt durch eine große Panoramascheibe

Auch der Zweck und die Dynamik der Gespräche haben sich in den Sendungen geändert. Auf der Medienseite der Süddeutschen beobachtet Thomas Hummel:

"In all den Abendrunden von ARD und ZDF gewinnt man derzeit den Eindruck: Wo sonst gern populistisch verkürzt und übertönt wird, hört man sich jetzt fast andächtig zu. Die Talkshows sind zu Sprechstunden der Nation geworden. (…) Ein Großteil der Gäste ist in diesen Tagen mit dem Mitteilen von Erkenntnissen beschäftigt."

Feuerwehr-Regierung

Das ist einerseits erfreulich. Andererseits ist aber grade in solchen Krisensituationen, in denen Grundrechte eingeschränkt werden und Überwachungstendenzen (Altpapier) zunehmen, auch das Panoramafenster nötig und eine Diskussion über verschiedensten Perspektiven hinweg, die diese Krise betrifft. Aktuell orientierten sich viele Diskussionen eher in Richtung einer Art Technokratie. Timo Rieg warnt bei Heises Telepolis:

"in einer Demokratie dürfen niemals die Fachleute entscheiden, weil sie nicht anstelle der Gesellschaft Ziele bestimmen können. Wenn wir Brandschutzexperten der Feuerwehr regieren lassen, wird es natürlich keine Kerze, keinen Grill, keinen Herd im Privathaushalt mehr geben - alles brandgefährlich. Wenn die Unfallverhüter regieren, fährt kein Auto mehr und niemand darf mehr eine Leiter besteigen. Das ist alles richtig - aber die Gesellschaft will es nicht. Fachleute sollen wie andere Lobbyisten für ihre Positionen werben. Für ihren Wunsch nach möglichst langem Leben, für Wirtschaftswachstum, für Selbstbestimmung, für was auch immer. Diese sehr verschiedenen Sichtweisen verhandelbar zu machen ist die Aufgabe des Journalismus. Im Falle von Corona hat er sich dieser Aufgabe bisher fast komplett verweigert."

In einer Demokratie dürfen niemals allein und auf Dauer die Fachleute entscheiden, würde ich nachschieben. Denn all das soll jetzt natürlich nicht bedeuten, dass die aktuellen Maßnahmen zur Einschränkung physischer Kontakte für den Moment nicht angemessen wären. Bei all den dringlichen Appellen und Mahnungen hierzu dürfen Journalist:innen aber nicht verpassen, eine kritische Distanz zur Exekutive einzunehmen, die Entwicklungen immer wieder neu zu bewerten, die Auswirkungen von Einschränkungen stetig zu evaluieren, Nebenwirkungen (auch abseits der Wirtschaft) aufzuzeigen und ins Verhältnis zu setzen.

Vereinzelt findet das schon statt, z.B. in diesem Tagesspiegel-Text von Karl Grünberg über harte Einschränkungen in der Arbeit von Jugendämtern oder in diesem Zeit-Artikel von Henning Sußebach über Homeschooling und die Sorgen einer Lehrerin um Kinder, die den Anschluss verlieren könnten und für die Zuhause sein nicht Geborgenheit bedeutet. Dabei geht es nicht darum, Leid gegeneinander aufzuwiegen, sondern darum, die Situation erst mal in ihrer Komplexität zu erfassen.

Klar, Journalismus kann nicht DIE ANTWORT auf die Probleme der Krise geben. Aber er kann, er muss eben neben Informationsweitergabe und Chronistentum auch Fragen stellen, die Politik, Virologie und Wirtschaft durch ihre kleinen Bullaugen vielleicht nicht im Blick haben. Kritisch, sachlich, abwägend und natürlich auf Basis (vorläufig) verifizierter Fakten zu berichten, heißt in diesen Zeiten keineswegs, unsolidarisch zu sein und dem Allgemeinwohl den Mittelfinger herauszustrecken – ganz im Gegenteil.

Grenzübergreifender Journalismus

In Deutschland ist das grundsätzlich möglich, in anderen Ländern weniger. Von Zensur und Rechercheeinschränkungen berichteten in den vergangenen Tagen z.B. die taz aus Armenien, die FAZ aus China, ntv aus Ungarn, ROG aus Iran, Ägypten, Türkei, Slowenien. Eine Übersicht gibt es bei Reporter ohne Grenzen und beim Tagesspiegel.

Geschäftsführer Christian Mihr sagt dazu, was man als Geschäftsführer einer Pressefreiheits-NGO nun mal sagen muss:

"Angesichts der dramatischen Entwicklungen weltweit müssen die Menschen in der Lage sein, sich aus vielfältigen Quellen zu informieren und das Handeln der Behörden auch kritisch zu hinterfragen. Viel zu viele Regierungen reagieren auf die Corona-Krise mit autoritären Reflexen wie Zensur, Überwachung, Repression und Desinformation. Wer jetzt eine unabhängige Berichterstattung einschränkt, vergrößert nicht nur die Verunsicherung, sondern setzt Menschen auch ganz realen Gefahren aus."

Auch die EU bzw. der Europäische Rat hat einen ähnlichen Appell abgegeben:

"the crisis situation should not be used as a pretext for restricting the public's access to information. Neither should states introduce any restrictions on media freedom beyond the limitations allowed by Article 10 of the European Convention on Human Rights. Member states, together with all media stakeholders, should strive to ensure a favourable environment for quality journalism, in line with the standards set out by the upcoming Council of Europe Recommendation. In these circumstances, special attention should be given to ensuring appropriate working conditions for journalists, including medical protection for any work-related coronavirus risks."

Allen Appellen zum Trotz: Grenzübergreifender Journalismus ist in Zeiten von Corona schwierig (teilweise gilt das scheinbar sogar für die Grenzen von Mecklenburg-Vorpommern), da braucht es nicht mal spezielle presserechtliche Einschränkungen: Gecancelte Flüge, abgelehnte oder entzogene Visa, eingeschränkte Recherchemöglichkeiten, schwer erreichbare Ansprechpartner:innen stellen neue Hürden für die journalistische Arbeit dar.

Möglichkeiten, sich auch als Freie:r trotzdem grenzübergreifend zu vernetzen und Rechercheprojekte anzuschieben gibt es bei Plattformen wie Hostwriter. In dem Netzwerk von etwa 5.000 Journalist:innen können gezielt Kolleg:innen aus anderen Ländern kontaktiert, Projektpartner:innen gesucht und Themen diskutiert werden.

Transparenz-Hinweis: Ich arbeite unter anderem auch für den epd.


Altpapierkorb (Dietmar Hopp, Kurzarbeit, Lokaljournalismus "Rums", Conze verlässt ProSieben)

+++ Die medialen Narrativen um Dietmar Hopp und die Firma CureVac nimmt Andrej Reisin bei Übermedien auseinander. Es geht um einige Ungereimtheiten rund um die Meldung, Trump habe sich einen möglichen Covid-19-Impfstoff exklusiv für den amerikanischen Markt sichern wollen.

+++ Auch bei der Redaktion der Würzburger Main-Post soll es Kurzarbeit geben. Laut BR24 ab dem 1. Mai.

+++ In Münster geht das digitale Lokaljournalismus Projekt "Rums" an den Start. Neben Altpapier-Autor Ralf Heimann sind u.a. Katrin Jäger, Klaus Brinkbäumer, David Schraven und Marina Weisband dabei. "Wir planen RUMS seit dem Sommer 2019, Ende April 2020 wollten wir mit einer groß angelegten Finanzierungskampagne unser Projekt starten. Die Corona-Krise hat unsere Pläne durcheinander gebracht. Wir ziehen uns aber nicht zurück, sondern gehen voran: Ab sofort erscheint unser Brief für Münster mehrfach in der Woche kostenlos. Über Geld reden wir dann später", heißt es auf der Website. Bei Horizont berichtet Ulrike Simon vom Entstehungsprozess.

+++ Renate Künast hat einen weiteren Teilerfolg gegen Beleidigungen erzielt. Laut Zeit Online  bekam die Grünen-Bundestagsabgeordnete vor dem Kammergericht Berlin in sechs weiteren Fällen Recht.

+++ Max Conze ist nicht länger Vorstandchef bei ProSieben, berichtet die FAZ via Reuters. Finanzchef Rainer Beaujean solle zusätzlich als Vorstandssprecher fungieren. Damit verbunden sei auch "eine Kehrtwende in der Strategie".

Neues Altpapier gibt‘s wieder am Montag.

1 Kommentar

abundzuhier vor 18 Wochen

"Bullaugenberichterstattung": kann damit nicht letztlich jeder einzelne Artikel oder Beitrag bezeichnet werden? Denn im Prinzip ist es kaum möglich, stets "Panoramafensterberichterstattung" zu leisten, und würde zudem wohl selbst bei geneigten Lesern, Zuschauern oder Zuhörern den Zeitetat überfordern.
Allerdings ist es betrüblich, dass viele Autoren und Autorinnen freiwillig oder redaktionell gezwungen das "Bullauge" sehr häufig noch zusätzlich durch Sichtblenden verkleinern.