Das Altpapier am 02. April 2020 Altbekannte Muster

Verschwörungstheorien haben in Corona-Zeiten Hochkonjunktur. Dabei ist die Grundsubstanz für all die hanebüchenen Szenarien im Prinzip die gleiche Jauche wie sonst auch. Die Pandemie dreht außerdem die Entwicklung der Medienbranche um einige Jahre vor. Die Krise zwingt nun brechstangenartig zu schnellen Entscheidungen, die in den vergangenen Jahren zwar diskutiert, aber nicht angegangen wurden. Ein Altpapier von Nora Frerichmann.

Teasergrafik Altpapier vom 02. April 2020: Porträt Autorin Nora Frerichmann
Bildrechte: MDR / MEDIEN360G

Bekannte Verschwörungsmuster

Alles neu macht Corona? Ne, eigentlich nicht. Wenn es zum Beispiel um Verschwörungstheorien geht, schwimmen wir grundsätzlich auch in diesen Pandemiezeiten in derselben Jauche, wie sonst auch. Sie wird vielleicht nur durch ein paar neue Twists noch intensiver, aber die Grundsubstanz bleibt die gleiche, beobachtet der Tübinger Amerikanistik-Prof und Experte für Verschwörungstheorien, Michael Butter. Im Zeit-Interview mit Martin Spiewak erzählt der Wissenschaftler von seinen bisherigen Beobachtungen:

"So viel Neues gibt es gar nicht. Richtig ist, dass in Zeiten der Unsicherheit (…) Verschwörungstheorien besonders gut gedeihen. Deshalb kursieren auch unzählige davon zur Corona-Krise im Netz. Andererseits greifen diejenigen Leute, welche diese jetzt in Umlauf bringen, auf bekannte Muster zurück. (…) Egal, ob der Feind die Pharmaindustrie, das internationale Finanzkapital oder der Staat ist, der Hysterie erzeugt, um seine Macht auszubauen: Das Coronavirus dient als neues Klötzchen eines bestehenden Baukastens."

Ganz grobschlächtig kann man die sozialpsychologische Erklärung für die Flucht in Verschwörungstheorien wohl so zusammenfassen: Corona-Krise = Kontrollverlust = Stress, Stress braucht Bewältigungsstrategie, Verschwörungstheorien geben Rahmen und Halt, wenn auch auf beängstigende Art und Weise. Sie bewahren jedenfalls davor, die eigene Ambiguitätstoleranz allzu sehr strapazieren zu müssen und Ungewissheit auszuhalten. Wie erfolgreich so was als Bewältigungsstrategie tatsächlich ist, sei mal dahingestellt.

Aktuell hätten Expert:innen und vertrauenswürdige Medien aber noch einen guten Stand, sagt Butter. Mit anhaltender Dauer der aktuellen Beschränkungen könne das allerdings kippen:

"Noch gibt es eine große Einigkeit in Wissenschaft und Politik über die Bewertung der Pandemie und die notwendigen Maßnahmen. Ich bin gespannt, was passiert, wenn das nicht mehr der Fall ist, etwa wenn wir stärker diskutieren, wie wir die Maßnahmen lockern und aus der Selbstisolation wieder herauskommen können. Da stehen wir ja noch am Anfang. Dann könnten Fake News und Verschwörungstheorien verstärkt Zuspruch bekommen."

Bisher spielt sich der Verschwörungsreigen zu Corona in Deutschland noch eher in Nischen und im Dark Social ab (wenig einsehbaren Gruppen, Messenger Diensten oder Mails) ab. In diesem Thread z.B. gibt der DGB-Referent Josef Holnburger einen Überblick über Inhalte und Reichweiten-Zuwächse rechter Verschwörungstheoretiker bei Telegram. Beim Tagesspiegel gab es vergangene Woche eine lesenswerte Übersicht über Verschwörungs-Narrative verschiedener Gruppierungen mit Einordnung durch Extremismusforscher.

Diese abgeschotteten Gruppen erreicht eine faktenbasierte, sachliche Berichterstattung zwar wahrscheinlich sowieso kaum. Aber welche Möglichkeiten gibt es für Journalist:innen, um weiterer Verunsicherung durch Fakes und Verschwörungsszenarien beim Rest der Bevölkerung entgegenzuwirken? Flasche Informationen und wirren Konspirationstheorien zu wiederholen birgt schließlich die Tücke, dass sie sich nur noch weiter verfestigen. Butter rät dazu

"Besser wäre es, wenn die Medien erst den bekannten wissenschaftlichen Konsens schildern und dann erwähnen, dass zum Thema auch viel Unsinn kursiert. Das widerspricht aber völlig der Medienlogik, die erst einmal das Neue und Ungehörte präsentieren muss."

Corona überspringt drei Jahre Medienentwicklung

Kapazitäten, über solche Dilemmata nachzudenken, werden aktuell in Redaktionen wohl eher weniger als mehr. Zwar ist durch Corona-bedingt ausfallende Termine der übliche Redaktionstrott vielerorts unterbrochen. Zeit mal innezuhalten bedeutet das aber natürlich nicht, lmao. Zumindest nicht im durchschnittlichen Nachrichtengeschäft, denn das brummt auch mit oder grade wegen Covid-19.

Dass in sämtlichen Mediengattungen das Anzeigengeschäft einbricht, ist keine Neuigkeit. Etwa die Hälfte der Verlagshäuser in Deutschland meldet deshalb nun Kurzarbeit an oder prüft es zumindest, berichtet epd Medien (online bei Chrismon). Davon seien laut BDZV (Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger) bei 50 Prozent auch die Redaktionen betroffen.

Hart trifft es laut der Kontext Wochenzeitung die Südwestdeutsche Medienholding (SWMH). Im NDR-Medienmagazin "Zapp" ging es gestern um den Struggle der "Ostfriesen-Zeitung", die allerdings bisher keine Kurzarbeit angemeldet habe, sondern mit einem Solidaritätsmodell versucht, einen Teil der finanziellen Einbußen wieder auszugleichen.

In dem am Dienstag hier bereits kurz empfohlenen NiemanLab-Beitrag ordnet Ken Doctor die aktuelle Situation als eine Art Zeitsprung von drei Jahren ein (bezogen auf die US-Medienbranche):

"Ask an American newspaper exec a few weeks ago what they thought 2025 would look like, and they’d tell it you it would be much more digital, far less print, and more dependent on reader revenue than advertising."

Corona setzt das jetzt mit der Brechstange um – in einem Bruchteil der Zeit. Das führt zu einem Entscheidungsdruck für Fragen, die in der Branche schon seit Jahren diskutiert werden, aber u.a. aus Angst vor sinkenden Renditen kaum je richtig angepackt wurden. Doctor schreibt:

"All publishers, big and small, are now considering their options. Those include layoffs, rapidly eliminatingseveral days of print publishing, reducing their ad sales staff, and questioning their need for large central offices as remote work becomes a workable norm. All of those ideas have been discussed for years. But now they have to make decisions they’d hoped could wait a few more. The decisions they make, and how they can act on them, will tell us a lot about how much of the local press is left — and how much isn’t — come 2021."

Mit sieben dieser Überlegungen setzt Doctor sich im Detail auseinander.


Altpapierkorb (NetzDG, Rundfunkbeitrag, Werberat, Fake-News-Feature)

+++ Die Bundesregierung hat gestern Neuerungen am NetzDG beschlossen. Spiegel (dpa) und Süddeutsche haben Details, bei Heise gibt‘s eine kritische Einordnung. Das Ganze muss noch durch den Bundestag.

+++ Der Rundfunkbeitrag soll um 86 Cent auf 18,36 Euro steigen, darauf haben sich die Ministerpräsident:innen im März geeinigt. Sachsen-Anhalt hat sich nun laut SZ erst mal enthalten. Für eine Umsetzung muss aber einstimmig zugesagt werden. Rainer Robra, Chef der sachsen-anhaltinischen Staatskanzlei erklärt im Interview mit Stefan Fischer, er erwarte "von den Anstalten verbindliche Zusagen, dass sie allen Hinweisen der KEF auf Einsparpotenziale und Wirtschaftlichkeitsreserven nachgehen und die Empfehlungen umsetzen. Bisher liegen noch keine zufriedenstellenden Erklärungen vor."

+++ Der Werberat verzeichnete laut Horizont 2019 mehr als doppelt so viele Beschwerden wie im Vorjahr. Die meisten Beschwerden richteten sich gegen Geschlechterdiskriminierung,

+++ WhatsApp versucht scheinbar, mit einer neuen Funktion gegen Fakes vorzugehen. Laut Mimikama gibt es das Feature aber erst mal nur in der Beta-Version. Inhalte aus Chats sollen unkompliziert und schnell mit einem implementierten Button überprüft werden können.

+++ Eine kleine Kulturgeschichte des Worts Vagina und Kritik an dessen falscher Verwendung gitb‘s von Madita Oeming bei Übermedien. Viva la Vulva!

Neues Altpapier gibt‘s wieder am Freitag.

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