Das Altpapier am 23. April 2020 Urlaub auf Balkonien mit Bierbowle

Wenn sich gleichzeitig Sorgen über einen abnehmenden Bierkonsum und den coronabedingten Einbruch in der Reisebranche gemacht wird – wieso, Herrschaftszeiten, kann man dann nicht beide Probleme mit einem Schlag, besser noch einem Humpen lösen? Ein Altpapier von Jenni Zylka.

Teasergrafik Altpapier vom 23. April 2020: Porträt Autorin Jenni Zylka
Bildrechte: MDR / MEDIEN360G

Tag des deutschen Bieres

Heute ist Tag des deutschen Bieres, und mir fällt sogar spontan ein, wie ich diesen Feiertag begehen könnte, hicks. Mache ich aber nicht. Erstens mag ich kein Bier, und feiere lieber am 4. August den Tag des Champagners. (Den würde ich am liebsten täglich feiern, ist aber zu teuer, zudem streiten sich die Champagnerhersteller*innen der Welt seit Jahren darüber, wann der Tag des Champagners tatsächlich gefeiert werden darf, es kursieren auch die Daten 19.10. und, wie wahnsinnig einfallsreich, 31.12.) Und zweitens ging der Bierumsatz 2019 zurück (!), jedenfalls in Bayern (!!), wie das dortige Landesamt für Statistik gerade verängstigt durchgab, um 3,5%, also quasi dreieinhalb Maß (!!!) im Gegensatz zum Vorjahr.

Auszapft is’

Nicht auszudenken, was das für das nächste Jahr bedeutet. Denn schließlich wurde just die Wiesn abgesagt! Wo in Dreiteufelsnamen soll man also das viele Bier trinken um die Statistik im nächsten Jahr aufzubessern, wo? Und wo seine feschen Lederkracher wetzen? Wem in den Ausschnitt spannen? Wohin speien? Diese grande catastrophe will der bayerische  Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger laut tz-Bericht noch nicht akzeptieren, sakra, und schlägt eine Mini-Wiesn vor – nicht für Kinder, sondern mit weniger Gästen. Die tz kriegt sich gar nicht mehr ein vor lauter Hü und Hott, und hat den Streit zwischen den Wiesn-Freund*innen minutiös aufgeschrieben.

Dass die Wiesn-Absage "München erschüttert", weiß auch die Bildzeitung. Streberhaft nüchtern titelt dagegen die Süddeutsche: "Der Rausch fällt aus", heißt der Bericht, und zitiert wird unter anderem ein Sprecher der Münchner Brauereien zu der Idee, ein abgespecktes Notfest stattfinden zu lassen, mit dem Satz: "Die Wiesn ist ein Gesamtkunstwerk, da kann man nichts weglassen." Angeblich denke man sogar jetzt schon drüber nach, das Volksfest im nächsten Jahr eine Woche länger stattfinden zu lassen. Damit wäre ich mehr als einverstanden, schon wegen der rund 10 000 Menschen, die dort arbeiten und nichts verdienen. Vielleicht stopfe ich mich dann auch mal in so eine komische kurze Dirndlbluse, lege ein Edelweiß um und fahre hin. (Sie finden mich im Champagnerzelt, ich bin die Gutgelaunte mit dem 0,75-Liter-Sektglas.)

Verlust auf Malle

Aber bleiben wir bitte mal beim Konsum: "Mallorca bibbert" überschreibt der Focus einen aktuellen Bericht über die Folgen der Krise auf der Insel, auf der, ähnlich wie auf dem Oktoberfest, ein großer Teil des Verdienstes mit Lebermissbrauch zusammenhängt. 13,5 Milliarden Verlust befürchten die Mallorquiner*innen laut des Berichts, der in den ersten Sätzen gleich eine beeindruckende Portion Klangwörter und ein paar Musiktipps ausschüttet:

"Wo sonst Tausende bei Bier und Sangria zu den Klängen von Hits wie "Saufi saufi" und "Alle Blau" feiern, hört man dieser Tage nur die Vögel zwitschern. Und die Wellen des Mittelmeeres rauschen. Doch bei Hoteliers, Gastronomen und Händlern schrillen die Alarmglocken."

Irgendwo zwischen dem Zwitschern, dem Rauschen und dem Schrillen sitzt dann die Nachricht, dass der Tourismus auf den Balearen 45% des Bruttoinlandsprodukts ausmacht (im Gegensatz zu 12% zum Beispiel in Spanien). Ganz schön düster. Fast noch Düstereres berichtet allerdings die Welt.

Der Zweithausstreit

"Dutzende von deutschen Immobilienbesitzern haben auf Mallorca mit Briefen an die Regionalregierung für Unruhe gesorgt. Sie bestehen darauf, trotz der Corona-Einschränkungen auf die spanische Insel gelassen zu werden und Zugang zu ihren Zweit- oder Urlaubswohnsitzen zu bekommen."

Im "Mallorca Magazin", einer Zeitung für die Bewohner*innen von "Deutschlands 17. Bundesland", hüstel, wird in Sachen "Zweithausstreit" ein sehr interessanter Aspekt beleuchtet: Die Ministerpräsidentin Mallorcas weist nämlich daraufhin, dass auch spanische Balearen-Bewohner*innen, die auf der Insel ihre Zweit- (oder Dritt-, Viert-, Fünft-)Häuser haben, dort momentan nicht ihre Bäuche zum Bräunen auf die Terrasse knallen dürfen. Die Deutschen dagegen argumentieren, die Urlaubsdomizile seien ihr Eigentum, und man dürfe sie nicht davon abhalten, dieses zu betreten – das sei ein in der Verfassung verankertes Grundrecht. Man lernt doch wirklich nie aus, was Grundrechte betrifft.

Wozu in die Ferne schweifen

Es ist eh erstaunlich, wie viel Sorgen sich die gesamte (Medien)Welt um den Urlaub macht. Als ob Erholung tatsächlich nur durch Wegfahren zu erreichen ist, je weiter, desto entspannender. Ist das wirklich so? Die ARD stellt Heiko Maas’ Aussagen zum Urlaub auf ihre Startseite. Und die FAZ zitiert den Präsidenten des Deutschen Reiseverbandes, der niemanden braucht, "der den Sommerurlaub ins Aus katapultiert" - und legt im gleichen Artikel ganz versteckt eine eigentlich vernünftige Lösung nahe: Dahinter (nämlich hinter Söders Aussage, Urlaub in anderen Ländern sei in diesem Jahr eher unwahrscheinlich)

"steckt wohl auch die Hoffnung, dass Herbergen im Inland – und somit auch in Bayern – Geschäft nachholen können."

Was doch wunderbar, sinnvoll, nachhaltig, gut für das Geschäft und die Haut wäre, die nicht unter der mallorquinischen Sonne brennen, sondern nur dank Deutschem Bier aufquellen könnte. Womit sozusagen allen auf einmal geholfen wäre.


Altpapierkorb (Haustiere COVID19 positiv, Autobauer für staatliche Förderung, Klimakrise und Pandemien)

+++ Dass in den USA Haustiere positiv auf Corona getestet wurden, vermeldet der Spiegel, zwei "Hauskatzen im Bundesstaat New York" (keine Haus-Fledermäuse, falls das jemand angenommen haben sollte). Es gäbe aber keine Beweise, dass Haustiere eine Rolle bei der Verbreitung des Virus spielten.

+++ Ziemlich irre klingt die Idee, von der im Handelsblatt berichtet wird: Der VW Chef Ralf Brandstätter schlägt eine staatliche Prämie für Autokäufer*innen vor, die übrigens auch für Verbrennungsmotoren gilt. Als ob es die ganze Klimadiskussion um den notwendigen Rückbau des Individualverkehrs nie gegeben hätte. Unfassbar.

+++ Und die taz beschreibt das Gespräch, dass Greta Thunberg mit dem Leiter des Potsdamer Instituts für Klimaforschung, Johan Rockström führte: Am gestrigen "Global Earth Day" haben die beiden noch einmal die Gemeinsamkeiten der Krisen (Klima, Corona) betont: "Sie haben die gleichen Wurzeln, und sie erstrecken sich über den ganzen Planeten." Die Erderwärmung und der Kollaps von Ökosystemen erhöhe das Risiko von Pandemien. Deshalb müsste beiden Krisen global begegnet werden, nicht national." Das sollte man sich wirklich mal hinter sämtliche Ohren schreiben.

Neues Altpapier gibt es wieder am Freitag.

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