Das Altpapier am 24. April 2020 Kurzarbeiten in goldenen Zeiten

Viele Redaktionen haben so viel zu tun wie noch nie. Trotzdem droht fast überall Kurzarbeit. Geht das überhaupt? Wie könnte Medienhäusern anders geholfen werden? Und steht der Journalismus in der Krise zu Recht in der Kritik? Die Qualitätsdebatte geht in die nächste Runde. Ein Altpapier von Ralf Heimann.

Teasergrafik Altpapier vom 24. April 2020: Porträt Autor Ralf Heimann
Bildrechte: MDR / MEDIEN360G

Kurzarbeit trotz Mehrarbeit?

Vor zwei Wochen hat die Arbeitsgemeinschaft Media-Analyse in einer Pressemeldung verkündet, die Tageszeitungen hätten zehn Prozent Reichweite hinzugewonnen.Axel-Springer-Printchef Christian Nienhaus hat in einem am Donnerstag erschienenen Horizont-Interview gesagt, die Gesamtreichweite der "Bild" erreiche "neuen Rekordwerte"; die Welt am Sonntag habe ihre Abo-Auflage um 10,5 Prozent gesteigert.

Nienhaus sagt:

"Wir erleben gerade eine Hochzeit des ernsthaften Nachrichten-Journalismus. Ich glaube nicht, dass dieser Trend nach der Krise so schnell wieder abebben wird."

Andererseits – auch diese Meldung verfolgt uns in unterschiedlichen Variationen seit Wochen – sind vielen Medienhäusern gleich mehrere Standbeine abhandengekommen. Wo sich im Februar noch das Anzeigengeschäft befand, klafft jetzt eine Lücke. Die Erlöse aus dem Geschäft mit der Werbung seien um bis zu 80 Prozent geschrumpft, schreibt Gustav Theile in der FAZ. Man erwarte Umsatzeinbußen um bis zu zwei Fünftel, also 40 Prozent. 80 Prozent aller Zeitschriften- und Zeitungsverlage haben Kurzarbeit veranlasst, meldete epd Medien am Mittwoch.

Eine Frage dabei ist: Wenn Kurzarbeit doch ein Instrument ist, das Kündigungen verhindern soll, falls vorübergehend nicht so viel zu tun ist, dürfen Verlage es dann überhaupt für Redaktionen in Anspruch nehmen, wenn sie vor Arbeit kaum Luft holen können?

Das weggebrochene Anzeigengeschäft reiche als Grund allein jedenfalls nicht aus, hat eine Sprecherin der Bundesarbeitsagentur epd Medien gesagt. "An diesem Punkt tragen auch Verlage ein Betriebsrisiko", sagte sie.                

Journalistisch ist der Schritt jedenfalls nur schwer zu verstehen, auch für Cornelia Berger, die Bundesgeschäftsführerin der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju). Den Hauptgrund sieht sie in dem Versäumnis, dass Verlage keine ausreichenden Monetarisierungsstrategien entwickelt hätten. So ergebe sich "eine Umsatzkrise trotz Produktions- und Nachfrage-Chancen".

Diesen Vorwurf kann man der New York Times nicht machen. Sie meldete erst im Januar eine Million neue Digitalabonnenten, schränkt aber nun ebenfalls ihren Umfang ein. Wie das Nachrichtenportal Cheddar berichtet, druckt die Zeitung die Sonntagsausgabe vorerst nicht mehr, auch der sonntägliche Sportteil und die Reiseberichte werden nicht mehr separat erscheinen – sie fließen in die Zeitung ein. Und möglicherweise ist das nicht nur eine kurzfristige Änderung. Das Portal zitiert aus einer Memo von Chefredakteur Dean Baquet an die Mitarbeiter, in der es (übersetzt) heißt:

"Die Außergewöhnlichkeit dieses Moments hat zu bemerkenswerten Veränderungen in unserem Journalismus geführt (…). Es hat uns auch veranlasst, die Art und Weise, wie wir traditionelle Elemente der Nachrichtenberichterstattung produzieren, und insbesondere die Struktur der Printzeitung zu überdenken."

Hilfe für Medien: Wer fördert wie?

In Deutschland ist mit der Corona-Pandemie die Diskussion über staatliche Hilfen für private Medien über die Kurzarbeit hinaus wieder aufgeflammt (Altpapier). Sören Brinkmann hat sich für das Deutschlandfunk-Medienmagazin "@mediasres" angeschaut, was die einzelnen Bundesländer sich dazu überlegt haben.

Ein kurzer Überblick:

Brandenburg: direkte Förderung von journalistischen Angeboten, vor allem von Lokalmedien.

Berlin: Förderprogramm für "kleine kommerzielle Hörfunk- und Fernsehanbieter".

Sachsen: Land übernimmt Verbreitungskosten aller Lokal-TV-Anbieter.

Thüringen: Sondervermögen, unter anderem für private Medien (was genau das bedeutet, steht leider nicht im Text).

Nordrhein-Westfalen: Wohl noch nix Konkretes. Oder wie die Landesanstalt für Medien es ausdrückt: Es würden "konkrete Bedarfe und zusätzliche Hilfsmöglichkeiten ausgelotet", auch Hilfen für freie Journalisten. Direkte Zahlungen werde es aber aus Staatsfernegründen nicht geben. 

Hessen und Hamburg: wie auch NRW, keine direkten Staatshilfen.

Die übrigen Bundesländer haben nicht geantwortet, dafür aber einige Verbände.

Die Position der Zeitungsverleger kennen wir schon aus verschiedenen Altpapieren (keine redaktionelle Förderung, Zustellförderung aber gern). 

Die Zeitschriftenverleger finden es nicht so gut, wenn bestimmte Medien (Brandenburg) bevorzugt werden.

Die privaten Rundfunkanbieter nehmen, wenn ich das Statement ihres Verbands Vaunet richtig verstanden habe, was sie kriegen können ("Ohne existenzsichernde Maßnahmen droht das duale System endgültig aus dem Gleichgewicht zu geraten").

Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin und Vorsitzende der Rundfunkkommission der Länder, Malu Dreyer (SPD), steht auf der Seite der privaten Sender. In einer Pressemitteilung der rheinland-pfälzischen Staatskanzlei fordert sie ein "Maßnahmenpaket für den privaten Rundfunk, das die hohen Verbreitungskosten für UKW und DABplus in den Blick nimmt".

Welche Initiativen gibt es sonst noch?

Der Kulturausschuss des Europaparlaments hat die EU-Kommission in einem Schreiben aufgefordert, einen Notfallfonds für Medien einzurichten, berichtet unter anderem der Deutschlandfunk.

Gustav Theile zitiert in seinem oben bereits erwähnten FAZ-Artikel aus einem "Brandbrief" von Verbänden der Medien- und Werbewirtschaft an die Bundesregierung, die einige Vorschläge machen, um Verlage und Agenturen zu stützen, ohne dem Staatüber die Hilfen zu viel Einfluss einzuräumen.

"Der Staat solle zinsfreie Darlehen vergeben, Werbeausgaben mit 30 Prozent bezuschussen, Lohnsteuerzahlungen und Sozialversicherungsbeiträge aussetzen und die Wirtschaftsjahre 2019 und 2020 steuerlich vereinen, damit Gewinne aus dem Vorjahr mit möglichen Verlusten aus dem laufenden Jahr verrechnet werden können und damit die Steuern niedriger ausfallen",

schreibt Theile. SWR-Intendant Kai Gniffke bringt in einem Gastbeitrag für epd Medien einen Vorschlag ins Spiel, der gar nicht direkt über den Staat laufen müsste: Kooperationen zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Medien. Er spricht von bei den Privaten von "Qualitätsmedien".

Mir ist deutlich geworden, wie sehr jetzt Solidarität unter den Qualitätsmedien gefragt ist", schreibt er. Subvention privater Unternehmen aus Rundfunkbeiträgen seien nicht möglich. "Aber mehr noch als zuvor sollten wir Möglichkeiten der Kooperation von Qualitätsmedien ausloten", so Gniffke.

Kleiner Seitenhieb noch gegen Otfried Jarren, der mit seinem hier im Altpapier mehrfach diskutierten Beitrag (zuletzt hier) eine Diskussion über die Rolle von Qualitätsmedien in der Corona-Berichterstattung losgetreten hatte. Jarren verenge "wie so mancher Medienkritiker seine Betrachtung auf das öffentlich-rechtliche Fernsehen". Kaum ein Medienhaus fände sich angemessen behandelt, wenn man "im 21. Jahrhundert die Aktivitäten auf einen einzigen Vetriebsweg verengte", schreibt Gniffke.

Medienberichterstattung vs. Medienforschung (Staffel 3)

Dass er die Diskussion auf das öffentlich-rechtliche Fernsehen verengen würde, kann man dem ehemaligen FAZ-Herausgeber Werner D’Inka nicht vorwerfen. Immerhin das nicht. D’Inka hatte sich mit einem am Montag hier besprochenen Beitrag in die Diskussion über tatsächliche und angebliche Versäumnisse von Medien in der Corona-Krise eingemischt und versucht, das Meiste davon so gut es geht abzuwehren.

Mein Eindruck war: Es ist auch hier wie eigentlich immer kaum möglich,über"die Medien" zu diskutieren, denn wenn ein Kritiker einwendet, "die Medien" hätten dies und das nicht richtig gemacht, kommt ein Werner D’Inka daher und sagt: Dann haben Sie letzten Mittwoch in der Süddeutschen Zeitung auf Seite 9 wohl nicht den Beitrag von Heinz-Dieter Dingsbums gelesen, der unten im dritten Absatz ja ungefähr genau das doch beschreibt.

Der Medienforscher Stephan Russ-Mohl hat sich im Laufe der Woche noch einmal hingesetzt, um auf Werner D’Inkas Replik zu antworten, die ein von ihm, Russ-Mohl, zusammengestelltes Dossier behandelte, den Inhalt aber gar nicht beschrieb. Im Kern lautet der Vorwurf:

"Mit seiner Polemik bestätigt D'Inka Befürchtungen, dass es allerorten an Wissenschafts- und Medienredakteuren fehlt, die wissenschaftliches Wissen angemessen einordnen können."

Einige Punkte im Einzelnen:

  • Er, Russ-Mohl, habe seine "Besorgnisse sehr bewusst in Form von Fragen an Journalisten und Medienforscher gerichtet". D’Inka unterschlage oder verkürze das. Er sei an "diesen Fragen und auch an den ersten vorliegenden Forschungsergebnissen zur Corona-Berichterstattung erkennbar nicht interessiert".
  • Das Dossier habe "vielstimmig differenzierte Wortmeldungen" ausgewiesen. D’Inka beziehe sich auf "die Medien".
  • Medienforscher beschäftigten sich mit der Frage, ob der Journalismus seiner Rolle "unmittelbar vor dem Shutdown" gerecht geworden sei. D’Inka warte mit "allerjüngsten Beispielen" auf.
  • D’Inka beraube Aussagen mehrfach ihres Kontexts. Beispiel: Russ-Mohl hatte gefragt, ob die Corona-Berichterstatter "um die Übermacht ihrer Bilder", wüssten – im Vergleich zur begrenzten Macht von Statistiken und Zahlen, welche helfen können, Risiken realistisch einzuordnen, zu bewerten und mediale Übertreibungen (…) zu relativieren?"D’Inka habe die Frage nach den Bildern beantwortet ("Ja, wissen sie"), ohne auf die "eigentliche Frage nach dem Umgang mit Risiken" einzugehen.

Am Ende bleibt der Eindruck, dass D’Inkas Kritik vor allem einen Mangel hat: Die Forscher sprechen von einem Gesamteindruck, der in gewisser Weise ein Mittelwert ist. D’Inka versucht, diese Ergebnisse zu entkräften, indem er ihnen einzelne Beobachtungen gegenüberstellt. Und natürlich beeinflussen diese Beobachtungen den Mittelwert, aber sie widersprechen nicht dem Gesamtergebnis.

Die Debatte geht sicher noch weiter. Vielleicht am Montag schon mit der nächsten Folge.


Altpapierkorb (DuMont baut um, Kinderfernsehen, HBO Max, Medienstaatsvertrag, Grimme Online Award)

+++ Der DuMont-Verlag macht es in der Krise wie viele Gastronomen: Er renoviert und baut um. Die übrig gebliebenen Regionalmedien, unter anderem der Kölner Express und der Stadt-Anzeiger, erscheinen in Zukunft in eigenen Medienhaus, wie Marc Bartl für Kress berichtet. Dort sollen sie weiter zu Digitalmedien heranreifen. Constantin Blaß, Chefredakteur vom Kölner Express, muss gehen ("in beiderseitigem Einvernehmen"), ebenso Geschäftsführer Philipp Froben ("im beiderseitigen guten Einvernehmen").

+++ Eines der größten Probleme in dieser seltsamen Zeit ist wahrscheinlich, den Kindern das alles zu erklären. Theresa Hein hat sich für die SZ-Medienseite angesehen, wie das Kinderfernsehen mit dem Thema Corona umgeht. Eine Erkenntnis: bloß nicht zu ernst sein. Ein weiterer Tipp vom Leiter der Kindernachrichtensendung "Logo!": Es bringe nichts, "Kinder mit den neuesten Fakten zuzuballern, zum Beispiel Infektions- oder Todeszahlen". Ich glaube, der Punkt lässt sich auch gut auf Erwachsene übertragen.

+++ Annika Joeres und Susanne Götzebeschäftigen sich für Übermedien mit Rollenklischees und Kriegsmetaphorik in der Krisenberichterstattung.

+++ In den USA startet Ende Mai der nächste Streaming-Dienst: HBO Max. Kosten wird er "selbstbewusste" 15 Dollar im Monat. Kurt Sagatz erklärt für den Tagesspiegel, was das – so steht es jedenfalls im Teaser – für deutsche Film- und Serienfans bedeutet: "Auf den deutschen Markt dürfte der Start von HBO Max zunächst keinen direkten Einfluss haben." Allerdings: "Die Serien von HBO werden in Deutschland über die Pay-TV-Plattform ‚Sky Atlantic HD‘ ausgespielt."

+++ Der fünf Jahre lang ausgehandelte Medienstaatsvertrag könnte kippen, aufgrund von "obskuren Gründen"; die EU-Kommission sei im Begriff "die deutsche und die europäische Mediengesetzgebung – man muss es so sagen – zu vernichten", schreibt der hochrote Michael Hanfeld auf der FAZ-Medienseite (55 Cent bei Blendle). Die Konsequenz sei: "Die weltumspannenden Digitalkonzerne hätten dann freie Hand", so Hanfelds dystopische Befürchtung. Der "obskure Grund", der dafür verantwortlich sein könnte, ist, wie Hanfeld einem "Brandbrief" von Heike Raab (SPD), zurzeit Vorsitzende der Europaministerkonferenz, an Ursula von der Leyen – Sie wissen ja, wer das ist – entnommen hat: Der Vertrag widerspreche der E-Commerce-Richtlinie, der die Tech-Giganten (meine Formulierung, ich bin jetzt auch schon in diesem Modus) auch wieder bevorteile. Und was machen wir jetzt? Hanfeld: "Man darf gespannt sein, wie die EU-Kommissare am kommenden Montag entscheiden."

+++ Die Nominierungen für den Grimme-Online-Award sind draußen. Das wissen Sie wahrscheinlich schon längst. Falls nicht: Unter anderem dabei ist der NDR-Info-Podcast "Das Coronavirus-Update" mit dem ubiquitären Virologen Christian Drosten. Hinweisen möchte ich auf diese Kress-Meldung dazu von Marc Bartl vor allem, weil er darin die alte Internet-Bauernregel erwähnt: "Nur weil im Internet viel Platz ist, muss es nicht unbedingt jeder machen."

Und damit wünsche ich Ihnen ein schönes Wochenende!

Neues Altpapier gibt’s am Montag.

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