Das Altpapier am 28. April 2020 Die Fernsehkultur ist ins Internet entwichen

Im Corona-App-Streit haben die Dezentralisten gesiegt, aber geklärt ist längst nicht alles. Können Gutscheine junge Menschen an sog. Qualitätsjournalismus heranführen? Der ARD droht eine "zeitverzögerte Erstausstrahlungslücke", Netflix pickt sich die interessantesten Filme heraus, die gerade nicht ins Kino können, und Filmfestivals verlegen sich auf das Netz. Außerdem: Könnte Armin Laschet Kanzler werden (oder erlebt die Talkshow-Nachtkritik eine Erholung)? Ein Altpapier von Christian Bartels.

Teasergrafik Altpapier vom 28. April 2020: Porträt Autor Christian Bartels
Bildrechte: MDR / MEDIEN360G

Comeback der Talkshow-Kritik?

Die Talkshow-Nachtkritik war eines der frühesten originären Onlinejournalismus-Genres und dürfte ihren Höhepunkt – ähnlich wie das Fernsehsendungs-Genre, mit dem es sich befasst – schon länger hinter sich haben. Oder erlebt sie nun eine spektakuläre Erholung?

Zumindest erregte die Überschrift "Nach dieser Sendung wird Laschet niemals Kanzler" bei tagesspiegel.de über einer Besprechung der Anne-Will-Show vom Sonntag allerhand Aufsehen. Damit ist streng genommen natürlich weder gesagt, ob Armin Laschet nicht schon vor der Sendung vom Sonntagabend niemals Kanzler wurde, noch, dass er in einer der nächstens Shows das Ruder nicht herumreißen und es jetzt erst recht werden könnte. Bloß bündelt die Aufmerksamkeit für die Überschrift aktuelle Phänomene wie das wiedererstarkte Interesse am linearen Live-Fernsehen, an politischen Führungs-Persönlichkeiten und wohl das Stayhoming (oder wie dieser Trend genau heißt).

Im Text beobachtete Matthias Kalle launig Laschet beim Schimpfen, etwa seine

"Arm- und Handbewegungen, die die Wassergläser vom Tisch gefegt hätten, wenn auf dem Tisch im Studio noch Wassergläser stehen würden. (Interessant, wie sehr man sich als Fernsehzuschauer bereits an den Wegfall solcher Details gewöhnt hat, wie auch an das Fehlen des Studiopublikums, das hoffentlich auch nicht wiederkommt)."

Rasch eine Gegenprobe. Was wurde sonst so geschrieben? Dass Laschet "seinen Frust über die Virologen-Zunft herausließ" (Peter Luley bei spiegel.de), und zwar, weil das Sendungs-"Konzept verfing", unterschiedliche Ansichten einander gegenüberzusetzen. Von einer "leidenschaftlichen Diskussion, in der so mancher Gast keine glückliche Figur abgibt", schrieb Michael Radunski in einer besonders früh erschienenen und langen faz.net-Besprechung und rechnet auch Laschet auch zu diesen Gästen.

Vielleicht zählt die Belebung von wenn nicht tot-, so doch auf dem absteigenden Ast geglaubte Medienformen zu den mittelfristigen Folgen der Corona-Krise. Damit zur eigentlichen Politik. Was tut die Regierung im Kampf gegen die Pandemie? U.a. diskutiert sie weiterhin über unterschiedliche Apps-Konzepte.

Pyrrhussieg der Datenschützer, Steuerbonus für App-Nutzer?

Auch nachdem am Wochenende "ein erbitterter Richtungsstreit" endete, wie Simon Hurtz schreibt, wird es noch komplizierter. Die SZ gibt heute auf ihrer Seite 2 "die wichtigsten Antworten" auf sechs diesbezügliche Fragen. Bei netzpolitik.org beantworten vier Autorinnen und drei Autoren geduldig sage und schreibe 22 oft gestellte Fragen (wobei dennoch offenbleibt, was denn nun ein "GitHub-Repository" oder "Seed Keys" sind).

Generell, das war die Regierungs-Richtungsstreit-Entscheidung, haben sich die Verfechter der "dezentralen Lösung" des "Tracing" gegenüber denen des "Tracking" auf einem zentralen Server durchgesetzt. Die SZ zitiert aus offenen Briefen von 300 Wissenschaftlern und "sechs netzpolitischen Vereinen und Verbänden" sowie Ulf Buermeyer mit der Frage, "ob wir hier nicht einen Pyrrhussieg für den Datenschutz errungen haben, der auf Kosten der öffentlichen Gesundheit geht." Und neben solchen großen, nicht schnell beantwortbaren Fragen gebe es weitere, etwa nach der "Signalstärke" des Bluetooth-Modells der Dezentralisten: "In der Hand funkt das Handy anders als in der Hosentasche. Außerdem können Glasscheiben, Wände und andere Hindernisse das Ergebnis beeinflussen". Das könne wiederum dazu führen, dass eine App, wenn sie denn läuft, zu selten warnt, weil sie Kontakte, die für eine mögliche Virus-Infektion eng genug waren, nicht erkannte, als auch, dass sie es aus genau den gegenteiligen Gründen zu oft tut. Nochmals Buermeyer: "Offenbar vertrauen viele Apple und Google eher als dem Robert-Koch-Institut oder dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik."

Offenkundig leisten deutsche Politiker in vielen Politikfeldern gute Arbeit, auch im internationalen Vergleich (der global in Echtzeit mit Datenmaterial in Hülle und Fülle besser denn je möglich ist). Bloß Digitalkompetenz traut ihnen auch jetzt niemand zu. "Vor allem das Gesundheitsministerium machte in der App-Debatte keine gute Figur", heißt es in einer detaillierten Was-Verbände-so-sagen-Umschau des Handelsblatts, die von noch weiteren Streitigkeiten berichtet. Dass Bundesgesundheitsminister Jens Spahn "in der Sache Corona-App wirklich ein katastrophales Management abgeliefert" habe, schrieb der Digitalistan-Blog. Und da handelt es sich um ein Angebot der selten sehr regierungsfernen Öffentlich-Rechtlichen (des WDR).

Wo Deutschlands Politik dagegen Vertrauen genießt, zeigt der frisch zirkulierende (etwa von Madsacks RND aus der Stuttgarter Zeitung zitierte) Ratschlag des CDU-Politikers Thorsten Frei, "einen Steuerbonus für Nutzer der geplanten Corona-Warn-App" einzuführen.

Leidende Medienbranchen: Presse, Fernsehen, Film

Die Grünen dürften mit ihrem 250-Euro-Einkaufsgutschein für alle einen Treffer gelandet haben, der bei den nächsten Umfragen für ein paar Prozentpunkte gut ist. Warum sollte der sich dann nicht auch für Zeitungs- und Zeitschriftenabonnements verwenden lassen, "um junge Menschen an den Qualitätsjournalismus heranzuführen"?

Das regte nun der DJV an, der sich außerdem auch "Steuergutschriften", und zwar für Haushalte mit solchen Abos vorstellen kann. Damit hat die Journalistengewerkschaft zwar einen Schwenk von der bisherigen, staatlicher Presseförderung kritisch gegenüberstehenden Position vollzogen, wie Daniel Bouhs auf Twitter bemerkte. Aber wer vollzieht zurzeit keine Schwenks? Und auf Geld zu verzichten, wenn viel davon irgendwie verteilt wird, auch an potenzielle Konkurrenz, lässt sich von niemandem verlangen. Es geht ja nahezu allen Branchen auch der Medienlandschaft in noch kaum einschätzbaren Ausmaß schlecht.

"Corona hat das TV-Programm infiziert", überschrieb die Neue Osnabrücker Zeitung ihr Interview mit ARD-Programmdirektor Volker Herres, der darin eine "zeitverzögerte Erstausstrahlungslücke" auch im ARD-Fernsehen wegen unterbrochener Dreharbeiten ankündigt. Das NOZ-Interview kostet online eigentlich etwas. Doch dank Herres' Twitter-Auftritt kann, wer halbwegs gute Augen hat, den stolzen Ganzseiter doch gratis lesen.

"Nach diesem Fernsehabend sehnt man sich nach der großen Leinwand mehr denn je", schrieb Andreas Kilb bei faz.net nach der publikumslosen Online-Verleihung der Deutschen Filmpreise. Doch Kinos leiden unter ähnlichen Problemen. Einerseits gelangen angekündigte, lang abgedrehte Filme nun nicht zur Aufführung, andererseits werden neue nicht gedreht. Und das relativ Interessanteste von der Halde pickt sich Netflix heraus, wie etwa "Berlin, Berlin" (mit dem die Constantin an die Vergangenheit anknüpft, in der die ARD noch attraktive Serien für junge Leute machte und mitten im eigenen Programm zeigte!)

Die Kurzfilmtage und der (Ex-)Kultursender

Filmfestivals zwischen Ludwigshafen, das im Spätsommer stattfinden sollte und sich bereits auf "Dahääm" verlegte, und Oberhausen ringen ebenfalls um Ersatzlösungen. Oberhausen war hier zuletzt häufiger Thema. Bei den traditionsreichen Kurzfilmtagen, die in zwei Wochen "mit über 350 Filmen im Festivalprogramm online" gehen werden (und mit zwölf für den Muvi-Preis als bestes deutsches Musikvideo nominierten Filmen von den Goldenen Zitronen bis zu Theodor Shitstorm bereits zur Abstimmung online stehen) kam zur überall nötigen Absage der Publikumsveranstaltung ja noch das 3sat-Problem hinzu. Der ziemlich ehemalige Kultursender hatte sein Rest-Interesse am Kurzfilm verloren und die Medien-Partnerschaft aufgekündigt.

Wie es dazu kam und wie aus dem ambitionierten Gemeinschaftsprogramm der deutschsprachigen Öffentlich-Rechtlichen ein weiterer austauschbarer Nachspielkanal wurde, schildert Festivalleiter Lars Henrik Gass in der Medienkorrespondenz – sowohl mit Details aus den hierarchischen Anstalten-Bürokratien ("Die 3sat-Filmredaktion, die durch die Programmarbeit ihrer inzwischen verstorbenen Leiterin Inge Classen mindestens ein ebenso hohes Ansehen besessen hatte wie einst die Filmredaktion des WDR, wurde per ZDF-Verwaltungsanordnung zum 1. Dezember 2019 aufgelöst ...") als auch mit harten, freilich kleinen Zahlen:

"An den Kosten kann es nicht gelegen haben, dass 3sat den Kurzfilm abwickelt, denn der Sender zahlt für die ausgestrahlte Minute und vier Jahre exklusive Auswertungsrechte eines Kurzfilms vertraulichem Vernehmen nach 155 Euro und hat also höchstens 10.000 Euro die Sendestunde Lizenzkosten – faktisch weitaus weniger, bedenkt man, dass damit das Recht zur dreimaligen Ausstrahlung (inklusive je einer Wiederholung binnen 48 Stunden) verbunden ist. Dafür kann man keine Filme refinanzieren, dafür will man vielleicht auch keine machen oder hergeben. ... Im Vergleich dazu schlägt der Fernsehfilm zur Primetime im ZDF nach eigenen Angaben mit 1,5 Mio bis 2,5 Mio Euro für den (90-Minuten-)Sendeplatz zu Buche."

Was zeigt 3sat heut abend zur besten Sendezeit? Wow, eine spannende Fernsehkrimi-Wiederholung. Und falls jemand gerne noch die gestrige Plasberg-Talkshow mit Stargast Wolfgang Niedecken sehen wollen sollte, aber kein internetfähiges Gerät zur Hand hat, auf dem sich die Mediatheken aufrufen lassen: Heute nacht um 0:44 Uhr wiederholt 3sat auch diese Sendung. Es ist eine Schande ... Die "Fernsehkultur" ist weitgehend ins Internet entwichen, in dem sich (im Kurzfilmtage-Blog) Gass übrigens auch mit Dietrich Leder, u.a. Professor der Fernsehwissenschaft, darüber medienhistorisch interessant diskutiert (Teil 1, Teil 2).


Altpapierkorb (Presse in Neuseeland und Luxemburg, älteste jüdische Zeitung, wird Social Media wieder sozial?)

+++ "Neuseeland ohne den Listener, das muss man sich vorstellen, als würden in Deutschland Spiegel, Zeit, Focus und Stern gleichzeitig wegfallen." Und diese Zeitschrift soll nun eingestellt werden, und zwar durch den deutschen Bauer-Verlag. Darüber berichtet heute die Süddeutsche (€). +++ Die Reichweite des Luxemburger Worts in Luxemburg entspräche, "auf Deutschland übertragen ... einem Wert von etwa 25 Millionen Lesern". Diese traditionsreiche Tageszeitung wird nun an einen belgischen Verlag verkauft, berichtet ebenfalls die SZ.

+++ Eine gedruckte Tageszeitung mit steigenden Abonnentenzahlen mitten in Deutschand? Das ist die junge Welt mit "20.000 zahlenden Lesern ... Tendenz weiter steigend", staunt Deutschlandfunks "@mediasres", das aber auch das Bundesamt für Verfassungsschutz ("traditionskommunistische Ausrichtung"") zitiert.

+++ Die älteste jüdische Zeitung der Welt, der Jewish Chronicle, kann weiter erscheinen, berichtet Gina Thomas auf der FAZ-Medienseite.

+++ Die spanische Regierungs-Idee, das begrenzte Recht, auf Presse-(Video-)Konferenzen Fragen zu stellen, zu verlosen, wird unterschiedlich bewertet, berichtet die taz.

+++ Und "die Leitidee, Social Media wieder sozial zu machen", verleitete den durch Lieferando zu Geld gekommenen Internetunternehmer Jörg Gerbig, die Studi/Schüler-VZ-Netzwerke, die einst Millionen Nutzer hatten, wiederzubeleben, meldet heise.de.

Neues Altpapier gibt's wieder am Mittwoch.

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