Das Altpapier am 07. Mai 2020 Wie trennt man Desinformationsmüll?

“Die epidemiologische Krise“ wird zu einer “epistemologischen Krise“: Viele Menschen können echtes Wissen nicht von Gerüchten unterscheiden. Bruchlinien einer “sich abzeichnenden Spaltung in der Gesellschaft“ laufen entlang der Mediennutzung. Und: In Neuseeland gibt es auch Homeschooling – aber das Fernsehen hilft. Ein Altpapier von Klaus Raab.

Teasergrafik Altpapier vom 07. Mai 2020: Porträt Autor Klaus Raab
Bildrechte: MDR / MEDIEN360G

Der Kinderfernsehen-Check

Die “Checker-Formate“, zum Beispiel: Sie gehören zu den Sendungen für Kinder, die in der ARD-Mediathek derzeit unter dem Reiter “Schule zu Hause“ gebündelt sind. Das sind gute Formate. Genau wie “Quarks“ mit Ralph Caspers und Mai Thi Nguyen-Kim. Oder, für kleinere Kinder, “Die Sendung mit der Maus“, von der es derzeit, da die Schulen und Kitas geschlossen hatten und für die meisten Schülerinnen und Schüler noch nicht wieder geöffnet sind, nicht wöchentlich, sondern täglich eine Ausgabe gibt. Es gibt auch Schulfernsehen und Lernvideos für die Älteren.

Und doch, im Vergleich mit ihrem derzeitigen Wohnland Neuseeland ist Verena Friederike Hasel (in einem Kommentar bei Zeit Online) mit dem Kinder- und Jugendbildungsangebot der deutschen Öffentlich-Rechtlichen nicht zufrieden. Diese, schreibt sie,

“bieten zwar derzeit ein paar Wissenssendungen mehr an, aber die sind unübersichtlich über die Wochentage verteilt. Sind die mehr als 8,3 Millionen Schüler in Deutschland diese Anstrengung nicht wert? In Neuseeland waren der Regierung schon die rund 800000 Schüler im Land Grund genug, innerhalb von drei Wochen zwei komplett neue Fernsehkanäle zu starten, die montags bis freitags von 9 Uhr bis 15 Uhr Unterrichtsstunden senden, von Lehrern aus dem ganzen Land erteilt, teilweise in ihren Wohnzimmern gefilmt.“

Es geht im Text um Homeschooling; das Fernsehprogramm ist nur ein Randaspekt dabei. Schon weil das Kinderfernsehprogramm in Deutschland von der Programmkritik aber vergleichsweise wenig beachtet wird, sind solche Beispiele aus anderen Ländern aufschlussreich. Auch wenn das deutsche Kinder- und Jugendfernsehen wahrlich nicht schlecht ist: “In Zeiten von Corona“ (BINGO!) wäre mehr drin, als vor allem bereits vorhandene Inhalte in der Mediathek zusammenzustellen.

“Bruchlinien“ entlang der Mediennutzung

Die Vielfalt der Perspektiven und Ansprüche ist eine Herausforderung für einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der Programm für alle macht. Jede gesellschaftliche Gruppe will angesprochen und abgebildet werden. Erst gestern hat René Martens hier zum Beispiel auf eine Auswertung hingewiesen, der zufolge in den Corona-Talkshows von ARD und ZDF Ostdeutsche unterrepräsentiert seien. Es gibt meines Erachtens in dieser Auswertung einige Unschärfen (siehe dazu den Altpapierkorb).

Aber sei es drum: Es ist nur ein weiteres Beispiel dafür, dass die Repräsentationsansprüche, die an die Öffentlich-Rechtlichen gestellt werden (und gestellt werden dürfen), groß sind. Wird eine gesellschaftliche Gruppe nicht ausreichend berücksichtigt – oder entsteht der Anschein, es sei so –, dann fällt das auf, und das ist auch gut so.

Es gibt darüber hinaus allerdings auch Anzeichen dafür, dass die Öffentlich-Rechtlichen selbst in eine neuerliche Diskussion über eine “sich abzeichnende Spaltung in der Gesellschaft“ geraten, was nun nicht so gut ist. Von dieser sich abzeichnenden Spaltung ist in einem Interview die Rede, dass der Spiegel online mit dem Kommunikationswissenschaftler Jens Wolling von der TU Ilmenau geführt hat. In der Bewertung der Corona-Maßnahmen, sagt er, täten sich, “Bruchlinien zwischen Gruppen auf“, die sich in politischer Einstellung, ökonomischer Situation und auch Mediennutzung unterscheiden würden:

“Wir haben zum Beispiel herausgefunden, dass gerade diejenigen, die öffentlich-rechtliches Fernsehen nutzen, die staatliche Flüchtlingspolitik, eine entschiedene Klimapolitik und jetzt die Regierungslinie im Hinblick auf vorsichtige Lockerungen stärker unterstützen. Auf der anderen Seite organisieren sich Gruppen in sozialen Medien, die kräftig dagegenhalten. Hierzu zählen vor allem Menschen, denen es wirtschaftlich nicht so gut geht und die sich politisch eher rechts von der Mitte verorten. Natürlich sind das nicht nur Verschwörungstheoretiker oder Rechtsradikale, sondern öfter auch Menschen, die unter der Krise finanziell stärker leiden.“

Es klingt also an, dass Einstellungen zu den Corona-Maßnahmen und die Nutzung der Öffentlich-Rechtlichen zumindest korrelieren.

Ein offener Brief an die “Damen und Herren Intendanten“

Offensichtlich soll ARD (unter deren Dach auch dieses Blog erscheint) und ZDF im Zug einer solchen Diskussion wieder eine Rolle zugewiesen werden, die sie nicht haben und nicht einnehmen – als Medien, die angeblich relevante Inhalte unter den Teppich kehren und ernstzunehmende Positionen unterdrücken, um eine bestimmte Agenda durchzusetzen.

Das klingt etwa in einem offenen Brief an die “sehr geehrten Damen und Herren Intendanten“ (was für eine Verrenkung, um das Wort “Intendantinnen“ zu vermeiden) deutlich an: Es würden in den Öffentlich-Rechtlichen “kaum Gegenstimmen zu wissenschaftlichen Einschätzungen und politischen Maßnahmen zugelassen“, wird darin etwa behauptet.

Aber welche Stimmen wären das denn, wenn nicht die von Wirtschaftsvertretern, Köchen, die auf Virologen schimpfen, als hätten die das Virus erfunden, Vertretern einer oppositionslustigen FDP oder freischwebenden Publizisten, die zum Teil sehr deutlich dagegen sind? Die Diskussion über die Corona-Maßnahmen findet unentwegt statt. Was also soll mittlerweile eigentlich fehlen? Das, was der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen kürzlich in einem Interview (das hier schon am Dienstag verlinkt war) “Desinformationsmüll zu Covid-19“ genannt hat, der ihm auch von “Professoren-Kollegen“ über WhatsApp oder andere Kanäle geschickt werde?

Nachrichten werden im Duktus des offenen Briefs (der von mindestens einem Professoren-Kollegen Pörksens unterzeichnet wurde), “verabreicht“. Und der Hinweis, dass ARD und ZDF zu “Neutralität, Objektivität und Unparteilichkeit“ verpflichtet seien, fehlt auch nicht. Dass unter anderem gefordert wird, Medienschaffende “auch freier alternativer Plattformen“ in den Debattenraum aufzunehmen, versteht sich. Immerhin ist das ein Hinweis darauf, woher der Wind weht.

“Warum so viele Menschen an Corona-Verschwörungstheorien glauben“

Wenn man einigen Unterzeichnern des offenen Briefs nachgeht, Tweets und Blogs liest, stößt man mehrmals auf wohlwollende Erwähnungen von Ken Jebsen. Unter anderem um den geht es auch  bei Alex Rühle, der in der Süddeutschen Zeitung dieser Tage über die Teilnehmer einer der sogenannten Hygiene-Demos geschrieben hat:

“Ken Jebsen, der behauptet, Bill und Melinda Gates hätten sich 'über die WHO in die Weltgemeinschaft eingehackt‘ und verfügten nun über 'mehr Macht als seinerzeit Roosevelt, Churchill, Hitler und Stalin gemeinsam‘. Seine These: Die Gates hätten die Regierungen gekauft, um via Corona Impfprogramme, von denen sie finanziell profitieren, weltweit durchzusetzen. Beklatscht und geteilt wird so etwas von Reichsbürgern, Esoterikern und Promis wie Til Schweiger oder, neuester Fall, dem veganen Youtube-Koch und Autor Attila Hildmann, der soeben ankündigte, bewaffnet in den Untergrund zu gehen.“

Sie alle kämen aus unterschiedlichen Ecken, schreibt Rühle, aber “alle reden von der Gleichschaltung der freien Presse“.

Wie dringt so etwas durch? Das Social-Media-Watchblog hat sich dieser Frage angenommen: “warum so viele Menschen an Corona-Verschwörungstheorien glauben und welche Rolle Prominente dabei spielen“. Manches ist bekannt, aber gut auf den Punkt gebracht: “Die epidemiologische Krise wird (…) zu einer epistemologischen Krise: Menschen sind oft nicht mehr in der Lage, sich echtes Wissen anzueignen und die Gerüchte auszusortieren.“ Und die Sammlung an Beobachtungen, Argumenten und weiterführenden Links ist bemerkenswert. Sie endet mit einem Hinweis von Christian Fahrenbach aus den USA:

Tagelang haben die Bilder von martialisch Bewaffneten Protestlern die Runde gemacht, die sich gegen die angebliche Tyrannei der Coronamaßnahmen beschweren. Sie kamen dabei in den einigen Fällen auf kaum ein paar Dutzend Teilnehmer, mehr als einige Hundert waren es meines Wissens nach nie. (…) Ein Vorschlag: Geben wir solchen Demonstrationen die Luft zum Atmen, die ihnen aufgrund der Teilnehmerzahl zustehen. Rücken wir ins Verhältnis, dass Hunderte Millionen sich massiv einschränken und weitestgehend daheim bleiben.“

Da wären wir noch einmal zurück beim oben zitierten Kommunikationswissenschaftler Jens Wolling von der TU Ilmenau, der mit seinem Team erforscht hat, wie es um die Akzeptanz der zuletzt geltenden Corona-Maßnahmen steht. Es gibt seinen Aussagen zufolge keine Mehrheit, die sie ablehnt: “72 Prozent halten Kontaktsperren und Ausgangsbeschränkungen für angemessen, um die Gesundheit der Menschen zu schützen.“

Altpapierkorb (Angriffe auf Journalisten, Rettungspakete für Medienvielfalt, WDR-Kabarett)

+++ Der Tagesspiegel berichtet über die nicht repräsentative Studie “Hass und Angriffe auf Medienschaffende“ des Bielefelder Konfliktforschers Andreas Zick: Die Kritik an Journalisten werde “zunehmend undifferenzierter, Fakten würden pauschal angezweifelt“. Auch bei @mediasres vom Deutschlandfunk ist die Untersuchung Thema gewesen.

+++ “Falschnachrichten und Verschwörungstheorien sind (…) eine Seuche, die sich im selben Tempo wie das Virus selbst verbreitet“, schreibt die FAZ (€). “Doch es ist nicht die Aufgabe des Staates, über Fakes, Lügen und Wahrheit zu entscheiden und den Journalismus zu benoten.“ Eine entsprechende Seite der französischen Regierung sei nach Protesten deshalb nun wieder geschlossen worden.

+++ Auch keine gute Laune gibt es bei der taz, die über den Umgang von Brasiliens Präsident mit Medien schreibt.

+++ Den Zustand des Kabaretts der Gegenwart und im WDR-Fernsehen im Besonderen kommentiert aus gegebenem Anlass Johannes Schneider bei Zeit Online.

+++ “Zapp“ berichtet über die Forderungen der Grünen und Linken nach speziellen Rettungspaketen, um “in der laufenden Krise die Medienvielfalt zu sichern“.

+++ Und um auf die Auswertung zurückzukommen, der zufolge in den Corona-Talkshows von ARD und ZDF Ostdeutsche unterrepräsentiert seien: Es gibt meines Erachtens in dieser Auswertung einige Unschärfen. Erstens ist die Gästeverteilung nicht sehr weit weg von der Bevölkerungsverteilung auf die sogenannten alten und neuen Bundesländer, in denen nun einmal viel weniger Menschen leben.

Zweitens ist die Kategorisierung, wer ost- und wer westdeutsch ist, für mich nicht ganz nachvollziehbar: Die SZ-Journalistin Cerstin Gammelin, in der DDR geboren, gilt etwa als westdeutsch, weil sie für eine westdeutsche Zeitung arbeitet. Der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit, in Ostberlin geboren, gilt als westdeutsch, weil er in Hamburg arbeitet. Der im Westen geborene Virologe Christian Drosten gilt aber ebenfalls als westdeutsch, obwohl sich sein Labor auf dem Gebiet des ehemaligen Ostberlin befindet. Die in der DDR geborene Sahra Wagenknecht gilt als westdeutsch, weil sie einen westdeutschen Wahlkreis hat. Olaf Scholz gilt ebenfalls als westdeutsch, obwohl sein Ministerium auf dem Gebiet des früheren Ostberlin steht.

Mir ist bewusst, dass es bei der Ost-West-Diskussion nicht in erster Linie um die geographische Lage (schon gar nicht innerhalb Berlins) geht, sondern um die Abbildung von Positionen. Die aber ließe sich meines Erachtens besser analysieren, wenn man nicht nur nach den Gästen fragte, deren Einordnung als west- oder ostdeutsch nicht eindeutig ist. Sondern beispielsweise nach der Sendezeit, in der es um die sogenannten neuen Bundesländer ging – im Vergleich mit der Zeit, in der etwa über Bayern und Nordrhein-Westfalen gesprochen wurde.

Neues Altpapier kommt am Freitag.

2 Kommentare

Planet Interview vor 28 Wochen

"...besser analysieren, wenn man nicht nur nach den Gästen fragte, deren Einordnung als west- oder ostdeutsch nicht eindeutig ist. Sondern beispielsweise nach der Sendezeit..."

D'accord! JEDE Analyse, die die Zusammensetzung der Talkshows kritisch hinterfragt, ist wichtig. Meine basiert allein auf Idealismus, mich bezahlt dafür niemand und meine Ressource Zeit ist begrenzt.
Journalisten, die von Gebührengeldern bezahlt werden, zB hier oder bei ZAPP, sollten sich m.E. viel häufiger kritisch mit den eigenen Sendungen, Strukturen, Intransparenzen etc auseinandersetzen. Das erhöht m.E. das Vertrauen in die öffentlich-rechtlichen Sender, damit auch die Bereitschaft, den Rundfunkbeitrag zu zahlen -- und vor allem kann solch eine kritische Auseinandersetzung zur Verbesserung des Programms führen. Und wenn tatsächlich irgendwann in der Zukunft die Realität der 'neuen' Bundesländer adäquat abgebildet wird, dürfte das m.E. auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken.

Planet Interview vor 28 Wochen

Zu den hier angesprochenen "Unschärfen" meiner Talkshow-Analyse:
"Erstens ist die Gästeverteilung nicht sehr weit weg von der Bevölkerungsverteilung auf die sogenannten alten und neuen Bundesländer"
Auf die Bevölkerungsverteilung habe ich hingewiesen. Jeder sechste Bürger lebt in den neuen Ländern, in den Shows ist es weniger als jeder zehnte (bei Hart aber Fair nur jeder 15. )

Die Einteilung West/Ost habe ich erläutert, sie orientiert sich in erster Linie am Wirkungsort der Talk-Gäste. Denn vor dem Hintergrund, dass der Lockdown (und seine Kollateralschäden) ALLE Rundfunkbeitragszahler betrifft, interessiert mich: Inwiefern kommt die Lebensrealität in den neuen Ländern (BB, MV, SN, ST, TH) vor. Ergebnis: In 59 Sendungen wird nicht ein einziger Unternehmer, Gastronom, Altenpfleger, Ökonom oder Journalist mit Wirkungsort BB, MV, SN, ST, TH eingeladen. Ist das nicht vielleicht doch "sehr weit weg von der Bevölkerungsverteilung"?