Das Altpapier am 14. Mai 2020 Die Verschwörung der Idioten?

Erst waren scheinbar alle einverstanden. Jetzt dröhnt die Kritik an den Grundrechts-Einschränkungen um so lauter. Aber wie berechtigt ist sie? Wie retten wir die Debatte? Und wie geht es eigentlich Schweden? Ein Altpapier von Ralf Heimann

Teasergrafik Altpapier vom 14. Mai 2020: Porträt Autor Ralf Heimann
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Wo die Kritiker recht haben könnten

"Warum haben die Grundrechts-Einschränkungen am Anfang eigentlich niemanden gestört, und jetzt kocht plötzlich alles über?", fragt Lisa Caspari sinngemäß im Interview für Zeit Online den Juristen Oliver Lepsius. Und der antwortet:

"Diese Frage beschäftigt mich auch sehr. Vielleicht weil die Bundesregierung zu Beginn in ihrer Kommunikation doch sehr viel Angst verbreitet hat. Auch die Berichterstattung fand ich staatstragend, mit Bildern, die eher konkrete Sorgen um das eigene Leben schürten, als Vertrauen zu erwecken. Da sind wohl viele verstummt. Und jetzt, nachdem es halbwegs glimpflich abläuft, fühlen sich manche getäuscht und wütend."

Es war alles nicht so schlimm, wie es von der Regierung und den Medien gemacht wurde. Das ist der unausgesprochene Verdacht, den Lepsius hier beschreibt. Und unter der Annahme, dass sich nicht genau sagen lässt, welche Wirkung die Einschränkungen tatsächlich hatten, wäre das eine Vermutung, die nicht zwingend falsch sein muss.

Es gibt durchaus Gründe, an der medialen Darstellung der Krise zu zweifeln. Der Schriftsteller Daniel Kehlmann hat vor ein paar Tagen im SZ-Interview etwa die verkürzende Bildsprache der Krisenberichterstattung kritisiert.

"Manche Bilder, die aus New York um die Welt gegangen sind, haben zu Missverständnissen geführt. Zum Beispiel dieses Zeltkrankenhaus im Central Park. Eine religiöse Organisation, die Feldlazarette in Afrika baut, hatte das der Stadt New York gleich zu Beginn angeboten, zur Absicherung. Dieses Zeltkrankenhaus war dann nie ausgelastet. Oder die Bilder der Särge, die angeblich in Kühlhallen gestapelt wurden, um sie in Massengräbern zu bestatten. Tatsächlich war es so, dass Begräbnisse mit versammelten Angehörigen der Kontaktsperren wegen nicht möglich waren. Deswegen wurden die Toten sozusagen zwischengelagert, bis man sie wieder angemessen zu Grabe tragen kann."

Das Problem: Wie bebildert man einen Bericht über eine italienische Stadt im Ausnahmezustand? Sicher nicht mit Landschaftsaufnahmen aus der Emilia-Romagna. Auch das wäre eine falsche Botschaft. Doch durch die optische Zuspitzung gehen Graustufen verloren. Kehlmann sagt: "Eine Intensivstation sieht immer beängstigend aus."

Bilder in journalistischen Beiträgen transportieren nur eine Facette der Situation, die das Gesamtbild oft unzutreffend beschreibt. Ich selbst habe das vor zwei Jahren erlebt, als ein Amokfahrer in Münster mehrere Menschen tötete und von den Bildern, die man im Fernsehen sah, in der Stadt nichts zu spüren war. Es war ein friedicher Frühlingstag. Oliver Lepsius kritisiert eine fehlende Differenzierung auch in der Wortwahl:

"Wenn in Bergamo die Krankenhäuser überfordert sind, dann sind das keine 'italienischen Verhältnisse', die eine strukturelle Überforderung des Gesundheitssystems belegen. Wer berichtete von den Regionen in Italien mit wenigen Infektionen?"

Medien wirken als Brenngläser, die ein Problem herausheben, um es besser sichtbar zu machen. Ein Nebeneffekt ist: Auf diese Weise verzerren sie das Bild. Und das führt nun zu dem Verdacht, genau das sei die Absicht gewesen.

Zweifel an der Darstellung verstärken die Zweifel an der Angemessenheit der verordneten Mittel. Und auch diese Zweifel sind überhaupt nicht abwegig – oder wie Lepsius sagt:

"Es war ein nicht akzeptabler Zustand für unsere Demokratie, dass Demonstrationen erst durch Gerichtsurteile ermöglicht wurden. Es ist ein essentielles Grundrecht, dass Bürger Kritik und Unmut auf öffentlichen Plätzen äußern dürfen."

Ein mediales Phänomen oder im Grunde einfach menschliches ist, dass die sich daraus ergebende rationale Debatte mit dem Irrationalen vermengt.

Anselm Neft schreibt in einem Essay für Zeit Online:

"(…) wenn sich das Hinterfragen selbst nicht mehr hinterfragt und Annahmen über dunkle Machenschaften als Wahrheiten gesetzt werden, verwandelt sich Spekulation in Glauben."

Und an dieser Stelle zerbricht zwischen den an der Debatte Beteiligten der gemeinsame Boden der Vernunft. Mit den Folgen sind wir nun seit einigen Tagen beschäftigt.

Rettet Differenzierung die Debatte?

Die Kritikern sind (zum Teil selbst verschuldet) mit den Verschwörungsideologen auf eine Seite geraten. Und das führt zu einem Reflex: Journalisten beurteilen die Gesamtheit anhand ihrer schrillsten Vertreter – und stempeln alle zusammen als Idioten ab.

Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen plädiert in einem im Altpapier gestern bereits erwähnten Deutschlandfunk-Interview auch hier für Differenzierung. Er sagt:

"Die pauschale Abwertung der ganz Unterschiedlichen, die da aus ganz unterschiedlichen mal schlechteren, mal besseren Gründen demonstrieren, das wäre ganz gewiss ein Fehler."

Denn das würde laut Pörksen dazu führen, dass auch der wünschenswerte Teil der Debatte unmöglich wird:

"Die vorschnelle, die pauschale Diffamierung, da kann man ganz sicher sagen, die kränkt, die ruiniert den Diskurs und führt zu einer Empörung der anderen Seiten, und dann man genau diese Situation. Am Ende des Tages regen sich alle übereinander auf, und behaupten, ungerecht behandelt, abgekanzelt worden zu sein."

Differenzierung bedeutet damit zum einen, Kritiker nicht für Verschwörungsideologen zu halten, weil sie zusammen in einer Gruppe zu stehen. Doch es bedeutet auch, den Glaubensinhalt von Verschwörungsideologen nicht aus dem gleichen Grund mit Argumenten zu verwechseln. Man müsse

"einen Verschwörungstheoretiker einen Verschwörungstheoretiker nennen und einen Antisemiten einen Antisemiten",

sagt Pörksen. Er sieht momentan

"so eine Art Zweiteilung der Medienwelt. Auf der einen Seite Menschen, die sich für die klassischen Medien interessieren, den seriösen Journalismus in ganz anderer Weise wieder richtig schätzen lernen, und das sind sehr viele, es sind Mehrheiten – und auf der anderen Seite eben diejenigen, die sich in ihre Selbstbestätigungsmilieus zurückziehen. Und da den richtigen Ton zu finden, die richtige Ansprache, das Ringen, um das bessere Argument wieder ins Zentrum zu stellen, das schiene mir das Gebot der Stunde."

Allerdings gibt es auch hier wieder eine dunkelgraue Abstufung – jene, die sich selbst als seriöses Medium verstehen, bei genauerem Hinsehen aber doch eher der zweiten Gruppe zuzuordnen sind.

Zweifel am schwedischen Sonderweg

Die Nachrichtenagentur AFP schickte am Mittwochabend die Meldung: "Angesichts der Corona-Krise verlängert die schwedische Regierung ihre Warnung vor Auslandsreisen bis Juli." Das ist vermutlich kein Satz für die Rubrik "Und wie geht’s Schweden?" in der "Bild"-Zeitung, denn die Story, die dort erzählt werden soll, ist eine andere. "Was tut man nicht alles für eine gute Meldung aus dem Land der aufgehenden Bars, Kitas und Schulen?", schreibt Jürn Kruse in einem Kommentar für Übermedien ("Hört mir auf mit Schweden!") über das von Kritikern der Corona-Schutzvorgaben und der "Bild"-Zeitung immer wieder als gutes Beispiel angeführte Land.

Kruse interpretiert das so:

"Mit dem Fingerzeig auf das größte skandinavische Land soll viel zu häufig nur die eigene Meinung legitimiert werden. Ein 'Die Schweden machen es auch so' zieht halt mehr als ein schlichtes 'Meine Meinung'."

Kompliziert daran ist, dass Medien, die Schweden als Beweis für einen erfolgreichen Sonderweg anführen, damit am Ende theoretisch sogar recht haben könnten, aber dennoch unrecht haben, wenn sie behaupten, das schon heute belegen zu können.

Wie schwer die Bewertung und der Vergleich zwischen Ländern ist, wird in zwei Kommentaren unter dem Text deutlich. Im ersten steht:

"Man könnte – da relativ viel Platz aufgewendet wird, um die Übertreibungen von BILD zu relativieren – vielleicht noch angeben, dass Schweden bzgl. der auf die Einwohnerzahl gerechneten Toten andererseits weit hinter z.B. dem etwa gleichgroßen Belgien (umfassender, früher Lockdown) liegt, um das wichtige Bild stärker zu transportieren, dass man momentan in keine Richtung eine annähernd abschließende Bewertung vornehmen kann."

Ein anderer Kommentator antwortet:

"Die Frage ist allerdings, ob Belgien so ein guter Vergleich ist. Dort werden z.B. auch sog. vermutete Fälle in Altersheimen gezählt, und der Anteil an +65jährigen in eben diesen ist in Belgien vergleichsweise hoch (…) Das System soll so für mehr Transparenz sorgen, Infektionsherde in Altersheimen schneller sichtbar machen und verhindern, dass ein Undercount entsteht. Das kann man sinnvoll finden oder nicht, die Zahlen macht es dadurch aber schwerlich mit Schweden vergleichbar."

Es gibt Hinweise darauf, dass Zweifel an der Theorie vom erfolgreichen schwedischen Sonderweg durchaus berechtigt sind – etwa die hohe Zahl der Toten in Pflegeheimen, über die Kai Strittmatter in einem Beitrag vom Dienstag für die SZ schreibt.

Auch Kruse führt, neben weiteren, dieses Beispiel an, um zu belegen, dass die Situation überhaupt nicht eindeutig ist, und genau das ist der Kern seiner Kritik: Es ist zu früh für abschließende Urteile, was sich mit den Prinzipien des Kampagnen-Journalismus natürlich nur schwer vereinbaren lässt.

Kruse schreibt:

"Abgerechnet wird in zwei oder drei Jahren. Dann, in der Rückschau, kann beurteilt werden, ob der eher sanfte Tritt auf die Bremse der richtige war oder ob das harte Abbremsen und langsame Lösen den möglichen Crash besser verhindern konnte – oder ob alle gleich gut zum Stehen gekommen sind."

Um die Situation in Schweden geht es auch in einem Beitrag für das Deutschlandfunk-Medienmagazin "@mediasres", beziehungsweise um den Stockholmer ARD-Korrespondenten Christian Stichler, der mit seiner "komischen deutschen Beharrlichkeit" so sehr aufgefallen ist, dass er nun selbst Inhalt der Berichterstattung wurde. Der Beitrag zeigt wiederum eine andere Perspektive, die aus Schweden, wo harte kritische Fragen ungewohnt sind, wie Stichler erklärt ("Das hat man nicht gerne, wenn der Ton etwas unfreundlich wird") und wo nach seiner Einschätzung, wie auch in Deutschland, eine Mehrheit hinter dem Vorgehen der Regierung steht. Allerdings gebe es auch dort den Wunsch nach einer kritischen Debatte. In einem Leitartikel in Schweden, der in den vergangenen Tagen erschien, habe etwa auch gestanden: "Wir brauchen mehr von diesen Stichlers."


Altpapierkorb (Krise und Fernsehen, Bestatter kauft Zeitung, Rückfall in alte Rollen, Sparen beim Spiegel)

+++ Was wird eigentlich aus dem Fernsehprogramm, wenn es demächst nichts mehr zu zeigen gibt? Die Fußball-Europameisterschaft findet nicht statt, die Olympischen Spiele auch nicht. Das NDR-Medienmagazin "Zapp" hat darüber mit DWDL-Chefredakteur Thomas Lückerath gesprochen, der sagt: "Ab Herbst werden wir es bei allen Sendern merken." Und er sagt auch einen sehr schönen Satz mit Blick auf die Zeit nach der Corona-Krise: "Ich hoffe, dass wieder in Krimis dann gemordet werden kann, wie es sich die Autorinnen und Autoren wünschen."

+++ Der Siegener Verlag Vorländer & Rothmaler kauft von der Ippen-Gruppe das Anzeigenblatt Siegerlandkurier und stellt es gleich nach dem Kauf ein. Als Kaufmotiv gibt der Verlag an, er habe sein Portfolio erweitern wollen. Boris Rosenkranz bietet in seinem Text für Übermedien noch eine andere Erklärung an: "Eine sehr naheliegende Interpretation ist: Zwei Verlage haben sich hier den Markt aufgeteilt."

+++ In der Corona-Krise fallen viele Paare zurück in überwunden geglaubte Rollen. Er arbeitet, sie kümmert sich um die Kinder. Marina Weisband nennt das in ihrer Kolumne im Deutschlandfunk-Medienmagazin "@mediasres" eine "Retraditionalisierung der Rolle der Frau", die uns – das vermutet die Soziologin Jutta Allmendiger – um 30 Jahre zurückwerfen könnte. Das könnte laut Weisband schon bald im Journalismus sichtbar werden, wenn Ende Mai wieder Messen und Events beginnen. "Journalismus braucht Vielfalt", schreibt Marina Weisband. "Und dafür müssen jetzt gerade Redaktionen die Frage der Familie ganz zentral im Auge behalten."

+++ Der Spiegel rechnet damit, dass die Einnahmen der Firmengruppe in diesem Jahr um etwa 20 Millionen Euro schrumpfen werden. Das meldet die dpa (hier beim Handelsblatt). Der Verlag hatte schon Ende April angekündigt, zehn Millionen Euro sparen zu wollen. Jetzt sollen zehn weitere Millionen dazukommen. Gregory Lipinski hat für Meedia herausgefunden, dass 50 Spitzenverdiener auf Teile ihres Gehalts verzichten sollen.

Neues Altpapier gibt’s wieder am Freitag.

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