Das Altpapier am 22. Mai 2020 Schwarze Schafe auf Recherche

Rezo findet: Journalisten sollten sich gegenseitig mehr kritisieren. Er hat Recht. Aber in dem Fall, den er beschreibt, ist alles doch etwas komplizierter. Und: Eigentlich ist alles beschlossen. Doch die Diskussion um den Rundfunkbeitrag geht munter weiter. Ein Altpapier von Ralf Heimann.

Teasergrafik Altpapier vom 21. Mai 2020: Porträt Autor Ralf Heimann
Bildrechte: MDR / MEDIEN360G

Dürfen Journalisten wirklich alles?

Der Zeit-Kolumnist Rezo hat sich darüber geärgert, dass es nach Sidos Angriff auf Journalisten Mitte Mai in den Berichten darüber nur um das Fehlverhaltens des Rappers gegangen sei, nicht um das der Journalisten. Sie hatten Sido zu Hause an seiner Grundstücksgrenze besucht, nachdem er irgendeinen Quatsch verbreitet hatte. Die Journalisten filmten sein Grundstück, auch die Nachbarschaft. In seiner Kolumne schreibt Rezo:

“Auch der Deutsche Journalistenverband fordert in seiner Pressemitteilung zu der Auseinandersetzung ausschließlich eine öffentliche Entschuldigung vom Rapper, verliert darin aber nicht ein einziges kritisches Wort an die Bild und konnte auch auf Nachfrage von mir nichts Negatives an deren Verhalten feststellen.“

Nun wird es leider etwas komplizierter, denn einerseits hat Rezo recht: Journalisten kritisieren Journalisten nicht gern. Der Medienwissenschaftler Hans Mathias Kepplinger schreibt in seinem Buch “Totschweigen und Skandalisierung. Was Journalisten über ihre eigenen Fehler denken“:

“Journalisten sind deutlich weniger zu öffentlicher Kritik am beruflichen Fehlverhalten ihrer Kollegen bereit als Wissenschaftler und Techniker. Deshalb berichten sie – wie quantitative Analysen belegen – seltener über bekannte Missstände im eigenen Beruf als über bekannte Missstände in anderen Berufen.“

Und das kann natürlich zu dem Eindruck führen, dass “die Medien“ doch irgendwie alle unter einer Decke stecken. Rezo sieht Journalisten hier ihre eigenen Glaubwürdigkeit ruinieren. Seine These lautet, dass

“unethisches Verhalten von Journalisten nicht als Einzelfallproblem abgetan werden kann, sondern eine Teilursache des Grundmisstrauens von großen Teilen der Bevölkerung gegenüber der Presse darstellt.“

Ich selbst bin nun kein großer Freund von “Bild“-Reporter-Methoden, denke aber, der Verband (dessen Mitglied ich bin, dessen Positionen ich dennoch oft kritisch sehe) hat sich in diesem Fall richtig verhalten. Die Reporter bewegen sich mit dem, was sie tun, innerhalb der Grenzen, die ihnen die Gesetze geben; Sido übertritt sie, er wendet körperliche Gewalt an. Moralisch kann man über das Verhalten der Reporter sicher unterschiedlicher Meinung sein, aber dahinter steht eine sehr subjektive Bewertung. Würde der Verband hier anmerken: “Wir verurteilen Sidos Verhalten, aber das der Reporter war auch nicht in Ordnung“, würde das bedeuten: Wenn Reporter sich so verhalten, müssen sie sich nicht wundern, wenn die Leute ihnen ihre Mikrofone kaputtschlagen. Und das würde Gewalt rechtfertigen, auch in anderen Situationen. Um sich klarzumachen, wie unterschiedlich moralische Bewertungen ausfallen können, muss man nur einen Blick in die USA werfen. Dort findet der Präsident es “böse“, wenn Journalisten kritische Fragen stellen.

Es ist ein bisschen so wie mit der Meinungsfreiheit, die in der Konsequenz bedeutet: Man muss sich dafür einsetzen, dass auch die Menschen frei ihre Meinung sagen dürfen, die Dinge anders sehen als man selbst. Pressefreiheit bedeutet hier: Reporter müssen sich im Rahmen der Gesetze frei bewegen dürfen, sofern sie damit die Rechte anderer nicht unzulässig beschränken, und das gilt auch für den Fall, dass man selbst von den Reporter-Methoden nicht ganz so begeistert ist.

Das bedeutet allerdings nicht, dass Journalisten auch im Sinne all ihrer Kollegen machen können, was sie wollen, solange sie dafür nicht in den Knast gehen. Ethische Regeln gibt der Deutsche Presserat vor, der eine Freiwillige Selbstkontrolle deutscher Medien ist. Im Pressekodex – Sie werden es wahrscheinlich wissen – sind Verhaltensregeln festgehalten, auf die man sich geeinigt hat. Wenn es etwa um Persönlichkeitsrechte geht, besteht hier jedoch vor allem mit den “Bild“-Medien sehr oft Uneinigkeit. Unter anderem das Bildblog (für das ich auch gelegentlich schreibe) dokumentiert diese Verstöße. Auch dort arbeiten Journalisten. Und natürlich: Am Ende leidet das Image aller darunter, wenn einzelne Vertreter eines Berufs sich nicht an diese Regeln halten.

Rezo schreibt:

“Ich erhalte mittlerweile regelmäßig Nachrichten, in denen mir von Machtmissbrauch, Falschbehauptungen oder Verstößen gegen Opfer- oder Datenschutz berichtet wird und in denen ich als vertrauenswürdige Kontrollinstanz gegenüber der Presse angesehen werde. Man muss sich leider eingestehen, dass ein solches Weltbild vor dem Hintergrund der erlebten Erfahrungen sowohl induktiv plausibel als auch emotional nachvollziehbar ist.“

Ein weiterer Einwand: Emotional ist es nachvollziehbar, wenn man dem einen Journalisten nicht mehr traut, weil andere sich falsch verhalten haben. Aber rational müsste man sich einige Fragen stellen: Stimmt mein Eindruck, dass die Mehrheit der Journalisten sich so verhält? Hat es wirklich strukturelle Gründe, dass über den konkreten Fall, der mich gerade beschäftigt, nicht in der Weise berichtet wird, die ich für angemessen hielte? Sind wirklich alle Medien gleich? Und vor allem: Wenn ich Medienkritik möchte, lese, höre oder sehe ich dann wirklich die richtigen Medien?

In Ihrem Fall kann ich die letzte Frage übrigens schon mal zu Ihren Gunsten beantworten. Die Antwort ist: Ja.

Rundfunkbeitrag: Debatte in der Ehrenrunde

Es geht um 86 Cent“, das sind die ersten Worte im Text von Anika Blatz auf der SZ-Medienseite über die aktuell wieder auflodernde Diskussion darüber, ob der Rundfunkbeitrag jetzt tatsächlich wie geplant zum 1. Januar steigen darf (Altpapier).

Noch einmal schnell zur Entscheidungskonstellation: Im März hatten die Länderchefs sich auf die Erhöhung um 86 Cent pro Monat auf 18,36 Euro geeinigt. Sachsen-Anhalt hatte sich enthalten. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Rainer Haselhoff (CDU) möchte gern, dass die öffentlich-rechtlichen Sender noch mehr sparen, als bislang geplant ist. Damit der Beitrag steigen kann, ist aber die Zustimmung aller Länder erforderlich.

Sachsens Regierungschef Michael Kretschmer (CDU) hat Mitte der Woche noch einmal dafür plädiert, den Beitrag jetzt wie geplant steigen zu lassen (dpa-Bericht, hier in der Frankfurter Rundschau). Aber wie Anika Blatz berichtet, gibt es auf den politischen Ebenen unterhalb Länderchefs vor allem in den drei Bundesländern Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen recht unterschiedliche Meinungen.

Unter den Kritikern, die sie anführt, ist unter anderem der medienpolitische Sprecher der CDU in Sachsen, Andreas Nowak, der den Eindruck vermittelt hat, dass seine Kritik auch den Grund hat, dass ihm die Meinung von einzelnen Journalisten wie Georg Restle nicht gefällt. Aber er ist offenbar nicht allein mit seinen Vorbehalten.

“Unter Sachsens Abgeordneten findet man indes, es sei nicht genug über die Aufgaben der Öffentlich-Rechtlichen gesprochen worden“, schreibt Anika Blatz. Der medienpolitische Sprecher der CDU-Fraktion im Thüringer Landtag, Jörg Kellner, sagt: “Wir denken, dass sich bei den Einsparungen nicht genügend tut, wenn wir die Erhöhung jetzt einfach so durchwinken“

Rainer Robra, Chef der Staatskanzlei in Sachsen-Anhalt, möchte laut der SZ eine verbindliche Sparzusage, am liebsten in Form einer Selbstverpflichtung.

Hinein in die Debatte spielt noch eine andere Sache, die René Martens hier gestern bereits erwähnt hat. Es geht um die ARD-weite Kulturplattform, die ihre Heimat beim MDR finden soll. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Haselhoff hatte die Forderung nach “ARD-Gemeinschaftsaufgaben im Osten“ und die Sparbemühungen mit der Erhöhung des Rundfunkbeitrags in Verbindung gebracht, wie hier im dpa-Bericht von Anna Ringle nachzulesen ist (hier bei infosat.de).

Wilhelm verwies dabei auf ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahr 1994, das Anika Blatz in ihrem SZ-Text so zusammenfasst, “dass die Abgabefestsetzung wegen des Grundsatzes der Staatsferne des Rundfunks frei von medienpolitischer Zwecksetzung erfolgen muss“. Irgendwie hängt aber auch sonst zwischen dem Bayerischen Rundfunk und den übrigen ARD-Anstalten gerade der Haussegen schief – dazu noch einmal der Verweis auf Steffen Grimbergs aktuelle taz-Kolumne.

Der Bayerische Rundfunk hat einen Brief an die Rundfunkkommission nicht unterzeichnet. Vermutung in Sachsen-Anhalt nun: Das hat mit der Kulturplattform zu tun. BR-Sprecher Markus Huber weist das in der SZ zurück und wiederholt: “Intendant Ulrich Wilhelm stört sich an der Verknüpfung der politischen Forderung eines Landes mit dessen Zustimmung zur Beitragsanpassung.“

Was nun wirklich wahr ist? Wir wissen es nicht. Aber bei allem Hin und Her vielleicht noch eine erstaunliche Meldung zum Schluss. Wie Kress nun berichtet, befindet sich das Vertrauen der Deutschen in die Regierung, die Wirtschaft und auch die Medien laut dem Frühlings-Update des Edelman-Trust-Barometers gegenwärtig auf einem Allzeithoch. 

Und damit zum…

Altpapierkorb (Zeitungsauflagen, Podcast-Boom, Digitale Verlustzone, EU-Kommission und Donald Duck)

+++ Die Print-Verkäufe der britischen Zeitungen sind im vergangenen Monat bis zu 39 Prozent eingebrochen. Jim Waterson, Medienjournalist beim Guardian, schreibt bei Twitter: “Zum ersten Mal seit einem Jahrhundert verkauft keine britische Zeitung mehr als 1 Million.“ Und wie der Guardian berichtet, stellt das “Audit Bureau of Circulations“, das bislang monatliche Berichte über die Auflagenzahlen veröffentlicht hat, diese Berichte nun ein. Die Organisation begründet das mit den “Bedenken der Verleger (…), dass die monatlichen ABC-Auflagenberichte einen Anreiz bieten, negative Berichte über den Auflagenrückgang zu schreiben“. Vielleicht müsste man mit dem Robert-Koch-Institutnoch einmal darüber sprechen, ob das nicht eine Möglichkeit wäre, die ganzen negativen Berichte über die Corona-Pandemie zu verhindern.

+++ Obwohl dem Eindruck nach doch  schon so fast jeder halbwegs in der Öffentlichkeit stehende Mensch einen eigenen Podcast hat, wächst der Markt anscheinend weiter mit einer enormen Geschwindigkeit. Das berichtet jedenfalls Anna Ringle für die dpa (hier in der Badischen Zeitung). “Laut einer Analyse der Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers aus 2019 stiegen die Werbeerlöse mit Podcasts im Hörfunkmarkt von 2 Millionen Euro im Jahr 2014 auf 48 Millionen im Jahr 2018. Tendenz weiter steigend“, schreibt sie. Und bei der Gelegenheit ein Tipp: nach dem großen Erfolg des “Corona Update“-Podcasts mit Christian Drosten schickt der NDR einen weiteren Wissenschafts-Podcast ins Rennen, scheibt der Sender in einer Pressemitteilung. Das Format heißt “Synapsen“ und behandelt – was  auch sonst – “große Themen der Wissenschaft und die Fragen, die dahinter stehen“.

+++ Die Website “What’s new in Publishing“ empfiehlt in ihrem aktuellen Newsletter (Abo-Empfehlung) 15 englischsprachige Podcasts, die sie mit Medien beschäftigen. Empfehlung von mir, ebenfalls in der Liste enthalten: der Podcast des Reuters Institute for the Study of Journalism, den man zwischendurch ganz gut hören kann, wenn man sich für Journalismus-Forschung interessiert.

+++ Belinda Grasnick hat für die Krautreporter aufgeschrieben, warum Menschen ihre Daten Firmen wie Facebook so leichtfertig zur Verfügung stellen, sich damit beim Staat aber sehr schwertun – wofür es einerseits rationale Argumente gibt (Facebook hat keine Polizei), was aber dennoch nicht rational ist (Woher sollen wir wissen, was Facebook mit den Daten macht?). Sehr interessant jedenfalls.

+++ Die eine Dreiviertelstunde lange ARD-Doku “Digitale Verlustzone“ geht der Frage nach, wie es passieren konnte, dass Deutschland in der Digitalisierung seiner Zeit erst weit voraus war, dann aber den Anschluss verlor. Ein Thema, das uns in unterschiedlichen Zusammenhängen mit Medien immer wieder begegnet. Mir selbst zu Hause fast täglich, wenn das Bild aus der Videokonferenz wieder einfriert.

+++ Im vergangenen Jahr ist ein Donald-Duck-Heft zum Thema Europa erschienen, “in Zusammenarbeit mit der Europäischen Kommission“, so steht es auf dem Cover. Dass die Europäische Kommission dabei auch Einfluss auf die Geschichte genommen hat, hat sie so klar nicht kommuniziert. Mit dem Magazin habe sie gegen die niederländischen Werberegeln verstoßen, schreibt Peter Teffer bei Twitter. Nach einer E-Mail, aus der er zitiert, fiel der Kommission an einer Stelle die polizeiliche Zusammenarbeit in Europa zu sehr unter den Tisch. An einer anderen Stelle sollte deutlicher werden, dass die Menschen in der EU von einer Regelung profitieren, nicht so sehr die Unternehmen. Alles in allem hätte die Kommission einfach dranschreiben müssen, dass es sich um ein PR-Produkt handelt. Aber woher hätten sie das wissen sollen?

Neues Altpapier gibt’s wieder am Montag. Schönes Wochenende!

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