Das Altpapier am 26. Juni 2020 Win, win – lose, lose

Google hat sich entschieden, ne Runde Lizenzen zu schmeißen und deutschen Medien Geld für Artikel zu zahlen. Ist das jetzt eine "Win-Win-Win-Situation", ein "Riesenparadigmenwechsel" oder doch nur ne "Feigenblattaktion"? Spoiler: Kommt drauf an, wen man fragt. Und welche Auswirkungen hat Seehofers Zickzack-Kurs gegen die taz und Hengameh Yaghoobifarah eigentlich auf den Journalismus? Ein Altpapier von Nora Frerichmann.

Teasergrafik Altpapier vom 26. Juni 2020: Porträt Autorin Nora Frerichmann
Bildrechte: MDR / MEDIEN360G

Eine Runde Lizenzen auf Google

"Diesen Artikel hat Google Ihnen spendiert"

"Exklusiver Blick hinter die Paywall, möglich durch Google"

"Sie lesen, wir zahlen"

"Save the news, use Google"

"Save journalism, use Google"

"Save democracy, use Google"

So ähnlich könnten bald einige Artikel bei Google News und Google Discover gekennzeichnet sein. Denn die nächste Runde Lizenzen, das teilte der Konzern gestern in seinem Blog mit, schmeißt Google. Nach jahrelangem Streit um die Vergütung von Inhalten schicken deutsche Verlage bald wohl zum ersten Mal Rechnungen für Lizenzinhalte nach Mountain View. Das heißt aber natürlich nicht, dass der Clinch (Stichwort Leistungsschutzrecht) beendet wäre, Google zahlt nur an einzelne Unternehmen und nur für bestimmte Inhalte. Aber der Reihe nach:

Google wolle "von Verlagen Lizenzen über qualitativ hochwertige Inhalte für ein neues Nachrichtenformat erwerben", erklärte der Konzern in seinem Blog. Auch Golem, Zeit (selbst beteiligt), Reuters und dwdl.de berichten. Dieser Schritt soll erst mal mit Häusern aus Deutschland, Australien und Brasilien getestet werden. In Deutschland sind laut Google FAZ, Spiegel, Zeit, Rheinische Post und Tagesspiegel dabei.

Google erklärte wolkig-vage:

"Das neue Programm wird den teilnehmenden Verlagen helfen, die Sichtbarkeit ihrer Inhalte durch ein verbessertes Storytelling-Erlebnis zu vergrößern. Durch das neue Format können Leser tiefer in anspruchsvolle Geschichten eintauchen, auf dem Laufenden bleiben sowie neue Themen und Interessen entdecken. (…) Wo verfügbar zahlt Google im Rahmen der Initiative auch für den kostenlosen Zugriff von Nutzern auf kostenpflichtige Artikel auf den Websites einzelner Verlage. So können Verlage, die eine Paywall einsetzen, ihre Reichweite vergrößern und den Nutzern die Möglichkeit geben, Inhalte zu lesen, die sie normalerweise nicht sehen."

Als dreifache Win-Situation will Christoph Sterz das Programm bei Deutschlandfunks Medienmagazin "@mediasres" aber nicht bezeichnen. Userinnen und User würden profitieren, ebenso wie Google, aber bei den Zeitungsverlagen sei er skeptisch:

"Es ist schon so, dass Google in den letzten Jahren deutlich Geld reingebuttert hat in die Medienbranche, z.B. mit 300 Millionen US-Dollar für ein Förderprogramm (Anm. Altpapier: Googles Digital News Initiative). Aber trotzdem hat Google immer wieder deutlich gemacht: Wir bezahlen auf gar keinen Fall Geld dafür, dass wir auf eure Inhalte verlinken und werden das auch niemals tun."

Gemeint ist damit eine generelle Vergütung im Zuge des Leistungsschutzrechts. Die Sprecherin des Bundesverbands Digitalpublisher, Anja Pasquay, sprach in der Sendung von einer "Feigenblattaktion". Denn Google nutze nach wie vor Inhalte von Verlagen und Journalist:innen ohne zu zahlen und setze ihre Marktmacht dafür ein, Schutzrechte wie das Leistungsschutzrecht, zu umgehen.

Vermutlich ist aus diesem Grund auch Springer nicht als Kooperationspartner dabei. Das Haus von Bild, Welt und Co. trat im juristischen Streit und der öffentlichen Diskussion um das Leistungsschutzrecht immer sehr vehement und präsent auf und beharrt wohl weiter darauf,  dass der Tech-Konzern für die Verlinkungen und Nutzung von Snippets, also Anreißern journalistischer Texte bei Google News bezahlt. Auch die FAZ ist eine vehemente Verfechterin dieser Forderung, hat sich nun aber interessanter Weise der neuen Google-Kooperation angeschlossen.

Wie viel Geld die einzelnen Verlage bekommen, ist bisher nicht bekannt. Aus einem großen deutschen Medienhaus hieß es laut Reuters, der Betrag sei angemessen. Kritiker aus der Branche würden Google allerdings mangelnde Transparenz bei der Preisgestaltung vorwerfen und vor einer Spaltung der Verlagshäuser warnen:

"Denn mit einzelnen Deals könne der Suchmaschinenbetreiber seine Marktmacht besser ausspielen. An anderer Stelle hieß es jedoch: 'Das ist ein Riesenparadigmenwechsel. Vor fünf Jahren wäre das undenkbar gewesen.' (…) Die Verwertungsgesellschaft VG Media, die die Interessen der Verlage im Rechtsstreit mit Google vertreten hat, bezeichnete es als Erfolg, dass Google 'nach jahrelanger Weigerung' nun für Presseinhalte zahlen wolle."

Ob es für die Zahlungsbereitschaft der Lesenden tatsächlich förderlich ist, wenn auf einmal Paywall-Inhalte frei über Google zugänglich sind, bleibt abzuwarten und wird wahrscheinlich auch von der genauen Gestaltung und dem Umfang der Kooperation abhängen. Und auch andere Details werden in der Medienbubble wohl genau beobachtet werden:

Ob der Tech-Konzern diese Inhalte auswählt oder die Verlage, ob auch Google-kritische Beiträge dabei sein werden und ob bei dem Programm auch auf (Digital-)Abos der Medienhäuser verwiesen wird, ist bisher nämlich nicht bekannt.

Hü-Hott-Horst

Um das in dieser Woche präsenteste Thema hier im Altpapier zum Ende der Woche nochmal zu aktualisieren, werfen wir einen Blick auf die taz bzw. Hengameh Yaghoobifarah und Horst Seehofer. Wie schon gestern erwähnt will der CSU-Politiker nun doch keine Anzeige stellen.

Das Innenministerium veröffentlichte dazu eine Mitteilung, in der Seehofer beteuerte, es gehe ihm nicht "um Strafverfolgung einer Person und schon gar nicht um einen Eingriff in die Pressefreiheit". Es müsse aber "auf die Verrohung in unserer Gesellschaft" reagiert werden und das beginne bei der Wortwahl.

Die taz-Chefredaktion wollte er daraufhin ins Innenministerium einladen (was bei der Zeitung selbst aber am Donnerstagnachmittag noch nicht offiziell eingegangen war). Konsequent wäre dabei die Frage, wann die Macher von rechten Magazinen und Kanälen mal beim Innenministerium zu Gesprächen eingeladen werden, wo einige von ihnen doch mit bewundernswerter Regelmäßigkeit menschenverachtende, misogyne, rassistische und antisemitische Inhalte raushauen.

Aber eine gerade Linie vom Innenministerium zu erwarten wäre nach dem bisherigen öffentlichkeitswirksamen Hüh-Hott-Kurs wohl etwas viel verlangt. Bei der Zeit beschäftigt sich Christian Bangel mit Seehofers "Eskalation" und kritisiert, die Mitteilung

"strotzt von Uneinsichtigkeit und der Überzeugung, dass Yaghoobifarah im Grunde doch bestraft gehört. Kein Wort davon, dass es ein Fehler gewesen sein könnte, einer angeblich hasserfüllt Schreibenden mit Strafverfolgung zu drohen – und das auch noch ausgerechnet in der Bild-Zeitung. Und natürlich: keine Entschuldigung."

Außerdem bleibt abzuwarten, wie sich die Drohung aus dem Innenministerium auf Medienmenschen auswirkt. Verstärkt wurde Seehofers Drohgebärde durch die massive Berichterstattung. Klar hat die Ankündigung eines Innenministers, juristisch gegen die Presse vorzugehen, einen Neuigkeitswert. Und wenn er auch noch die Bild für diese Drohung benutzt, kommt wohl kaum eine Nachrichtenredaktion mehr an der elefantösen Neuigkeit vorbei, die da in den Raum geblasen wurde.

Das riesige Maß an Aufmerksamkeit war an dieser Stelle ambivalent: Einerseits wirkte das Augenmerk auf Seehofers Absichten schützend, bzw. unterstützend, weil das Vorhaben des Innenministers viel Widerspruch erntete und das Augenmerk auf Aspekte der Pressefreiheit lenkte. Andererseits wurde mit dem Verbreiten von Seehofers Absichtserklärung aber auch der Druck auf Hengameh Yaghoobifarah und die taz weiter erhöht und weiteren Einschüchterungsversuche ein Stück weit der Boden bereitet. Andererseits wurde mit dem breiten Aufgreifen von Seehofers Absichtserklärung aber auch der Druck auf Hengameh Yaghoobifarah und die taz weiter erhöht.

Bangel warnt:

"Wir können nicht ermessen, welche Folgen Seehofers Repressionsversuch auf Journalistinnen und Journalisten hat, insbesondere auf jene, die aus der Perspektive von Minderheiten über Politik, Polizei, die sogenannte "Mitte der Gesellschaft" schreiben. Früher nannte man das die "Schere im Kopf". Man muss hoffen, dass Seehofer sein Ziel, solche Stimmen zum Schweigen zu bringen, nicht erreicht. Zumal die Atmosphäre gerade ohnehin etwas Einschüchterndes hat. Wer gehofft hatte, die Aufarbeitung der rassistischen Morde von Hanau sei durch Corona nur unterbrochen worden, der muss jeden Tag ein bisschen mehr verzweifeln."


Altpapierkorb (Grimme Online Award, Lohnauskünfte beim ZDF, Funke Medien, EU-Medienförderung, Dark)

+++ Die Grimme Online Awards gingen gestern Abend an Christian Drosten und den NDR, an Rezo an die Funk-Formate "STRG_F" und "Karakaya Talk", aber auch an die Projekte "NSU-Watch" und "RomArchiv", die DDR-Webdokumentation "Eigensinn im Bruderland" und eine Stern-Reportage über Organspende. U.a. bei Spiegel und FAZ gibt‘s mehr Details…

+++ Die ZDF Journalistin Birte Meier hat nach Ansicht des Bundesarbeitsgerichts ein Recht auf Auskünfte über die Lohnzahlungen an männliche Kollegen. In der Süddeutschen schreibt Verena Meyer dazu: "Das Urteil wird von Juristen als kleine Sensation gewertet, denn es könnte auch für andere Branchen Konsequenzen haben. Für Birte Meier ändert es jedoch wenig." Die Gesellschaft für Freiheitsrechte, die Meiers Klage seit 2016 begleitet, kritisierte: "Mit dieser Entscheidung ist die Klägerin ihrem Ziel – gleicher Lohn wie die männlichen Kollegen mit vergleichbarer Tätigkeit – jedoch noch nicht nähergekommen."  Meiers soll laut taz künftig nicht mehr als feste Freie bei "Frontal 21" arbeiten und in einen anderen Bereich des ZDF versetzt werden.

+++ Laut Kai-Hinrich Renner (Berliner Zeitung) verlässt Funke die VG Media. Das habe Folgen für das Verlagsengagement um‘s Leistungsschutzrecht...

+++ Die EU schreibt eine Medienförderung von insgesamt 8,8 Millionen Euro für 2020 und 2021 aus, berichtet der Standard.

+++ Am Samstag startet die dritte und letzte Staffel der mehrfach ausgezeichneten deutschen Mystery-Serie "Dark" bei Netflix. Details gibt‘s bei der Rheinischen Post und T-Online.

Neues Altpapier gibt es am Montag.

0 Kommentare