Das Altpapier am 06. Juli 2020 Andreas Scheuer hat Besseres zu tun, aber schlechter

Der Verkehrsminister torpediert Journalistenanfragen. Markus Lanz wird attestiert, der Talkmaster der Stunde zu sein. Und die ARD plant nach den Querelen um die SWR-Wuhan-Doku nun doch eine Corona-Chronik – unter anderem vom NDR, was den Eindruck ARD-interner Revierkämpfe nicht schwächt. Ein Altpapier von Klaus Raab.

Teasergrafik Altpapier vom 06. Juli 2020: Porträt Autor Klaus Raab
Bildrechte: MDR / MEDIEN360G

Markus Lanz, der Talkmaster

Kurz vor der Talkshowsommerpause wird Resümee gezogen, so ist das. Zu erwarten gewesen wäre nach dieser Saison, in der alle paar Wochen jemand quantitative Missverhältnisse in der Gesellschaftsrepräsentation enthüllt hat und in der Vorab-Erregungen häufig mit der Einladungspolitik zu tun hatten, ein ausführliches Zahlenwerk.

Stattdessen gibt es erfrischenderweise einen großen Text über Markus Lanz, der in die Repräsentationsdiskussionen insgesamt am wenigsten einbezogen wird – vielleicht auch, weil er gar nicht so tut, als wolle er eine repräsentative Sendung machen. Peter Unfried (für die Transparenz: für dessen taz-FuturZwei-Magazin ich gelegentlich schreibe) hat ihn auf drei Print-Seiten für die taz am Wochenende (deren Redakteur ich einmal gewesen bin) porträtiert:

“Lanz und seine Redaktion haben ein Format des Politikergesprächs entwickelt, das in Deutschland seinesgleichen sucht, weil es wirklich ein Gespräch ist und weil es politische Inhalte und biografischen Hintergrund nebeneinanderstellt, so dass Querverbindungen entstehen können.“

Das ist die These, und ich finde den Text aus mehreren Gründen gut. Einer ist: Man darf es sich generell nicht zu leicht machen, und Lanz reflexartig blöd zu finden, ist wirklich leicht. Aber Unmut über Lanz, den ich zu “Wetten, dass.?“- Zeiten geteilt habe, wo man ihm bei der Selbstüberschätzung zusehen musste, ist längst nicht mehr so einfach begründbar. Der Hinweis auf redundante Fragen und immer gleiche Gästevorstellungen genügt jedenfalls nicht. Wer Lanz aus Distinktionsgründen ablehnen will, kann das ja tun. Aber wer ihn aus anderen Gründen ablehnt, muss sich mittlerweile doch etwas Mühe bei der Argumentation geben.

Tatsächlich hat Lanz im Vergleich mit den anderen Talksendungen von ARD und ZDF den Talk, der am zwingendsten Talk ist. Wills, Illners und Plasbergs Formate ließen sich theoretisch immer wieder einmal durch Checkformate oder Magazine ersetzen, ohne dass sich am Erkenntnisgewinn etwas ändern würde. Lanz dagegen talkt mit Menschen, erst in zweiter Linie über Themen. Die im taz-Text aufgebrachte Möglichkeit, dass daraus der politischste Talk von allen entsteht, darf die dem eigenen Anspruch nach echten Politiktalks gerne ein bisschen wurmen.

Wobei die Diskussion geführt werden muss…

“…inwiefern Lanz widerspiegelt, dass Politik die neue Unterhaltung geworden ist. Inwiefern der Politiker ein Unterhaltungskünstler ist, der seine zehn Minuten vor der Kamera genauso professionell und schmerzfrei absolviert wie Howard Carpendale seine bei Carmen Nebel. Ein Typ wie Ludwig Erhard (in den 60ern Bundeskanzler) könnte heute mangels Medienkompetenz nicht mal Kassenwart bei der FDP Wermelskirchen werden.“

Aber wohl in keinem anderen Fernsehformat als im One-on-One – und das betreiben nur wenige – ließe sich zum Beispiel derzeit so eindrucksvoll zeigen, wie Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer “bei der Verteidigung seiner Pkw-Maut immer tiefer ins Märchenerzählen abglitt“:

“Wer selbst Interviews führt, weiß, dass es nicht so einfach ist, mehr als dreimal nachzufragen, wenn nur Blabla kommt. Dann wird es frostig, aber dann wird es auch interessant, wie man bei Lanz, der zur Not sechsmal die gleiche Frage stellt, sieht.“

 Im klassischen Politiktalk würde jemand von den Grünen sagen: “Scheuer erzählt Märchen.“ Scheuer würde antworten: “Tu ich nicht.“ Und das Gespräch würde schließlich mit einem Moderationssatz wie “Die Positionen sind ausgetauscht“ abgebrochen.

Andreas Scheuers Tricks im Umgang mit Journalisten

Aber Moment, hat hier gerade jemand Andreas Scheuer erwähnt? Am Freitag um 19.32 Uhr (sueddeutsche.de) beziehungsweise 19.39 Uhr (tagesschau.de, verfasst von je einem WDR- und einem NDR-Journalisten) kam die öffentlich-rechtlich-private Rechercheinsel NDR/WDR/Süddeutsche Zeitung mit einer Geschichte heraus, die einem Journalismustwitter-Junkie wie der Medienaufreger des bevorstehenden Wochenendes vorkommen konnte: “E-Mails zeigen, wie das Verkehrsministerium versucht hat, kritische Berichterstattung zu 'torpedieren‘. Der Deutsche Journalistenverband wirft dem Minister Medienmanipulation vor.“

Der ganz große Aufreger wurde es dann, gemessen an der Folgeberichterstattung, nicht. In der gedruckten Süddeutschen Zeitung vom Samstag stand der Text auf Seite 6, einer linken Zeitungsseite, ganz unten. Aber für Journalistinnen und Journalisten ist die Sache natürlich schon von Belang, geht es doch immerhin um die Kommunikation mit einem Bundesministerium und Fragen, die den Berufsalltag direkt betreffen.

Worum es bei Scheuers Torpedierung geht, am zentralen Beispiel:

“Mitte August 2019 recherchierte der Spiegel-Redakteur Gerald Traufetter zur Pkw-Maut-Affäre und hatte sich mit einem Fragenkatalog an das Ministerium gewandt. Dort fürchtete man offenbar eine kritische Berichterstattung. In einer Mail vom 15. August 2019 wandte sich der Leiter für Strategisches Medienmanagement direkt an den Minister: Traufetter, so unterstellte der, sei von Bundestagsabgeordneten gebrieft worden. Dann schlug der Mitarbeiter etwas Besonderes vor: Er würde, so schrieb er, die vom Ministerium entwickelten Antworten 'schon heute‘ an einen anderen Journalisten senden, um die morgige Vorabmeldung des 'Spiegel' zu torpedieren.‘“

Journalistenverbände, Oppositionspolitiker und betroffene Medien haben sich selbstredend kritisch dazu eingelassen. Daniel Bouhs kommentierte für “Zapp“ online:

“Bemerkenswert ist dieser Vorgang nicht nur, weil er zeigt, wie schäbig PR-Profis mitunter mit recherchierenden Medien umgehen – obwohl die das letztlich für die Gesellschaft tun. Er ist auch deshalb reichlich wundersam, da er ordentlich nach hinten losgeht. Immerhin fordern PR-Abteilungen seit jeher Fairness ein, wenn es darum geht, genug Zeit zu haben, um auf Fragen und Vorhalte fundiert reagieren zu können. Wenn ein großzügiger Vorlauf aber ausgerechnet dafür ausgenutzt wird, um foul zu spielen, indem Anfragen mit vermeintlicher Raffinesse 'torpediert‘ werden, dann führt das nur dazu, dass Journalistinnen und Journalisten künftig erst recht möglichst knappe Fristen setzen. Da dürften sich auch andere PR-Abteilungen bei Scheuers Team bedanken.“

Tja. Und wenn Journalistinnen und Journalisten dann künftig knappe Fristen setzen und die Begründung vorschieben können, man habe mit längeren Fristen schlechte Erfahrungen gemacht, wird Christian Drostens “Ich habe Besseres zu tun“ zu einem Standardantwortbaustein.

Und es gibt doch eine Corona-“Story“ – von NDR und WDR

Um eine erstaunlich knappe Antwortfrist geht es auch in Altpapier-Autor René Martens neuem Text  (Medienkorrespondenz) über die nicht ausgestrahlte SWR-Dokumentation “Wuhan – Chronik eines Ausbruchs“, deren Geschichte mit ihrer Absetzung nicht zum Ende gekommen ist.

Es handelt sich um einen 45-minütigen Rekonstruktionsversuch des Corona-Ausbruchs in Wuhan, der zu großen Teilen aus Bildern geschnitten war, die von einem chinesischen Staatsunternehmen gedreht worden waren (Altpapier). Der Film, geplant für die “Story“-Reihe, war wegen der Nutzung dieser Bilder schon vor der Sichtung zuerst von der Süddeutschen Zeitung heftig kritisiert und schließlich sehr kurzfristig aus dem ARD-Programm genommen worden, allerdings mit einer formal anmutenden rechtlichen Begründung, die mehr Fragen aufwarf, als sie beantwortete. (Mehr in einem weiteren Altpapier.)

René Martens zitiert die Produktionsfirma nun, die SZ habe ihr zum Film Fragen geschickt, allerdings seien die an einem späten Samstagabend an Mailadressen des wochenends nicht besetzten Büros übermittelt worden – mit Frist bis Sonntagmittag. “Diese Darstellung legt den Eindruck nahe, dass es sich um eine reine Pro-forma-Anfrage handelte“, so die Medienkorrespondenz.

Die Nachricht des Texts ist aber eine andere: Für Ende August sei in der ARD nun eine andere “'Chronik‘ zur Entwicklung der Corona-Pandemie auf dem Sendeplatz 'Die Story im Ersten‘“ geplant, “mit einem anderen Schwerpunkt“. Für diese Dokumentation “arbeite der NDR mit dem WDR zusammen“, wird ein NDR-Sprecher zitiert. Die Frage liegt nahe, “ob auch die 'Süddeutsche Zeitung‘ (SZ) beteiligt sei, die oft mit den Investigativ-Ressorts von NDR und WDR kooperiert“. NDR-Antwort: “Bislang … nicht“.

Über die Qualität des SWR-Films selbst lässt sich fraglos streiten. Ich hatte für Spiegel Online seinerzeit einiges auszusetzen, epd Medien Ende Juni ebenfalls. (Nur zum Beispiel: dass die chinesischen Bilder nicht insertiert wurden.) Dass “ARD-interne Revierkämpfe“ mit der Absetzung zu tun haben könnten, wie schon länger “spekuliert“ (epd Medien) worden war, ist aber ein anderes Thema, das eine sinnvolle Auseinandersetzung mit dem Film überlagert.


Altpapierkorb (Anwaltspost vom Haus Hohenzollern, Sommerinterview mit einem Rechtsextremisten, Thomas Bellut, neue taz-Kolumne)

+++ “Viele Journalist:innen und Wissenschaftler:innen haben in den vergangenen zwölf Monaten Anwaltspost vom Haus Hohenzollern bekommen: Abmahnungen mit Unterlassungsansprüchen, Gegendarstellungsforderungen.“ Anne Haeming arbeitet für Übermedien auf, wie die Berichterstattung mit juristischen Mitteln beeinflusst wird: “Die Berichterstattung über diese Fälle ist schwierig. Die Gefahr: Dass Redaktionen ihrer Informations- und Aufklärungspflicht nicht mehr nachkommen – prophylaktisch.“

+++ Es ist Sommerinterview-Zeit, und beim RBB befragt man in lauschiger Umgebung unter anderem einen Rechtsextremisten zu den Corona-Maßnahmen. Ich persönlich bin nicht der Ansicht, dass man solche Leute partout nicht interviewen darf; die Frage ist nur: wie. Und ob man dann eine solche Politiknormalbetriebsexklusivmeldung daraus generieren sollte, ist in jedem Fall eine andere Frage. (Ich schlage als Antwort mal “Nein“ vor.)

+++ Die FAZ (bzw. Helmut Hartung) führte ihr Sommerinterview (€) vom Samstag mit ZDF-Intendant Thomas Bellut. Er sagt: “Dass die Diskussionen über den Rundfunkbeitrag in den neuen Ländern intensiver verlaufen als in westdeutschen Landtagen, hängt sicher auch mit den historischen Erfahrungen und politischen Gegebenheiten in dieser Region zusammen. Ich habe in den nächsten Wochen mit Abgeordneten aus diesen Ländern zahlreiche Gesprächstermine und bin zuversichtlich, dass wir Zweifel am Engagement des ZDF und an der Notwendigkeit einer Beitragserhöhung ausräumen können.“

+++ Im Freitags-Altpapier ging es um die Förderung des Verlagswesens durch die Bundesregierung und die allgemeine Verdutztheit angesichts der neuen Planungen. Die Frage, wie es genau kam, dass die Regierung nun statt der Zeitungszustellung die “digitale Transformation des Verlagswesens“ fördern will, ist auch an diesem Montag noch nicht geklärt. Was man mittlerweile weiß, ist, dass das “inzwischen zuständige Bundeswirtschaftsministerium nun offenbar rasch für Klarheit sorgen“ will, “wer unter welchen Voraussetzungen wie viel Geld bekommt“ (Horizont).

+++ Der Freitag derweil lobt die gedruckte Lokalzeitung, deren Zustellung nun wohl nicht mehr subventioniert werden soll (Martin Rabanus, SPD, laut Zapp: “‚Die Zustellförderung ist tatsächlich aktuell vom Tisch‘, denn ‚die mehrheitliche Einschätzung in der Koalition ist dann gewesen, dass es sinnvoller ist, jetzt die Weichen für die Zukunft zu stellen und nicht noch in die analoge Vergangenheit zu investieren.’“)

+++ Fernsehfußball: Die SZ beschäftigt sich mit dem Experten Thomas Broich, die FAZ mit Bastian Schweinsteiger.

+++ Dass die ARD die Siegerehrung, Interviews und die Pokalübergabe nach dem DFB-Pokalfinale der Frauen nur im Livestream zeigte, sorgt für Unmut (FAZ.net).

+++ Im Tagesspiegel geht es um den neuen Vertreter des Saarlands in der KEF. Die soll “politikfern“ sein, berufen wurde allerdings ein CDU-Politiker.

+++ Schön gesagt: “Die Influencer-Rechtsprechung ist an den Obergerichten nicht einheitlich“ (Legal Tribune Online). In Hamburg wurde nun entschieden: “Ist es für den Verbraucher offensichtlich, dass es sich um Werbung handelt, so müssen Influencer ihre Beiträge nicht ausdrücklich als Werbung kennzeichnen.“

+++ Und die neue taz-Kolumne von Hengameh Yaghoobifarah ist da. Es geht um Schuhe. Es sollte nur niemand auf die Idee kommen, den Text rückwärts abzuspielen.

Neues Altpapier gibt es am Dienstag.

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