Das Altpapier am 09. Juli 2020 Boulevard of broken dreams

The Sun und die Bildzeitung haben nichts aus der Veränderung der Debattenkultur gelernt, das Modemagazin Glamour anscheinend schon. Und mindestens 150 Autoren und Autorinnen sind gerade dabei. Ein Altpapier von Jenni Zylka.

Teasergrafik Altpapier vom 09. Juli 2020: Porträt Autorin Jenni Zylka
Bildrechte: MDR / MEDIEN360G

Boulevard vs. Johnny Depp

Armer Boulevard. Einst assoziierte man mit ihm Flaneure und Flaneurinnen in eindrücklicher Klamotte, die freundlich nach allen Seiten grüßend unter gepflegten Bäumen entlangpromenierten. Jetzt denkt man nicht mal mehr an "Boulevard Bio", so lange ist das schon her. Stattdessen ärgert man sich nur noch über Boulevardmedien, die zwar schon lange nicht mehr auf den Prachtstraßen der Welt verkauft werden, aber umso allgegenwärtiger sind.

Großbritanniens erfolgreiches Boulevard- (man nennt es dort Tabloid-)blatt "The Sun" zum Beispiel, das momentan einen Gerichtsstreit mit dem Schauspieler Johnny Depp austrägt, und einen dummerweise dabei fast ein bisschen auf die Seite des mutmaßlichen "Frauenschlägers" treibt – obwohl, halt, das mit dem "Frauenschläger" behauptet ja eben jene Zeitung mit Berufung auf die Aussagen von Depps Exfrau Amber Heard, und genau das ist ungut: Was Depp und seine Ex beim Streiten auffahren, geht so lange niemanden etwas an, bis vor Gericht geklärt wurde, was wirklich passierte. Und wenn das Urteil besagen sollte, dass Frau Heard Recht, und Depp sie tatsächlich geschlagen hat, stellt sich wiederum für jeden und jede die Frage: Will ich Kunst und Künstler trennen, also hat die dann bewiesene Tatsache, dass Depp ein Beziehungstäter ist, einen Einfluss auf die persönliche Rezeption seiner Arbeit als Schauspieler? (Glücklicherweise mochte ich Depp nie mehr so gern wie in "Gilbert Grape", und könnte mir durchaus ein zukünftiges Leben ohne Filme mit ihm vorstellen. Das soll aber nichts heißen. Ich richte mich ganz nach dem zu erwartenden Urteil, und nicht nach der vorverurteilenden Boulevardzeitung.)

"Mein Schreibtisch" mit "vier Linien Koks"

Schade, dass die Intention so ekelig ist - sonst könnte man sich nämlich auch noch königlich über das anscheinend aus dem Gerichtsprozess stammende Foto amüsieren, dass die Sun jetzt abdruckte. Angeblich zeigt es den Tisch des mutmaßlichen Schlägers, und soll einen Beweis für seinen "chaotischen Lifestyle" liefern -  aber vielleicht hat sich auch nur eine Titanic-Redakteurin des Themas angenommen: Auf dem Bild befinden sich, säuberlich nebeneinander und von der Sun mit kleinen roten Namensschildchen gekennzeichnet, "4 Linien Kokain", ein mit einer urinfarbenen Flüssigkeit ("Whisky") gefülltes Wasserglas, eine "Drogenschachtel mit Depp-Logo", Depps Kreditkarte (für die Lines!), und eine selbstgebrannte "Keith Richards-CD". (Was zu einem vorangegangenen Sun-Artikel passt, in dem Depp als großer Verehrer Keith Richards dargestellt wird:

Lustig wäre, wenn auch mal ein Foto von Keith Richards’ Schreibtisch bekannt würde, vielleicht mit einer selbstgebrannten CD von Depps Band "Hollywood Vampire"... und statt Kokain Schnupftabak... und statt Whisky Rotbäckchen... was würde Johnny dazu sagen?!) Das Format mit den Fotos von Schreibtischen gab es übrigens lange in der großartigen Vanity Fair unter dem Namen "My Desk", nur fand sich da selten Koks. Hier ein Beispiel für den Schreibtisch der Künstlerin Amy Sherald. Aber der Mensch, ob er nun Boulevardmedien oder umfassende, hervorragend recherchierte, vorbildliche Reportagen bevorzugt, scheint einfach gern auf Schreibtische zu schauen.

Typische englischsprechende Osteuropäer

Noch ein Beispiel für Boulevardjournalismus vom Feinsten: Das Thema "Racial Profiling" wurde einigermaßen umfangreich durchgenommen. Doch die Bildzeitung hat nicht aufgepasst. Und schreibt in einem Artikel über einen mutmaßlichen Vergewaltiger, mit dem seit dem 12. Juni mehrere Taten in Berlin und Brandenburg in Verbindung gebracht werden:

"Er ist etwa 30 Jahre alt, 1,75 bis 1,85 Meter groß und von schlanker Statur mit athletischem Oberkörper. Er könnte seiner Erscheinung nach Osteuropäer sein. Den Beschreibungen zufolge hat der Mann braune Augen und sprach mit den Opfern in englischer Sprache."

So, er könnte also seiner Erscheinung nach Osteuropäer sein... weil... Osteuropäer athletisch sind? Braune Augen haben? Englisch sprechen? Herrje. Oder hat die Polizei das mit der osteuropäischen Erscheinung formuliert?! Zehnfach herrje. Nicht auch noch das, bitte. Es gab einst einen etwas albernen Witz, in dem ein Mann bei "Was bin ich?" mitmacht, und, nachdem sein Beruf (Feuerwehrmann) sofort erraten wird, die Ratefüchse erstaunt fragt: Wie sind Sie so schnell drauf gekommen? Na ja, sagen die Ratefüchse, Ihr Gesicht... die Figur... die Haltung... der Helm... die Uniform...

Debatte über Debattenkultur

Auch noch spannend ist eine andere Sache, die sich momentan auf den Meinungsseiten der Medien abspielt: Die Debatte über die Debattenkultur. Nachdem unter anderem Joanne K. Rowling mokierte, wegen Kritik, die sie selbst schnell und präzise bei Twitter geäußert hat, ebenso schnell und präzise von anderen Kritikern und Kritikerinnen ermahnt worden zu sein (hier die beknackterweise größtenteils in Kurznachrichten geführte Debatte zum Thema Trans-"Therapie", wie die FR sie zusammenfasst), haben über 150 Schriftsteller und Schriftstellerinnen, Aktivisten und Aktivistinnen, Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen und weitere Bürger und Bürgerinnen einen "Letter of Justice and Open Debate" im "Harper’s Magazine" veröffentlicht, Unterzeichnende sind neben anderen Margaret Atwood, Noam Chomsky, Joanne K Rowling, Gloria Steinem, Salman Rushdie, der Dichter Reginald Dwayne Betts, der Autor Khaled Khalifa, der Trompeter Wynton Marsalis und der Popautor Greil Marcus. Hier ist ein Ausschnitt:

"...censoriousness is also spreading more widely in our culture: an intolerance of opposing views, a vogue for public shaming and ostracism, and the tendency to dissolve complex policy issues in a blinding moral certainty."

(in etwa: "...in unserer Kultur breitet sich Zensur aus: Intoleranz gegenüber opponierenden Ansichten, ein Hang zum öffentlichen Bloßstellen und Ächtung, und die Tendenz, komplexe politische Themen in verblendeten moralischen Gewissheiten aufzulösen.")

Harte Worte, aber immerhin ist es ein LANGER Brief, und damit der Anfang einer tatsächlichen Debatte. Das Modemagazin "Glamour", das, um zum eingangs erwähnten Lament über Boulevardmedien zurückzukehren, in Großbritannien anscheinend  eine weitaus breiter gefächertes Portfolio hat als bei uns (hier zum erstaunlichen Vergleich die deutsche Homepage mit "Mode Beauty Frisuren Stars Liebe Gewinnspiele Abo", hihi), reagierte online flugs mit einem Kommentar auf den Brief und zum Thema "Cancel Culture" – dem öffentliche Entziehen der Unterstützung von prominenten Menschen, wenn diese etwas Diskutables oder vermeintlich Offensives geäußert haben. Kurze Zusammenfassung des Zwists: Die einen sagen: Ich darf kritisieren, die anderen: ich darf kritisieren dass du kritisierst, die einen wieder: ich darf kritisieren dass du kritisierst dass ich kritisiere, die anderen... etc. etc.

Aber es ist wichtig, das mindestens einmal bis zum Ende durchzuexerzieren!

Wie man zu beiden Seiten der Medaille steht, die meiner Ansicht nach größtenteils eh nur eine einzige sind, sollte man sich nämlich unbedingt beizeiten überlegen, und es diskutieren. Wie hier in der Zeit zum gleichen Thema. Jede Art von nachhaltigem Kommentar dazu sehe ich als relevante Stufe auf dem Weg in eine gerechtere Welt. Insofern freut es mich, dass auch ein Modemagazin in die Diskussion mit einsteigt. Solche Dinge totzuschweigen, wie es deutsche Modemagazine üblicherweise machen, ist "sooo 1950s - 2000s!".


Altpapierkorb (Neue Kommentarzeiten im Tagesspiegel, schlaue Soziologinnenfragen in der taz, Stars bei Ringo Starrs 80stem)

+++ Urig: Der Tagesspiegel hat die Zeiten, in denen Artikel kommentiert werden können, auf vielfachen Leserwunsch angepasst. Jetzt kann man sich zwischen 12 und 20 Uhr auslassen (und off topic werden), nicht mehr nur zwischen 10 und 18 Uhr. Hat das mit den Ferien, mit Homeoffice oder einfach nur mit der Erkenntnis zu tun, dass die meisten Menschen eben doch Eulen und nicht frühe Vögel sind? (Und wieso geht das nicht mit den Zeiten für den Schulunterricht?!)

+++ In der taz wird die Line von der Antike über Hegel, Kant und dem Begriff "Rasse" bis zur Verleugnung des Rassismus in vielen Gesellschaften gezogen. Einen der schlauesten Sätze dahingehend sagte jedoch kurz zuvor die Soziologin Vanessa E. Thompson ebenfalls in der taz, unbedingt lesen: "Die Frage ist nicht: Sind wir rassistisch? Sie muss lauten: Wie können wir verhindern, dass wir Rassismus reproduzieren?"

+++ Und hier ist, für alle die nicht mitfeiern konnten, der Link zu Ringo Starrs 80. Geburtstag. Er streamte Glückwünsche und Performances von Freunden und Freundinnen und Verwandten und Stars, sammelte Geld für sauberes Wasser und transzendentale Meditation, und wirkte so zufrieden und dankbar wie ein Mensch nur sein kann, dem die Stelle als Schlagzeuger eher zufällig in den Schoß fiel. Wahrscheinlich ist Ringo der einzige der Beatles, mit dem eine Partie "Trivial Pursuit – The Beatles Edition" oder das Puzzlen eines Beatlespuzzles richtig Spaß macht.

Neues Altpapier gibt es am Freitag

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