Das Altpapier am 10. Juli 2020 "Sommerinterviews: künftig nicht mehr"

Der RBB-Chefredakteur deutet nach der Kritik am Kalbitz-Interview an, dass sich das Format erledigt haben könnte. Axel Springer befördert Chefredakteure in die Geschäftsführung und wickelt Glitzerpapier herum. Und die Diskussion über ein Spotify für Journalismus geht weiter. Ein Altpapier von Klaus Raab.

Teasergrafik Altpapier vom 10. Juli 2020: Porträt Autor Klaus Raab
Bildrechte: MDR / MEDIEN360G

Die dynamische Krisenkommunikation des RBB

Das Sommerinterview am Badesee mit dem Rechtsextremisten Andreas Kalbitz hat dem RBB in den vergangenen Tagen viel Kritik eingebracht. Nach all dem, was hier schon geschrieben und zusammengefasst wurde, nahm sich Mely Kiyak in ihrer Zeit-Online-Kolumne der Sache noch einmal an. Mit validen Punkten:

"Es geht nicht darum, die AfD nicht vorkommen zu lassen, sondern anders. Sie müssen auseinandergenommen werden, von Journalisten, die nicht defensiv, ängstlich und brav sind, sondern von Profis. Echte Profis würden niemals ihre Nullachtfuffzehnformate über Faschisten rieseln lassen, mit dem Scheinargument, dass, wenn man es nicht täte, die AfD sich als Opfer stilisieren würde. Ein Journalist, der die Nerven nur deshalb bewahrt, weil ihm seine Expertise den nötigen Halt gibt, würde darauf mit einem kaltblütigen 'Na und?' antworten, dann fühlen sie sich eben als Opfer, und der Vorgang wird kenntlich gemacht."

Sie macht eine "Diskrepanz zwischen Kasperletheater am Badesee und den vorzüglichen Politmagazinen" aus.

Und der RBB? Über dessen Reaktionen schreibt der Berliner Tagesspiegel, der die Berlin-Brandenburger Anstalt naheliegenderweise regelmäßig auf dem Radar hat. Interessant ist die Dynamik: "Der RBB hat einige Zeit gebraucht, um sich zu sortieren und eine Krisenkommunikation aufzubauen. Zunächst machte es RBB-Chefredakteur Christoph Singelnstein noch schlimmer", schreiben Alexander Fröhlich und Markus Ehrenberg. Dann räumte er am Mittwochabend im Fernsehen doch Fehler ein. Und am Donnerstag sagte er schließlich der Zeitung: "Interviews im Sommer: Ja. 'Sommerinterviews': Künftig nicht mehr." Wissen das die anderen öffentlich-rechtlichen Häuser schon?

Axel Springer hebt eine Trennung auf

Ganz anderes Thema: "Der Springer-Verlag macht die Chefredakteure von 'Bild' und 'Welt', Julian Reichelt und Ulf Poschardt, zusätzlich zu Mitgliedern der Geschäftsführung." Das meldete am Donnerstagmittag unter anderem der Evangelische Presse-Dienst. Eine interessante Meldung (Horizont, Handelsblatt, DWDL u.a.). Denn wenn Chefredakteure auch in die Geschäftsführung rücken, bedeutet das in der Regel nicht nur, dass sie neue Visitenkarten brauchen. Es verschmelzen auch publizistische und kaufmännische Aufgaben in einzelnen Personen.

Es gibt solche Konstrukte hier und da auch in anderen Häusern, aber es gibt hier und da dann auch daraus resultierende Unschönheiten. Bei der Berliner Zeitung – ein freilich besonders prägnantes Beispiel – bedeutete es vor allem, dass Sparmaßnahmen umgesetzt wurden, als 2007 Chefredakteur Josef Depenbrock auch Geschäftsführer wurde. Der Redaktionsausschuss klagte seinerzeit. Und die Welt am Sonntag machte einen Zusammenhang zwischen der Doppelfunktion und einem "strammen Sparkurs" aus.

Und nun? "Der heute verkündete Umbau zielt ausdrücklich nicht darauf ab, Kosten zu sparen. Das haben wir hinter uns", sagt Stephanie Caspar, bei Axel Springer "Vorstand für News Media National & Marketplaces", im Interview mit Ulrike Simon bei Horizont+ (lesbar nach der Anmeldung mit einer Mailadresse).

Worum geht es aber dann? "Ziel der Weiterentwicklung ist eine vereinfachte Struktur mit klarer Führungsverantwortung, in der der Journalismus im Mittelpunkt steht." Heißt es bei der Welt "in eigener Sache".

Schauen wir für noch mehr Poesie aber auch in Springers Pressemitteilung. Man muss manchmal ein wenig fummeln, bis man einen solchen Text von dem Glitzerpapier befreit hat, das ihn umhüllt. In dieser Mitteilung heißt es etwa:

"BILD und WELT bündeln jeweils die Redaktion und das für die Marke zuständige Verlagsteam unter einer gemeinsamen Verantwortung. Die Chefredakteure werden erstmals auch Teil der Geschäftsführung. Damit unterstreicht Axel Springer die Bedeutung des Journalismus für die Marken. Redaktion und Vermarktung bleiben entsprechend den Leitlinien der journalistischen Unabhängigkeit von Axel Springer weiterhin klar getrennt."

Springer unterstreicht also die Bedeutung des Journalismus, indem die Chefredakteure auch kaufmännische Aufgaben übernehmen, was aber die Trennung von üblicher- und sinnvollerweise getrennten Bereichen nicht tangiert?

Interviewerin Ulrike Simon schluckt’s so nicht: "Es gibt gute Gründe, weshalb sich Chefredakteure um das Publizistische kümmern und Geschäftsführer um das Kaufmännische und beide Bereiche strikt getrennt voneinander sein sollten", sagt sie. Und führt in ihrer Folgefrage die Müllermilch-Schüttelei an, die kürzlich in der Bild-TV-Sendung "Reif ist live" zu bewundern war: "Werden derartige Auswüchse zunehmen, wenn nun Journalisten dafür zuständig sind, dass am Ende des Jahres die Zahlen stimmen?"

Stephanie Caspar verneint das: Das Sponsoring sei gekennzeichnet gewesen. Und "journalistische Unabhängigkeit ist ein Wert an sich." Wäre das also geklärt.

Die Spotify-Diskussion geht weiter

Was Caspar auch noch sagt: dass sie die jüngsten, im Detail nach wie vor unbekannten Pläne der Bundesregierung ablehne, nach denen die Verlage bei der digitalen Transformation finanziell unterstützt werden sollen, statt – wie gewünscht und ursprünglich geplant – bei der Zustellung gedruckter Zeitungen:

"Ich kann diesen Beschluss überhaupt nicht nachvollziehen. Noch kennen wir die Details nicht. Aber wenn es – und so sieht es momentan aus – auf eine direkte Subvention der Verlage hinausläuft, dann ist das ein Sündenfall. Das lehnen wir klar ab."

Da sind wir bei einer größeren Baustelle dieser Tage, auf der auch in den Medienredaktionen weitergearbeitet wird. Caspars Position entspricht grob der Verlegerposition, die in der neuen Ausgabe von epd Medien (derzeit nicht online) noch einmal zusammengefasst ist:

"Der Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV) kritisierte den 'Paradigmenwechsel weg von der Zustellförderung hin zur Förderung technologischer digitaler Ausrüstung'. Wichtig bleibe, dass der weitere Ausbau der Infrastruktur der Verlage gestärkt wird, ohne dass die Unabhängigkeit der Redaktionen berührt ist."

Und auch die taz, die tendenziell weder in der Redaktion noch in der Geschäftsführung Verlegerverbandspositionen vertritt, berichtet. Alexander Graf verweist darin auf "die zögerliche Digitalisierungsstrategie der Branche" und erkennt einen Fehler darin, "krampfhaft" am Modell der gedruckten Zeitung festzuhalten. Um schließlich auf die "Spotify"-Lösung zu sprechen zu kommen, die dieser Tage von der Politik wieder aufgebracht wurde (Altpapier). Und die er im Zusammenhang mit dem Stichwort "reine Infrastrukturförderung" referiert. "Der Staat könnte dabei die technische Umsetzung und den Betrieb dieser Plattform finanziell unterstützen."

Aus Nutzer- und -innensicht mag so ein "Spotify für Journalismus" natürlich fein sein: Ein paar Euro für ein Monatsabo, und man kann lesen, so viel man will. Nur ist die Netflix- oder Spotify-Preisgrenze – woran auch immer es liegen mag – schon für eine einzelne Redaktion in Deutschland derzeit schwer zu halten. Und Journalistinnen und Journalisten müssen halt auch ihre eigenen Netflix-Abos von irgendetwas bezahlen. Es bleibt spannend.


Altpapierkorb ("Überbordende Kommissionitis" der ARD, Appell "für eine neue europäische Medienregulierung", coronabedingte Werbeeinbrüche, Hongkong, Gerichtsentscheidungen, Erdogans Tasche, Personalrochaden)

+++ "Ist die ARD 70 Jahre nach ihrer Gründung noch zeitgemäß?", wird der Justiziar des SWR, Hermann Eicher, der Ende August in den Ruhestand gehe, in einem längeren Interview gefragt, das epd Medien mit ihm geführt hat (noch nicht online). Er antwortet: "Die Idee arbeitsteiliger Rundfunkorganisation in einem föderalen Verbund halte ich für aktueller denn je. Auf Anstaltsegoismen, überbordende 'Kommissionitis' und zu viel Beschäftigung mit sich selbst könnte man allerdings gut verzichten. Es wird zu den Überlebensfragen dieses Systems gehören, in welchem Verhältnis es gelingt, die Stärken zu betonen und die Schwächen abzustellen."

+++ In der gedruckten FAZ appellieren Roch-Olivier Maistre, Präsident der französischen Medienregulierungsbehörde CSA, und Tobias Schmid, Europabeauftragter der Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten (DLM), gemeinsam "für eine neue europäische Medienregulierung".

+++ Bei @mediasres geht es um Medienwirtschaft: Welche Folgen hat der coronabedingte Einbruch des Werbemarkts – und erholt er sich wieder? Unter anderem der Medienökonom Bjørn von Rimscha kommt zu Wort.

+++ Ebenda: ein Interview mit Cédric Alviani, Direktor des Ost-Asien-Büros von "Reporter ohne Grenzen", zur Lage in Hongkong, seit das sogenannte Sicherheitsgesetz Inkraft ist, das die Presse-und Meinungsfreiheit gefährde.

+++"Pressefotografen müssen keine strafrechtliche Verurteilung fürchten, weil sie unverpixeltes Bildmaterial an Redaktionen liefern. Das stellt das Bundesverfassungsgericht in einem am Mittwoch veröffentlichten Beschluss klar" (FAZ vom Donnerstag). In der SZ ist der Fall ausführlich nachvollziehbar: "Ob ein Foto zum Schutz der Betroffenen verpixelt werden muss oder nicht, das hat die Redaktion vor der Veröffentlichung zu entscheiden und nicht bereits der Fotograf, bevor er die Aufnahmen überhaupt anbietet."

+++ Über eine weitere Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts berichtet u.a. die taz: "Medien dürfen grundsätzlich auch über Jugendverfehlungen von Prominenten berichten. Auch nach Jahrzehnten gibt es kein schematisches 'Recht auf Vergessenwerden'."

+++ Die kritische Berichterstattung über die wohl teure Tasche der türkischen Präsidentenfrau habe dem Journalisten Ender Imrek von der linken Tageszeitung Evrensel eine Anklage eingebracht, schreibt Özlem Topçu in der Zeit (€). "Der Vorwurf: Beleidigung der First Lady. Dass so eine Anklage durch ein Istanbuler Strafgericht überhaupt angenommen wurde, kann man als allgemeine Ansage an die kritische Presse begreifen, die Tasche nicht weiter zu thematisieren."

+++ Und in der Berliner Zeitung beschäftigt sich Kai-Hinrich Renner mit Personalrochaden bei der Süddeutschen Zeitung:"Mancher in der 'SZ' hält es für unglücklich, dass vor dem Amtsantritt der neuen Chefredaktion über die neuen Ressortleiter entschieden wurde."

Neues Altpapier erscheint am Montag. Schönes Wochenende!

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