Das Altpapier am 14. Juli 2020 Auch Eskapismus kostet Geld

Soaps und Telenovelas verweigern sich der Pandemie-Abbildung – inhaltlich. Wirtschaftlich geht das nicht: Die Produzenten fordern mehr Unterstützung von Bund, Ländern und Öffentlich-Rechtlichen. Ein "Stern"-Kolumnist derweil verweigert der Maske hartnäckig seine Zuneigung. Und im Korb: Die BR-Intendanz wird frei. Ein Altpapier von Klaus Raab.

Teasergrafik Altpapier vom 14. Juli 2020: Porträt Autor Klaus Raab
Bildrechte: MDR / MEDIEN360G

Serien gegen Corona

Im März, als der weiche Corona-Lockdown direkt bevorstand, wurde die letzte Folge der "Lindenstraße" gesendet. Die Dreharbeiten waren schon abgeschlossen gewesen, als die Welt von der Existenz des Virus erfuhr, die Kulisse war teilweise abgebaut; an den Bildern konnte man nichts mehr machen. Aktualisiert wurden die letzten Episoden nur auf der Tonspur. In einem Küchenradio wurde zum Beispiel eine Corona-Nachricht übertragen, und eine Figur wünschte einem niesenden Menschen aus dem Off, es möge "hoffentlich nicht Corona" sein.

Solange die "Lindenstraße" existierte, wurden darin aktuelle gesellschaftlich relevante Ereignisse aufgegriffen. Es mussten nur ein, zwei Sätze sein; das genügte in der Regel. Der Alltag der Figuren konnte derweil weitergehen. In der Corona-Krise aber, die sichtbar in den Alltag übergreift, schaffte es die "Lindenstraße" nicht mehr, den Stand der Dinge einzufangen. In einer Szene demonstrierten die Figuren dicht an dicht, und Mutter Beimer feierte ihren 80. Geburtstag, als gehörte sie nicht einer Risikogruppe an.

In anderen Soaps allerdings wird bis heute bewusst nicht über Corona gesprochen:

"Wir haben uns dann vor allem auch in Rücksprache mit den jeweiligen Redaktionen aufgrund auch des Themas Eskapismus und Wiederholbarkeit dagegen entschieden. Wir alle sehen, dass bei den Zuschauern auch eine Form von Eskapismus vorhanden ist. Man möchte sich gar nicht so mit tagesaktuellen Problemen auseinandersetzen, sondern eben auch mal fliehen",

wird Johannes Züll von Studio Hamburg ("Großstadtrevier", "Rote Rosen") in einem Fünfminüter von Deutschlandfunks @mediasres zitiert. Im Umkehrschluss könnte das bedeuten, dass die "Lindenstraße", die berühmteste deutsche Soap von allen, die aber am Ende keine guten Quoten mehr hatte, nicht eskapistisch genug war – und darin eine Ausnahme. Die Ufa ("GZSZ", "Unter uns") oder Bavaria Fiction ("Sturm der Liebe", "Die Rosenheim-Cops") wollen das Thema jedenfalls ebenfalls "erstmal nicht aufnehmen". Derzeit sei Corona "kein interessanter Stoff".

Corona gegen Serien

Es gibt allerdings einen Unterschied zwischen Inhalt und Serienproduktion: Hinter den Kulissen wurde das Thema zwangsläufig aufgenommen – Eskapismus hilft ja nicht weiter, wenn es um’s Geld geht. Auch seine Herstellung kostet.

Produzenten kritisieren nun, der Ausfallfonds der Bundesregierung für die Film- und Fernsehbranche reiche nicht aus. Er fange die Kosten und Risiken nicht auf, die bei coronabedingt verschobenen oder gestoppten Produktionen entstehen (Süddeutsche Zeitung). Moniert wird etwa, dass es keine bundeseinheitlichen Konzepte und keine Absicherung für einen möglichen zweiter Lockdown gebe. Und dass die Hilfen des Bundes "nur für Kinofilme und hochwertige Serienproduktionen gedacht" seien. "Welche Serien dabei genau als hochwertig gelten, bleibt in der schwammigen Formulierung offen. Die meisten Fernsehproduktionen jedoch werden nicht in den Genuss von Bundeshilfen kommen", schreibt Hans Hoff.

Die öffentlich-rechtlichen Sender geht das Thema freilich auch etwas an. Nur, wie viel in Euro und Cent? Michael Lehmann, Geschäftsführer der Studio Hamburg Production Group, möchte sie, so die SZ,

"stärker in die Pflicht nehmen. Die haben zwar zugesagt, durch Verschiebungen und zusätzliche Hygienemaßnahmen entstandene Mehrkosten anteilig zu übernehmen, was aber als unzureichend erachtet wird. ‚Der Rettungsschirm der öffentlich-rechtlichen Sender ist hilfreich, greift aber nicht weit genug, da er zeitlich befristet und (…) auf 50 Prozent der Schadenssumme gedeckelt ist‘."

Telenovelas für Hans-Ulrich Jörges!

Zumindest ein Beispiel für in die Serienhandlung gemogelte Corona-Bilder gibt es übrigens doch, so Johannes Züll von Studio Hamburg bei @mediasres in der Textfassung:

"Früher war in Krankenhäusern eigentlich fast nie – außer man hat eine OP gezeigt – waren die Darsteller in Krankenhäusern, also die Ärzte oder die Krankenschwester, eigentlich nie mit Maske. Sondern wenn die im On waren und gesprochen haben, dann war das immer ganz klar ohne Maske. Das machen wir heute ab und zu mal auch mit Maske."

Vielleicht sollte sich Hans-Ulrich Jörges einfach mehr in Telenovelas flüchten und nur wegzappen, wenn ein Krankenhaus auftaucht. "Seit Monaten wettert der Journalist in seiner ‚Stern‘-Kolumne gegen das Tragen von Schutzmasken im Alltag. Wobei – Schutzmasken? Jörges nennt sie ‚Maulkorb des Volkes‘", schreibt Stefan Niggemeier bei Übermedien (Abo), um alsbald die abfälligen Synonyme aufzuzählen, die Jörges – die "Ein-Mann-Hygienedemo im ‚Stern‘" – für "Maske" benutze, von "Zwangslappen" über "Gesichtsbinden" bis "das Dingsda". (Nicht dabei: Maultäschle, Schnutenpulli, Schnüssjäckje, Bützjekondom, Fratzenschlüpper, Schnüssjardinche, Waffelrollo, Dröbbelschutz, Söderlappen – in der Bezeichnungsfindung erweist sich Deutschland offensichtlich wahrlich als Land der Dichter und Denker.)

Einer der Punkte, auf die Übermedien hinaus will, geht freilich über Jörges’ Bemühungen, ein Ein-Mann-Synonym-Lexikon zu werden, hinaus. Der Kolumnist moniert, es gebe in der Corona-Krise einen "Herdenjournalismus". Frei zusammengefasst: zu viele Coronabekämpfungsmaßnahmenbegrüßer, zu wenige Maßnahmenhinterfrager. Und?

Übermedien:

"Jörges hat natürlich Recht, dass es eine heikle Doppelrolle ist, wenn Medien sich einerseits unterhaken und dazu auffordern, den staatlichen Empfehlungen zu folgen, und andererseits staatliches Handeln kritisch hinterfragen sollen. Vielleicht freut er sich, dass Markus Grill aus dem NDR/WDR-Investigativressort jetzt selbstkritisch Fehler in der Berichterstattung eingeräumt hat: Man habe unter anderem zu sehr auf Robert-Koch-Institut und WHO gehört. Und deshalb …

… zu viele Zweifel am Sinn von Masken verbreitet und zu spät zum Tragen geraten. Oh."

Links zwischen Coronaberichterstattungs- und Neutralitätsdiskussion

Zu unterscheiden ist, wenn es um die angesprochene Doppelrolle geht, freilich zwischen der Berichterstattung im März (und April) und der späteren. "Selbst angesehenen Professoren der Kommunikationswissenschaft war die Phalanx aus Politik und Medien in der Frühphase der Corona-Zeit zu geschlossen", schreibt der Medienwissenschaftler Uwe Krüger in den Frankfurter Heften (siehe auch u.a. dieses Altpapier). Jörges Kritik des Herdenjournalismus stammt dagegen aus dem Juni (Blendle, 0,25 €) und scheint mir etwas late to the party.

Krügers Text übrigens, wenngleich schon vor sechs Wochen veröffentlicht, ist lesenswert, speziell gegen Ende – auch weil er Debatten der vergangenen Monate verknüpft, von Corona-Herdenjournalismus bis Neutralitätsdiskussion. Auch "außerhalb von Ausnahmezuständen wie der Corona-Krise" hinterfrage der Journalismus "eben nicht alles kritisch", schreibt er:

"Immer alles zu hinterfragen wäre viel zu teuer. Viel billiger ist es, die Diskussion zwischen etablierten, glaubwürdigen Sprechern in der öffentlichen Arena einfach abzubilden. Und eben das macht der Nachrichtenjournalismus à la Tagesschau – also jener Teil der Berichterstattung, an den die Anforderung der Objektivität und Neutralität am stärksten gestellt werden. Das schmutzige Geheimnis des vermeintlich objektiven, neutralen Nachrichtenjournalismus ist, dass er in Wahrheit nicht die Welt oder die Wirklichkeit objektiv und neutral abbildet, sondern lediglich den Diskurs der politischen Eliten (gegebenenfalls auch der wirtschaftlichen und kulturellen) über diese Wirklichkeit."


Altpapierkorb (Ulrich Wilhelm, Reformkonzept, Non-Profit-Journalismus, Digitalisierung und Corona, "Neues Deutschland" wird "nd")

+++ Gebraucht wird ein neuer Intendant für den Bayerischen Rundfunk. Intendantin ist angeblich auch drin, denn "beide BR-Direktionen", so die Süddeutsche vom Wochenende, würden "von Männern geleitet, was dafür sprechen könnte, die Senderspitze nun vielleicht endlich einmal mit einer Frau zu besetzen." Jedenfalls wird die nächste Intendanz ab Februar 2021 wohl nicht mehr von Ulrich Wilhelm übernommen, der sich entschieden habe, aufzuhören.

+++ Michael Hanfeld schrieb am Samstag in der FAZ (€) über ihn: "Wer den 59 Jahre alten früheren Merkel-Sprecher als Intendanten erlebt hat, zumal in seiner Zeit als ARD-Vorsitzender, in der er mit Verve, wenn nicht Schärfe für die Erhöhung des Rundfunkbeitrags und für eine europäische Medienplattform eintrat, und sich danach immer wieder mit dem BR gegen alle anderen ARD-Sender positionierte, mag nicht glauben, dass für Wilhelm danach nicht etwas vergleichbar Großes kommt."

+++ Volker Nünning hat in der Medienkorrespondenz den neuesten Stand in Sachen Reform von Auftrag und Struktur des öffentlich-rechtlichen Rundfunks: Die zuständigen Länder gedenken, bis zum Sommer 2022 ein Reformkonzept vorgelegt bekommen zu haben. Nur, so Nünning, "warum soll eine Einigung in zwei Jahren gelingen, die die Länder aufgrund unterschiedlicher Interessen in den vergangenen vier Jahren mehrfach nicht geschafft haben?"

+++ Ist die Corona-Krise ein Digitalisierungstreiber? Im Tagesspiegel ziehen Christoph Neuberger und Sascha Friesike vom Weizenbaum-Institut für die vernetzte Gesellschaft in Berlin ein ambivalentes Zwischenfazit. (Der Name des Weizenbaum-Instituts für die vernetzte Gesellschaft wurde korrigiert, nachdem das Institut versehentlich an dieser Stelle falsch bezeichnet wurde. Anm. d. Redak.)

+++ Mit neuen Grünen-Vorschlägen, wie Non-Profit-Journalismus gemeinnützig werden könnte, beschäftigt sich die taz.

+++ Im Nachgang zur Kritik am rbb-Sommerinterview (Altpapier): Im Bundestagswahlkampf werde "Bild live" AfD-Leute "außen vor" lassen. Sagt Chefredakteur Julian Reichelt im Interview mit quotenmeter.de. Nicht dass es keine anderen Wege gäbe, der AfD Brücken zu bauen…

+++ Die Tageszeitung Neues Deutschland ändere den Namen in "nd", meldet die dpa. Beziehungsweise tritt es "seit Montag nur noch unter den Initialen nd auf" (taz), was nicht ganz dasselbe ist. Die Website, auf der das nd seinen Leserinnen und Lesern die Änderung ankündigt, heißt jedenfalls derzeit noch neues-deutschland.de. Ein kleines Rätsel bleibt, warum die Wochenendausgabe nicht "Wochen-nd" genannt wird…

+++ Stichwort Beständigkeit von Papier (spiegel.de): "An einem Alpengletscher bei Chamonix hat ein Restaurantbetreiber einen ungewöhnlichen Fund gemacht: Auf etwa 1300 Metern Höhe entdeckte er Zeitungen, die den Aufstieg Indira Gandhis zur ersten indischen Ministerpräsidentin verkünden."

Neues Altpapier erscheint am Mittwoch.

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