Das Altpapier am 16. Juli 2020 Der Narzissmus der sogenannten Liberalen

Charakteristisch für die Kritiker der vermeintlichen "Cancel Culture" ist ihre Selbstverliebtheit. Aktuelles Beispiel: eine konservative New-York-Times-Redakteurin, die ihre Kündigung zu einem branchenöffentlichen Spektakel macht und sich dabei Drama-Queen-artig als Opfer inszeniert. Außerdem auf der Agenda: Rüstungsexportrecherchen, weiße Hegemonie in Talkshows, Armutsberichterstattung in Berlin. Ein Altpapier von René Martens.

Teasergrafik Altpapier vom 16. Juli 2020: Porträt Autor René Martens
Bildrechte: MDR / MEDIEN360G

Neues vom "Bürgerkrieg"

Als Anfang Juni bei der New York Times ein Konflikt ausbrach, nachdem der Meinungsressortchef James Bennet gekündigt hatte (siehe Altpapier), schrieb die für eben jenes Ressort tätige Redakteurin Bari Weiss bei Twitter, es gebe einen "civil war inside The New York Times between the (mostly young) wokes" und überwiegend über 40-jährigen "Liberalen".

Weiss’ aktuelle Kampfhandlung in diesem vermeintlichen "Bürgerkrieg". Sie hat gekündigt. Das wirkt auf den ersten Blick wie eine defensive Aktion, tatsächlich handelt es sich bei ihrem auf ihrer Website veröffentlichten "resignation letter" um einen Angriff. Schweren Herzens verabschiede sie sich aus dieser "illiberalen Umgebung", schreibt sie. Was sie der Zeitung unter anderem vorwirft:

"Twitter ist nicht das Impressum der New York Times, aber es ist zu ihrem mächtigsten Redakteur geworden. Die Moral der Plattform ist zur Moral des Blattes geworden."

Außerdem:

"New York Times employees publicly smear me as a liar and a bigot on Twitter."

Dabei muss man natürlich berücksichtigen, wie sie selbst bei Twitter agiert. Vice griff Anfang Juni Äußerungen von einem der vielen internen Weiss-Kritiker auf:

"I am appalled at the comments shared by Bari Weiss yesterday, which openly bad mouths her younger newsroom colleagues on a platform where they, because of strict company policy, could not defend themselves. Is it appropriate for a New York Times columnist to directly and publicly insult Times staff? Is it appropriate for the Times to profit from the engagement and followers that Bari Weiss’s insults generate? What accountability is there for an Opinion staffer like her? Will she be fired?"

Das bezieht sich, wenn ich das richtig verstehe, unter anderem darauf, dass für Mitarbeiter des NYT-Meinungsressorts andere Twitter-Regeln gelten als für Redakteure aus dem Newsroom. Dieser Kollege bemerkte dann auch noch, Weiss habe mit ihrer albernen Formulierung "Bürgerkrieg" "alle unsere Auslandskorrespondenten beleidigt", die über reale Bürgerkriege berichtet haben.

Willi Winkler ordnet Weiss’ Kündigungsschreiben in der SZ nun folgendermaßen ein:

"Anders als die digitale Aufregung, die sich sofort entspann, vermuten lässt, ist die 36-jährige Journalistin außerhalb der eigenen Branche kaum bekannt. Mangelndes Geltungsbedürfnis konnte ihr bisher niemand vorhalten, und deshalb hat sie ihren Weggang in einem umfangreichen, manifestartigen offenen Brief an A. G. Sulzberger, den Verleger der Times, bekannt gemacht."

Und Carolina Schwarz bemerkt in der taz:

"Weiss war in den vergangenen Jahren für ihre Tweets und Texte stark kritisiert worden. In ihren Meinungsstücken warnte die 36-jährige Konservative beispielsweise vor einer ausufernden #MeToo-Bewegung (und) kritisierte Intersektionalität als ‚Kastensystem‘."

Die taz ist jene deutsche Zeitung, die am meisten Erfahrung hat mit in der Öffentlichkeit ausgetragenen internen Debatten, und es gibt zumindest Ähnlichkeiten zwischen dem Konflikt, der wegen Hengameh Yaghoobifarahs Satire ans Licht kam, und dem aktuellen aus New York. Weiss greift "Identitätspolitik" auf eine ähnliche Weise an, wie es die taz-internen Kritiker der "All cops are berufsunfähig"-Kolumne getan haben, die "auf ihrem über die Jahre sorgfältig gemäuerten Podestchen die 'neutralen' Beobachter:innen mimen" (taz-zwei-Chefin Saskia Hödl in einem der vielen Debattenbeiträge).

Mit ihrer auf der öffentlichen Bühne aufgeführten Kündigung wirft sich Weiss in die Pose der Märtyrerin, was bekanntlich höchst beliebt ist im rechtskonservativen Milieu. Die Welt, Deutschlands Märtyrer-Zeitung Nummer eins, hat daher einfach mal Weiss’ öffentlichen Abschiedsbrief übersetzt und bietet ihn online als Bezahlinhalt an.

Das Magazin Observer, das, als es noch gedruckt erschien, New York Observer hieß, beschreibt nüchtern einen wesentlichen Aspekt des Konflikts:

"Weiss and others at the Times have bitterly differing views on the purpose of the op-ed section of the paper. But more than that, they have different opinions on what free speech means. Weiss believes it means that well placed pundits, who have been labeled important, should be able to say anything they want from the nation’s most important journalistic platform, without any interference from the people who work at said platform. Weiss’s coworkers, in contrast, believe they should have some say in what their labor supports, and in how the institution they contribute to uses the value and reputation they help create."

Der Freitag hat passend zur Diskussion um Weiss’ Kündigung die Übersetzung eines Guardian-Artikels von Nesrine Malik parat, der sich zwar nicht direkt auf den aktuellen Vorgang bezieht - er ist im Original bereits am Montag erschienen -, aber ohne weiteres als Kommentar dazu lesen lässt. Maliks Thema: der von rund 150 Prominenten unterzeichnete, beim Harper’s Magazine veröffentlichte Offene Brief zur vermeintlichen "Cancel Culture" (Altpapier). Weiss gehört zu den Unterstützerinnen dieser Anklage. Malik schreibt:

"Was wir hier (…) sehen, ist eine Gruppe von etablierten Influencer*innen, die mit der Tatsache zu kämpfen haben, dass sie die Kontrolle darüber verlieren, wie ihre Arbeit rezipiert wird. Das Alte wird vom Neuen ständig bedroht."

Das Schlagwort "Narzissmus" fällt in Bezug auf Weiss und Konsorten ebenfalls. Beziehungsweise:

"Wie engstirnig muss man sein, wenn man angesichts der dramatischen Eskalationen überall – von der Manipulation von Wahlen bis hin zur Industrialisierung der Social-Media-Propaganda autoritärer Regime – zu dem Schluss kommt, das Hauptproblem bestehe darin, dass die Meinungsfreiheit von einem Mob angegriffen wird, der einem ganz bestimmten politischen Lager entstammt. Eigentlich zeigt sich hier nur die Selbstverliebtheit bestimmter Teile der intellektuellen Elite."

Noch eine Woche älter als der Guardian-Text und bereits vor dem Offenen Brief erschienen: ein New-Republic-Longread (die Hörfassung des Textes ist 35 Minuten lang), der ebenfalls einen hilfreichen Überblick über das Milieu des "reaktionären Liberalismus" liefert, in dem Weiss agiert. "The critics of progressive identity politics have got it all wrong: They’re the illiberal ones", heißt es unter anderem.

Welche Rolle bei internen Konflikten (und speziell bei dem, der die New York Times derzeit beschäftigt) die Kollaborations- und Chat-Plattform Slack spielt, die in Zeiten der Corona-Pandemie noch an Bedeutung gewonnen hat, beschreibt Digiday in einem meiner Meinung nach etwas zu optimistischen Beitrag:

"When media executives have to put out fires, they meet staffers where they live — on Slack, the enterprise software service where employees communicate, plan, gossip, talk shit about bosses and each other — and increasingly, organize themselves to fight for their rights. The irony of Slack is that media business leaders gravitated to it years ago as a tool to make the labor force more efficient and available at all hours. And now, those same workers are using Slack to fight back against their capitalist bosses. It has become the central forum for the media’s bottom-up revolt, in which empowered, often young staffers are demanding accountability from their managers, outing racist and discriminatory practices, and openly organizing unions to rebalance the power dynamic between management and the rank and file."

Ein weltweit möglicherweise einmaliger "Rüstungsreport"

Als journalistischen Scoop der Stunde kann man die Recherchen der Schweizer Wochenzeitung (WoZ) zum Thema Rüstungsexporte bezeichnen. Warum?

"Zwar veröffentlicht das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) jährlich Statistiken zur Art der exportierten Rüstungsgüter sowie zu den Zielländern. Wie aber die Firmen heissen, die am Waffenhandel beteiligt sind, wie stark sie vom Geschäft mit dem Krieg profitieren, auf welche Produkte sie spezialisiert sind: All das war bisher eines der bestgehüteten Geheimnisse der Schweiz. Nun wird es endlich gelüftet. Nach einem fünfjährigen Rechtsstreit mit dem Seco veröffentlicht die WOZ exklusiv die Namen der in der Schweiz ansässigen Rüstungsproduzenten. Die Daten, die das Staatssekretariat unserer Zeitung nach einem Urteil des Bundesgerichts herausgeben musste, erlauben einen bisher nicht gekannten Einblick in die Schweizer Rüstungsindustrie. Sie enthalten für jede der rund 150 im Geschäft tätigen Firmen die jedes Jahr bewilligte Exportsumme. Zusätzlich ist die Kategorie angegeben, in der sie Rüstungsgüter oder Bestandteile exportieren durften: Munition, Handfeuerwaffen, Panzer, Luftfahrzeuge et cetera."

Die Autoren des "Rüstungsreports" lassen ihre Recherchen von Stephan Möhrle vom in Freiburg ansässigen Rüstungsinformationsbüro einordnen:

"Die Daten sind im internationalen Vergleich quasi einmalig. Eine umfassende staatliche Liste, die nach Unternehmen und bewilligten Exporten aufgeschlüsselt ist, ist meines Wissens in fast keinem anderen Land öffentlich zugänglich."

An Transparenz fehlt es zum Beispiel in Deutschland, wie sich einer aktuellen, von Zeit Online aufbereiteten Agenturmeldung entnehmen lässt, die zum Thema hat, dass deutsche Firmen "in den ersten vier Monaten" dieses Jahres "40 Prozent mehr" Kriegswaffen als im Vorjahreszeitraum verkauft haben:

"Anders als im Vorjahr stufte die Bundesregierung den Umfang der Ausfuhren in Drittstaaten – Länder, die weder EU noch Nato angehören oder ihnen in den Regelungen zum Waffenexport gleichgestellt sind –  zur Verschlusssache ein, um eine mögliche 'Reidentifizierung betroffener Unternehmen' zu verhindern sowie zum 'Schutz von Betriebs- und Geschäftsgeheimnissen'"

Da gäbe es also was zu tun für tendenziell hartnäckige Redakteure hier zu Lande.

Als ein SZ-Redakteur im Gefängnis landete

Was passiert einem Polizisten, der einen Journalisten auf eine Weise angreift, dass dieser drei Wochen im Krankenhaus verbringen muss, "sechs Wochen arbeitsunfähig" ist und "bis heute Schrauben im Bein" hat?

Man muss an dieser Stelle natürlich einschränken, dass der Journalist in diesem Fall, der im Folgenden skizziert sei, nicht im Rahmen seiner Berufsausübung attackiert wurde, sondern im privaten Bereich. Andererseits: Die SZ hätte die Vorkommnisse und die juristische Aufarbeitung heute auf ihrer Panorama-Seite nicht ausführlich geschildert, wenn das Opfer kein Journalist gewesen wäre.

Es handelt sich um Javier Cáceres, Sportredakteur bei der SZ. Er hat im November 2018 in Köln den Fehler begangen, aus einem nicht ordnungsgemäß geparkten Taxi auszusteigen. Die Folgen: "ein paar Stunden in der Zelle" und "ein dreifacher Trümmerbruch des Sprunggelenks im linken Fuß". Ralf Wiegand schreibt über den Prozess, in dem sein Kollege als Nebenkläger auftritt:

"Der Angeklagte (muss) zugeben, dass er mit jenem Polizisten, der bei der Kripo Bonn (seinen) Fall (…) untersuchte, gemeinsam die Ausbildung absolviert hat. Und die fünf Kollegen und Kolleginnen aus dieser Nacht räumen freimütig ein, sich vor ihren Vernehmungen besprochen zu haben, auch mit dem Angeklagten."

Nun könnte man das so interpretieren, dass das nicht unbedingt für den mutmaßlichen Täter spricht. Allerdings:

"Um sein Urteil zu finden, braucht der Einzelrichter am Amtsgericht Köln keine drei Minuten, er spricht den Angeklagten frei. Vorsatz sei dem Polizisten Oliver K. nicht zu unterstellen, Corpsgeist der Polizisten könne er nicht erkennen. Es gebe mehrere Varianten, wie Cáceres sich verletzt haben könnte: Schon bevor er aus dem Taxi ausgestiegen ist, ohne Fremdeinwirkung 'durch Gewichtsverlagerung' am Ort des Geschehens oder durch einen versehentlichen Tritt auf den Fuß durch den Beamten."

Eine Qualität dieser Gerichtsreportage in zumindest mittelbar eigener Sache: Man bekommt beim Lesen ein sehr gutes Bild davon, mit welchen Blicken und welcher Mimik der Richter seine satirereife Begründung vorgetragen hat.


Altpapierkorb (Zur aktuellen Karriere des Begriffs "Stammbaumforschung"; acht Prozent nicht-weiße Gäste in öffentlich-rechtlichen Talkshows; Verlosung der Presseplätze beim Prozess gegen den Attentäter von Halle, Kritik am Umgang Berliner Medien mit Obdachlosigkeit und Kinderarmut)

+++ Die Wochenzeitung Kontext rekapituliert in ihrer am Mittwoch erschienenen bzw. gedruckt am kommenden Samstag erscheinenden Ausgabe, wie in aktuellen Debattenzusammenhängen der dem Stuttgarter Polizeipräsident zugeschriebene Begriff "Stammbaumforschung" rasende Verbreitung fand. In der Kritik: dpa, Zeit Online und vor allem Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten.

+++ Fabian Goldmanns Untersuchungen zur Diversität in öffentlich-rechtlichen Talkshows fanden bisher unter anderem in diesem Altpapier Erwähnung. Für Übermedien hat Goldmann nun "alle 84 öffentlichen-rechtlichen Talkshow-Sendungen von Anfang des Jahres bis zum Beginn der Sommerpause ausgewertet". Ein Auszug aus den Ergebnissen: "423 von 457 Gästen habe ich als "weiß" eingeordnet (91,9%). Nicht-weiße Gäste kamen lediglich in 37 Fällen zu Wort (8,1%). Davon machten Menschen mit türkischen (11) und arabischen Hintergrund (8) die größte Gruppe aus. Es folgen Gäste mit indischen (6), iranischen (5) und südeuropäischen (5) Wurzeln. Anschaulicher formuliert: Die beiden Grünen-Vorsitzenden Annalena Baerbock und Robert Habeck kommen gemeinsam auf genauso viele Auftritte wie alle Gäste mit türkischen Wurzeln zusammen. SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach war genauso häufig zu Gast wie alle Menschen mit arabischen Wurzeln gemeinsam. Und sämtliche Gäste mit Wurzeln in Spanien, Italien oder auf dem Balkan waren zusammen so häufig zu sehen wie CSU-Politiker Markus Söder."

+++ Um mit dem Thema Talkshows weiterzumachen: Während andere Talkerinnen und Talker Urlaub machen, muss Dunja Hayali arbeiten. Heute startet die neue Staffel ihres Sommertalks, und dazu gibt es Interviews mit ihr im ND und beim Redaktionsnetzwerk Deutschland.

+++ Am kommenden Dienstag beginnt in Magdeburg der Prozess gegen den neonazistischen Terroristen Stephan Balliet. Warum das gerade erwähnte RND über den Prozess berichten kann, meldet die FAZ (€) in auch eigener Sache: "Bei der Verlosung der (Presseplätze) gingen viele Medienhäuser leer aus, während andere mehrere Plätze erhielten. Da sowohl die Frankfurter Allgemeine Zeitung wie auch die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung Losglück hatten, wird das Haus einen dieser Plätze an das nicht berücksichtigte Redaktionsnetzwerk Deutschland abtreten." Zu den Hintergründen der Einschränkungen der Pressefreiheit beim Prozess gegen den Attentäter von Halle: Siehe einen in der vergangenen Woche erschienenen Text aus der Jungen Welt.

+++ Dass die Berichte Berliner Medien über Obdachlosigkeit und Kinderarmut weit davon entfernt sind, Teil einer "seriösen Armutsdebatte" zu sein, bemerkt Karsten Krampitz, früher Chefredakteur verschiedener Berliner Obdachlosenzeitungen, in einem Beitrag fürs ND. Krampitz formuliert unter anderem eine Frage, die in den handelsüblichen Beiträgen nicht zum Vorschein kommt: "Ist Armut bis hin zur Obdachlosigkeit ein konstitutives Element der freiheitlich-demokratischen Grundordnung, etwas, das es immer geben wird, sozusagen als Nebenwirkung der Freiheit?"

Neues Altpapier gibt es wieder am Freitag.

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