Das Altpapier am 24. Juli 2020 Eine neue Namensnennungsdebatte

Hat das österreichische Bundeskanzleramt versucht zu verhindern, dass ein TV-Sender eine Interviewaussage ausstrahlt, in der Sebastian Kurz seine abfällige Haltung gegenüber kritischem Journalismus allzu deutlich zum Ausdruck bringt? Was spricht dafür, in der Berichterstattung über den Terroranschlag von Halle den Namen des Attentäters nicht zu nennen? Warum loben Literaturkritiker Schriftstellerinnen für ihr "zärtliches" Schreiben? Ein Altpapier von René Martens.

Teasergrafik Altpapier vom 24. Juli 2020: Porträt Autor René Martens
Bildrechte: MDR / MEDIEN360G

Das Medienverständnis des Sebastian Kurz

Aus aktuellem Anlass starten wir heute mit einigen Fragen, die auf die Altpapier-Leserschaft erst einmal befremdlich wirken könnten:

  • Hat eine Journalistin, die aus einem Beitrag eines Kollegen zitiert, kein "Hirn"?

  • Hat eine Journalistin, die Zeit Online zitiert, kein "Hirn"?

  • Arbeiten für Zeit Online "hirnlose" Journalisten?

Das sind nur drei Fragen, die sich aufgrund einer Äußerung des österreichischen Bundeskanzlers Sebastian Kurz in einem Interview mit dem Privatsender Puls 24 aufdrängen. Zu Beginn des Gesprächs zitiert Interviewerin Alexandra Wachter, die Mitglied im Vorstand des Frauennetzwerks Medien ist, aus einem Zeit-Online-Kommentar Florian Gassers zum EU-Corona-Gipfel. Darauf bezieht sich wenige Minuten später ein Wortwechsel, den die Nachrichtenagentur APA (via Standard) folgendermaßen wiedergibt:

"‚Sie haben gerade gesagt, meine Rhetorik sei problematisch‘, so Kurz. – ‚So steht es in der Zeit, das war, was ich zitiert habe‘. – ‚Aber Sie haben ja ein eigenes Hirn. Sie müssen ja nicht -‘‚ sagt der Kanzler daraufhin. Den Satz vollendet er nicht, da ihn die Moderatorin unterbricht."

Ob Kurz das auch gegenüber einem männlichen Journalisten so gesagt hätte, ist noch mal eine andere Frage. Die SPÖ-Politikerin Kathrin Quatember stellt fest, das Kurzsche "Verständnis von Medien (…) keinen Deut anders oder ‚besser‘ (ist) als das von Orbán oder Trump". Nun hat sich Kurz auch sonst bisher keine sonderliche Mühe gegeben, einen anderen Eindruck zu erwecken. Eines unterscheidet seine Anti-Medien-Haltung dann aber vielleicht doch von der Orbáns und Trumps: Er, Kurz, will diese Haltung (noch?) nicht allzu offensiv transportieren. Jedenfalls wirkten seine Leute offenbar darauf hin, dass der Sender zunächst eine Fassung ausstrahlte, in der die "Hirn"-Formulierung fehlte. Dazu noch einmal die APA/Standard-Meldung:

"Die Aufzeichnung, die Medien vorab zwecks Zitierung in voller Länge geschickt wurde, ging allerdings am Dienstagabend ohne diesen Teil (etwa bei Minute 4) auf Sendung. Laut APA-Informationen soll es Interventionen aus dem Bundeskanzleramt gegeben haben. Für die TV-Ausstrahlung wurde die Passage dann entfernt. Teile der Puls-24-Redaktion sollen darüber alles andere als glücklich gewesen sein. Auch online war zunächst nur die gekürzte Version zu sehen, am Donnerstag wurde das Interview in voller Länge auf die Homepage des News-Senders gestellt."

Ein Oberstleutnant und die "Identitären"

Seit Donnerstagmorgen kursieren Recherchen der "Panorama"-Autorinnen Katrin Kampling und Caroline Walter über einen rechtsradikalen Social-Media-Superspreader der Bundeswehr und seine Nähe zu den sogenannten Identitären. Am Abend lief schließlich der dazugehörige Magazin-Beitrag, der mit drei Minuten und 13 Sekunden (inclusive Anmoderation) allerdings knapp bemessen war - zumal angesichts des brisanten Themas. Insgesamt handelte "Panorama" in der gestrigen Sendung vier Themen ab. In der Regel beschränkt sich die Redaktion aus guten Gründen auf drei. Andere Politikmagazine bringen regelmäßig vier Beiträge in 30 Minuten unter - das funktioniert aber nur selten, geht jedenfalls zu Lasten der formalen Qualität. Die Wirkungskraft des Beitrags von Kampling und Walter ist dennoch beachtlich - wohl auch deshalb setzten einige "frustrierte rechte Typen" die von den NDR-Autorinnen als Expertin interviewte Natascha Strobl unter Feuer.

Weitergehende Informationen zum ideologischen Milieu, in dem der vom NDR kritisierte Oberstleutnant agiert, finden sich in Threads von Anne Roth, Daniel Laufer und beim Ex-Soldaten Daniel Lücking (der fürs ND auch einen herkömmlichen Text verfasst hat). Unter anderem ein Thema in diesen Threads: eine Kampagne gegen die re:publica vor zwei Jahren, Und Charlotte Pekel schreibt bei netzpolitik.org, es sei "nicht das erste Mal", dass dieser Kamerad "im Umfeld von Rechten auffällt":

"(Er) veröffentlichte auch einen Artikel im Buch 'Soldatentum – Auf der Suche nach Identität und Berufung der Bundeswehr heute’, das der neurechte Autor Felix Springer mit herausgegeben hat. Felix Springer verbreitete während und nach seiner Zeit an der Bundeswehr-Hochschule in München rechte Thesen und tritt auf Veranstaltungen und in Videos der ‚Identitären Bewegung' auf."

Don’t call him by his name

Im ND beschäftigt sich Robert D. Meyer mit der "Herausforderung", über den Halle-Prozess zu berichten (siehe auch Altpapier von Mittwoch). Der Angeklagte setze "gezielt auf die Techniken und Logiken der modernen Mediengesellschaft", betont der Autor - wobei er sich unter anderem auf die Verbreitung der Taten via Video bezieht. Meyer schreibt weiter:

"In den Tagen unmittelbar nach dem neonazistischen Terroranschlag griffen viele Medien auf das Video zurück, zeigten Ausschnitte, zurückhaltendere Redaktionen nur Standbilder. Dass der Boulevard hier kaum Grenzen der eigenen Verantwortung kennt, verwundert nicht, dass sich aber auch die ARD, wenn auch zurückhaltender, an dem Tätervideo bediente, schon eher. Seine erneute, in diesem Fall nachvollziehbare, Aufmerksamkeit bekam das Video an diesem Mittwoch. Im Verfahren gegen Stephan B. vor dem Magdeburger Landgericht wurde es als Beweismittel gezeigt."

Was zumindest in einer Hinsicht problematisch ist:

"Als wäre dies für Angehörige und Opfer des Rechtsterroristen nicht schon schwer genug zu ertragen, erfahren die Aufnahmen aktuell eine zweite Welle der medialen Verbreitung. Bild.de etwa veröffentlichte einen Videobeitrag, der mit einer Sequenz aus den Terroraufnahmen beginnt, in der Stephan B. auf die Tür der Synagoge schießt. Überhaupt ist die Boulevardplattform (wieder einmal) das abschreckende Musterbeispiel, wie der Wunsch von Rechtsterrorismus Betroffener nach abwägender, nicht auf den Täter konzentrierten Berichterstattung geflissentlich ignoriert wird."

Wie schafft man es, über den Prozess zu berichten, ohne dem Angeklagten eine "zweite Bühne" zu bauen? Damit beschäftigt sich detektor.fm in einem Beitrag, in dem unter anderem Pia Stendera befragt wird, die für die taz vom Prozess berichtet. Sie sagt, mit Bezug auf Gespräche, die sie mit Betroffenen geführt hat, es sei bei der Beschreibung des Angeklagten maßgeblich, "wie er reagiert, wie er agiert". Seine Verschwörungsideologien müsse man dabei gar nicht referieren.

Ein zentraler Aspekt in dem Beitrag: eine Namensnennungs-Debatte unter neuen Vorzeichen, mit der wie es zu tun haben. Angeregt haben sie vor allem die Nebenklägerinnen und Nebenkläger. Vor dem Beginn des Prozess schrieben sie in einer Erklärung:

"Wir bitten die Medien, sich uns bei der Weigerung anzuschließen, den Namen des Angeklagten zu nennen. Dies verstärkt lediglich seinen Bekanntheitsgrad, stellt ihn fälschlicherweise als Einzeltäter heraus und trägt dazu bei, ein Narrativ, dem wir uns nicht anschließen, zu verbreiten."

Stendera hat in ihrem Prozess-Vorbericht in der taz vom Wochenende noch den kompletten Namen des Neonazis genannt, ich hier vor knapp einer Woche auch. Das würde ich, nachdem der Attentäter die Medien dazu aufgefordert hat, genau das zu tun, aber nicht mehr machen. Stendera nennt den Namen in ihrem Bericht vom zweiten Prozesstag nun auch nicht mehr, sie kürzt ihn auch nicht ab, sie nennt den Angeklagten bloß den Angeklagten oder den Täter. Das ist also durchaus möglich, wenn man es denn wirklich will. Stendera erwähnt in dem detektor.fm-Beitrag taz-interne Diskussionen. Diese sind auch unter dem Text zur Verhandlung vom Mittwoch dokumentiert:

"Bei der Redaktionskonferenz der taz wurde am Mittwoch die Frage lange diskutiert, ob der Name des Täters genannt werden sollte (…) Die Redaktion wird sich mit ExpertInnen und Betroffenen beraten, um dann eine generelle Linie für die taz zu finden."

Während es lange auch aus linker Sicht als angemessen galt, den vollen Namen von rechtsextremistischen Tätern zu nennen, um so - verkürzt formuliert - dazu beizutragen, sie der Anonymität zu entreißen, erfordern neue (mediale) Strategien rechter Täter nun möglicherweise eine andere Herangehensweise. Es sei "etwas in Bewegung geraten", schreibt die taz in diesem Kontext. Ganz neu ist die Debatte aber nicht. Die neuseeländische Premierministerin Jacinta Adern hatte bereits 2019 nach dem Terroranschlag von Christchurch darum gebeten, den Namen des Täters nicht zu nennen.

Zur Marginalisierung weiblicher Intellektualität in der Literaturkritik

Die Literaturwissenschaftlerin Antje Schmidt setzt sich bei 54 Books damit auseinander, dass in "Rezensionen zu Texten von Autorinnen" gerade "inflationär" die "seltsam verniedlichende Behauptung" auftaucht, "der Text sei zärtlich oder – noch schlimmer – man merke dem Text die wunderbare Zärtlichkeit der Autorin an".

Schmidt analysiert:

"(I)n scheinbar unscheinbaren Gesten wie der Behauptung zärtlicher Autorinnenschaft (zeigen sich) (d)ie unterschiedlichen Maßstäbe, die an das Werk von Autorinnen und Autoren über die Jahrhunderte hinweg angelegt wurden und werden (…) Es verbinden sich damit problematische Herabsetzungs- und Ausgrenzungsmechanismen: Weibliche Intellektualität wird marginalisiert, professionelles Schriftstellerinnentum wird verniedlicht, und Frauen werden auf sogenannte kleine Gattungen festgelegt."

Ihr Fazit:

"Es geht nicht darum, dass Frauen nicht empfindsam oder zärtlich sein dürfen, dass von nun an ausschließlich ihre Sprachartistik oder ihr politischer Scharfsinn gelobt werden muss. Es geht vielmehr um gedankliche Freiheit, darum, professionelle Schriftstellerinnen und ihr Werk nicht weiterhin in fossilen Rollenbildern zu konservieren. Öffnen wir unseren Blick weiter für das Vorhandensein weiblicher Wut, für Bosheit und beißende Ironie, für Ambivalenzen und Grautöne in der Literatur von Autorinnen! Vorschnelle Schlüsse von der Empfindsamkeit einer Autorin auf fehlende Könnerinnenschaft erscheinen unter Einbezug der Historie zärtlicher Autorinnenschaft überholt. Dann dürfen vielleicht irgendwann in einer fernen Zukunft auch Männer nicht nur fast, sondern auch endlich mit aller Emphase zärtlich schreiben."


Altpapierkorb (geringes mediales Interesse an mutmaßlich rechtsextremistischem Überfall in Erfurt, Grütters’ "Drei-Säulen-Modell" für die Produzentenbranche, Media Pluralism Monitor 2020)

+++ Wenn in Erfurt mutmaßliche Rechtsextremisten "eine Gruppe (von) etwa 15 Männer und Frauen" überfallen und dabei unter anderem auf den Kopf einer am Boden liegenden Person eintreten - dann erzeugt das nur ein sehr geringeres mediales Interesse. Verglichen jedenfalls mit der Berichterstattung über randalierende Party People in Stuttgart oder Frankfurt. Dieses Missverhältnis kritisiert der Volksverpetzer unter der Überschrift "Frankfurt Skandal, Erfurt egal?"

+++ Die FAZ (€) berichtet, dass ein "Drei-Säulen-Modell", das Kultur-Staatsministerin Monika Grütters als "Corona-Hilfe (…) für Produktionen in Kino und Fernsehen" vorgesehen hat, in der derzeit vorliegenden Form von den Bundesländern und den Landesrundfunkanstalten unterschiedlich bewertet wird. Helmut Hartung schreibt: "Von August an stehen die Film- und Fernsehproduzenten weitgehend ohne Absicherung und Unterstützung bei Corona-bedingten Drehabbrüchen da. Um die Filmwirtschaft wieder voll zum Leben zu erwecken, woran die Produktionsstandorte wie auch die Sender ein Interesse haben müssten, wird ein Ausfallfonds benötigt, der alle drei Säulen gleichermaßen berücksichtigt und nach einheitlichen Regeln eingesetzt wird. Unterstützen die Länder und Sender dieses Anliegen nicht, bleibt der Ausfallfonds ein Torso."

+++ Das European University Institute, eine gemeinsame Lehr- und Forschungseinrichtung der EU, hat den "Media Pluralism Monitor 2020" vorgelegt, der die zunehmenden Angriffe auf Journalisten und die zunehmenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Medienbranche in Europa dokumentiert. Die SZ geht auf diese Studie ein: "Die Vielfalt der europäischen Medienlandschaft sei ‚extrem gefährdet‘, sagte die EU-Kommissarin für Werte und Transparenz, Věra Jourová, am Donnerstag in einer Pressekonferenz per Videoschalte. Sie forderte die Mitgliedstaaten auf, gesetzgeberische Maßnahmen zur Unterstützung des Journalismus zu treffen. Wie genau diese aussehen könnten, ließ sie offen."

+++ Wer sich dafür interessiert, wie es sich künstlerisch verarbeiten lässt, wenn man aus beruflichen Gründen permanent mit Online-Pöbeleien konfrontiert ist - der oder dem sei Kathrin Klingners Graphic Novel "Über Spanien lacht die Sonne" empfohlen, die Sven Jachmann fürs ND rezensiert hat. Klingner könne "auf einen großen Erfahrungsschatz zurückgreifen: Sie (…) arbeitet seit 2013 im Nebenjob als Onlinekommentar-Moderatorin".

Neues Altpapier gibt es wieder am Montag. Schönes Wochenende!

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